Annibale Carracci und die Melancholie


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung in das Thema

2. Die Melancholie
2.1 Die Temperamentslehre
2.2 Die Bewertung des Melancholischen

3. Annibale Carracci
3.1 Leben und Wirken
3.2 Wesen

4. Annibale Carracci und die Melancholie

1. Einführung in das Thema

Die Legende vom seltsamen Künstler lebt. Die Vorstellung, schöpferische Arbeit in Farbe und Form ginge zwangsläufig einher mit einer Reihe an Eigenartigkeiten, die wiederum den künstlerischen Geist erst ausmachten, ist ebenso alt wie aktuell.

Ein einheitliches Klischee, eine genaue Definition dessen, was den Künstler zum gesellschaftlichen Sonderfall in jeder Hinsicht werden lässt und seit jeher werden ließ, ist allerdings schwerlich auszumachen. Die Bandbreite der angeführten Sonderbarkeiten groß. Von einer exzentrischen Ader war und ist da die Rede, von selbstzerstörerischen Tendenzen, Wankelmut (stets himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt), von innerer Unruhe und der allgemeinen Neigung zum Extremen.

Von all jenen Wesenszügen, die Künstlern in Vergangenheit und Gegenwart zugeschrieben wurden und werden, beschäftigt sich dieser Text mit der Melancholie.

Im Folgenden soll die Bedeutung des melancholischen Temperaments im Bereich der Kunst skizziert und der Begriff des melancholischen oder auch saturnischen Künstlers erläutert werden. Anschließend gilt es der Frage nachzugehen, inwieweit Annibale Carracci angesichts seines Wesens und Wirkens als Stereotyp und Inbegriff eines solchen gelten kann.

2. Die Melancholie

2.1 Die Temperamentslehre

Der Melancholiebegriff hat seine Ursprünge im Griechenland des 5. Jhs. v. Chr. und ist im größeren Kontext der vermutlich von Hippokrates begründeten Temperamentslehre zu sehen. Jene stellt den Versuch dar, eine Verbindung zwischen körperlichen Merkmalen des Menschen einerseits und dessen psychischen Dispositionen andererseits herzustellen.[1] Als Grundannahme der hippokratischen Theorie kann die Zusammensetzung des menschlichen Körpers aus vier verschiedenen Säften gelten, welche im Idealfall zu gleichen Anteilen vorhanden sind. Während die Ausgewogenheit von Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim - so die Vermutung - physisches wie psychisches Wohl garantiert, wirkt sich das Überhandnehmen einer oder mehrerer Substanzen dagegen negativ auf die Gesundheit des Menschen aus.[2]

Ausgehend von diesem Ansatz erfuhr die Lehre von den Temperamenten im Laufe der Zeit eine ständige Erweiterung und Ausdifferenzierung. Als für diese Entwicklung maßgeblich muss Galen, ein Arzt des 2. Jhs. n. Chr., gelten. Erste umfangreichere Systematisierungsversuche, die einen direkten Zusammenhang zwischen dem Überschuss eines bestimmten Körpersaftes und speziellen charakterlichen Folgen postulieren, haben ihn zum Autor.[3] Noch in der Antike wird das Schema Galens weiter verdichtet, ein Prozess, an dessen Ende die feste Unterscheidung von vier Menschentypen steht, die sich aufgrund der jeweils dominierenden Körpersäfte im Hinblick auf Physiognomie und Geisteswesen unterscheiden: der vom Blut durchströmte Sanguiniker, der gelbgallige Choleriker, der vom Schleim durchzogene Phlegmatiker und der schwarzgallige - hier im Vordergrund stehende - Melancholiker.[4]

2.2 Die Bewertung des Melancholischen

Die Melancholie wurde zu verschiedenen Zeiten mitunter völlig unterschiedlich interpretiert und bewertet. Während zunächst nach hippokratischer Auffassung jedweder Überschuss eines Körpersaftes negative Folgen hatte, findet bereits bei Aristoteles eine deutliche Aufwertung des Melancholischen statt. Zwar meint auch der Philosoph im extremen Überschuss an schwarzer Galle, der sich beispielsweise in Form von Depressionen äußern könne, eine ernste Gefahr zu erkennen, doch scheint diese nunmehr lediglich eine Frage der Dosierung. So geht Aristoteles davon aus, dass ein moderates Vorherrschen des dunklen Safts mit „überragender Begabung für Künste und Wissenschaften“[5] einhergehe, ja gewissermaßen sogar Vorraussetzung sei für den Erfolg in philosophischen, politischen, poetischen und Kunstangelegenheiten. Mit dieser Behauptung waren die Vorraussetzungen für das Konzept des melancholischen Künstlers, einer Verbindung von Melancholie -und Geniebegriff, geschaffen.[6]

Die eher positive oder doch wenigstens neutrale Wertung der Melancholie ist noch bei Galen auszumachen. In der Folgezeit wird das einst gepriesene Temperament dann allerdings zunehmend in negatives Licht gerückt, ein Trend, der nicht nur für die Spätantike, sondern auch für das gesamte Mittelalter kennzeichnend sein wird.[7]

Immer mehr wird die Melancholie nun als Krankheit, der mittlerweile klarer definierte Typus des Melancholikers als körperlich wie geistig gestörte Persönlichkeit verstanden, welche sich lediglich durch Hinterlist, Neid, Geiz, Kleinmut, Misanthropie und Furchtsamkeit hervortut.[8] Des weiteren ist im Verständnis eine Verschmelzung des melancholischen mit dem phlegmatischen Temperament festzustellen.[9] Dies bringt dem Melancholiker nicht nur den Makel der angeblichen Gesetztheit ein, sondern rückt ihn auf diese Weise auch noch in die Nähe der Trägheit, eine der sieben Todsünden. Die Gegnerschaft der Kirche war jenen Menschen, in welchen ein Überschuss an schwarzer Galle vermutet wurde, somit wohl gewiss.

Die Rehabilitierung der Melancholie ist im geistesgeschichtlichen Kontext des florentiner Humanismus zu sehen und fest mit einem Namen verknüpft. Der toskanische Arzt und Philosoph Marsilio Ficino ist es, der dem melancholischen Temperament nicht nur zu altem aristotelischem Glanz verhilft, sondern es sogar noch darüber hinaus glorifiziert. In seinem dreiteiligen Werk De vita triplici, das im Zeitraum zwischen 1482 und 1489 entsteht, erkennt er die Melancholie in ihrer ursprünglichen Zwiespältigkeit als jene gefährliche Gabe, welche den Literaten und Studierten zu Eigen ist. Diese kann zwar im schlimmsten Falle in Depression und Verzweiflung stürzen, ermöglicht es aber gleichzeitig einen Zustand göttlicher Vollendung zu erlangen.[10] Ficino ist der erste, der die aristotelische Melancholievorstellung mit Platons Konzept des Enthusiasmus verband. Aus dieser Symbiose aus melancholischer Begabung und dem göttlichen Wahn (furor divinus) als Ausbruch purer schöpferischer Kraft geht das moderne Genie hervor.[11]

Die Nobilitierung der Melancholie durch den Neuplatonist Ficino geht einher mit der Ehrenrettung und Wiederaufwertung des antiken Gottes Chronos bzw. Saturn. Zwischenzeitlich verpönt als kinderfressender Widerling hielt nun wieder die ursprünglichere „Saturnauffassung [Einzug], nach der der höchste der Planeten auch die höchsten und edelsten Kräfte der Seele, Vernunft und Denkvermögen, bedeutet und spendet.“[12] Solch positive Aspekte wie die besondere Fähigkeit zur hochgeschätzten Kontemplation ergänzten sich mit weiter bestehenden negativen Eigenschaften in einer Weise, dass die Gottheit letztendlich genau jene Bipolarität und Zwiespältigkeit verkörperte, die man im melancholischen Charakter angelegt sah.[13] Und so ist Saturn, der bereits im Zuge einer erstarkenden Astrologie und dem damit verbundenen Glauben an die weitreichende Determinierung des Menschen durch Sternenkonstellationen zum Planetengott und Schutzpatron jener geworden war, die das Licht der Welt in seinem Zeichen erblickt hatten, bald der Inbegriff des Melancholikers.[14]


[...]

[1] Klibansky, R., Panofsky, E. & F. Saxl: Saturn und Melancholie (2. Aufl.), Frankfurt a. M. 1990, S. 110.

[2] Wittkower, R. & M.: Künstler. Außenseiter der Gesellschaft, Stuttgart 1989, S. 120.

[3] Klibansky et al., S. 113-114.

[4] Klibansky et al., S. 116-117.

[5] Wittkower, S. 120.

[6] Wittkower, S. 120-121.

[7] Vgl. Klibansky et al., S. 118-122; Wittkower, S. 121.

[8] Klibansky et al., S. 124-125.

[9] Klibansky et al., S. 122.

[10] Vgl. u .a. Klibansky et al., S. 358-367.

[11] Vgl. Klibansky et al., S. 360-362; Wittkower, S. 120-121.

[12] Klibansky et al., S. 358.

[13] Klibansky et al., S. 364- 367.

[14] Wittkower, S. 121-122.

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Details

Titel
Annibale Carracci und die Melancholie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kunstgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V58078
ISBN (eBook)
9783638523684
ISBN (Buch)
9783638752404
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Annibale, Carracci, Melancholie
Arbeit zitieren
Julian Opitz (Autor), 2004, Annibale Carracci und die Melancholie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58078

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