Bauformen erzählender Prosa am Beispiel von Franz Werfels Par l´amour


Hausarbeit, 1998

7 Seiten, Note: 2


Leseprobe

zu Aufgabe 1)

Analyse der Erzählstruktur

Eine Analyse des Erzählsystems bezüglich des vorliegenden Textes verlangt nach einer Betrachtung der verschiedenen erzähltechnischen Kategorien und ihrer Verknüpfungen.

Das scheinbar äußerliche Bild eines Textes beschreibt nach Petersen, ob der Text in „Ich – Form“ oder in „Er – Form“ erzählt wird. Petersen bezeichnet dieses als „Erzählsystem.“[1]

Der Text „Par l´Amour“ von Franz Werfel wird in Er – Form erzählt. Auf diese Art und Weise wirkt die Geschichte nicht dermaßen individuell eingegrenzt, wie dieses bei ichhaftem Erzählen der Fall gewesen wäre.

Der Er-Erzähler bindet sich folglich sehr nah an die handelnde Figur, d.h. er legt seinen „Erzählerstandort“[2] nah an die Figur Bertrands. Er kennt sowohl seine Gefühle und Gedanken, als auch seine Vergangenheit.

Bertrand pflegte sich während der täglichen Fahrzeiten gewöhnlich in seine Zeitung zu vertiefen, wobei <vertiefen> einen übertriebenen Ausdruck für oberflächlich schläfriges Zeilenschlucken und Sogleich – Vergessen bedeutet.[3]

Jedoch ist es dem Erzähler nicht möglich, die inneren Vorgänge aller an der Situation beteiligten Personen zu kennen. So beschreibt er die junge Dame (die Lesende) lediglich äußerlich, ohne etwas über ihre Gefühls- und Gedankenwelt zu sagen. Eine Allwissenheit über die Vorgänge kann dem Erzähler also nicht attestiert werden.

Die „Erzählperspektive“[4] ist somit gespalten und entspricht dem „point of view“[5] (Erzählerstandort). D.h., auf Bertrand bezogen hat der Narrator eine Innensicht, er kennt alle inneren Vorgänge Bertrands und weiß um dessen Gefühle. In Bezug auf die Lesende steht ihm jedoch nur die Außensicht zur Verfügung. Dieses erklärt sich dadurch, daß das „Erzählverhalten“[6] des Narrators als personal einzustufen ist, da er die Optik Bertrands wählt, also quasi durch dessen Augen die Szenerie beschreibt. „Bertrand konnte nichts vom Gesicht sehen.“[7] Es liegt jedoch kein rein personales Erzählverhalten vor, da der Erzähler zwar überwiegend die Optik Bertrands inne hat, aber vereinzelt auch seine eigene Sehweise der Dinge in die Erzählung mit einbringt. Dieses Verhalten bezeichnet man auch als auktoriales Erzählverhalten. „...ein erstaunliches Fremdwort übrigens, dieses Ohnsorg, das aus dem Sprachschatz des glücklichen Frankreich noch immer nicht geschwunden ist.“[8] Der Er-Erzähler hat also ein personales „Erzählverhalten“, da er aus Bertrands Optik berichtet, aber durch die Tatsache daß er trotzdem dazu tendiert seine eigene Sehweise mit einzubringen, besitzt er auktoriale Tangenten zum personalen Erzählverhalten.

Dadurch, daß das Erzählverhalten nicht eindeutig festzumachen ist, wird deutlich, daß der Erzähler einen gewissen Wert darauf legt, seine eigenen Kommentare zur Geschichte mit einfließen zu lassen. So ist denn auch die Wahl dieses Erzählverhaltens mit einer kritischen, lächerlich machenden „Erzählhaltung“[9] verknüpft, die besonders deutlich wird, wenn die Hauptfigur (Bertrand) der Familie der Lesenden im Traum vorgestellt wird.

Die Argusaugen von zwanzig Onkeln und Tanten haben Bertrand aufs Korn genommen

und allerlei Hausgeistern hat er Prüfungsfragen aus dem vorigen Jahrhundert

[...]


[1] Vgl.: Jürgen H. Petersen, „Kategorien des Erzählens“, S. 171.

[2] Vgl.: Ebd. hier S. 180.

[3] Aus: Franz Werfel, „Par l´amour“, S. 52.

[4] Vgl.: Jürgen H. Petersen, „Kategorien des Erzählens“, S. 181.

[5] Vgl.: Ebd. hier S. 180.

[6] Vgl.: Ebd. hier S. 186.

[7] Vgl.: Franz Werfel, „Par l´amour“, S. 53.

[8] Vgl.: Ebd. hier S. 52.

[9] Vgl.: Jürgen H. Petersen, „Kategorien des Erzählens“, S. 193.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Bauformen erzählender Prosa am Beispiel von Franz Werfels Par l´amour
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (NDLM)
Veranstaltung
Proseminar zur Analyse von Erzählprosa
Note
2
Autor
Jahr
1998
Seiten
7
Katalognummer
V57965
ISBN (eBook)
9783638522724
Dateigröße
372 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Umfang der Proseminararbeiten ist mit 10 Seiten vorgegeben. Es werden aktuelle Forschungsstände des epischen Erzählens ebenso behandelt wie inhaltsbezogene Fragen.
Schlagworte
Bauformen, Prosa, Beispiel, Franz, Werfels, Proseminar, Analyse, Erzählprosa
Arbeit zitieren
Tobias Südkamp (Autor), 1998, Bauformen erzählender Prosa am Beispiel von Franz Werfels Par l´amour, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57965

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