Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dem Mythos der volksverbundenen, revolutionären „deutschen Jakobiner“ entgegenzuwirken, indem ich die Darstellung und Rezeption des Volkes in den Schriften Georg Forster aufzeige und darlegen möchte, inwieweit er - als deutscher Republikaner - das deutsche Bildungsbürgertum verkörpert, welches sich ganz dem Bildungsideal der deutschen Aufklärung verschrieben hat. Dieses nämlich begreift unter politischer Aktion vor allem die Erziehung des Menschen, was dem agitierenden, revolutionären Potential der französischen Montagnards entgegenläuft. Mit seinem Status als Augenzeuge der Pariser Revolution und seiner aktiven Teilnahme an der Mainzer Republik weist Georg Forster im Gegensatz zu anderen deutschen Republikanern über empirische Erfahrung auf, die sich in Form von Essays und Aufzeichnungen – namentlich in seinen „Ansichten vom Niederrhein“, seiner „Darstellung der Revolution in Mainz“ und der fragmentarischen Überlieferung „Parisische Umrisse“- niederschlugen. Diese aussergewöhnliche Perspektive wird in der vorliegenden Arbeit besonders berücksichtigt und dient meines Erachtens als hervorragendes Analyseinstrument, um seine Darstellung des Volkes eruieren und gleichzeitig die Authentizität der Gedankenwelt Forsters bewahren zu können. Dennoch ist festzuhalten, dass die genaue politische Verortung und die daraus resultierende Etikettierung seiner Beurteilung und Bewertung des Volkes nicht Ziel und Zweck der Arbeit sein wird, da die Gedankenwelt Forsters - die aus seinen Schriften zu entnehmen ist - einer ständigen Entwicklung unterworfen und von den äusseren Ereignissen abhängig ist. Dadurch erhält sein Werk eine gedankliche Dichte, deren Beurteilung unter politischen, oft anachronistischen Kriterien mir als unangebracht erscheint.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2. Politisches und soziales Klima in Deutschland am Vorabend der französischen Revolution:
2.1.Reformen des Aufgeklärten Absolutismus
2.2.Entstehung des Bildungsbürgertums
2.2.1. Politisches Bewusstsein des aufgeklärten Bildungsbürgertums
3. Volk oder Pöbel? Die Rolle des Volks als Beglückungsobjekt der deutschen Aufklärung
3.1. Aufklärung als Erziehungskonzept
3.2. Die deutschen Republikaner und ihre Beziehung zum Volk
4. Kurzbiographie Georg Forster
5. Die Erziehung des Volks zum Staatsbürger als politisches Programm Georg Forsters
5.1. Aufklärungskonzept Forsters:
5.2. Der Staat als Erziehungsmotor der Massen
5.3. Georg Forster und die Frauen:
6. Volk und Revolution: Eine Verhaltensanalyse
6.1. Die Mainzer Republik 1792-1794
6.2. Die französischen Revolutionsjahre 1793/1794
7. Konklusion:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis des deutschen Republikaners Georg Forster zum Volk im Kontext der Französischen Revolution (1790-1794). Ziel ist es, den Mythos einer volksverbundenen, revolutionären Identität der sogenannten "deutschen Jakobiner" kritisch zu hinterfragen und Forsters politische Gedankenwelt als Teil des Bildungsbürgertums zu verorten, das stark dem aufklärerischen Bildungsideal verpflichtet war.
- Darstellung und Rezeption des Volkes in den Schriften Georg Forsters.
- Analyse der Dichotomie zwischen "gutem Volk" und "Pöbel" bei deutschen Republikanern.
- Rolle des Staates als Erziehungsmotor zur moralischen Vervollkommnung der Massen.
- Forsters empirische Erfahrungen in der Mainzer Republik und während der Pariser Revolution.
- Kritische Einordnung des Begriffs der "deutschen Jakobiner" vs. "Republikaner".
Auszug aus dem Buch
3.1. Aufklärung als Erziehungskonzept
Der stärkste Antrieb für die Aufklärung der Menschheit war die Überzeugung von der Gestaltbarkeit der Welt, was dazu führte, dass zu keiner Zeit der Begriff der Erziehung so extensiv ausgelegt worden ist wie im Zeitalter der Aufklärung. Dieser immanente Erziehungsbegriff umfasste die Erziehung des einzelnen und des ganzen Menschengeschlechts. Die Selbst- und Fremderziehung mündete schliesslich in der Erziehung der gesamten Gesellschaft durch Lektüre, Predigt und vor allem „Policey“.
Dass der erziehungsfähige Mensch auch erziehungsbedürftig ist, galt den Aufklärern somit als selbstverständliche Grundprämisse ihres Denkens. Unter Aufklärung verstanden sie eine praktische Reformbewegung, deren Ziel weder eine universale und harmonistische Welterklärung noch der radikale Umsturz, sondern die Ermächtigung des Menschen, von seinem Verstand Gebrauch zu machen, um tradierte Werte kritisch zu prüfen, das Handeln nach vernünftigen Grundsätzen auszurichten und Nützliches zu bewirken.
In diesem Erziehungsideal wurde jedoch die Ungleichheit der Menschen nach Stand und Bildung stets in Rechnung gestellt, die jedoch nicht naturbedingt, sondern durch sozio-ökonomische Verhältnisse hervorgerufen wurden. In ihrer Denk- und Argumentationsweise kritisierten die Vertreter der deutschen Aufklärung einerseits den unverdienten Vorrang, der qua Geburt und nicht durch Leistung erlangt wurde, verblieben aber auf der anderen Seite in betonter Distanz zur breiten Masse des ungebildeten Volkes, insbesondere zur bäuerlichen und unterbürgerlichen Schicht, die oft als „Pöbel“ bezeichnet wurde. Ihre betonte Hinwendung und Identifikation mit dem Volk und dessen Aufklärung, beschränkte sich somit auf die Rolle des Beglückungs- und Erziehungsobjektes. Seine oft beschriebene und beklagte Unwissenheit, durch die es in Aberglauben und Misstrauen festgehalten werde, diente den Aufklärern schliesslich zur Rechfertigung für pädagogische Eingriffe in seine traditionsgeprägte Lebenswelt und den erziehungspolitischen Dirigismus, der auch das Mass der dem Volk zuträglichen Aufklärung festsetzte.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Rezeptionsgeschichte der sogenannten "deutschen Jakobiner" ein und definiert die Forschungsabsicht, den Mythos ihrer Volksverbundenheit anhand der Schriften Georg Forsters zu dekonstruieren.
2. Politisches und soziales Klima in Deutschland am Vorabend der französischen Revolution:: Dieses Kapitel analysiert die strukturellen Gründe für das Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, wie die ökonomische Rückständigkeit, die ständische Sozialordnung und das Wirken des Aufgeklärten Absolutismus.
3. Volk oder Pöbel? Die Rolle des Volks als Beglückungsobjekt der deutschen Aufklärung: Der Abschnitt erörtert das aufklärerische Erziehungskonzept und die daraus resultierende elitäre Distanz der deutschen Republikaner zum sogenannten "Pöbel", der als reines Objekt der Belehrung betrachtet wurde.
4. Kurzbiographie Georg Forster: Diese Kurzbiographie zeichnet Forsters Lebensweg nach, von seiner Teilnahme an Cooks Weltreise bis hin zu seinem politischen Engagement in Mainz und seinem Exil in Paris, und stellt ihn als typischen Gelehrten seiner Zeit dar.
5. Die Erziehung des Volks zum Staatsbürger als politisches Programm Georg Forsters: Hier wird dargelegt, wie Forster politische Teilhabe primär über die moralische und ethische Erziehung des Individuums definierte, wobei er dem Staat eine zentrale Erzieherrolle zuschrieb.
6. Volk und Revolution: Eine Verhaltensanalyse: Das Kapitel untersucht anhand konkreter Beispiele – der Mainzer Republik und der Beobachtung der französischen Terrorherrschaft – Forsters Reaktion auf die Passivität und das zügellose Verhalten der Volksmassen.
7. Konklusion:: Die Konklusion fasst zusammen, dass Forsters politische Einstellung keineswegs radikal-aktionistisch war, sondern in der Tradition des aufgeklärten Bildungsbürgertums stand, das den Menschen zur Mündigkeit erziehen wollte, ohne die bestehende Eigentumsordnung grundsätzlich zu stürzen.
Schlüsselwörter
Georg Forster, Aufklärung, Bildungsbürgertum, deutsche Jakobiner, Französische Revolution, Mainzer Republik, Erziehung, Pöbel, Republikaner, Patriotismus, politisches Bewusstsein, moralische Vervollkommnung, Volkscharakter, Staatsbürger, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das politische Denken von Georg Forster hinsichtlich seines Verhältnisses zum Volk und hinterfragt, ob er tatsächlich als revolutionärer Volksführer gelten kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen das aufklärerische Erziehungsideal, das Selbstbild des Bildungsbürgertums, die Abgrenzung zwischen Volk und Pöbel sowie die Wahrnehmung revolutionärer Ereignisse durch Forster.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, den Mythos der "deutschen Jakobiner" als volksverbundene Revolutionäre zu dekonstruieren und Forsters tatsächliches Programm einer Erziehung des Volkes zum Staatsbürger offenzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine geistesgeschichtliche und ideologiekritische Analyse, die primär auf der Auswertung von Forsters eigenen Schriften sowie relevanter historischer Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der deutschen politischen Rahmenbedingungen, eine Analyse von Forsters Erziehungskonzepten sowie eine Verhaltensanalyse seiner Beobachtungen während der Mainzer Republik und des französischen Terrors.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe "Bildungsbürgertum", "Aufklärung", "Erziehungsobjekt" und "Republikaner" stehen im Zentrum der begrifflichen Untersuchung.
Warum unterscheidet Forster zwischen "gutem Volk" und "Pöbel"?
Forster und seine Zeitgenossen betrachteten den "Pöbel" als ungebildet, leicht beeinflussbar und damit als Gefahr für die Freiheit, während das "gute Volk" als erziehungsbedürftiger, aber nützlicher Teil der Nation angesehen wurde.
Wie bewertete Forster die Rolle der Frauen?
Forster ordnete Frauen – ganz in der Tradition seiner Zeit – eine marginale Rolle zu und befürchtete bei einer nicht angeleiteten Partizipation der Frauen eine Abflachung der Geisteskultur.
Wie veränderte sich Forsters Haltung während der Französischen Revolution?
Forster begrüßte die Revolution zunächst als Erfolg der Vernunft, befürwortete jedoch angesichts des Terrors der Montagnards zunehmend repressive staatliche Maßnahmen, um die Errungenschaften der Freiheit zu sichern.
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- Master Angela Mattli (Author), 2005, Vom Pöbel zum mündigen Staatsbürger - Betrachtung und Beurteilung des Volkes in den Schriften Georg Forstes im Spiegel der Revolutionsjahren 1790-1794, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58280