Denn sie tun es aus Liebe - Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann im Licht der massenpsychologischen Ansätze von Siegmund Freud


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

2 Einleitung und wissenschaftliche Fragestellung

3 Das „Solomon Asch“ Experiment

4 Das Theoriemodell der Schweigespirale
4.1 Der Mitläufer-Effekt
4.2 Instrumente für Konformitätsdruck
4.2.1 Isolationsfurcht bzw. Isolationsdrohung (Liebesentzug)
4.2.2 Soziale Anerkennung

5 Kommunikationsgruppen
5.1 Die Subgruppe der Reder und Schweiger
5.2 Der Bereich zwischen Reder und Schweiger
5.2.1 Die Gruppe der Inkonsistenten
5.2.2 Die Anpasser
5.2.3 Die Gruppe der Missionare

6 Freuds Libido Theorie über die Bindungen in der Masse
6.1 Suggestion und Libido
6.2 Identifizierung und Verliebtsein

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

2 Einleitung und wissenschaftliche Fragestellung

Will man dazu gehören, muss man sich anpassen – das wissen nicht nur Schulkinder, die ihre Eltern bei der Wahl der Kleidung in den Wahnsinn treiben, wollen die doch einfach nicht verstehen, dass es eben wichtig ist, dass die Jacke von Helly Hansen und die Schuhe von Nike sind. Sonst droht dem Kind der überaus inoffizielle Ausschluss aus seinem sozialen Gefüge durch seine Freunde und Klassenkameraden, weil es dann anders wäre. Auf das Kind wirkt also ein enormer Druck, will es auch weiterhin Teil der Gruppe sein. Seine Kleidung ist eine Art Statement, eine Form non-verbaler Kommunikation, ein Reden, ohne den Mund aufzumachen. Und die falsche Kleidung ist dann wie ein falsches Wort, eine falsche Meinung.

Der Prozess von Reden, Schweigen und Anpassung setzt also nicht erst bei Fragen ein, welche die gesamte Gesellschaft betreffen, sondern bereits im Kleinen; was aber löst ihn aus?

Ist der nach Freud alles zusammenhaltende Eros, die Liebe zu den anderen Menschen in der Masse, die entscheidende Triebfeder im Prozess der von Elisabeth Noelle-Neumann beschriebenen Schweigespirale? Ist nicht Isolationsangst die eigentliche Angst vor Liebesentzug der anderen, verbunden mit einem Ausstoß aus der Herde und somit Konformität der entsprechende Abwehrmechanismus?

Im Folgenden soll der Prozess der Schweigespirale auszugsweise dargestellt werden und eine Gruppeneinstufung je nach Kommunikationsbereitschaft vorgenommen werden. Wie sind die, die ihre Meinung offen kundtun, was macht sie besonders? Warum schweigen die anderen?

Weiterhin soll die Theorie der Schweigespirale mit Freuds massenpsychologischem Ansatz verglichen werden, der die libidinösen Bindungen zwischen den Individuen in der Masse als Basis für deren Zusammenhalt und entsprechende Anpassung des Einzelnen erkennt.

3 Das „Solomon Asch“ Experiment

Unter welchen Bedingungen Menschen, bzw. Mitglieder einer Gesellschaft ihre Meinung offen kundtun und wann sie sich anpassen, bzw. nach Noelle-Neumann in Schweigen verfallen, untersuchte bereits in den 50er Jahren der Sozialpsychologe Solomon Asch.

Der 1907 in Warschau geborene Solomon Asch wanderte 1920 in die USA aus und promovierte 1932 unter Max Wertheimer an der Columbia University. Er arbeitete später 19 Jahre lang zusammen mit anderen Forschern am Swarthmore College unter anderem an Theorien über Prestige Suggestion und den Unterschied zwischen sozialer und physischer Realität.

Letzteres Experiment, das als „Solomon Asch-Experiment“ in die Geschichte der Psychologie einging, sollte darstellen, dass Menschen unter Konformitätsdruck eine andere als ihre eigene Meinung kundtun, bzw. die physische Realität anders wahrnehmen, wenn sie stark von der sozialen Realität abweicht.

Aschs Versuch bestand dabei aus zehn Probanden, von denen lediglich eine Versuchsperson nicht eingeweiht, also die eigentliche Versuchsperson war. Die anderen neun waren Assistenten des Versuchsleiters. In 12 Wiederholungen wurden nun den Probanden eine Vergleichslinie und drei verschieden lange Linien gezeigt, von denen nur genau eine offensichtlich der Vergleichslinie entsprach. Diese Linie sollten die Probanden benennen, wobei die „naive“ Versuchsperson immer die letzte in der Reihe war und somit der perzipierten sozialen Realität der anderen neun ausgesetzt war.

In den ersten zwei Durchläufen erkannten noch alle Probanden die richtige Linie, jedoch wurde dann der Versuchsaufbau geändert und fortan benannten die eingeweihten neun allesamt eine offensichtlich zu kurze Linie, um zu testen, ob sich die wahre Versuchsperson der vorherrschenden Gruppenmeinung anschließen oder selbstbewusst ihre eigene Meinung vertreten würde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Asch-Experiment[1]

Das Ergebnis war eindeutig: sechs von zehn Versuchspersonen schlossen sich innerhalb der zehn Durchläufe der Gruppenmeinung an; wir werden sie später der Gruppe der „Mitläufer“, bzw. „Anpasser“ zuordnen. Lediglich zwei von zehn Versuchspersonen ließen sich nicht von ihrer objektiv richtigen Meinung abbringen. Die verbliebenen zwei Personen schlossen sich während der zehn Durchläufe lediglich ein- bis zweimal der objektiv falschen Gruppenmeinung an.

Asch sah in dem Anschluss an die Mehrheitsmeinung ein Indiz dafür, dass Menschen aus der somit nachgewiesenen Isolationsangst, also durch die Abweichung ihrer eigenen Meinung von der der Gruppe isoliert, bzw. lächerlich gemacht zu werden, dazu tendierten, sich der Gruppenmeinung anzuschließen.

Man erkennt an Aschs Experiment deutlich, wie auch später Stanley Milgram[2] mit dem gleichen Experiment in abgewandelter Form bewies, dass in Gruppen menschlichen Zusammenseins ein Druck empfunden wird, der Mehrheit zu entsprechen, mit dieser also konform zu sein. Elisabeth Noelle-Neumann nannte dies den Konformitätsdruck, den Individuen in der Masse aus Angst vor Isolation durch Abweichung von der Mehrheit wahrnehmen und der entscheidend ist im dynamischen Prozess der von Noelle-Neumann beschriebenen Schweigespirale.

Wie dieses Phänomen unter den Aspekten der Freud’schen Massenpsychologie zu werten ist, soll in einem späteren Kapitel untersucht werden.

4 Das Theoriemodell der Schweigespirale

Basierend auf dem zunächst unerklärlichen Wahlergebnis der Bundestagswahl von 1965, bei dem völlig überraschend und haushoch die CDU / CSU gewann, obwohl die Ergebnisse der Wahlabsichtsumfragen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen ausgingen[3], stellte Elisabeth Noelle-Neumann in den 70ern ihre Theorie der Schweigespirale auf, deren Auswirkung sich auch bei der Bundestagswahl von 1972 deutlich zeigten.

Es mögen die Lager der SPD und CDU / CSU Anhänger zahlenmäßig gleich gewesen sein, was sich auch in der recht ähnlichen Verteilung der Wahlabsichten zu erkennen war, jedoch waren sie in ihrer Begeisterung und Präsenz keineswegs gleich. Noelle-Neumann schrieb hierzu: „Öffentlich sah man nur SPD-Abzeichen, es war kein Wunder, dass das Kräfteverhältnis falsch eingeschätzt wurde“[4]. Daraus entwickelte sich die Dynamik, dass wer der neuen Ostpolitik zugetan war, spürte, dass seine Meinung von allen gebilligt würde und diese deshalb auch offen und mit Begeisterung kundtat, während jene, die diese Politik ablehnten, sich allein gelassen fühlten, sich zurückzogen und in Schweigen verfielen.[5].

Im Laufe dieses dynamischen Prozesses fühlte sich zum Reden bestärkt, wer sah, dass seine Meinung von immer breiterer Öffentlichkeit getragen wurde, was dieses Lager um so stärker präsent erscheinen ließ und verstummten die anderen, bis die Anhänger der neuen Ostpolitik das wahrgenommene Meinungsklima dominierten und deren Gegner bis auf wenige „Hardliner“ verstummten.

Besondere Bedeutung kommt im Prozess der Schweigespirale den Massenmedien zu, die fest mit Reden und Schweigen verknüpft sind. Sie seien „definitionsgemäß Öffentlichkeit und demonstrieren – insbesondere, wenn sie sich konsonant gegenseitig bestätigen -, was man in der Öffentlichkeit zeigen darf oder zeigen muss.“[6] Weiterhin hätten sie eine Artikulations-Funktion, indem sie Formulierungshilfen darstellten. Es sei also die Schweigespirale nicht nur eine Frage von Mut oder Lust zu Reden, sondern mit zunehmender Aktualität und Relevanz auch der massenmedial vermittelten Fähigkeit dazu.

[...]


[1] Noelle-Neumann, Elisabeth, 1980: „Die Schweigespirale“, Piper & Co. Verlag, München, S. 60

[2] Milgram nutzte bei seinem Experiment verschieden lange Töne statt der Linien. Er verglich von 1957-1959 die Auswirkungen des Konformitätsdruckes auf Probanden in Norwegen und Frankreich und kam zu dem Ergebnis, dass sich sowohl im konformistischen Norwegen, als auch dem als individualistisch geltenden Frankreich die Mehrheit der naiven Versuchspersonen der Mehrheitsmeinung anpassten und bestätigte so Aschs Annahmen.

[3] Noelle-Neumann, Elisabeth, 1980: „Die Schweigespirale“, Piper & Co. Verlag, München, S. 13f

[4] Noelle-Neumann, Elisabeth, 1980: „Die Schweigespirale“, Piper & Co. Verlag, München, S. 18

[5] Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth, 1980: „Die Schweigespirale“, Piper & Co. Verlag, München, S. 18

[6] Noelle-Neumann, Elisabeth, 2002 in: „Fischer Lexikon Publizistik, Massenkommunikation“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt / Main, S. 405

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Denn sie tun es aus Liebe - Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann im Licht der massenpsychologischen Ansätze von Siegmund Freud
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Publizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Wirkmechanismen von Propaganda
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V58037
ISBN (eBook)
9783638523394
ISBN (Buch)
9783638752398
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Folgenden soll der Prozess der Schweigespirale auszugsweise dargestellt werden und eine Gruppeneinstufung je nach Kommunikationsbereitschaft vorgenommen werden. Weiterhin soll die Theorie der Schweigespirale mit Freuds massenpsychologischem Ansatz verglichen werden, der die libidinösen Bindungen zwischen den Individuen in der Masse als Basis für deren Zusammenhalt und entsprechende Anpassung des Einzelnen erkennt.
Schlagworte
Denn, Liebe, Schweigespirale, Elisabeth, Noelle-Neumann, Licht, Ansätze, Siegmund, Freud, Wirkmechanismen, Propaganda
Arbeit zitieren
Stefan Zeidler (Autor), 2005, Denn sie tun es aus Liebe - Die Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann im Licht der massenpsychologischen Ansätze von Siegmund Freud, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58037

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