Lévi-Strauss versus Freud - Eine Gegenüberstellung des Kapitels VII 'Die archaische Illusion' bei Lévi-Strauss mit Siegmund Freuds 'Totem und Tabu'


Referat (Ausarbeitung), 2003

9 Seiten


Leseprobe

Einleitung

In dieser schriftlichen Ausarbeitung zum Referat vom 25.1.2002 soll der Versuch unternommen werden, das siebte Kapitel, ‚Die archaische Illusion’ aus Lévi-Strauss’ Buch „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“[1], Siegmund Freuds Ansichten in „Totem und Tabu“[2] einander gegenüberzustellen.

Beide Autoren untersuchen hier die abgrenzenden Bedeutungsunterschiede zwischen Natur und Kultur und bemühen sich aufzuzeigen, inwieweit das eine aus dem anderen hervorgegangen sein könnte, bzw. inwiefern das eine das andere beeinflusst haben mag. Während Freud – welcher in Bezug auf die Kulturanthropologie kein empirischer Wissenschaftler war – beständig Vergleiche zwischen dem Denken Primitiver, der Kinder und Neurotiker heranzieht um die Beziehung zwischen Ontogenese und Phylogenese der kulturellen Menschheitsentwicklung zu erklären, ist Lévi-Strauss vielmehr daran gelegen, die These, nach der diese kulturelle Entwicklung zwangsläufig alle Stadien der Entwicklung kindlichen Denkens durchläuft, zu widerlegen. An ihre Stelle setzt er die Annahme, sowohl die individuelle als auch die kulturelle Entwicklung schöpfe ihre (sie beeinflussenden und bewirkenden) Grundlagen aus einem universellen Pool an Erfahrungen und Gesetzmäßigkeiten, sodass beide Entwicklungen parallel zueinander verliefen, sich aber nicht in Abhängigkeit voneinander befänden.

Da Lévi-Strauss verschiedene (ebenfalls nicht empirisch tätige) Kulthurtheoretiker kritisiert, ist nicht immer sogleich zu erkennen, wann diese Kritik sich eindeutig gegen Freuds Ansichten wendet. Jene Textstellen, an denen Lévi-Strauss in seiner Arbeit direkt oder indirekt aber offensichtlich auf Freud Bezug nimmt, sollen hier kenntlich und hinterfragbar gemacht werden.

Abschnitt I

Im ersten Abschnitt seines Kapitels ‚Die archaische Illusion’ versucht Lévi-Strauss herauszufinden, inwieweit das kindliche Denken die Herausbildung von Kulturen beeinflusst, was er folgendermaßen definiert: „Wir meinen den Bereich des kindlichen Denkens, der allen Kulturen einen gemeinsamen und undifferenzierten Fundus an geistigen Strukturen sowie Schemata der Geselligkeit liefert, aus dem jede einzelne Kultur die Elemente schöpft, die es ihr ermöglichen, ihr besonderes Modell zu konstruieren“ (L.-S.: S.149). In „Totem & Tabu“ versucht Freud etwas ganz ähnliches: „In diesem Buche ist der Versuch gewagt worden, den ursprünglichen Sinn des Totemismus aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, in denen er in der Entwicklung unserer eigenen Kindern wieder auftaucht“ (S. F.: S.202).

Durch das Aufzeigen bestimmter kindlicher Handlungsweisen will Lévi-Strauss klarmachen, dass diese bereits eine „soziale Komponente“ enthalten, wie beispielsweise beim Schenken und dem Wunsch, Geschenke zu erhalten. Dabei sucht er nach deren Ursprung unter Zuhilfenahme der Kinderpsychologie, verwehrt sich aber dagegen, dass das kindliche Denken ein „Stadium ist, welches alle Kulturen (die von Erwachsenen gemacht werden) in ihrer Entwicklung durchlaufen. Beobachtungen durch die Kinderpsychologie zeigten – so Lévi-Strauss – „...Mechanismen, (die) Bedürfnissen und Tätigkeitsformen entsprechen, die sehr fundamental sind und aus diesem Grunde in den tiefsten Nischen des Geistes verborgen liegen“ (L.-S.: S.149). Das Kind gäbe diese Mechanismen nicht deshalb zu erkennen, „weil sein Denken ein angebliches ‚Stadium’ der geistigen Entwicklung“ darstelle, sondern „weil seine Erfahrungen weniger als die eines Erwachsenen von der besonderen Kultur beeinflusst worden sind, zu der es gehört“ (ebd.: S.149; Herv.i.O.). Bezogen auf das „Schenken“ und „Haben-wollen“ äußert Lévi-Strauss, dass

„der Wunsch nach Besitz kein Instinkt ist und niemals (oder nur äußerst selten) auf einer objektiven Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Objekt gründet“ (ebd.: S.150). Was dem Objekt seinen Wert verliehe, sei „die ‚Beziehung’ zu anderen“ (ebd.: S.150; Herv.i.O.). Einzig die Nahrung habe für den Hungernden einen inneren Wert. Daraus schlussfolgert er, „der Wunsch nach Besitz“ sei also „vor allem eine soziale Antwort“ (ebd.: S.150). Die scheinbare Großzügigkeit der Kinder bei dem Wunsch, jemandem ein besonders großes und wertvolles Geschenk zu machen, sei hingegen „nur die Transposition einer Ausgangssituation“, wobei die Kinder ständig zwischen „unsterblicher Liebe und grenzenlosem Hass“ schwankten (ebd.: S.152).

Diese Ambivalenz der Gefühle erklärt Freud wie folgt aus dem Ödipuskomplex, welcher für ihn ein Grundstadium der frühkindlichen Entwicklung darstellt und aus dem heraus er die Entstehung der Totemkultur konstruiert, deren aus ihr hervorgegangenen Tabuvorschriften in jeder menschlichen Kultur noch heute fortbestehen. „Der aus der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Hass kann sich im Seelenleben des Knaben nicht ungehindert ausbreiten, er hat mit der seit jeher bestehenden Zärtlichkeiten und Bewunderung für dieselbe Person zu kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger - ambivalenter - Gefühlseinstellung gegenüber dem Vater und schafft sich Erleichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt“ (S. F.: S.304; Herv.i.O.). Diese Verschiebung könne aber den Konflikt „nicht in der Weise erledigen, dass sie eine glatte Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt“ (ebd.: S.304). Vielmehr setze sich der Konflikt auf das Verschiebungsobjekt fort, die Ambivalenz griffe auf dieses letztere über (vgl. ebd.: S.304).


[...]

[1] Im Folgenden zitiert und im Fließtext übernommen nach: Claude Lévi-Strauss: Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft; Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1981

[2] Siegmund Freud: Totem und Tabu (1912-13)

In: Anna Freud, Ilse Gubrich-Simitis (Hg.): Siegmund Freud - Werkausgabe in zwei Bänden;

Bd. 2 „Anwendungen der Psychoanalyse“; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1978

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Lévi-Strauss versus Freud - Eine Gegenüberstellung des Kapitels VII 'Die archaische Illusion' bei Lévi-Strauss mit Siegmund Freuds 'Totem und Tabu'
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Kulturanthropologisches Seminar
Autor
Jahr
2003
Seiten
9
Katalognummer
V58200
ISBN (eBook)
9783638524636
ISBN (Buch)
9783640282036
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lévi-Strauss, Freud, Eine, Gegenüberstellung, Kapitels, Illusion, Siegmund, Freuds, Totem, Tabu, Kulturanthropologisches, Seminar
Arbeit zitieren
Marijke Lichte (Autor), 2003, Lévi-Strauss versus Freud - Eine Gegenüberstellung des Kapitels VII 'Die archaische Illusion' bei Lévi-Strauss mit Siegmund Freuds 'Totem und Tabu', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58200

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