Bild- und Plakatpropaganda für die deutschen Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg


Bachelorarbeit, 2006

60 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
A. Gegenstand der Arbeit und Fragestellung
B. Literatur und Quellen
1. Literatur
2. Quellen
C. Methodisches Vorgehen

II. Die deutsche Kriegsfinanzierung

III. Deutsche Bildplakate für Kriegsanleihen
A. Beginn der Plakatpropaganda für Kriegsanleihen im Deutschen Reich
B. Plakatpropaganda von der sechsten bis zur neunten Kriegsanleihe
1. VI. Kriegsanleihe
2. VII. Kriegsanleihe
3. VIII. Kriegsanleihe
4. IX. Kriegsanleihe
C. Die gestalterischen Elemente der Kriegsanleiheplakate
1. Der Soldat
2. Waffen
3. Nationalsymbole
4. Die Texte

IV. Zusammenfassung

V. Anhang
A. Abbildungen
B. Abbildungsverzeichnis
C. Quellen
1. Schriftliche Quellen
2. Bildquellen
D. Literatur

I. Einleitung.

A. Gegenstand der Arbeit und Fragestellung

Der Erste Weltkrieg kann wohl mit einigem Recht als eine neue Art des Krieges bezeichnet werden, der alles bis dahin da gewesene in den Schatten gestellt hat. Dieser Konflikt war nicht allein wegen der neuen Waffen, die eingesetzt wurden und der immensen Opferzahlen eine neue Art von militärischer Auseinandersetzung, sondern auch weil der Krieg nun nicht mehr nur auf den Schlachtfeldern geführt wurde. Zum ersten Mal war von einer Heimatfront die Rede, das gesamte Volk hatte Anteil am Krieg und sollte zu dessen Erfolg beitragen. Aus diesem Grund nahm die Beeinflussung der eigenen Bevölkerung und auch der gegnerischen Soldaten durch gezielte Propaganda im ersten Weltkrieg erstmalig einen entscheidenden Platz ein. Die Moral der eigenen Soldaten und Bevölkerung sollte gestärkt, die Gegner sollten demoralisiert und als Kriegstreiber dargestellt werden. Propaganda wurde von allen am Krieg beteiligten Ländern betrieben, unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Medien. Vor allem dem Plakat kam und kommt noch heute eine entscheidende Rolle in der Propaganda zu. „Das politische Plakat ist untrennbarer Bestandteil jenes modernen Phänomens, das Propaganda genannt wird.“[1] Ein wichtiger Bestandteil von politischen Plakaten ist das Bild, weil es unmittelbar auf jeden Betrachter, egal ob Kind oder Erwachsener, Intellektueller oder Arbeiter seine Wirkung entfalten kann.

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die deutsche Bildpropaganda für Kriegsanleihen, wobei der Blick ausschließlich auf die Plakate gerichtet sein soll. Auch andere Medien sind der Bildagitation zuzurechnen und wurden von den Verantwortlichen zur Werbung für die deutschen Kriegsanleihen eingesetzt. Dazu gehören unter anderem Bildpostkarten, Zeitungsanzeigen, Kalenderblätter, Filme, Briefmarken oder Kriegsanleihe-Erinnerungsblätter. Aus Platzgründen können alle diese Propagandamittel in einer Bachelorarbeit jedoch nicht adäquat behandelt werden, weshalb eine Beschränkung auf die Plakatwerbung für Kriegsanleihen sinnvoll erscheint. Eine ausführliche Behandlung des Themenkomplexes der Bildpropaganda für die deutschen Kriegsanleihen könnte vielmehr als Thema für eine Dissertation interessant werden. Leider ist die Quellenlage nicht bei allen Bildpropagandamitteln so gut wie bei den Plakaten. Zwar gibt es noch viele gedruckte Medien, die für Kriegsanleihen werben, aber speziell für das Filmmaterial ergeben sich zum Teil erhebliche Probleme bei der Konservierung der Filme.

Die Fragestellung, der in dieser Arbeit nachgegangen werden soll, ist vor allem, ob die deutsche Plakatpropaganda für Kriegsanleihen erfolgreich war und mit welchen ikonographischen und textlichen Mitteln auf den Plakaten gearbeitet wurde. Die Frage nach dem Erfolg der Kriegsanleihepropaganda ist deshalb von Interesse, weil bei der Beurteilung der deutschen Propaganda diese bisher fast ausschließlich in ihrer Gesamtheit betrachtet wurde. Dass die deutsche Agitation der gegnerischen unterlegen war, ist immer wieder betont worden.[2] Trotzdem schließt diese allgemeine Unterlegenheit eine erfolgreiche Arbeit der deutschen Propaganda in Teilbereichen, wie der Kriegsanleihepropaganda, nicht aus.

B. Literatur und Quellen

1. Literatur

Zur Geschichte des Kaiserreiches und des Ersten Weltkrieges gibt es zahlreiche Darstellungen und Monographien. Aus dieser Vielzahl von Arbeiten seien an dieser Stelle nur drei exemplarische Beispiele genannt. Einen umfassenden Einblick in die deutsche Geschichte von 1850 bis 1918 bietet Wolfgang J. Mommsen in seinen beiden Beiträgen zur Propyläen Geschichte Deutschlands, „Das Ringen um den nationalen Staat“ (Bd. 7/1) und „Bürgerstolz und Weltmachtstreben“ (Bd. 7/2). Mit seiner Monographie „Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918“ gibt Hans Ulrich Wehler einen recht kurzen, aber gut strukturierten Überblick über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft im Kaiserreich. Schließlich muss noch zur Geschichte des Ersten Weltkriegs die von Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich und Irina Renz herausgegebene „Enzyklopädie Erster Weltkrieg“ genannt werden, die neben darstellenden Aufsätzen über die kriegführenden Staaten, die Gesellschaft im Krieg, den Kriegsverlauf und die Geschichtsschreibung vor allem durch ihren lexikalischen Teil besticht. In diesem Lexikon werden Grundbegriffe und wichtige Personen des Ersten Weltkrieges vorgestellt und erklärt.

Zur deutschen Kriegsanleihepropaganda liegt bis jetzt noch keine Monographie vor, weshalb man auf andere, zum Teil allgemeine, Untersuchungen zur deutschen Propaganda und zur Geschichte des politischen Plakats zurückgreifen muss. Einen guten Überblick über die frühe Geschichte des politischen Plakats in Deutschland hat Ursula Zeller mit ihrer Dissertation „Die Frühzeit des politischen Bildplakats in Deutschland (1848-1918)“ gegeben. In ihrer Arbeit geht Zeller neben der Geschichte des Plakats vor allem auch auf die verwendeten Motive wie Allegorien oder Männer- bzw. Soldatengestalten ein. Den Plakaten des Ersten Weltkriegs widmet sie ein eigenes Kapitel, in welchem sie nochmals explizit auf die Bildsprache eingeht. Über die Vielfalt der Bildpropaganda im Ersten Weltkrieg informiert sehr anschaulich der Sammelband von Raoul Zühlke, „Bildpropaganda im Ersten Weltkrieg“, der in seinen Beiträgen, welche zum Teil von Studenten verfasst wurden, die ganze Bandbreite der Bildagitation von Karikaturen über Kriegsmedaillen bis hin zum Film zeigt. Der in diesem Band enthaltene Beitrag zu den Plakaten von Frank Kämpfer beruht auf seinem 1985 erschienen Buch „Der rote Keil“, welches sich mit der Geschichte, aber auch den theoretischen Grundlagen von politischen Plakaten befasst. Dieter Vorsteher beleuchtet in seinem Aufsatz „Bilder für den Sieg, Das Plakat im Ersten Weltkrieg“, der in dem Ausstellungskatalog „Die letzten Tage der Menschheit, Bilder des Ersten Weltkriegs“ erschienen ist, die deutschen Plakate in kritischer Weise und weist vor allem auf die zum Teil völlig verfehlte Motivauswahl auf den Plakaten hin.

Zur Kriegsfinanzierung können neben den bereits erwähnten Darstellungen bei Mommsen und Wehler zum Einen der Aufsatz von Manfred Zeidler zur Deutschen Kriegsfinanzierung im Sammelband von Wolfgang Michalka, „Der Erste Weltkrieg; Wirkung Wahrnehmung, Analyse“ und zum Anderen die Untersuchung von Konrad Roeseler über die Finanzpolitik des deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg herangezogen werden. Hier ist vor allem die Arbeit von Roesler interessant, weil er im Anhang eine breite Zahl von statistischen Übersichten zur deutschen Kriegsfinanzierung wiedergibt.

2. Quellen

Da die vorliegende Arbeit die Plakate für deutsche Kriegsanleihen zum Thema hat, werden vor allem Bildquellen zur Betrachtung herangezogen. Die Hauptquelle für die Bildplakate bildet hierbei die im Jahre 1996 vom Deutschen Historischen Museum herausgegebene CD-ROM „Plakate des Ersten Weltkrieges 1914-1918“. Der auf dieser CD-ROM aufgenommene Bestand umfasst insgesamt 700 Weltkriegsplakate, die zum Großteil aus der Sammlung von Hans Sachs stammen. Die Sammlung von Sachs wurde durch Beispiele von russischer und amerikanischer Bildpropaganda ergänzt, wodurch die CD-ROM einen guten Überblick über diesen Aspekt der Propaganda während des Krieges vermittelt. Unter den 317 deutschen Plakaten in dem Bestand befinden sich 41 Plakate für Kriegsanleihen. Neben dieser CD-ROM ist eine weitere ergiebige Quelle für Kriegsanleiheplakate die Homepage der Österreichischen Nationalbibliothek, deren Bildbestand von 1914 bis 1945 reicht. In dieser Datenbank sind neben zahlreichen österreichischen Plakaten des Ersten Weltkriegs auch deutsche Kriegsanleiheplakate zu finden, die auf der CD-ROM des Deutschen Historischen Museums nicht enthalten sind. Neben diesen elektronischen Bilddatenbanken gibt es auch Bildmaterial in gedruckter Form. Besonders erwähnenswert sind hier die Bildbände „Politische Plakate“ von Hans Bohrmann und „The First World War in Posters“ von Joseph Darracott. Während das Buch von Bohrmann die Entwicklung der deutschen politischen Plakate vom Kaiserreich bis hin zur Bundesrepublik anhand von 468 Abbildungen darstellt, gibt Darracott einen Überblick über die Bildpropaganda aller am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten, wobei er sich der Plakatbestände des Imperial War Museums in London bedient hat.

Die wichtigste Schriftquelle dieser Arbeit ist die Zeitschrift „Das Plakat“, die als Zeitschrift des Vereins der Plakatfreunde in den Jahren 1910 bis 1921 herausgegeben wurde. Die Zeitschrift hatte unter ihrem leitenden Redakteur Hans Sachs „einen prägenden Einfluß auf die gesamte internationale Plakatszene.“[3] In den Ausgaben der Zeitschrift von 1917 bis 1919 finden sich einige sehr aufschlussreiche Artikel zur Bildpropaganda für Kriegsanleihen. Die zum Teil sehr kritischen Beiträge kommentieren nicht nur den künstlerischen Gehalt der Plakate, sondern geben auch Einblick in die Plakatwettbewerbe, welche für die Kriegsanleihewerbung ausgeschrieben wurden und deren Auswahlmechanismen. Eine Begründung, warum Kriegsanleihen für die Finanzierung eines Krieges gegenüber Kriegssteuern vorzuziehen sind, findet sich in der Abhandlung „Kriegssteuer oder Kriegsanleihe?“, die der Ökonom Heinrich Dietzel 1912 verfasst hat. Dietzel spricht sich klar für Kriegsanleihen aus, wobei er die Möglichkeit einer Kriegsniederlage und somit ausbleibenden Reparationszahlungen gar nicht erst in Betracht zieht. Für die Geschichte des Militärs und die Innenpolitik des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg ist die von Wilhelm Deist edierte, zweiteilige Quellensammlung „Militär und Innenpolitik im Weltkrieg 1914-1918“ maßgeblich. In dieser Quellensammlung von Deist sind zahlreiche Briefe, Sitzungsprotokolle und Aufzeichnungen von Behörden und dem Militär, auch zu Propagandafragen, aus der Zeit des Ersten Weltkriegs abgedruckt.

C. Methodisches Vorgehen

Die vorliegende Untersuchung ist so aufgebaut, dass zunächst ein einführender Blick auf die deutsche Kriegsfinanzierung während des Ersten Weltkrieges geworfen wird. Dem folgt der thematische Hauptteil der Arbeit, in dem zunächst die Anfänge deutscher Plakatpropaganda für Kriegsanleihen thematisiert werden. Daran anschließend werden die Werbekampagnen für die sechste bis neunte Kriegsanleihe betrachtet, wobei sowohl die Auswahlverfahren für die Plakatmotive, als auch die Wirkung auf den Betrachter durch bestimmte Plakatelemente Berücksichtigung finden. Auch der Erfolg der Werbung wird anhand der Statistiken in Tabelle1 und 2 beleuchtet. Die Daten sind der oben genannten Untersuchung von Roeseler entnommen. Nach der chronologischen Betrachtung der Werbekampagnen wird noch einmal der Blick auf die wichtigsten gestalterischen Elemente gerichtet, bevor in einer abschließenden Zusammenfassung die Ergebnisse der Arbeit nochmals bilanziert werden.

Die Abfolge der verwendeten Abbildungen ist nicht streng chronologisch, sondern folgt der Reihenfolge der Erwähnung im Text. Da im Ersten Weltkrieg ungefähr 160 deutsche Kriegsanleiheplakate produziert wurden,[4] kann in dieser Arbeit nur eine kleine, repräsentative Auswahl von deutschen Plakaten abgebildet werden. Bei den Zitaten und Aufsatz- bzw. Buchtiteln wurde die ursprüngliche Orthographie beibehalten.

II. Die deutsche Kriegsfinanzierung

Als der erste Weltkrieg in August 1914 ausbrach, war keine der Kriegsparteien darauf vorbereitet, dass sich die Auseinandersetzung zu einem Weltkrieg ungeahnten Ausmaßes entwickeln würde. Dieser Konflikt war nicht der duellartige Schlagabtausch, der in manchen Ländern erhofft worden war.[5] Insbesondere als das Deutsche Reich in den Krieg eintrat, „war es güterwirtschaftlich in keiner Weise auf ihn vorbereitet.“[6]

Im Deutschen Reich war man sich schon vor 1914 durchaus bewusst, dass ein Krieg mit hohen Kosten verbunden sein würde. Heinrich Dietzel ging 1912 von täglichen Kriegskosten im Bereich von 16-20 Millionen Mark aus,[7] was aufaddiert auf ein Kriegsjahr Ausgaben zwischen 6 und 7,5 Milliarden Mark bedeutet hätte. Im Regelfall ging man aber von monatlichen Kriegskosten zwischen 7 und 10 Milliarden Mark und somit von jährlichen Ausgaben zwischen 84 und 120 Milliarden aus.[8] In Anbetracht der zu erwartenden Kriegsaufwendungen war der so genannte Kriegsschatz, der im Juliusturm in Berlin Spandau aufbewahrt wurde, nur ein geringer Beitrag zur Kriegsfinanzierung. Die dort thesaurierten 205 Millionen Mark reichten gerade einmal für zwei Kriegstage aus.[9]

Die Kriegsfinanzierung wurde ab dem 4.8.1914 durch ein Ermächtigungsgesetz ermöglicht. Dem Reich wurde ein gesetzliches Anleihemonopol verschafft, wodurch anderen Gläubigern die Kapitalaufnahme mittels Schuldverschreibungen untersagt wurde. Von den direkten Kriegskosten, die zwischen 152 und 155 Milliarden Mark lagen, wurden circa 60 Prozent durch neun langfristige Kriegsanleihen gedeckt, die insgesamt einen Realertrag von 97 Milliarden Mark einbrachten. Die Erlöse der Anleihen stiegen von der ersten bis zur dritten Kriegsanleihe stetig an und schon die zweite Anleihe brachte mehr als das doppelte der ersten ein. Ab der dritten Kriegsanleihe stiegen die Erlöse in die zweistelligen Milliardenbeträge, wobei aber es aber auch zu Einbrüchen in den Einnahmen kam.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Erlöse der deutschen Kriegsanleihen[10]

Die restlichen Kriegskosten wurden durch Schatzanweisungen und durch Steuereinkünfte gedeckt, wobei die Staatseinahmen nicht sonderlich ins Gewicht fielen.[11] Das deutsche Steuersystem war nämlich nicht dazu geeignet, in hohem Maße zur Kriegsfinanzierung beizutragen, weil das Reich nur indirekte Steuern erheben konnte, während die einzelnen Länder Zugriff auf die direkten Steuern hatten. So beliefen sich die Einnahmen des Reiches durch Steuern im Jahr 1913 gerade einmal auf 2,3 Milliarden Mark, bei einem jährlichen Volkseinkommen von circa 40 Milliarden Mark.[12] Der Nationalökonom Heinrich Dietzel sprach sich jedoch klar gegen eine Erhöhung der Abgaben im Kriegsfall aus, weil die „Kriegsausgaben durch ordentliche Einnahmen [...] weder gedeckt werden können (sie können es bestenfalls zu kleiner Quote) noch gedeckt werden sollen.“[13] Vielmehr plädierte Dietzel für eine Kriegsfinanzierung durch Kriegsanleihen. Allerdings konnten sich Kriegsanleihen nur dann rentieren, wenn man den Krieg gewann und durch die Reparationszahlungen der besiegten Mächte den Bürgern den vereinbarten Kapitaldienst einschließlich einer Verzinsung zwischen 4,5 und 5 % erbringen könnte. Der Leiter des Reichsschatzamtes, Karl Helfferich, drückte es 1915 vor dem Reichstag folgendermaßen aus: „Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient; sie mögen es durch die Geschichte schleppen, nicht wir.“[14] Man wollte den Kriegsgegnern die Hauptlast der deutschen Kriegsaufwendungen aufbürden, wie es schon im Krieg von 1870/71 geschehen war.[15] Die deutsche Kriegsfinanzierung stützte sich also ausschließlich auf Kriegsanleihen, wobei man zu Anfang des Krieges noch davon ausging, dass der Konflikt schnell beendet sein würde. Schließlich hatte der Krieg von 1870/71 auch nur ein halbes Jahr gedauert und nur circa ein sechstel des damaligen jährlichen Volkseinkommens gekostet.[16] Daher schenkte man der Versicherung der Reichsbank auch Glauben, die zu Anfang des Krieges glaubhaft gemacht hatte, dass das Kaiserreich die Kriegskosten ohne Probleme tragen könne.[17] Die deutschen Kriegsanleihen waren zunächst auch ein sehr erfolgreiches Mittel um die Kriegskosten aufzufangen. Mit den ersten vier Anleihen konnte Deutschland seine Staatsschuld bis 1916 nahezu vollständig konsolidieren, ab der fünften Kriegsanleihe erwies sich dies jedoch als unmöglich. Das führte dazu, dass es im November 1918 einen nicht konsolidierten Schuldenüberschuss von 51,2 Milliarden Mark gab.[18]

Aber nicht nur das Deutsche Kaiserreich griff auf Kriegsanleihen zurück. Alle Kriegsteilnehmer legten zur Kriegsfinanzierung Anleihen auf. So emittierte Österreich acht Kriegsanleihen und Ungarn siebzehn. Großbritannien legte bis 1917 drei, Frankreich seit 1915 vier und Russland bis 1917 acht Kriegsanleihen auf.[19] Auch die USA brachten von 1917 bis 1919 fünf Kriegsanleihen, die so genannten „Liberty Loans“, heraus.[20] Die Kriegsgegner Deutschlands genossen gegenüber dem Deutschen Reich im Bezug auf ihre Kriegsfinanzierung durch Kriegsanleihen jedoch Vorteile. Einer dieser Vorteile war, dass diese Staaten (vor allem England und Frankreich) Auslandsanleihen aufnehmen konnten, wodurch Frankreich immerhin 21% seiner Kriegskosten decken konnte. Eine solche Finanzierungsquelle stand dem Deutschen Reich nicht zur Verfügung, es wurden sogar im Gegenteil Anleihen an verbündete Staaten gewährt.[21]

Um die Kriegsanleihen zum Erfolg zu führen, wurden in allen kriegführenden Staaten Werbekampagnen gestartet, wobei man im Deutschen Reich erst spät, nämlich ab der fünften Kriegsanleihe, die Notwendigkeit und die Vorteile einer gezielten Werbung für Kriegsanleihen erkannt hat. Die Werbeaktionen waren zum Teil sehr massiv. Die USA haben beispielsweise für ihre erste „Liberty Loan“ zwei Millionen Poster drucken lassen, für die zweite wurden fünf Millionen und für die dritte Anleihe neun Millionen Poster gedruckt. Europäische Kampagnen waren nicht so massiv, doch zeugen Photographien aus europäischen Städten im ersten Weltkrieg davon, dass auch hier Plakatkampagnen im großen Stil durchgeführt worden sind.[22]

III. Deutsche Bildplakate für Kriegsanleihen

A. Beginn der Plakatpropaganda für Kriegsanleihen im Deutschen Reich

Die ersten deutschen Propagandaplakate im Ersten Weltkrieg waren zumeist noch Schriftplakate, da Regierung und Militär zunächst noch gegenüber der Bildpropaganda Zurückhaltung übten.[23] Für die Ausgabe und Werbung der Kriegsanleihen war in Deutschland die Reichsbank mit ihren Zweigstellen verantwortlich und wurde dabei von anderen Geldinstituten, beispielsweise der Deutschen Bank unterstützt (Abb. 1). Für die Bewerbung der Kriegsanleihen wurden zunächst größtenteils großflächige Anschläge benutzt, die mit umfangreichen Texten die Zeichnungsbedingungen der Anleihen erläuterten.[24] Auch in Zeitungen wurde mit Anzeigen für die Zeichnung der Anleihen geworben (Abb. 1). Bei der ersten Kriegsanleihe wurde in 2.800 Zeitungen inseriert, für die vierte Anleihe erschienen schon in 5.000 Zeitungen und Zeitschriften Werbeanzeigen.[25] Erst für die fünfte Anleihe kamen Plakate zum Einsatz, welche allerdings zunächst nur reine Schriftplakate waren.[26] Als Werbeleiter für die fünfte Kriegsanleihe wurde Lucian Bernhard eingesetzt, der vor allem für seine Schriftanschläge bekannt war.[27] Bernhard schuf für spätere Kriegsanleihen ebenfalls Schriftplakate, Bildplakate und kombinierte Schrift-Bildplakate. Die Textplakate von Bernhard stellten insofern eine Neuerung im Gegensatz zu den schon verwendeten Textanschlägen dar, weil der Inhalt der Texte auf schlagwortartige Aussagen reduziert wurde. Die Plakate waren nicht mehr mit Informationen überfrachtet und konnten schnell durch den Leser aufgenommen werden. Lucians Schriftplakate wurden neben den Bildplakaten auch in der Werbung für die vier folgenden Kriegsanleihen eingesetzt, wie etwa für die siebte Anleihe (Abb. 2 u. 10). Mit der Werbung für die fünfte Anleihe setzte ein Umdenken bei den Verantwortlichen ein. „Die fünfte Kriegsanleihe brach den Bann der Zurückhaltung, den sich deutsche Behörden der Reklame gegenüber auferlegt hatten.“[28] Bei der fünften Anleihe wurden von den 700.000 gedruckten Plakaten jedoch nur 40.000 öffentlich ausgehangen. Der Rest der Aushänge wurde an Zahlstellen und Behörden verteilt.[29] Der Wille zu einer massiv durchgeführten Plakatkampagne für Kriegsanleihen war also noch nicht richtig vorhanden. Erst der Erfolg der fünften Kriegsanleihe überzeugte auch die Gegner der Plakatwerbung, weil die fünfte Anleihe einen neuerlichen Abwärtstrend gegenüber der vierten Anleihe abwenden konnte, nachdem diese einen deutlichen Einbruch bei dem Erlös gebracht hatte.[30] Der Erlös der Anleihe war zwar im Vergleich zu ihrer Vorgängerin leicht zurückgegangen (Tab.1), jedoch blieb ein weiterer deutlicher Einnahmeneinbruch aus. Einen spürbaren Rückgang gab es aber bei den kleinen und mittleren Zeichnungen, während die Zahl der Großanleger anstieg. So ging die Zahl der Zeichnungen bis 2.000 Mark um knapp 1,35 Millionen Stück zurück, während die Anzahl der Zeichnungen von über 500.000 Mark um 403 Stück anstieg, wie aus Tabelle 2 ersichtlich wird.

[...]


[1] Frank Kämpfer, Der rote Keil, Das politische Plakat - Theorie und Geschichte, Berlin 1985, S.21.

[2] Beispielsweise von Dieter Vorsteher, Bilder für den Sieg - Das Plakat im Ersten Weltkrieg, in: Die letzten Tage der Menschheit - Bilder eines Krieges, Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums, hg. v. Rainer Rother, Berlin 1994, S. 149-162, hier S. 160 ff; und Michael Jeismann, Propaganda, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hg. v. Hirschfeld/Krumeich/Renz, Paderborn 22004, S. 198-209, hier: 205 f.

[3] Bernhard Denscher, Bilder und Worte, Wissenschaftliche Forschung und Literatur zur Geschichte der Plakatkunst, in: Kunst! Kommerz! Fiktionen! Deutsche Plakate 1888-1933, Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums, Online Ressource, http://www.dhm.de/ausstellungen/kkv/BilderUndWorte.htm, gesehen am 3.11.2005.

[4] Ursula Zeller, Die Frühzeit des politischen Bildplakats in Deutschland (1848-1918), Stuttgart 1987, S. 175.

[5] Vgl. Hans Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, Deutsche Geschichte Bd. 9, hg. v. Joachim Leusch, Göttingen 71994 S. 200.

[6] Konrad Roesler, Die Finanzpolitik des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg, Untersuchungen über das Spar-, Giro- und Kreditwesen, hg. v. Fritz Voigt, Bd. 37, Berlin 1967, S. 59.

[7] Vgl. Heinrich Dietzel, Kriegssteuer oder Kriegsanleihe?, Tübingen 1912, S. 17.

[8] Vgl. Wolfgang J. Mommsen, Bürgerstolz und Weltmachtstreben, Deutschland unter Wilhelm II 1890 bis 1918, Propyläen Geschichte Deutschlands Bd. 7/2, Berlin 1995, S. 672.

[9] Vgl. Ebd. S. 673.

[10] Vgl. Roesler, Finanzpolitik, Übersicht 11, S. 206.

[11] Vgl. Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, S. 200 f.

[12] Vgl.: Manfred Zeidler, Die deutsche Kriegsfinanzierung 1914, in: Der Erste Weltkrieg, Wirkung, Wahrnehmung, Analyse, hg. v. Wolfgang Michalka, München 1994, S. 415-433, hier: S. 417.

[13] Dietzel, Kriegssteuer, S. 5 f.

[14] Zitiert nach: Roesler, Finanzpolitik, S. 71.

[15] Vgl. Wehler, Das Deutsche Kaiserreich S. 201.

[16] Vgl. Carl-Ludwig Holtfrerich, Die deutsche Inflation 1914-1923, Berlin 1980, S. 109.

[17] Mommsen, Bürgerstolz und Weltmachtstreben, S. 674.

[18] Vgl. Wehler, Das Deutsche Kaiserreich S. 201.

[19] Vgl. Hans-Peter Ullman, Kriegswirtschaft, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 220-232, hier: S. 229.

[20] Vgl. Reinhold Zilch, Kriegsanleihen, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, S. 627-628, hier S. 628.

[21] Vgl. Holtfrerich, Die deutsche Inflation 1914-1923, S. 114 f.

[22] Vgl. Joseph Darracott, The First World War in Posters, Dover 1974, S. VII.

[23] Vgl. Zeller, Frühzeit des politischen Bildplakats, S.155.

[24] Gude Suckale-Redlefsen, Entwicklung des Plakats in München bis zum Ende des III. Reiches, in: Plakate in München 1840 - 1940, Ausstellungskatalog des Münchener Stadtmuseums, München 1975, S. 11-176, hier: S. 108.

[25] Vgl. Zilch, Kriegsanleihen, S. 628.

[26] Vgl Suckale-Redlefsen, Entwicklung des Plakats in München, S. 108 f.

[27] Vgl. Hans Sachs, Drei Berliner Kriegsplakatjahre, in: Das Plakat, 9/1918, hg. v. Hans Sachs, S. 38-45, hier: S. 41.

[28] Ebd. S. 41.

[29] Vgl. Suckale-Redlefsen, Entwicklung des Plakats in München, S. 109.

[30] Vgl. Ebd.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Bild- und Plakatpropaganda für die deutschen Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
60
Katalognummer
V57949
ISBN (eBook)
9783638522588
ISBN (Buch)
9783638693202
Dateigröße
7978 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit ist eine Bachelor-Abschlussarbeit. Neben dem Text enthält sie auch 34 Abbildungen.
Schlagworte
Bildpropaganda, Kriegsanleihen, Weltkrieg
Arbeit zitieren
Christian Koch (Autor:in), 2006, Bild- und Plakatpropaganda für die deutschen Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57949

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