Postmoderne - Begriffsgeschichte eines über- und unterdeterminierten Begriffs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriff „Postmoderne“ - wofür er verwendet wird
2.1. Die postmoderne Malerei
2.2. Der postmoderne Mensch
2.3. Der postmodernismo
2.4. Postmoderne abendländische Kultur
2.5. Die Postmoderne als kulturgeschichtliche Periode
2.5.1. Postmoderne in der Literatur, Teil 1
2.5.2. Postmoderne in der Architektur
2.5.3. Postmoderne in der Philosophie
2.5.4. Postmoderne in der Literatur, Teil 2
2.5.5. Postmoderne in anderen Disziplinen
2.5.6. Außerwissenschaftliche Postmoderne
2.5.7. Kritik an der Postmoderne

3. Reflexionen über die Verwendung des Begriffes
3.1. als Abgrenzungsbegriff
3.2. als Scharnierbegriff
3.3. als Hochwertbegriff bzw. dekoratives Signet
3.4. als Kampfbegriff
3.5. als heuristisches Konstrukt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um den Begriff „Postmoderne“ gibt es eine Kette von nie endenden Diskussionen. Die dabei gestellten Fragen sind zumeist:

Was ist die Postmoderne?

Wie definiert man sie?

Welchen Sinn hat sie?

Umfangreiche philosophische Schriften, ganze Anthologien, das Feuilleton, unzählige Seiten im Internet versuchen, den Begriff „Postmoderne“ und das Attribut „postmodern“ zu bestimmen und ihn damit auch für sich zu gewinnen - ihn nutzbar (und also prinzipiell ausbeutbar) zu machen. Viele dieser Begriffsbestimmungen widersprechen einander oder gehen doch von ganz unterschiedlichen Ansatzpunkten aus an dieses Phänomen heran - von der Architektur über zugekleisterte Badewannen hin zur Literaturtheorie, von da zur Philosophie, weiter zur Bestimmung von Menschheitsbildern, danach ins Kino, um dort über die neuen Implikationen von Zivilisation und den Wegfall der großen Erzählungen zu streiten - eins ist Konsens: die Postmoderne ist disziplinenübergreifend.

Die vorliegende Hausarbeit soll nicht etwa einen weiteren Definitionsversuch dieses nie zu fassenden Begriffs-Proteus wagen, vielmehr geht sie mit einer anderen Fragestellung an dieses Thema heran:

Wie redet wer wann von der Postmoderne?

Welche Funktion hat der Begriff im jeweiligen Diskurs?

Durch diese Perspektiven-Verschiebung wendet man sich von der Betrachtung des Begriffs „Postmoderne“ zur Betrachtung der Verwendung dieses Begriffs. Dadurch kann man dem ewigen Kämpfen und Zerren um die endgültige, definitorische Bestimmung der Postmoderne entgehen, da man sich auf eine Metaebene begibt, die um die Relativität und Historizität der Begriffe weiß und ihr Augenmerk auf die Funktion des untersuchten Begriffs im jeweiligen Diskurs richtet.

Um dies leisten zu können, wird sich Punkt 2 der Inspizierung dessen widmen, was im jeweiligen Diskurs mit „Postmoderne“ bezeichnet wird, also der referentiellen Ebene. Unter Punkt 3, und darin liegt die eigentliche Leistung dieser Hausarbeit und die Möglichkeit, die sich durch einer begriffsgeschichtlichen Herangehensweise eröffnet, werden dann die unterschiedlichen Begriffsverwendungsweisen analysiert und kategorisiert.

2. Begriff „Postmoderne“ - wofür er verwendet wird

Die Verwendung des Begriffes „Postmoderne“ lässt sich grob in fünf Punkte aufteilen[1]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die ersten vier Bedeutungen von „postmodern“ werden in dieser Arbeit nur kurz referiert, während der fünften ein bedeutend größerer Teil gewidmet wird, da die Diskussion um die kulturgeschichtliche Periode gewaltige öffentliche Resonanz erzeugt hat. In den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen wurde diese Begriffsbestimmung der „Postmoderne“ verarbeitet und auch heute stellt sie noch ein heiß umkämpftes Thema dar - wohingegen die anderen Verwendungsweisen praktisch gar nicht mehr im öffentlichen Diskurs präsent sind.

Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass unter diesem Punkt nur referiert wird, was wer wann jeweils mit dem Begriff „Postmoderne“ bezeichnet hat; die Funktion der Verwendung (z.B. als Abgrenzungsbegriff, als heuristisches Konstrukt etc.) wird erst unter Punkt 3 untersucht, während hier nur eine sozusagen „positivistische“ Vorarbeit dafür geleistet wird.

2.1. Die postmoderne Malerei

Der erste Gebrauch des Wortes „postmodern“, den ich ausfindig machen konnte, ist der des englischen Salonmalers John Watkins Chapman. Dieser wollte sich vom Impressionismus, den er als „modern“ einstufte, absetzen; „postmodern“ heißt also bei ihm soviel wie „postimpressionistisch“. Wolfgang Welsch dazu: „Chapman will die impressionistische Flüchtigkeit überschreiten und zu einer Kunst des Wesens, der tieferen und bleibenden Realität vorstoßen“[2].

2.2. Der postmoderne Mensch

Als nächste Station gilt gemeinhin der Gebrauch von „postmodern“ bei Rudolf Pannwitz 1917 in „Die Krisis der europaeischen Kultur“. Dieser diagnostizierte in seinem kulturphilosophischen Werk: „Die menschheit mag es geben, den menschen gibt es noch nicht“[3]. Also konstruierte er ein Ideal des „postmodernen“ Menschen als „sportlich gestählten, nationalistisch bewussten, militärisch erzogenen und religiös erregten […] menschen“, der eine „noch zu leistende antwort auf die krise der europäischen kultur sei“[4]. Pannwitz hat also wie Chapman einfach ein Kompositum gebildet aus dem damals schon gebräuchlichen Wort „Moderne“ und der lateinischen Vorsilbe „post“, um (grammatisch) eine Zeit nach der Moderne zu beschreiben. Dieser Wortgebrauch von „postmodern“ und diese Implikationen werden von vielen der heutigen Aufsätze über die Postmoderne ignoriert oder vielleicht gar nicht zur Kenntnis genommen. Die Konnotationen „nationalistisch“, „militärisch erzogen“, und „religiös“ stehen den heutigen der Postmoderne (wie sie unter 2.5 beschrieben werden) sogar fast diametral gegenüber.

2.3. Der postmodernismo

Auch als Bezeichnung für eine literarische Epoche wurde der Begriff „Postmoderne“ bereits verwendet, allerdings mit einem anderen Bezugsfeld als die heutige „postmoderne Literatur“. Frederico de Onís (oder Onitz) bezeichnet 1934 die neuere spanische und hispano-amerikanische Dichtung von 1905 bis 1914 als postmodernismo, grenzt sie damit ab vom vorausgehenden modernismo und vom folgendem ultramodernismo. „Postmodernismus bezeichnet für Onís ein kurzes - reaktives - Zwischenspiel zwischen einem ersten und einem zweiten, gesteigerten Modernismus.“[5] Ein Internetartikel[6] über die Postmoderne auf www.brainworker.ch besagt, dass diese Definition des Begriffes „sich seit Mitte des 19.JH. [sic! wohl 20.Jh. gemeint] in Südamerikanischen Konversationslexika“ findet bzw. sich zu dieser Zeit dort fand.

2.4. Postmoderne abendländische Kultur

Ein weiterer Gebrauch des Wortes „Postmoderne“ findet sich bei Arnold Joseph Toynbee, der in seinem universalgeschichtlichen Werk „A Study of History“ 1947 die damalige Phase der abendländischen Kultur als „postmodern“ bezeichnet. Charakteristikum dieses Zeitabschnitts, dessen Beginn Toynbee auf 1875 datiert, ist der politische Übergang von nationalstaatlichem Denken zur globalen Interaktion, das Phänomen, das man heute allgemein wohl als „Globalisierung“ bezeichnen würde (wobei natürlich dieser Begriff ähnlich über- und unterdeterminiert ist wie die „Postmoderne“). Die menschliche Geschichte wird bei ihm als „Feld pluraler Zivilisationsprozesse“[7] verstanden, das nicht mehr im Zuge einer „linearen Entwicklung“ gesehen oder im Rahmen einer Geschichtsteleologie eingeordnet werden kann.

[...]


[1] Der Begriff „Postmoderne“ ist sicherlich auch noch von anderen für anderes verwendet worden, aber die fünf hier aufgelisteten Bedeutungen sind wohl die bekanntesten und somit für diese Untersuchung relevantesten.

[2] Welsch. Postmoderne oder Ästhetisches Denken. S.238.

[3] KLL. Band 12. S.931.

[4] Pannwitz: Die Krisis der europäischen Kultur. Bd. 2. S.64.

[5] Welsch: Postmoderne oder Ästhetisches Denken. S.239.

[6] Herzog: Vom postmodernen Liberalismus.

[7] KLL. Band 16. S.741f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Postmoderne - Begriffsgeschichte eines über- und unterdeterminierten Begriffs
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Zum Charakter geisteswissenschaftlicher Grundbegriffe
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V57953
ISBN (eBook)
9783638522601
ISBN (Buch)
9783638773331
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Hauptseminarsarbeit setzt sich mit dem oft unscharf verwendeten und oft kritisierten Terminus "Postmoderne" auf begriffsgeschichtlicher Basis auseinander.
Schlagworte
Postmoderne, Begriffsgeschichte, Begriffs, Charakter, Grundbegriffe
Arbeit zitieren
Jonas Ivo Meyer (Autor), 2005, Postmoderne - Begriffsgeschichte eines über- und unterdeterminierten Begriffs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57953

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