Der Narzissmus-Begriff wird, um eine Gobeinteilung vorzunehmen, einerseits im Sinne einer pathologischen Selbstverliebtheit und andererseits als ein System, zur Regulation des Selbstwertgefühls verwendet. Im Zuge dieser Arbeit wird sich der Autor anhand der von Margaret S. Mahler (u. a.) entworfenen psychoanalytischen Theorie zur frühkindlichen Entwicklung, mit einem Narzissmus-Konzept auseinandersetzen, das dem letzteren Ansatz folgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Hypothesen zur conditio humana
2. Eine psychoanalytische Theorie zur frühkindlichen Entwicklung
2.1 Anpassung
2.2 Objektbeziehung
3. Der primäre Narzissmus als Vorläufer zur psychischen Geburt
3.1 Autistische Phase – der absolute primäre Narzissmus
3.2 Die symbiotische Phase – das aufkeimen des sekundären Narzissmus
4. Die psychische Geburt des Menschen
4.1 Die Differenzierung – das psychische Ausschlüpfen (5.-10. Monat)
4.2 Übung – ein Liebesverhältnis mit der Welt eingehen (10.-14. Monat)
4.3 Wiederannäherung – die optimale Distanz zur Mutter finden (15.-24. Monat)
4.4 Individuation – das erreichen von Individualität und Objektkonstanz (3. Lj.)
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Grundlage der entwicklungspsychologischen Theorie von Margaret S. Mahler den Zusammenhang zwischen dem Prozess der Individuation und der Dynamik des Narzissmus im Kindesalter. Dabei wird nachgewiesen, wie der obligatorische Drang nach Selbstverwirklichung und psychischer Geburt während der ersten drei Lebensjahre die Persönlichkeitsentwicklung prägt und wie sich in der Matrix der Mutter-Kind-Beziehung ein gesundes Selbstwertgefühl konstituiert.
- Psychoanalytische Grundlagen der frühkindlichen Entwicklung
- Die Phasen des primären und sekundären Narzissmus
- Der psychische Geburtsprozess: Loslösung und Individuation
- Die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung und emotionalen Verfügbarkeit
- Entwicklungsschritte zur Objektkonstanz und Individualität
Auszug aus dem Buch
4.2 Übung – ein Liebesverhältnis mit der Welt eingehen (10. – 14. Monat)
Es ist zu beobachten, dass das Kind, das gern „flügge“ werden möchte, sich seiner keimenden Beziehung zur nicht-mütterlichen Welt gern überlässt. Die wachsende Fortbewegungsfähigkeit in der frühen Übungsphase erweitert die Welt des Kindes; es kann nun Entfernung oder Nähe zur Mutter nicht nur aktiver bestimmen, auch die Modalitäten, die bisher zur Erforschung der relativ vertrauten Umwelt benutzt wurden, konfrontieren es plötzlich mit einem größeren Segment der Realität – es gibt mehr zu sehen, zu hören, zu berühren. Wie diese neue Welt erlebt wird, scheint in subtiler Weise mit der Mutter zusammenzuhängen, die noch immer den Mittelpunkt des kindlichen Universums bildet, von dem aus es sich nur nach und nach in immer weitere Kreise hinauswagt.
Das Kind lernt sich fortzubewegen (robben, krabbeln, laufen) und kann seine Trennung durch diese erworbenen Fähigkeiten üben. Mahler stellte unterdessen fest, dass die Kinder, die den besten „Entfernungskontakt“ mit der Mutter hatten, diejenigen waren, die sich am weitesten von ihr fortwagten. Ab einem Alter von ca. 10 Monaten lässt sich feststellen, dass sich Kinder in die Übungsperiode hineinentwickeln, indem sie ihren motorischen Funktionen und anderen autonomen Ich-Funktionen große Aufmerksamkeit zuwenden. Sie sind dann in der Lage, sich über relativ lange Zeitspannen hindurch fröhlich mit der Erforschung der physischen Umwelt zu beschäftigen. Nur gelegentlich kehren sie, zum Zwecke emotionalen Auftankens, zur Mutter zurück.
Das hervorstechende Merkmal der Übungsperiode ist die starke narzisstische Besetzung, die das Kind seinen Funktionen, seinem Körper sowie den Objekten und Zielen der expandierenden „Realität“ zukommen lässt. Es erfolgt in dieser Zeit also eine libidinöse Besetzung der nicht-mütterlichen Welt sowie der autonomen Ich-Funktionen mit (gesundem) sekundärem Narzissmus. Während dieser Phase, so Mahler, gehört dem Kind die Welt. „Die libidinöse Besetzung verschiebt sich im wesentlichen zugunsten des rasch wachsenden autonomen Ichs und seiner Funktionen, und das Kind scheint von seinen Fähigkeiten und der Größe seiner Welt beraucht. Der Narzißmus ist auf dem Höhepunkt!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hypothesen zur conditio humana: Vorstellung der Forschungsansätze von Mahler und Kollegen zur Universalität des Loslösungs- und Individuationsprozesses bei Kleinkindern.
2. Eine psychoanalytische Theorie zur frühkindlichen Entwicklung: Erläuterung der zentralen Begriffe Anpassung und Objektbeziehung als Grundpfeiler für den Verlauf der psychischen Geburt.
3. Der primäre Narzissmus als Vorläufer zur psychischen Geburt: Untersuchung der autistischen und symbiotischen Phasen, in denen das Kind noch nicht zwischen Selbst und Objekt unterscheidet.
4. Die psychische Geburt des Menschen: Detaillierte Analyse der vier Subphasen – Differenzierung, Übung, Wiederannäherung und Individuation – auf dem Weg zur autonomen Persönlichkeit.
Schlüsselwörter
Narzissmus, Individuation, Loslösung, Kleinkindentwicklung, Margaret S. Mahler, Objektbeziehung, Selbstwertgefühl, Symbiose, Psychische Geburt, Autonomie, Objektkonstanz, Identitätsentwicklung, frühkindliche Bindung, Narzisstische Regression, Autistische Phase.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die frühkindliche Entwicklung unter dem speziellen Fokus des Narzissmus-Konzepts und des Prozesses der psychischen Geburt, wie er von Margaret S. Mahler definiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Loslösung des Kindes von der symbiotischen Mutter-Kind-Einheit, die Entwicklung des Ichs sowie die Entstehung eines gesunden Selbstwertgefühls.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Kind durch vier definierte Subphasen hindurch eine individuelle Einheit wird und welche Rolle der Narzissmus bei der Regulation des Selbstwertes dabei spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die psychoanalytische Theorie zur frühkindlichen Entwicklung, basierend auf empirischen Längsschnittuntersuchungen von Margaret S. Mahler und ihren Mitarbeitern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen sowie die detaillierte Beschreibung des psychischen Geburtsgeschehens vom Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Narzissmus, Individuation, Loslösung, Objektbeziehung und Objektkonstanz.
Was unterscheidet den primären vom sekundären Narzissmus laut Text?
Der primäre Narzissmus beschreibt den frühen Zustand der Verschmelzung ohne Differenzierung, während sich der sekundäre Narzissmus als System zur Selbstwertregulation parallel zur Ausbildung des Ichs und der Objektbeziehungen entfaltet.
Welche Bedeutung hat die Wiederannäherungskrise?
Sie stellt einen entscheidenden Wendepunkt dar, an dem das Kind zwischen dem Wunsch nach Autonomie und der Sehnsucht nach symbiotischer Verschmelzung schwankt und die Integration von Selbst und Objekten erlernen muss.
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- Klaus Itta (Author), 2005, Individuation und Narzissmus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58128