Heinrich Wittenwiler "Der Ring" - Bearbeitung der Verse 658-1281


Seminararbeit, 2001
17 Seiten, Note: 2,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die Beichtszene
2.1. her Neithart
2.2. Die Belehrung über das Bußsakrament
2.3. Die Beichte von Lechspiss
2.4. Die Laienbeichte
2.5. Die Beichte von Heintzo

3. Neithart belehrt Bertschi

4. Die Turnierlehre

5. Das Turnier

6. Das nachturner

7. Das Turnier zwüschen eseln und den rossen

8. Schlusswort

9. Anmerkungen

10. Literaturangabe

1. Vorwort

Also leit des ringes frucht

An hübschichait und mannes zucht,

An tugend und an frümchät.

[...]

Sprach Hainreich Wittenweilär. (Vers29ff/ Vers 52)

Mit diesem Zitat aus dem Prolog zu Der Ring von Heinrich Wittenwiler beschreibt der Autor selbst den Wert seines Werkes. Er spricht von hübschichait, mannes zucht, tugend und frümchät womit er auf das höfische Wesen, männliche Erziehung sowie auf Tugend und Tüchtigkeit verweist. Um diese zentralen Begriffe des Spätmittelalters ist Der Ring konzipiert. Er entstand vermutlich etwa um 1408/10 zu Lebzeiten des Konstanzer Bischofs Albrecht Blarer, da sich im Ring Wiederspiegelungen der Sichtweise des Bischofs, besonders bei der Darstellung der Bauern, finden lassen. Die Forschung zu diesem spätmittelalterlichen Werk konnte aufgrund einiger zeitgenössischer Zeugnisse die beruflichen Tätigkeiten des maister Heinrich von Wittenwile nachweisen. Als adliger Advokat trat er später als Hofmeister in den Dienst des Bischofs von Konstanz, wo er vermutlich auch den Ring verfasst hat. Wittenwiler lebte in einer schwierigen Zeit. Es herrschten Spannungen zwischen dem Patriziat und den Zünften, als auch zwischen den geburen ( Bauern) und dem Adel, was sich schließlich zum Appenzellerkrieg Anfang des 15. Jahrhunderts ausweitete. So scheint es kaum verwunderlich, dass Wittenwiler als Adliger im Ring den Bauernstand in den Mittelpunkt des Geschehens stellt und ihn zum Objekt zahlreicher Belehrungen macht.

In den Rahmen eines dörflichen Liebes- und Hochzeitsschwank des Spätmittelalters werden diese Belehrungen aus den Verschiedensten Bereichen des Lebens, der Theologie, der Minne, der Ritterschaft usw. eingebettet.

2. Die Beichtszene (Vers 658-829)

Wittenwilers Werk hat seiner Aussage nach mehrere Funktionen. Es schildert der welte lauff und lert auch wol (Vers 11), aber es unterhält zudem durch Passagen mit viel Witz, Scherz und Parodie. Um ernste und witzige Stellen für den Leser auseinanderzuhalten, signalisiert er diese durch verschiedene Farblinien: Die rot die ist dem ernst gemain/ Die grüen ertzaigt uns törpelleben (Vers 43f).

In der folgenden Beichtszene finden sich einige dieser rot markierten Stellen, die dem Leser den belehrenden und ernsthaften Charakter dieser Passagen verdeutlichen sollen.

2.1. her Neithart

Der Protagonist der Beichtszene ist Herr Neithart. In ihm kann man auch den Auslöser der Szene sehen. Die erneute Provokation der gpauren durch die vorgetäuschte Flucht Neitharts veranlasst diese, ihm eiligst hinterher zu jagen, wobei sich zwei der Bauern, Pentz und Jächel, zu Tode stürzen. Daraufhin lassen die anderen entsetzt von ihrer Verfolgungsjagd auf Neithart ab. Es vollzieht sich abrupt ein Stimmungsumschwung bei den Bauern. Ihr anfänglicher Zorn auf den Fremden ist vergessen und die sünd die ward seu reuwen (Vers 660). Immer wieder provoziert Neithart, eingeführt als ein ritter chloug/ Der allen törpeln hass troug (Vers 159f), also ein listiger Ritter und Bauernfeind, die gpauren zum Kampf, er verspottet und demütigt sie, ohne dass sie es jedoch bemerken. Lediglich Bertschi ( Vers 537-544) durchschaut den listigen fuchs wild ( Vers 644). Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Superbia der Bauern, die in der Imitation des Adelsstandes beim Turnier gründet, zu entlarven und sie als komische Figuren erscheinen zu lassen. Neithart an sich ist kein komischer Charakter, aber auch kein Vertreter der wîsheit, da er durch sein provokantes Verhalten die Bauern bewusst schädigt und schwer verletzt. Der Stimmungsumbruch der Bauern spiegelt sich zudem in der Art der Titulierung Neitharts wieder. Zunächst ritter chloug, wicht (Vers 408) oder fuchs wild genannt, so erlangt er zu Beginn der Beichtszene mit herr von frömden landen (Vers 662) einen der höchsten Titel des Mittelalters. Eine weitere Erhöhung neben dem Titel erhält er durch die Bemerkung der Bauern ir seit des heiligen gaistes vol (Vers 667), da diese Eigenschaft nur Gott oder die Geistlichen besitzen können.

Die Figur des Neithart im Ring war zur Zeit Wittenwilers eine beliebte literarische Schwankfigur. Sie gründet sich auf den Ritter und Minnesänger Neidhart von Reuenthal ( ca. 1180-ca. 1240), der in seiner Dichtung erstmals den Bauernstand lächerlich und verachtend darstellte.

2.2. Die Belehrung über das Bußsakrament (Vers 673-679)

Nachdem die Bauern vom Angriff auf Neithart abgelassen haben, flehen sie nun den Gast um die Vergebung ihrer Sünden an:

Vergebt uns unser bosshait!

Sie reuwt uns ser und ist uns laid (Vers 664f)

An diese Bitte schließt sich in der Antwort Neitharts die erste rot markierte Stelle, also demnach ernste Belehrung in den Versen 673-679 an. Fast andachtsvoll und predigend erläutert er den Bauern das Bußsakrament gemäß der heiligen Schrift:

Die sünd ich nit vergeben mag

Ane reuw und peicht und puoss,

Die der sünder tuon mouss (Vers 675-677)

Er betont, dass ihre Sünden nur dann vergeben werden können, wenn sie vorher bereuen und nachfolgend büßen. Die Theologen zur damaligen Zeit forderten nämlich zur wahren Reue die Ablegung der Beichte als ein äußeres Zeichen der Reue, als Bedingung der Absolution und als eine Voraussetzung der Bußauflage [1]. Die Buße (poenitentia) im Allgemeinen galt als Sakrament, das nach dem Bekenntnis (Beichte; confessio) und nach gezeigter Reue (contritio) unter Auferlegung von Bußwerken durch die Absolution des Priesters gespendet wurde.

An die Worte Neitharts schließen sich neben einem grossen Jammern und Wehklagen Andachtsübungen an. Haintzo sinkt zu Boden und Lechspiss blickt gen Himmel um Gott anzurufen. Diese scheinbar übertriebene Reaktion der Bauern ( Vers 680ff) entspricht aber durchaus den Beichtgepflogenheiten des Mittelalters.

Diese Belehrung über das Bußsakrament kann als Anspielung auf die damals herrschende Lehrmeinung der Kirche verstanden werden, die Papst Eugen IV. im Decretum pro Armenis im Jahre 1430 veröffentlicht hat. Wichtig hierbei sind die drei zentralen Begriffe reuw, peicht und puoss, die im zweiten Teil ( Vers 4085-4093) von Wittenwiler nochmals aufgegriffen werden, was den ernsthaften Charakter dieser Passage deutlich unterstreicht.

2.3. Die Beichte von Lechspiss (Vers 700-780 )

Mit der Bitte (Vers 700-703) von Lechspiss an Neithart, sein Sündenbekenntnis anzuhören, wobei er den Wunsch äußert, der buoss genug ( Vers 702) zu bekommen, da er ane fuog (Vers 703) gesündigt hätte, beginnt nun die eigentliche Beichtszene. Eine derartige Bitte um Anhörung der Sünden war beim Beichtzeremoniell zur damaligen Zeit ebenfalls üblich. Seit dem 12. Jahrhundert gilt das Sündenbekenntnis als der wichtigste Teil der Buße, dem sich unmittelbar die Absolution anschließt. Das Bußwerk folgt dann erst nach erteilter Absolution [2]. Neithart schlüpft somit kurzerhand in die Rolle des peichter und beginnt an einem eher ungewöhnlichen Ort, nämlich in einer Wiese, durch die Segnung der Bauern mit einem Kreuzzeichen, die Beichte abzunehmen. Dabei spricht er einen frommen Wunsch, indem er ein sehr wichtiges Zitat aus der Bibel völlig verzerrt:

Und sprach: ´Durch got, der häw und stro

Geschaffen hat, und durch den gaist

Sag mir alles, daz du waist!` ( Vers 709ff)

Das richtige Zitat Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat formuliert Neithart um, indem er Himmel und Erde durch häw und stro, also durch Erzeugnisse des Bauern, ersetzt. Er macht sich erneut über die Bauern lustig und lässt sie dabei äußerst komisch wirken. Desweiteren muss man sich fragen, ob Wittenwiler an dieser Stelle Zweifel am christlichen Glauben hegt oder ob diese Verzerrung möglicherweise blasphemischen Charakter besitzt. Ernsthaftigkeit einer Belehrung und Spott liegen hier jedenfalls sehr nahe beieinander.

[...]

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Details

Titel
Heinrich Wittenwiler "Der Ring" - Bearbeitung der Verse 658-1281
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar II Heinrich Wittenwiler
Note
2,00
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V58239
ISBN (eBook)
9783638524919
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Wittenwiler, Ring, Bearbeitung, Verse, Proseminar
Arbeit zitieren
Miriam Riediger (Autor), 2001, Heinrich Wittenwiler "Der Ring" - Bearbeitung der Verse 658-1281, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58239

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