In dieser narratologischen Hauptseminararbeit werden zwei Stilelemente Gustave Flauberts untersucht: Kontingente Details und ausladende Beschreibungen. Diese werden wiederum mit dem "effet de réel" von Roland Barthes in Beziehung gesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der effet de réel
2.1. bei Platon
2.2. bei Barthes
2.3. in der Forschung allgemein
3. Flauberts Beschreibungen
3.1. Kontingente Details
3.2. Ausladende Beschreibungen
4. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht zwei spezifische Stilelemente in Gustave Flauberts Roman "Madame Bovary" – ausladende Beschreibungen und kontingente Details – im Kontext von Roland Barthes' Konzept des "effet de réel" (Realitätseffekt). Ziel ist es zu analysieren, wie diese Beschreibungsformen die Wahrnehmung von Wirklichkeit im literarischen Text beeinflussen und ob sie innerhalb der Erzählstruktur funktionale oder rein ästhetische bzw. illusionistische Funktionen erfüllen.
- Die Untersuchung und Einordnung der Begriffe "effet de réel" und "kontingente Details".
- Die Analyse der literarischen Funktion ausladender Beschreibungen bei Flaubert.
- Die Untersuchung der Grenze zwischen funktionaler Erzählung und bloßem "Beschreibungswahn".
- Die Überprüfung der Relevanz dieser Details für den Handlungsverlauf und die Charakterisierung.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Barthes' Interpretation im Vergleich zur Romanpraxis.
Auszug aus dem Buch
3.1. Ausladende Beschreibungen
Immer wenn in „Madame Bovary“ ausladende Beschreibungen geschehen, wird die Zeit eingefroren und der Erzähler nimmt den fokussierten Gegenstand unter die Lupe, gar unter ein Mikroskop, um ihn in allen Einzelheiten zu beschreiben. Nun mag man sich streiten, ob dies den Roman wirklich realistischer macht oder ob diese Unterbrechung, diese Enthebung aus der intradiegetischen Zeit, nicht vielmehr einen Bruch in der Darstellung bewirkt und einen brechtschen Verfremdungseffekt hervorruft, der dem Leser bewusst macht, dass es eben Literatur ist, die er gerade liest, dass er sich nicht in einer „wirklichen“ Welt befindet, sondern nur in einer possible world. Das Darstellungsdispositiv des Realismus jedenfalls sieht diese Detailschilderungen als ganz besonders realistisch an, indes sie sich der naturwissenschaftlich-präzisen Darstellungsweise annähern.
Betrachten wir also einige dieser Stellen aus Madame Bovary. Den Anfang soll hier die in der Einleitung als Beispiel zitierte Beschreibung von Charles Mütze machen.
Sie war eine jener Kopfbedeckungen im Kompositstil, in denen man Elemente der Bärenmütze, des Tschapka, des runden Filzhuts, der Otterkappe und der Baumwollmütze wieder entdeckte, kurz eines jener armseligen Dinge, deren stumme Hässlichkeit ähnliche Tiefen des Ausdrucks haben wie das Gesicht eines Schwachsinnigen. Eiförmig und mit Fischbeinstäbchen ausgebaucht, bestand sie zuunterst aus drei kreisförmigen Wülsten; dann folgten, durch einen roten Streifen getrennt, im Wechsel Rauten aus Samt und aus Kaninchenhaar, dann kam eine Art Sack, der in einem mit komplizierten Litzenbesatz bedeckten vieleckigen Pappkarton endete und von dem als Troddel an einer langen, zu dünnen Kordel ein kleines Andreaskreuz aus Goldfäden herabhing. Die Mütze war neu; das Schild glänzte (S.10).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Stilelemente "ausladende Beschreibungen" und "kontingente Details" anhand von "Madame Bovary" zu untersuchen und in den Kontext von Barthes' Konzept zu stellen.
2. Der effet de réel: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Realitätseffekts bei Platon und Barthes sowie dessen allgemeine Einordnung in der Forschung als rhetorisches Stilmittel zur Vortäuschung von Wirklichkeit.
3. Flauberts Beschreibungen: Dieser Hauptteil analysiert konkret die ausladenden Beschreibungen und kontingenten Details in "Madame Bovary" und stellt deren verschiedene erzähltechnische Funktionen dar.
4. Schlussfolgerungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass beide Stilelemente im Realismus zur Erzeugung von Wirklichkeit beitragen, wobei ihre Funktion kulturell und historisch konventionell geprägt ist.
Schlüsselwörter
Madame Bovary, Gustave Flaubert, Roland Barthes, effet de réel, Realismus, Realitätseffekt, kontingente Details, ausladende Beschreibungen, Literaturtheorie, Erzählstruktur, Erzähltechnik, Wirklichkeitsillusion, Literarisches Dispositiv, Literaturwissenschaft, Mimesis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Flaubert in seinem Roman "Madame Bovary" durch sehr detaillierte Beschreibungen einen Realitätseffekt ("effet de réel") erzeugt, der über die reine Handlungslogik hinausgeht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen die Theorie des Realismus, das Verhältnis von Text und Wirklichkeit, die Funktion von unwichtigen Details in Erzählungen sowie die Stilanalyse von Flauberts Beschreibungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit Flauberts detailreiche Passagen dem Leser das Gefühl von Realität vermitteln und ob diese Beschreibungen innerhalb des Romans eine echte Funktion haben oder als selbstzweckhafte "Effekte" zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen (insbesondere von Roland Barthes) auf ausgewählte Textstellen aus "Madame Bovary" anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von ausladenden Beschreibungen (z.B. der Mütze Charles Bovarys oder der Darstellung von Rouen) und die Untersuchung kontingenter Details, die nicht direkt zum Handlungsfortschritt beitragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind "effet de réel", "Realismus", "kontingente Details", "ausladende Beschreibungen" sowie "Flaubert" und "Madame Bovary".
Warum spielt die Mütze von Charles Bovary eine so wichtige Rolle in der Argumentation?
Die detaillierte Beschreibung der Mütze dient als Paradebeispiel für eine "ausladende Beschreibung", die rein um der Beschreibung willen existiert und keine unmittelbare Funktion für die Handlung hat, wodurch sie den Realitätseffekt verdeutlicht.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von kontingenten Details bei verschiedenen Interpreten?
Die Arbeit zeigt auf, dass Kontingenz relativ ist: Während manche Details auf den ersten Blick überflüssig scheinen, könnten andere Leser darin symbolische oder psychologische Tiefenstrukturen sehen, was die Einordnung oft schwierig macht.
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- Jonas Ivo Meyer (Author), 2005, Effet de réel? Kontingente Details und ausladende Beschreibungen bei Flaubert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/57969