Dramenanalyse am Beispiel von Schillers Kabale und Liebe


Hausarbeit, 1998
7 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Zu Aufgabe 1)

Beschreiben Sie die besondere Funktion, die der Exposition eines Dramas –hier am Bespiel von Schillers „Kabale und Liebe“ – zukommt.

Die Exposition eines Dramas ist der „Einleitungsteil einer dramatischen Handlung, in dem in die Verhältnisse und Zustände, aus denen der dramatische Konflikt entspringt, eingeführt und die Vorgeschichte erklärt wird.“[1]

Um jedoch eine Vorgeschichte zu erklären, damit der Zuschauer in das Drama eingeführt wird, muß etwas Vergangenes auf der Bühne vermittelt werden. Hier ergibt sich nun folgendes Problem : Etwas Vergangenes dramatisch darzustellen, ist nicht vereinbar mit dem Absolutheitsgrundsatz des klassischen neuzeitlichen Dramentyps. Nach Szondi ist das Drama absolut, d.h. es muß von allem Äußerlichen losgelöst sein. „Es kennt nichts außer sich.“[2] Demnach, ist das Drama aufgrund seiner Losgelöstheit nicht mit dem Autor in Bezug zu bringen, da der Autor das Drama nicht geschrieben hat, sondern „Aussprache gestiftet“[3] hat. Eine Absolutheit besteht auch zwischen dem Drama und dem Zuschauer, so kann das Drama keinesfalls an den Zuschauer direkt adressiert sein. Alle Vorgänge im Drama müssen im <Hier und Jetzt> ablaufen; sie müssen gegenwärtig sein, dies bezeichnet Szondi als primär. „Das Drama ist primär.“[4] Die Primärität des Dramas ist nach Szondi ein anderer Aspekt für dessen Absolutheit[5]. Da alle szenischen Darstellungen in der Gegenwart stattfinden, ist dies für Szondi ein Grund, „warum historisches Spiel allemal undramatisch ausfällt.“[6] Eine Exposition im Sinne der obigen Erläuterung, die eine Vorgeschichte, also etwas Vergangenes darstellt, wäre eigentlich undramatisch.

In narrativen Texten wird die Exposition vom Erzähler geleistet, der jedoch im Kommunikationsmodell dramatischer Texte keinen Platz findet. Die Funktion des Erzählers in narrativen Texten wird in dramatischen Texten auf das „innere Kommunikationssystem verlagert“.[7] Der Dialog der Figuren im Drama übernimmt die vermittelnde Aufgabe des Erzählers in der Erzählprosa. Das Drama besteht nach Szondi lediglich aus der Wiedergabe der zwischenmenschlichen Beziehungen, die nur durch den Dialog zum Ausdruck gebracht werden können. Die Dialoge der Dramenfiguren präsentieren alle Geschehnisse im Drama, entstehen aus den Umständen der Situation heraus und sind somit gegenwärtige Entschlüsse, die niemals mit der Ausbildung von Gefühlen und Ideen allein beschäftigt sind, sondern immer Absichten erreichen wollen, immer mit ihren Gedanken und Handlungen vorwärts in die Zukunft streben. Dies hat ständige Umwälzungen und Veränderungen des inneren und äußeren Zustandes von selbst und von außen zur Folge. Nach Pirandello ist der dramatische Dialog sprachliches Handeln. („azione parlata“)

Schiller löst in seinem Drama „Kabale und Liebe“ das Problem der Exposition, indem er Dialoge zwischen den Personen stiftet. (vgl.: Akt I. Szene 1 : Miller und seine Frau ) Der Dialog der beiden handelnden Figuren findet in der Gegenwart, also im < Hier und Jetzt > statt und führt den Zuschauer in die Vorgeschichte der Handlung ein.

Einmal für allemal. Der Handel wird ernsthaft. Meine Tochter kommt mit

dem Baron ins Geschrei. Mein Haus wird verrufen. Der Präsident

bekommt Wind, und – kurz und gut, ich biete dem Junker aus.[8]

Auch die Tatsache, daß der Sekretär Wurm einen Anspruch auf Millers Tochter Luise erhebt, wird aus dem Dialog zwischen Miller und dem Sekretär deutlich. (vgl.: Akt I. Szene 2 ) In Akt I. Szene 3 wird ebenfalls durch die Kommunikation zwischen Luise, Miller und dessen Frau deutlich, wie es um das Verhältnis zwischen Millerin und Ferdinand von Walter bestellt ist. Dieses ist ein wichtiges Detail der folgenden Handlung.

Auf diese Weise, nämlich mit Hilfe der Kommunikation der Personen in der Gegenwart, werden dem Zuschauer alle Grundlagen des Dramas, dessen Vorgeschichte dargelegt. Diese Darlegung ist gleichsam Aufgabe der Exposition. Sie erfolgt im < Hier und Jetzt > und treibt Umwälzungen der Gegebenheiten bei den handelnden Figuren an.

[...]


[1] Vgl.: Schüler-Duden „Die Literatur“, 2., überarbeitete u. ergänzte Auflage, Dudenverlag, Mannheim, 1989.

[2] Vgl.: Szondi, Peter „Theorie des modernen Dramas“, hier S. 15.

[3] Vgl.: Szondi, Peter „Theorie des modernen Dramas“, hier S. 15.

[4] Vgl.: Ebd., hier S. 17.

[5] Vgl.: Ebd., hier S. 17.

[6] Vgl.: Ebd., hier S. 17.

[7] vgl.: Pfister, Manfred „Das Drama. Theorie und Analyse“, München, 1977, hier S. 21.

[8] Vgl.: Schiller, Friedrich „Kabale und Liebe“, Akt I. Szene 1, Reclam UB. 33, hier S. 5, Z. 7 – 11.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Dramenanalyse am Beispiel von Schillers Kabale und Liebe
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (NDLM)
Veranstaltung
Proseminar Dramenanalyse
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
7
Katalognummer
V57961
ISBN (eBook)
9783638522687
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Umfang der Hausarbeit war mit 10 Seiten vorgegeben. Es werden gattungs- und inhaltsspezifische Fragestellungen der aktuellen Forschung zur Dramenanalyse aufgegriffen und bearbeitet.
Schlagworte
Dramenanalyse, Beispiel, Schillers, Kabale, Liebe, Proseminar
Arbeit zitieren
Tobias Südkamp (Autor), 1998, Dramenanalyse am Beispiel von Schillers Kabale und Liebe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57961

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