Vom Pöbel zum mündigen Staatsbürger - Betrachtung und Beurteilung des Volkes in den Schriften Georg Forstes im Spiegel der Revolutionsjahren 1790-1794


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

43 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Politisches und soziales Klima in Deutschland am Vorabend der französischen Revolution:
2.1.Reformen des Aufgeklärten Absolutismus
2.2.Entstehung des Bildungsbürgertums
2.2.1. Politisches Bewusstsein des aufgeklärten Bildungsbürgertums

3. Volk oder Pöbel? Die Rolle des Volks als Beglückungsobjekt der deutschen Aufklärung
3.1. Aufklärung als Erziehungskonzept
3.2. Die deutschen Republikaner und ihre Beziehung zum Volk

4. Kurzbiographie Georg Forster

5. Die Erziehung des Volks zum Staatsbürger als politisches Programm Georg Forsters
5.1. Aufklärungskonzept Forsters:
5.2. Der Staat als Erziehungsmotor der Massen
5.3. Georg Forster und die Frauen:

6. Volk und Revolution: Eine Verhaltensanalyse
6.1. Die Mainzer Republik 1792-1794
6.2. Die französischen Revolutionsjahre 1793/1794

7. Konklusion:

8. Bibliographie:
8.1. Quellen:
8.2. Sekundärliteratur

1.Einleitung

In den 1790er Jahren entstand eine Trägergruppe deutscher Schriftsteller und Publizisten, die man im damaligen Reich als die herausragendsten Anhänger der Französischen Revolution bezeichnen kann. Viele von ihnen verbrachten einige Zeit in Frankreich, so dass sie die Französische Revolution als Augenzeugen beurteilen konnten. Dieser Umstand führte dazu, dass sie von konservativer Seite schnell als „deutsche Jakobiner“ verschrien wurden. Die „radikalen“ Publizisten lassen sich sozial der Gruppe des so genannten Bildungsbürgertums zuordnen, einer Gruppe Gelehrter und Schriftsteller mit Universitätsabschluss also, die sich ausserhalb der traditionellen Ständegesellschaft bewegte und keinerlei politische Macht besass. Wenn man die Rezeptionsgeschichte ihrer Ideen betrachtet, lässt sich feststellen, dass diese im 19. Jahrhundert, abgesehen von den Schriftstellern und Pamphletisten des Vormärz’ und der 1848er Revolution, kaum mehr aufgenommen und beachtet wurden, was dazu führte, dass Namen und Texte der Verfasser oft in Vergessenheit gerieten.[1] Von konservativer Seite bis heute diffamiert und allgemein ignoriert, entdeckten vor allem politisch links stehende WissenschaftlerInnen die „deutschen Jakobiner“ wieder.

Die „Jakobiner-Forschung“ konsolidierte sich aber erst nach 1945 zu einem eigenen Forschungszweig; vorher kursierten lediglich vereinzelte Arbeiten, die hauptsächlich den herausragenden Protagonisten der deutschen Republikaner, sprich Georg Forster, Heinrich Würzer, Georg Friederich Rebmann, Konrad Engelbert Oelsner und Georg Christian Wendekind, gewidmet waren. Die primäre Motivation ost-und westdeutscher HistorikerInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen bestand oft darin, nach den historischen Wurzeln für den jeweiligen deutschen Staat zu graben und sie für sich zu beanspruchen. Beiden Seiten ging es also um die Konstruktion direkter Traditionslinien, ob es sich nun im Westen um eine republikanisch-demokratische oder im Osten um eine revolutionäre Linie handelte.[2]

Ihren eigentlichen Höhepunkt erreichte die „Jakobiner-Forschung“ in den 1970er Jahren. Sie war vor allem durch ihre berechtigte Kritik an der deutschen Geschichtsschreibung geprägt, welche bis dato die Schriften der oben genannten Gruppe verharmloste oder ignorierte. Dennoch lässt auch die damalige „Jakobiner-Forschung“ den Blick für die historischen Dimensionen oft vermissen. So wurde und wird ständig darauf hingewiesen, wie eng die „deutschen“ Jakobiner die Einheit mit dem Volk gesucht hätten[3]. Diese Volksverbundenheit wurde zum Teil so stark betont, dass sie nicht selten sogar als eigentliches Charakteristikum der „ deutschen Jakobiner“ aufgefasst wurde. Oft konstituierten die „deutschen Jakobiner“ – so die einschlägige Forschung – die intelligente Avantgarde, die für das Volk kämpferisch Partei ergreift und sich somit für die Interessen der Rechtlosen einsetzt. Dieser Zustand war nicht zuletzt Folge der unzureichenden Kenntnis der deutschen Situation vor 1789/92, in der es durchaus radikale Forderungen und Erwartungen gab, welche nicht von Frankreich übernommen und deshalb auch nicht als „jakobinisch“ bezeichnet werden sollten.[4] Die Bewegung des Jakobinismus ist ein rein französisches Phänomen, das ohne die zentralistische Politik seit Richelieu und Louis XIV. und die zentrale Rolle der Stadt Paris nicht denkbar ist. Aus diesem Standpunkt schliesse ich mich Wolfgang Reinbold und Hans-Ulrich Wehler an, welche den Sammelbegriff „deutsche Jakobiner“ als eine „eher verdunkelnde als erhellende Wortwahl[5] bezeichnen. Denn die ideologische Spannweite einzelner Protagonisten, „reichte von massvollen Anhängern der konstitutionellen Monarchie bis hin zu beredten Verfechtern des Republikanismus…Die Ablehnung des Ancien Régime bildete das einigende Band.[6] Sie plädieren daher für den Begriff „Republikaner“, der auch in der vorliegenden Arbeit verwendet wird. Wolfgang Reinbold geht in seiner Abgrenzung zwischen deutscher Republikaner und französischen Jakobiner noch einen Schritt weiter, indem er die Gruppe der deutschen Republikaner eindeutig dem Bildungsbürgertum zuordnet und sie sogar als dessen prägnanteste Ausformung bezeichnet.[7]

Elisabeth Fehrenbach weist zusätzlich darauf hin, dass die meisten deutschen Revolutionsanhänger Schriftsteller gewesen waren und ihnen der Bezug zu konkreten politischen und wirtschaftlichen Interessen gefehlt habe: “Die aus der Ferne bewunderte Revolution wurde insofern gerade nicht als Vorbild für eigene Handlungsmöglichkeiten verstanden.[8] Überhaupt findet sie es äusserst fraglich, die Begriffe Klassenkampf und Jakobinismus auf die deutschen Republikaner zu übertragen, denn ihrer Ansicht nach, beinhalten ihre Texte „reformerische Gedanken und fussten auf dem Bildungsideal der Aufklärung, das zum Ziel hat, das unwissende Volk, den „Pöbel“, zu erziehen.“[9]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dem Mythos der volksverbundenen, revolutionären „deutschen Jakobiner“ entgegenzuwirken, indem ich die Darstellung und Rezeption des Volkes in den Schriften Georg Forster aufzeige und darlegen möchte, inwieweit er - als deutscher Republikaner - das deutsche Bildungsbürgertum verkörpert, welches sich ganz dem Bildungsideal der deutschen Aufklärung verschrieben hat. Dieses nämlich begreift unter politischer Aktion vor allem die Erziehung des Menschen, was dem agitierenden, revolutionären Potential der französischen Montagnards entgegenläuft. Mit seinem Status als Augenzeuge der Pariser Revolution und seiner aktiven Teilnahme an der Mainzer Republik weist Georg Forster im Gegensatz zu anderen deutschen Republikanern über empirische Erfahrung auf, die sich in Form von Essays und Aufzeichnungen – namentlich in seinen „Ansichten vom Niederrhein“, seiner „Darstellung der Revolution in Mainz“ und der fragmentarischen Überlieferung „Parisische Umrisse“- niederschlugen. Diese aussergewöhnliche Perspektive wird in der vorliegenden Arbeit besonders berücksichtigt und dient meines Erachtens als hervorragendes Analyseinstrument, um seine Darstellung des Volkes eruieren und gleichzeitig die Authentizität der Gedankenwelt Forsters bewahren zu können. Dennoch ist festzuhalten, dass die genaue politische Verortung und die daraus resultierende Etikettierung seiner Beurteilung und Bewertung des Volkes nicht Ziel und Zweck der Arbeit sein wird, da die Gedankenwelt Forsters - die aus seinen Schriften zu entnehmen ist - einer ständigen Entwicklung unterworfen und von den äusseren Ereignissen abhängig ist. Dadurch erhält sein Werk eine gedankliche Dichte, deren Beurteilung unter politischen, oft anachronistischen Kriterien mir als unangebracht erscheint.

2. Politisches und soziales Klima in Deutschland am Vorabend der französischen Revolution:

Die Frage, warum in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich eine Revolution ausblieb ist in der Forschung vielfach erörtert worden.[10] Es lassen sich mehrere Gründe anführen: Erstens war in der ökonomisch relativ rückständigen und politisch zersplitterten Vielstaatenwelt des alten Reiches das Bürgertum zahlenmässig schwächer vertreten und der Adel weniger mächtig als in Frankreich. Im Gegensatz zum aufstrebenden Handels- und Manufakturbürgertum blieb das an der alten Nahrungsökonomie orientierte Zunftbürgertum noch ganz in der ständischen Sozialordnung eingebunden. Der grösste Teil des Bildungsbürgertums und des Adels stand im Dienst der zahlreichen Fürstenhöfe, womit eine adlig-bürgerliche Revolte wie in der französischen Vorrevolution nicht zu befürchten war. Zweitens war das städtische Bürgertum sehr heterogen zusammengesetzt. Es gab nicht nur die Differenzierung nach sozialen Schichten; die regionalen Unterschiede in der verfassungsrechtlichen Stellung, im Verhältnis zum Adel in der wirtschaftlichen Interessenlage und der sozialen Mentalitäten waren enorm. So besass beispielsweise das Bürgertum der oberdeutschen Reichsstädte einen anderen politisch-gesellschaftlichen Status als in den Hanse- oder Residenzstädten.[11] Drittens kam es in Deutschland nur zu lokal begrenzten Handwerker- und Bauernrevolten, die sich zudem meist gegen die lokalen Missstände und weniger gegen die Fürsten selbst richteten. Des Weiteren fehlte es an einer breiten bürgerlichen Opposition, die bereit gewesen wäre, politische Synergien mit den aufrührerischen Bauern und Handwerkern einzugehen. Viertens verschrieb sich das Konzept des Aufgeklärten Absolutismus[12], das von vielen deutschen Fürsten praktiziert wurde, sich jedoch in Frankreich gegen die adlig-bürgerliche Opposition nicht mehr durchsetzen konnte, der Tradition des Reformismus. So leitete Friederich der Grosse (1712-1786) in Preussen den Staat im Sinne der Staatstheorie der Aufklärung aus einem Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag ab, der den Regenten dazu verpflichtet, im Interesse aller Untertanen für das allgemeine Beste zu sorgen. Das von ihm vorbereitete Landrecht wurde 1791/94 eingeführt und garantierte Grundrechte der bürgerlichen Freiheit und Gleichheit.

2.1.Reformen des Aufgeklärten Absolutismus

Während der Regierungszeit Friederich des Grossen wurden Versuche unternommen, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Die Einführung meritokratischer Prinzipien im Staatsdienst galt gleicherweise für adlige und bürgerliche Beamte; wer ein Amt ausübte, musste dafür befähigt sein.[13] Dies erschloss den Bürgern neue Aufstiegschancen, während der Dienstadel gezwungen war, sich dem meist besser gebildeten Bürgertum anzupassen. Durch die wirtschaftliche Förderung des Bürgertums - insbesondere der staatlichen Manufakturpolitik - unterzog sich die traditionelle Ständegesellschaft einer zusätzlichen Veränderung. In Schlesien forderte Friedrich der Grosse den Adel sogar dazu auf, Manufakturen zu bauen und somit verstärkt am Wirtschaftsleben zu partizipieren, was zu einer zunehmenden Vermischung der Standesgrenzen führte.[14]

Dennoch lagen auch im Regierungssystem des Aufgeklärten Absolutismus grosse Hürden, die der Selbstentfaltung der Gesellschaft entgegenwirkten. Nach Ansicht Friedrich des Grossen war nämlich der Herrschaftsvertrag unwiderruflich und der absolutistisch regierende Monarch weder dazu bereit, politische Rechte an die Gesellschaft abzutreten, noch das Freiheitsideal der Aufklärung zu erfüllen. Selbst die Urheber des preussischen Landrechts, die sich weit mehr der Aufklärungsphilosophie verpflichtet fühlten als ihr Herrscher, beharrten auf dem Standpunkt, „dass man die bürgerliche Freiheit geniessen könne, ohne an der politischen teilzuhaben.[15] Die bürgerlichen Freiheiten beschränkten sich also lediglich auf eine private Reservatssphäre.

Schon vor 1789 gab es Anzeichen dafür, dass sich das zwiespältige Bündnis zwischen Absolutismus und Aufklärung aufzulösen begann. In Österreich standen die letzten Regierungsjahre Josephs II. im Zeichen einer Wiedererstarkung des Adels und auch im Klerus formierte sich der Widerstand gegen Kirchenreformen und Klostersäkularisierung so stark, dass Joseph II. einen Teil seiner Reformen widerrufen musste. Gleichzeitig kritisierte die aufgeklärte Intelligenz das Reformwerk, das es ihr nicht konsequent genug war. Unter diesem Druck sah sich der Kaiser gezwungen, die Zensur zu verschärfen, um die Öffentlichkeit vor den „Broschürenschmieren“ zu schützen.[16] Noch bedeutsamer für den Rückschlag des Pendels war die politische Entwicklung Preussens, das vielerorts als Zentrum der politischen Aufklärung galt und in dem - nach dem Tode Friedrich des Grossen - ein reaktionärer Kurs eingeschlagen wurde. Mit dem Religionsedikt aus dem Jahre 1788 begann unter Friederich Willhelm II. (1786-1797) eine Kampagne gegen den theologischen Rationalismus der Aufklärung, die auf erbitterten Widerstand der aufgeklärten Publizisten stiess[17]. Die erlassenen Verordnungen bedrohten künftig nämlich alle Prediger, die vom wahren protestantischen Bekenntnis abwichen, mit Entlassung und Disziplinarstrafen. Als Mitglied des Rosenkreuzerordens begab sich Friederich Willhelm II. ganz in die Hand seiner Ordensbrüder Bischoffwerder und Wöllner, die 1788 zu Ministern ernannt wurden; Hans Rudolf von Bischoffwerder bekam das Ministerium für Aussenpolitik zugesprochen und Johann Christoph Wöllner, ein Theologe, übernahm das Kultus- und Justizministerium. Besonders Wöllner konzentriert sich auf die Bekämpfung der Aufklärung. Sein Religionsedikt von 1788 hatte den Charakter einer kirchlichen Polizeiordnung. Am 19. Dezember 1789 trat ein weiteres restriktives Zensuredikt in Kraft, dem sogar Immanuel Kant zum Opfer fiel Der Königsberger Philosoph musste sich dazu verpflichten, keine öffentlichen Vorträge über Religion zu halten.

Somit entstand in Reaktion auf die Aufklärungsbewegung schon vor Ausbruch der französischen Revolution ein konservativer „Backlash“, der dazu beitrug, dass sich die Kritik der Aufklärer verschärfte und in Einzelfällen radikalisierte. In zunehmendem Masse verquickte sich die Religionskritik nun auch mit politisch-gesellschaftlichen Forderungen. Es kam vor, „dass sich im Kampf gegen Orthodoxie und Obskurantismus der religiöse in den politischen Radikalismus umschlagen konnte, auch wenn damit noch kein politisches Programm verbunden war“.[18]

In der Mehrheit vertraten die deutschen Aufklärer relativ gemässigte Forderungen wie Brüderlichkeit, Duldsamkeit, Toleranz der Christen, Niederlegung der Ständeschranken, Respektierung der Menschenrechte, Emanzipation der Juden und Kampf gegen Vorurteile und Aberglauben fest.

2.2.Entstehung des Bildungsbürgertums

Die Nachfrage des Staates nach einer durch Leistungswissen geschulten Intelligenz führte überall in Deutschland zur Förderung von Universitäten und Gelehrtenschulen. Im preussischen Landrecht wurde die Bildungsqualifikation dadurch betont, dass alle Akademiker, die einen entsprechenden Beruf - sprich Beamte, Geistliche, Gymnasiallehrer, Ärzte usw. - ausübten, durch eine Reihe von Vorrechten dem Adel gleichgestellt waren. Elisabeth Fehrenbach definiert diese neu entstandene Gesellschaftsschicht folgendermassen: „Das so genannte ‚eximierte Bürgertum’ wurde aus der ständischen und lokalen Rechtsordnung herausgelöst; es war nicht zum Militärdienst verpflichtet, es genoss Steuerbefreiungen und besass ein exemetes Forum, d.h. es war direkt den königlichen Gerichten unterstellt.“[19] So entstand eine ausserständische, adlig-bürgerliche Beamten- und Bildungselite, die als integrierender Faktor auf die Gesamtgesellschaft einwirkte.

Der Begriff des „Gebildeten“ kam erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stärker in Gebrauch, löste aber den des „Gelehrten“ nicht einfach ab. Lange wurden beide Begriffe nebeneinander, allerdings mit unterschiedlicher Bedeutungsnuancierung gebraucht. Später erfolgte dann die eigentliche Gleichsetzung des Gelehrten mit dem Schriftsteller, womit der ältere Gelehrtenbegriff überwunden wurde, der sowohl den schriftkundigen Geistlichen, den des römischen Rechts Kundigen und der der Literatur der Antike vertraute Humanisten umfasste.[20] Wie ihre Gelehrsamkeit betonten die Träger dieser neuen Gesellschaftsschicht auch ihren sozialen Status im Auftreten, durch ihren Sprachstil und vor allem im Interesse ihn zu vererben. Gelehrte dieses Typus entwickelten- insbesondere wenn sie Universitäten, Gerichtshöfen und Akademien angehörten „oft eine professionell-zünftlerische Mentalität“[21], wobei das neue Bildungsideal des ritterlichen, höfischen Galant-homme das ältere des christlich-humanistischen Gelehrten zunehmend ablöste. Seit dem späten 17. Jahrhundert trat die eigentümliche Erscheinung des Bürgerlichen ohne Besitz, aber mit gelehrter Bildung immer stärker ins öffentliche europäische Bewusstsein. Vor allem in Deutschland begann sich dieser neue Typus zunehmend zu verbreiten, da infolge wirtschaftlicher Stagnation, sozialer Verkrustung und politischer Zersplitterung die Möglichkeit für eine erfolgreiche Tätigkeit im Wirtschaftsleben - dem traditionellen Wirkungsfeld des mittleren Bürgertums - zunehmend beschränkt war, während umgekehrt in den zahlreichen Staaten der landesherrliche, grundherrliche, städtische und kirchliche Dienst relativ viele Chancen bot. So war es nicht verwunderlich, dass insbesondere die bürgerlichen Gelehrten - die am stärksten aufstiegsmotivierte und leistungsbereite Gruppe - überwiegend Positionen in diesem Metier anstrebten.[22] Dies führte dazu, dass bereits im 18. Jahrhundert nicht mehr alle Universitätsabsolventen eine erwünschte Stelle besetzen konnten und sich die später immer wieder geäusserte Sorge vor einem Überschuss an gebildeten Personen und der zunehmenden Proletarisierung der Akademikerkreisen schon in diesen Jahren festsetzte.

Nichtsdestotrotz ging unter der Aufnahme der Einflüsse Rousseaus und Pestalozzis am Ende des 18. Jahrhunderts eine eigentliche „Bildungsbewegung“ hervor, die der Bildung eine über alle standes- und berufsbezogene Zwecksetzung hinausgeschobene Bedeutung gab. Inhalt des „neuhumanistischen“ Bildungskonzepts war die Entfaltung der intellektuellen, moralischen und ästhetischen Fähigkeit des Individuums in der Beschäftigung mit dafür geeigneten Bildungsgütern und mit dem Ziel seiner Selbständigkeit und Selbstbestimmung.[23] Dieses Konzept wurde nun auch in Nationalerziehungspläne eingebracht, deren Ziel eine allgemeine Verbesserung der Kultur und ein daraus resultierendes lebendiges, produktives Nationalgefühl war. Der „ Gelehrte“ wurde in dieser Konzeption zunehmend als wissenschaftlich Gebildeter verstanden, dessen Bildungsprozess ihn befähigt und verpflichtet, Lehrer und Erzieher der Menschheit zu sein. Der „Gebildete“ aber definiert sich weder durch Stand, Beruf, einen festgelegten Ausbildungsweg oder fachspezifische Kompetenz, sondern durch Humanität, aus der heraus „er Bürger und Menschenfreund ist und seinen konkreten Aufgaben und Pflichten nachkommt.[24] Abschliessend lässt sich sagen, dass ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland eine gewaltige Steigerung der philosophischen, pädagogischen und politischen Bedeutung des Bildungsbegriffs, als auch des Geltungsanspruchs des Gebildeten selbst zu verzeichnen ist. Denn sie waren es letztlich - Dichter, Philosophen, Pädagogen, Pfarrer und Beamte - die in Büchern, Abhandlungen und Zeitschriften, in Vorlesungen und Reden, Denkschriften und Gesetzesentwürfen einen wachsenden Einfluss auf die entfaltende öffentliche Meinung ausübten und somit auch als die wichtigsten Träger der Entwicklung eines politischen Bewusstseins fungierten. In dieser Schicht der Gebildeten, zu der, wie bereits erwähnt, sowohl Bürgerliche wie Adlige gehörten, machte sich somit ein wachsendes Gefühl geistiger Selbständigkeit bemerkbar, das sich allmählich auch auf die Umwelt auszudehnen begann. Dennoch machten sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Die Schätzung, dass 1770 etwa 15% der Bevölkerung in Mitteleuropa als potentielle LeserInnen in Frage kommen, dürfte eher noch zu hoch als zu niedrig angesetzt sein. Dennoch sollte daraus keinesfalls der Schluss gezogen werden, dass die Literaten nur wenig bis partiell gewirkt hätten.[25]

[...]


[1] Vgl. Reinbold, Wolfgang, Mythenbildung und Nationalismus, S.16

[2] ebd., S.24

[3] ebd., S.27

[4] Vgl. Vierhaus, Rudolf, Deutschland im 18. Jahrhundert, S.215

[5] Reinbold, Wolfgang, Mythenbildung und Nationalismus, S.35

[6] Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1 S.354f. zitiert in Reinbold, Wolfgang, Mythenbildung und Nationalismus, ebd.

[7] Reinbold, Wolfgang, Mythenbildung und Nationalismus, S.55

[8] Fehrenbach, Elisabeth, Ancien Régime, S.59

[9] ebd.

[10] Vgl. Fehrenbach, Elisabeth, Ancien Regime. S.55

[11] ebd.

[12] Der Aufgeklärte Absolutismus unterscheidet sich von der absolutistischen Monarchie der Epoche Ludwigs XIV. durch ein verändertes, säkularisiertes Herrscherverhältnis, das die alte Vorstellung vom Gottesgnadentum aufhob und den Herrscher als Diener seines Volkes in die Gesellschaft einbezog.

[13] Vgl. Fehrenbach, Elisabeth, Ancien Regime. S.56

[14] ebd., S.56

[15] ebd., S.58

[16] ebd., S.58

[17] ebd., S.59

[18] Fehrenbach, Elisabeth, Ancien Regime, S.59

[19] ebd., S.56

[20] Johann Christoph Adlung führte 1784 das „Allgemeine Gelehrten Lexicon“ und setzte das Wort Gelehrte erstmals mit dem Wort Schriftsteller gleich. Dabei unterschied er drei grosse Klassen von Schriftstellern: Zur ersten gehörten diejenigen „welche um eine gelehrter Kunst oder Wissenschaft wesentliche Verdienste haben“, zur zweiten zählen die „gewöhnlichen Gelehrten, welche die die Gelehrsamkeit gemeiniglich nur als ein Erwerbsmittel sehen und nicht neues hinzutun“ und zur dritten schliesslich die „blossen Liebhaber und Dilettanten ,die wenn sie Miene der Gelehrsamkeit annehmen, als Halbgelehrte bezeichnet werden.“ Vgl. dazu die Fortsetzung und Ergänzung zu Christian Gottlieb Jöchers „Allgemeine Gelehrten-Lexicon“, Bd. 1. Leipzig, 1784 zitiert in Vierhaus, Rudolf, Deutschland im 18. Jahrhundert, S.169

[21] Vierhaus, Rudolf, Deutschland im 18. Jahrhundert, S.169.

[22] ebd., S.171

[23] ebd., S.172

[24] Vierhaus, Rudolf, Deutschland im 18. Jahrhundert. S.172

[25] Vgl. Schenda, Rudolf, Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910, Frankfurt, 1970 S.444, zitiert in Michelsen, Peter, Bürger und Literatur im 18. Jahrhundert, S.106

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Vom Pöbel zum mündigen Staatsbürger - Betrachtung und Beurteilung des Volkes in den Schriften Georg Forstes im Spiegel der Revolutionsjahren 1790-1794
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Geschichte der Neuzeit
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
43
Katalognummer
V58280
ISBN (eBook)
9783638525220
ISBN (Buch)
9783638952897
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pöbel, Staatsbürger, Betrachtung, Beurteilung, Volkes, Schriften, Georg, Forstes, Spiegel, Revolutionsjahren, Geschichte, Neuzeit
Arbeit zitieren
Master Angela Mattli (Autor), 2005, Vom Pöbel zum mündigen Staatsbürger - Betrachtung und Beurteilung des Volkes in den Schriften Georg Forstes im Spiegel der Revolutionsjahren 1790-1794, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58280

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