André Gide und der Kommunismus


Hausarbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Historischer und biographischer Hintergrund

Gides Weg zum Kommunismus

Gides Kommunismus

Die Reise in die Sowjetunion

Die Rückkehr aus der Sowjetunion

Fazit

Literatur

Einleitung

Das Verhältnis von Freiheit und Individuum ist eines der zentralen Motive in Gides Werk. Der Einzelne, der sich von gesellschaftlichen Konventionen und ihm auferlegter Moral löst und sich auf seinen eigenen Geist, seine innere Weisheit besinnt – das ist André Gides Ideal des freien Menschen. Die politische die wirtschaftliche Organisation der Gesellschaft ist für ihn dabei nur von sekundärem Interesse, d.h. nur insofern sie auf das Individuum wirkt. Und doch schließt er sich der kommunistischen Bewegung an, die sich zwar die Freiheit als Endziel auf ihre Fahnen geschrieben hat, aber dort, wo sie die Staatsmacht innehat, den Grad der Unfreiheit des Einzelnen noch erhöht und wie jede organisierte Bewegung den Einzelnen der „Sache“, d.h. einem Ziel oder einem Zweck unterordnet. Dabei ergeben sich für Gide zwei Grundprobleme, die schließlich auch zu seinem Bruch mit dem organisierten Kommunismus führen: Erstens, der Gegensatz zwischen individueller Freiheit und der Unterordnung unter einen Zweck und eine (wenn auch neue) Moral, und zweitens, der Gegensatz zwischen den Idealen einer Utopie (der Vorstellung einer idealen Gesellschaft) und der Realität.

Historischer und biographischer Hintergrund

Als sich Gide 1932 im Alter von 62 Jahren als Anhänger des Kommunismus erklärt, hat die Sowjetunion, das Land in dem der Kommunismus auf dem Wege der Verwirklichung sein soll, schon einen langen Weg hinter sich. Ging der Kommunismus bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts noch als Gespenst in Europa um, so wurde er in den 30er-Jahren salonfähig. Ziel ist nicht mehr die Ausweitung der Revolution, sondern die außenpolitische Sicherung der UdSSR durch engere Beziehungen mit den westlichen Staaten. So tritt die Sowjetunion 1934 dem Völkerbund (dem Vorläufer der Vereinten Nationen, den Lenin noch als „imperialistische Räuberhöhle“ bezeichnet hatte) bei. In gleichem Maße sucht die sowjetische Führung nach Unterstützung bei den westlichen Intellektuellen, und da der Kommunismus kein „Bürgerschreck“ mehr war, findet sie diese auch in hohem Maße. Viele Schriftsteller und Künstler erklären öffentlich ihre Unterstützung für die Sowjetunion. Zu den „Freunden der Sowjetunion“ gehören der Brite George Bernard Shaw, Leon Feuchtwanger und Heinrich Mann aus Deutschland und aus Frankreich Romain Rolland, Henri Barbusse und schließlich auch André Gide. Viele davon reisten auch wie Gide in die Sowjetunion. In anderen Teilen der Bevölkerung hat der Kommunismus ebenfalls viele Anhänger.

Auch die Krise der bürgerlichen Demokratien und des Kapitalismus seit dem Ersten Weltkrieg treiben dem Kommunismus viele Anhänger zu. Die bürgerliche Demokratie hat den gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen, die der Weltkrieg mit sich gebracht hat, wenig entgegenzusetzen und die weltweite Wirtschaftskrise trägt seit dem Ende der 20er-Jahre ebenso zur ideologischen Schwächung des Systems bei. So ist Gide 1936 der Überzeugung, dass die nationalistischen und faschistischen Kräfte, die zu der Zeit in den westlichen Ländern immer weiter um sich greifen, die Kultur gefährden und dass das „sort de la culture est lié dans nos esprits au destin même de l’U.R.S.S.“[1], und er erwartet von der Sowjetunion „un immense progrès“[2], den der Kapitalismus nicht mehr zu bieten scheint. Für Gide ist die Sowjetunion wie für viele andere ein Leuchtfeuer einer neuen, besseren und freien Gesellschaft.

In der UdSSR selbst ist Stalin spätestens seit Anfang der 30er-Jahre unumschränkter Alleinherrscher. Die wechselnden politischen Bündnisse, die er in den 20er Jahren zur Absicherung seiner Position mit verschiedenen ranghohen Bolschewiki (z.B. Sinowjew und Kamenjew) eingegangen war, hat er nicht mehr nötig. Nun geht er daran, jede Opposition, jeden der auch nur im Verdacht steht, seine Herrschaft in Frage zu stellen, zu unterdrücken. Die Moskauer Schauprozesse 1936-38 gegen die alten Kader der Kommunistischen Partei stellen nur einen traurigen Höhepunkt dar. Die Säuberungen sind permanent und allumfassend.

Diese politische und gesellschaftliche Situation allein kann jedoch Gides Engagement nicht erklären. Die Ereignisse der Oktoberrevolution haben in seinem Tagebuch, dem Spiegel seiner Seele, kaum eine Rolle gespielt und wenn, dann keine positive. Gide war niemals ein politischer Mensch gewesen. Sein Interesse galt der menschlichen Psyche, ihrer Einengung durch gesellschaftliche Konventionen und der Emanzipation von diesen Konventionen, die für ihn individuelle Freiheit ausmachte.


[...]

[1] André Gide: Souvenirs et Voyages. Éditions Gallimard (Bibliothèque de la Pléiade): Paris, 2001, 788.

[2] Ebenda, 749.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
André Gide und der Kommunismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
André Gide und der moderne französische Roman
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V58185
ISBN (eBook)
9783638524506
ISBN (Buch)
9783640609444
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht im Kontext der Faszination, die der Kommunismus in den 1930er-Jahren auf viele westliche Intelektuelle und Künstler ausgeübt hat André Gides Verhältnis zum Kommunismus. Im Vordergrund stand für Gide dabei sein eigenes Verständnis von Humanismus, das er im Kommunismus verwirklicht sah. Als er sah, wie der real existierende Sozialismus sich immer weiter von seinen Idealen entfernte, kehrte er ihm den Rücken und blieb seinem Humanismus treu.
Schlagworte
André, Gide, Kommunismus, André, Gide, Roman
Arbeit zitieren
Jan Dreßler (Autor), 2004, André Gide und der Kommunismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58185

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