Die aktuellen Ergebnisse der Pisa- und Iglustudien haben den Reformdiskussionen um die Schule der Zukunft neue Impulse gegeben. Wer jedoch nach grundlegend neuen Konzepten sucht, wird sich schwer tun, denn alles scheint schon einmal da gewesen zu sein. Die Experten scheinen jedoch darin einig zu sein, dass die Bedingungen für Persönlichkeitsentwicklung und effektiveres Lernen in der zukünftigen Schulwirklichkeit dringend verbessert werden müssen. Wie dies jedoch nach dem Pisa-Schock durch immer wieder geforderte Qualitätssicherungsmaßnahmen in Form stärkerer Leistungsüberwachung geschehen soll, bleibt äußerst fraglich und ruft etablierte Reformpädagogen wie Hartmut von Hentig und Enja Riegel, die für deutlich weiter gehende Veränderungen plädieren, auf den Plan.
Bei einer Vielzahl von Kritikern am heutigen Schulsystem wird immer wieder Klage geführt, dass Schule in der jetzigen Form zu wenig praxisnah sei und dass beim Lernstoff in der Regel der Lebenssinnzusammenhang fehle, was wiederum die Schülermotivation minimiere. Auch die Kommunikation werde durch den nach wie vor großen Anteil des Frontalunterrichts eher gehemmt als gefördert, und schließlich bleibe die Hauptaufgabe, Selbstbewusstsein und Persönlichkeit zu fördern, weit hinter dem Anspruch an die Leistungsfähigkeit der Schüler zurück.
Untersuchungen, die sowohl an der Helene-Lange-Schule (HLS) in Wiesbaden als auch an der Laborschule Bielefeld durchgeführt wurden, belegen, dass ein höherer Anspruch an die Persönlichkeitsentwicklung, z. B. im Rahmen ästhetischer Bildung, trotz Reduzierung des Fachunterrichts nicht zu schlechteren Leistungen führen muss.
Will man den Ergebnissen der Pisa-Studie an der Helene-Lange-Schule Glauben schenken, so könnte man die These aufstellen, dass es gerade mit diesem Bildungsschwerpunkt möglich war, unter den Gesamtschulen Testsieger zu werden.
Was ist nun das Besondere an der Reformschule in Hessen, deren Schulleiterin, Enja Riegel, die provokante These aufstellt: „Theater macht gut in Mathe.“?
Bei genauerer Betrachtung der pädagogischen Arbeit fällt auf, dass die Herstellung von Öffentlichkeit eine besondere Rolle einnimmt und gezielt in der pädagogischen Praxis eingesetzt wird.
Wie und mit welchem Erfolg dies bisher geschehen ist und wie es möglich war, dass diese Schule trotz einer Verminderung des Fachunterrichts um ein Drittel der Stundenzahl an die Spitze der deutschen Gesamtschulen vorstoßen konnte, sollen die Kernfragen dieser Arbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Lernpsychologische Grundlagen
2.1 Grundbedingungen effizienten Lernens
2.2 Lernmotivation
2.3 Flow-Erlebnisse als Handlungsmotivation
3 Pädagogische Grundlagen
3.1 Erfahrungslernen nach Freinet
3.2 Praxislernen
3.3 Lernen im LdL-Verfahren
3.4 Schule als Polis
4 Theaterpädagogische Überlegungen
4.1 Möglichkeiten theaterpädagogischer Arbeit
4.2 Ästhetisches und psychosoziales Erfahrungsspektrum
4.3 Öffentlichkeit als Motor der Theaterarbeit
4.4 Theaterpädagogische Spielformen
4.4.1 Erfahrungslernen im Szenischen Spiel
4.4.2 Forumtheater als Instrument politischer Bildung in der Schule
5 Herstellung von Öffentlichkeit an der Helene-Lange-Schule
5.1 Formen von Öffentlichkeit
5.2 Pädagogische Grundsätze
5.2.1 Veröffentlichung schulischer Leistung
5.2.2 Wirtschaftlichkeit
5.2.3 Einbindung von Fachleuten
5.3 Innerschulische Lernfelder
5.3.1 Für andere lesen und schreiben
5.3.2 Schüler als Lehrende
5.3.3 „Radio Aktiv“
5.4 Raus aus der Schule – Lernen in Ernstsituationen
5.4.1 Forschungsreisen statt Klassenfahrten
5.4.2 Praktika
5.4.3 Das Sozialpraktikum
5.5 Schule als Erfahrungsraum politischer und sozialer Verantwortung
5.5.1 Montag-Morgen-Kreis
5.5.2 Das Nepal-Projekt
5.6 Theaterarbeit an der HLS
5.6.1 Professionelle Theaterarbeit
5.6.2 Thematische Theaterarbeit
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die Herstellung von Öffentlichkeit an der Helene-Lange-Schule (HLS) als pädagogisches Prinzip eingesetzt wird, um die Persönlichkeitsentwicklung und die Lernmotivation der Schüler nachhaltig zu fördern.
- Rolle der Öffentlichkeit als pädagogisches Prinzip
- Lernpsychologische und pädagogische Grundlagen des Erfahrungslernens
- Theaterpädagogik als Instrument zur Förderung sozialer Kompetenzen
- Praxisbeispiele zur Herstellung von Öffentlichkeit an der HLS (z.B. Projekte, Praktika, Theaterarbeit)
- Vergleich mit reformpädagogischen Konzepten (z.B. Laborschule Bielefeld, Freinet-Pädagogik)
Auszug aus dem Buch
4.3 Öffentlichkeit als Motor der Theaterarbeit
Schüler stehen beim Veröffentlichen von Lernprodukten, sei es ein Referat, eine Kurzgeschichte, ein handwerklich gestaltetes Objekt oder eine Darbietung künstlerischer Natur, immer im Mittelpunkt des Lernprozesses. Sie steuern ihre Tätigkeit selbst, haben gewisse Freiheiten und den Anspruch, ein möglichst gutes Produkt zu präsentieren, so dass das natürliche, innewohnende Bedürfnis nach Selbstausdruck und der Wunsch nach Anerkennung die Handlung vorantreibt. Dies gilt insbesondere für Produkte ästhetischer Natur und soll am Beispiel des Theaterspiels bzw. der Theaterarbeit erläutert werden. Im Theaterspiel kommt es durch den persönlichen Bezug und die freien Gestaltungsmöglichkeiten zu intrinsischer Motivation, die sich durch einen autotelischen Charakter kennzeichnen lässt. Gespielt wird also, weil dass Spielen oder die künstlerische Gestaltung selbst Freude bringt.
Extrinsische Motive rücken zu Beginn eines Theaterprojektes zunächst in den Hintergrund. Das ist darin begründet, dass sich die Spieler vor dem zielgerichteten Inszenierungsprozess erst selbst besser kennen lernen müssen. Dies wird im Rahmen zahlreicher Übungen erreicht, in denen sie ihre Wahrnehmung schulen und ihr Körpergefühl sensibilisieren können, um sich später möglichst intensiv in eine Figur einfühlen und diese verkörpern zu können. Bei der Entdeckung der eigenen Ausdrucksmöglichkeiten in Form von Körpertraining, Stimmtraining, Rhythmusübungen etc. wird seitens der Spieler immer wieder von Gefühlen der Freiheit berichtet, die unter anderem auf die Bewusstwerdung erweiterter Ausdrucksmöglichkeiten zurückzuführen sind. Die im Rahmen künstlerischer Betätigung möglichen Flow-Erlebnisse sind ein weiterer Anreiz, der sich motivierend auswirkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet aktuelle Reformdiskussionen nach den Pisa-Studien und führt in die These ein, dass die Herstellung von Öffentlichkeit an der Helene-Lange-Schule eine zentrale Rolle für den Schulerfolg spielt.
2 Lernpsychologische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert Bedingungen erfolgreichen Lernens, motivierende Lernfaktoren sowie die Bedeutung der Flow-Erfahrung als Antriebskraft für intrinsisch motiviertes Handeln.
3 Pädagogische Grundlagen: Hier werden theoretische Ansätze wie das Erfahrungslernen nach Freinet, das LdL-Verfahren und das Konzept der Schulpolis der Laborschule Bielefeld als theoretisches Fundament der Arbeit dargestellt.
4 Theaterpädagogische Überlegungen: Es wird untersucht, wie Theaterarbeit als Medium der Persönlichkeitsentwicklung und als Übungsfeld für soziale Interaktionen in der Öffentlichkeit genutzt werden kann.
5 Herstellung von Öffentlichkeit an der Helene-Lange-Schule: Der Hauptteil analysiert die konkrete Umsetzung des Öffentlichkeitsprinzips an der HLS durch Unterrichtsformen, Projekte, Praktika und theaterpädagogische Arbeit.
6 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass eine konsequente Öffnung der Schule die Lernmotivation und das Selbstbewusstsein der Schüler nachhaltig stärkt und als beispielhaft für eine zukunftsorientierte Schulentwicklung gilt.
Schlüsselwörter
Öffentlichkeit, Helene-Lange-Schule, Theaterpädagogik, Erfahrungslernen, Persönlichkeitsentwicklung, Lernmotivation, Reformpädagogik, Praxislernen, Szenisches Spiel, Forumtheater, Selbstverantwortung, Schulkultur, Sozialpraktikum, LdL, Demokratieerziehung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das pädagogische Prinzip der „Herstellung von Öffentlichkeit“ an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden und analysiert, wie dieses Prinzip zur Verbesserung der Lernmotivation und Persönlichkeitsentwicklung der Schüler beiträgt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder umfassen lernpsychologische Grundlagen (wie Flow), pädagogische Konzepte der Reformpädagogik, theaterpädagogische Methoden sowie die konkrete Schulpraxis der HLS (Projekte, Praktika, Unterrichtsgestaltung).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, welchen Stellenwert Öffentlichkeit in der pädagogischen Arbeit der HLS einnimmt und welche Vorteile sich daraus für effizientes Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und einer deskriptiven Untersuchung der Schulpraxis an der HLS, ergänzt durch die Einbeziehung von Fachpublikationen, Filmaufnahmen und Berichten der Involvierten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch pädagogische Grundlagen und theaterpädagogische Überlegungen sowie die detaillierte Analyse der Praxis der HLS, inklusive der Einbindung von Fachleuten und Lernfeldern außerhalb der Schule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Öffentlichkeit, Theaterpädagogik, Erfahrungslernen, Persönlichkeitsentwicklung, Praxislernen und Selbstverantwortung.
Wie genau fördert die HLS die Selbstverantwortung der Schüler?
Dies geschieht unter anderem durch das „Helferprinzip“, das eigenständige Putzen der Klassenräume, die Übernahme von Lehrfunktionen durch Schüler (LdL) und die Durchführung selbstorganisierter Forschungsreisen ohne ständige Lehrerbegleitung.
Warum spielt Theater an der HLS eine so wichtige Rolle?
Theater dient als Medium der Selbsterkundung und sozialen Interaktion. Es ermöglicht den Schülern, im Schutz von Rollen komplexe Themen zu bearbeiten, ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern und im Kontakt mit der Öffentlichkeit ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
- Quote paper
- Stefan Kappenberg (Author), 2006, Herstellung von Öffentlichkeit als pädagogisches Prinzip auf der Grundlage theaterpädagogischer Überlegungen am Beispiel der Helene-Lange-Schule Wiesbaden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58139