Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung. Ein Vergleich ausgewählter antirassistischer Trainingsansätze - Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit


Diplomarbeit, 2003
157 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was ist Rassismus?
2.1 Zur Entstehungsgeschichte von „Rasse“ und Rassismus
2.1.1 Die historische Entwicklung des Begriffs „Rasse“
2.1.1.1 Entstehung und Verbreitung des Begriffs „Rasse“
2.1.1.2 „Rasse“ als Weg zur Systematisierung menschlicher Erscheinung
2.1.1.2.1 „Rasse“ als Klassifikationskriterium: Francois Bernier
2.1.1.2.2 „Race“ als „lineage“: von Leibnitz bis Linné
2.1.1.3 „Rasse“ als Schlüsselbegriff der Menschheitsgeschichte
2.1.1.3.1 „Rasse“ als (k)ein Vehikel universellen Fortschritts
2.1.1.3.2 Degeneration der „Rassen“ durch Vermischung: Arthur de Gobineau
2.1.1.4 „Rasse“ als Weg zur „natürlichen“ Auslese
2.1.1.4.1 Adaption der Theorien von Darwin: Sir Francis Galton
2.1.1.4.2 „Rassenbewusstsein“: Houston Stewart Chamberlain
2.1.1.5 Völkischer „Rasse“-Begriff und Antisemitismus im Nationalsozialismus
2.1.1.6 Der Begriff der „Rasse“ nach 1945
2.1.2 Die historische Entwicklung des Begriffs Rassismus
2.1.2.1 Ursprünge des Begriffs Rassismus
2.1.2.2 Etablierung des Begriffs Rassismus nach 1945
2.1.2.3 Die Schwierigkeit des Begriffs in Deutschland
2.2 Zur Begriffsbestimmung von Rassismus
2.2.1 Definitionsansätze moderner Rassismustheoretiker
2.2.1.1 Wertung von (biologischen) Unterschieden: Albert Memmi
2.2.1.2 Rassenkonstruktion als Bedeutungskonstitution: Robert Miles
2.2.1.3 Rassismus ohne „Rassen“ als differentialistischer Rassismus: Etienne Balibar
2.2.2 Rassismus als komplexes Phänomen: das Konzept dieser Arbeit
2.3 Theorien über die Entstehung von Rassismus
2.3.1 Psychologische und psychoanalytische Erklärungsansätze
2.3.1.1 Rassismus als Abspaltung innerer Persönlichkeitsanteile: Erklärungsansätze der Psychoanalyse
2.3.1.2 Rassismus als Problem von Vorurteilen: Erklärungsansätze der Sozialpsychologie
2.3.1.3 Rassismus als Problem der autoritären Charakterstruktur: Erklärungsansatz der Kritischen Theorie
2.3.2 Soziologische Erklärungsansätze
2.3.2.1 Der sozialisationstheoretische Erklärungsansatz: Wilhelm Heitmeyer
2.3.2.2 Rassismus als Teil des Gesellschaftsbildes: Der Ansatz von Even und Hoffmann
2.3.3 Soziobiologischer Erklärungsansatz
2.3.4 Ökonomischer Erklärungsansatz
2.3.5 Diskursanalytischer Erklärungsansatz
2.3.6 Ideologietheoretischer Erklärungsansatz
2.3.7 Vielzahl von Erklärungsansätzen: der Erklärungsansatz dieser Arbeit
2.4 Zwischenfazit: Historische Entwicklung, Definition und Erklärung von Rassismus

3 Pädagogik gegen Rassismus und Ausgrenzung
3.1 Zur Notwendigkeit einer antirassistischen Pädagogik in Deutschland
3.2 Entstehungsgeschichte und Handlungsfelder
3.2.1 Ursprünge einer „anti-racist education“ in Großbritannien
3.2.2 Anfänge einer antirassistischen Pädagogik in Deutschland
3.2.3 Handlungsfelder einer antirassistischen Pädagogik
3.2.4 Exkurs: Interkulturell und/oder Antirassistisch?
3.3 Theorie einer subjektorientierten, antirassistischen Pädagogik
3.3.1 Kritik an antirassistischer Pädagogik als Änderung rassistischer Einstellungen
3.3.2 Der subjektwissenschaftliche Ansatz Klaus Holzkamps
3.4 Zwischenfazit: Zur Situation der antirassistischen Pädagogik in Deutschland

4 Trainingsansätze gegen Rassismus und Ausgrenzung im Vergleich
4.1 Das National Coalition Building Institute (NCBI) Training
4.1.1 Entstehung und Adaption in Deutschland
4.1.1.1 Die Anfänge des Trainings in den USA
4.1.1.2 Die Adaption des Trainings für die deutsche Bildungsarbeit
4.1.2 Ziele und Didaktik
4.1.2.1 Zielsetzungen des Trainings
4.1.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele
4.1.3 Methodische Grundlagen
4.1.4 Praktische Umsetzung im Training
4.1.5 Kritische Würdigung
4.1.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings
4.1.5.1.1 Methodisch unreflektiertes Thematisieren von Vorurteilen
4.1.5.1.2 Vernachlässigung der gesellschaftlich-strukturellen Dimension des Rassismus
4.1.5.2 Die Stärke des Trainings: Entwicklung von Verhaltensweisen gegenüber rassistischen Äußerungen
4.2 Das „Braunäugig /Blauäugig“–Training („Blue Eyed“)
4.2.1 Entstehung und Adaption in Deutschland
4.2.1.1 Die Anfänge des Trainings bei Jane Elliott
4.2.1.2 Die Adaption des Trainings für die deutsche Bildungsarbeit
4.2.2 Ziele und Didaktik
4.2.2.1 Zielsetzungen des Trainings
4.2.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele
4.2.3 Methodische Grundlagen
4.2.4 Praktische Umsetzung im Training
4.2.5 Kritische Würdigung
4.2.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings
4.2.5.1.1 Starre Konzeption in inhaltlicher und methodischer Hinsicht
4.2.5.1.2 Fehlende Handlungsperspektive
4.2.5.1.3 Autoritäres Lernarrangements des Trainings
4.3 Das Betzavta-Training
4.3.1 Entstehung und Adaption in Deutschland
4.3.1.1 Die Anfänge des Trainings in Israel
4.3.1.2 Die Adaption für die deutsche Bildungsarbeit
4.3.2 Ziele und Didaktik
4.3.2.1 Zielsetzungen des Trainings
4.3.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele
4.3.3 Methodische Grundlagen
4.3.3.1 Kognitiv angelegte Übungen in Einzel- und Kleingruppenarbeit
4.3.3.2 Übungen mit spielerischem Charakter
4.3.4 Praktische Umsetzung im Training
4.3.5 Kritische Würdigung
4.3.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings
4.3.5.1.1 Gefahr von Lernbarrieren bei spielerischen Übungen
4.3.5.1.2 Rassismus als Thema ist fakultativ
4.3.5.2 Die Stärken des Trainings
4.3.5.2.1 Übernahme der Lernproblematik durch eigenes Erfahren
4.3.5.2.2 Nicht nur ein „Anti“, sondern ein „Pro“
4.4 Das Anti-Bias-Training
4.4.1 Entstehung und Adaption in Deutschland
4.4.1.1 Die Anfänge des Trainings in Südafrika
4.4.1.2 Die Adaption für die deutsche Bildungsarbeit
4.4.2 Ziele und Didaktik
4.4.2.1 Zielsetzungen des Trainings
4.4.2.2 Didaktische Umsetzung der Ziele
4.4.3 Methodische Grundlagen
4.4.3.1 Methoden des interaktiven Lernens
4.4.3.2 Methoden des selbstgesteuerten Lernens
4.4.4 Praktische Umsetzung im Training
4.4.5 Kritische Würdigung
4.4.5.1 Die Schwachpunkte des Trainings
4.4.5.1.1 Gefahr der breit gefächerten Diskriminationserfahrungen
4.4.5.1.2 Gefahr der Überforderung der Teilnehmenden
4.4.5.2 Die Stärken des Trainings
4.4.5.2.1 Symbiotische Betrachtung verschiedener Ebenen
4.4.5.2.2 Selbstbestimmung durch Selbststeuerung
4.4.5.2.3 Anti-Bias als Lebenseinstellung
4.5 Zwischenfazit: Reflexiver Vergleich der Trainingsansätze

5 Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung
5.1 „Philosophie“ und Wertorientierung
5.2 Ziele, didaktische Prinzipien und Inhalte
5.2.1 Zielsetzungen einer antirassistischen Bildungsarbeit
5.2.1.1 Sensibilisierung für rassistische Phänomene und Ausgrenzung
5.2.1.2 Entwicklung eines Unrechtsbewusstsein
5.2.1.3 Entwicklung von Handlungsperspektiven
5.2.2 Didaktische Prinzipien einer antirassistischen Bildungsarbeit
5.2.2.1 Erfahrungsorientierung
5.2.2.2 Handlungsorientierung
5.2.3 Inhalte einer antirassistischen Bildungsarbeit
5.3 Grundlegende methodische und praktische Anforderungen
5.3.1 Methodische Umsetzung
5.3.2 Praktische Umsetzung
5.3.2.1 Flexibles Reagieren auf Zeitvorgaben
5.3.2.2 Berücksichtigung der Bedürfnisse der Teilnehmenden
5.3.2.3 Training als Raum des Vertrauens
5.3.2.4 Moral versus Aufklärung
5.4 Grenzen einer antirassistischen Bildungsarbeit
5.4.1 Gefahrenpunkt des quasi therapeutisches Settings
5.4.2 Eingeschränkte Reichweite der Erwachsenenbildung
5.4.3 Schranken durch die bildungspolitische Gesamtsituation
5.4.4 Pädagogische Anstrengungen reichen nicht aus

6 Fazit

7 Anhang
7.1 Interview mit dem Anti-Bias-Trainer Jan Kasiske
7.2 Interview mit der Betzavta-Trainerin Anja Schade
7.3 Interview mit dem Betzavta-Trainer Guido Monreal
7.4 Interview mit der ehemaligen „Blue- Eyed“-Trainerin Samira Yasin
7.5 Interview mit der NCBI-Trainerin Uta Allers
7.6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht.“

Theodor W. Adorno, 1969

„You say culture – and you mean colour;

you say ethnicity – and you mean race.“

Chris Mullard, 1990

Eine politische Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung in Deutschland ist nötig. Eine Vielzahl aktueller Ereignisse, Situationsbeschreibungen und Phänomene bestätigen dies: In den letzten beiden Jahrzehnten verfestigten und verbreiteten sich rechte und rechts­extreme Gewalttaten und Tendenzen in Deutschland. Die Politik stand und steht der Ent­wick­lung bisweilen hilflos gegenüber und sucht Lösungen in kurzfristig angelegten Prä­ven­tions- und Interventionsstrategien oder in der Entpolitisierung des Phänomens als Problem einer kleinen, randständigen Minderheit orientierungssuchender Jugendlicher. Stu­dien und Untersuchungen zahlreicher WissenschaftlerInnen belegen darüber hinaus fast jährlich aufs Neue die Existenz rassistischer Denk- und Handlungsweisen innerhalb der Be­völkerung in Deutschland auf hohem Niveau oder gar ihre Zunahme. Forschungen zeigen immer wieder die Verwobenheit rassistischer Bilder, Mythen und Phantasien im alltäg­lichen Diskurs unserer Gesellschaft. Seit dem Wiederaufflammen des Nahost-Konflikts nimmt die Zahl antisemitischer Vorfälle in Form von Beschimpfungen, Friedhofsschändun­gen und Übergriffen deutlich zu. Vielfach verstecken sich antisemitische Denkweisen auch hin­ter der Kritik an der israelischen Politik. Politiker, nicht nur aus den Reihen der Konser­vativen und Liberalen, tragen mit rechtspopulistischen Äußerungen und so genannten „Ta­bubrüchen“ ebenfalls dazu bei, den Antisemitismus zu schüren. Darüber hinaus ist gera­de gegenüber Moslems seit den Anschlägen des 11. September 2001 nicht nur ein verstär­ktes Misstrauen, sondern auch offene Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung zu verzeichnen.

Diese Beispiele sollen genügen, um die Handlungsrelevanz von Strategien und Praxen ge­gen Rassismus und Ausgrenzung zu verdeutlichen. Neben vielen anderen politischen und ge­sellschaftlichen Institutionen und Entscheidungsträgern kommt auch dem Erziehungs- und Bildungssystem die Verantwortung zu, Rassismus und Ausgrenzung demokratische und an Gleichberechtigung orientierte Lern- und Bildungsangebote entgegen zu setzen. Es ist notwendig diese Lernprozesse voran zu bringen, damit in unserer Gesellschaft Menschen aus anderen Herkunftsländern und Kulturkreisen, Flüchtlinge und MigrantInnen als gleich­berechtigte Menschen leben können und Anerkennung erfahren.

Innerhalb der Sozialwissenschaften gibt es seit geraumer Zeit eine Vielzahl wissenschaftlicher Forschungsarbeiten, die sich mit dem Phänomen Rassismus und vor allem mit dem Ver­such seiner Erklärung beschäftigen. Forschungen über Anti-Rassismus hingegen sind in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein blinder Fleck geblieben. Dies trifft weitgehend auch auf die Erziehungswissenschaft zu, in der sich erst seit Ende der 1980er Jahre ein­zelne Diskussionen um eine antirassistisch ausgerichtete Pädagogik zeigen. Obwohl es heu­te im Erziehungs- und Bildungswesen einige Konzepte, Ansätze und Strategien einer anti­rassistischen Pädagogik gibt, fristen sie dennoch im Gegensatz zu ihrer „großen Schwester“, der interkulturellen Pädagogik, ein Randdasein. So gibt es zwar mittlerweile ei­ne große Anzahl praktischer Konzepte und Methoden einer antirassistisch ausgerichteten Pä­dagogik, aber gerade im theoretischen Bereich fehlt eine fundierte Verankerung. Dies trifft vor allem auch auf eine politische Bildungsarbeit gegen Rassismus zu und schlägt sich in der Literatur nieder, die gerade im Theoriebereich einer politischen Bildung gegen Ra­ssismus und Ausgrenzung dürftig ist.

Es wird mit dieser Arbeit ein Beitrag dazu geleistet, die Randständigkeit einer Pädagogik ge­gen Rassismus in Richtung auf eine breite Verankerung entsprechender Konzepte und Hand­lungsansätze zu überwinden. Darüber hinaus sollen verschiedene theoretische Standpunkte gebündelt und weiterentwickelt werden.

Gegenstand der Arbeit ist politische Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung im Rahmen der Erwachsenenbildung. Nach einer theoretischen Abhandlung über Entstehung und Definition von Rassismus werden vier verschiedene Trainingsansätze und -formen gegen Rassismus miteinander verglichen und ihre jeweiligen Stärken und Schwächen heraus gearbeitet. In einer Schlussfolgerung werden dann Kriterien für eine Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung mit Erwachsenen aufgestellt.

Im zweiten Kapitel erfolgt zunächst eine theoretische Abhandlung darüber, wie der Begriff „Rasse“ im sprachlichen und wissenschaftlichen Feld entstanden ist. Von den Ursprüngen des Begriffs im arabischen und europäischen Raum über die scheinbar wertfreie Verwendung zur Systematisierung menschlicher Erscheinungsbilder wird „Rasse“ – vor allem mit Hilfe der Wissenschaft – das Kriterium zur quasi natürlichen Selektion und in letzter Konsequenz zur Vernichtung von Menschengruppen, wie sie im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt gefunden hat. Der Begriff Rassismus entstand im Gegensatz zu seinem Bezugsobjekt, der „Rasse“, erst relativ spät in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts und hatte (vor allem in der Bundes­republik Deutschland) in der gesellschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit lange Zeit keinen Platz. Auch hier wird in angemessener Kürze die historische Entwicklung seit der Entstehung des Begriffs nachgezeichnet.

Im weiteren wird ersichtlich, dass Rassismus nicht einheitlich definiert werden kann. Es werden Theorien bekannter Rassismustheoretiker gegenübergestellt, ihre Definitionsansätze diskutiert und eine Rassismusdefinition für diese Arbeit entwickelt.

Darüber hinaus ist es für das Ziel der Arbeit wichtig, verschiedene Erklärungsansätze für die Entstehung von Rassismus aufzuzeigen. Rassismus wird in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen verschieden erklärt: so werden Erklärungsansätze aus der Psychologie, der Soziologie, der Soziobiologie, der Ökonomie und der Diskursanalyse, sowie der Erklärungsansatz des Rassismus als Ideologie kurz skizziert. Im Anschluss wird für diese Arbeit ein Erklärungsansatz bestimmt.

Vor der Darstellung der antirassistischen Trainingsansätze erfolgt in einem dritten Kapitel eine Einordnung der Pädagogik gegen Rassismus in den allgemeinen Kontext der Erziehungswissenschaften. Dabei wird aufgezeigt, warum eine Bildungsarbeit gegen Rassismus überhaupt (pädagogisch) wünschenswert und auch nötig ist. Nach einem kurzen Abriss über die Entstehungsgeschichte der antirassistischen Pädagogik, ihren Anfängen in Großbritannien und ihre Adaption in Deutschland, zeigt ein Überblick die verschiedenen Handlungsbereiche einer solchen Pädagogik. Darüber hinaus soll in einem Exkurs auch eine Abgrenzung der antirassistischen Pädagogik von der interkulturellen Pädagogik erfolgen, denn trotz mancher synonymer Verwendung verbergen sich hinter den beiden Begriffen unterschiedliche Zielsetzungen und Konzeptionen. Abschließend soll in diesem Kapitel die in einschlägiger Literatur oft zitierte Theorie antirassistischer Pädagogik von Klaus Holzkamp als minimale Grundlage für die Darstellung und Bewertung der vier Trainingsansätze vorgestellt werden.

Im vierten Kapitel werden vier Trainingsansätze gegen Rassismus gegenübergestellt: das Anti-Bias-Training, ein Training mit der Zielsetzung, gegen jede Form von Diskriminierung zu agieren; das Betzavta-Training, das seinen Schwerpunkt vor allem auf demokratische Bildung setzt; das „Braunäugig/Blauäugig“-Training, das die gefühlsmäßige Erfahrung von Rassismus in den Mittelpunkt stellt und das Training NCBI, das Vorurteile bekämpft. In der Gegen­überstellung der verschiedenen Trainings ist darzulegen, in welchem historischen Kontext außerhalb Deutschlands sie entstanden sind, wie sie in Deutschland adaptiert wurden und vor allem welche Zielsetzungen sie auf Grundlage welcher Didaktik mit welchen Methoden verfolgen. Dazu und vor allem um in einem nächsten Schritt Stärken und Schwächen der jeweiligen Trainings aufzuzeigen, wurden TrainerInnen interviewt, um Erkenntnisse über die Trainings nicht nur aus sekundären, sondern auch aus primären Quellen zu erhalten.

Aus der Gegenüberstellung der jeweiligen Stärken und Schwächen werden dann im fünften Kapitel schlussfolgernd Kriterien für eine gute und sinnvolle Bildungsarbeit gegen Rassismus und Ausgrenzung mit Erwachsenen im Sinne einer demokratischen und politischen Pädagogik formuliert. Es wird aufgezeigt, was diese Bildungsarbeit leisten muss und welche Ziele sie mit welchen Methoden erreichen kann.

Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse dieser Arbeit in einem kurzen Fazit zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.

2 Was ist Rassismus?

2.1 Zur Entstehungsgeschichte von „Rasse“ und Rassismus

2.1.1 Die historische Entwicklung des Begriffs „Rasse“

Der Begriff „Rasse“ ist ein soziohistorisches Konstrukt, dem nach heutigen wissen­schaftli­chen Erkenntnissen keine biologische Realität entspricht, die legitimieren könnte, Men­schen als „Rassen“ in Gruppen einzuteilen.[1] Dennoch hat „Rasse“ die Geschichte der Mensch­heit in den letzten Jahrhunderten nachhaltig geprägt und beeinflusst, sie wurde zum Teil der gesellschaft­­l­ichen Konstruktion von Realität. Obwohl der Begriff „Rasse“ als wissen­schaft­liche Kategorie abzulehnen ist, erscheint historisches Wissen über seine Entstehungs­­geschichte nötig, da sich noch im heutigen Rassismus Elemente des historischen „Rasse“-Denkens wieder finden lassen. In diesem Kapitel wird die Entstehung des Begriffs „Rasse“ im europäischen Raum in seinen entscheidenden Entwicklungsschritten skizziert. Das Ziel dieses Kapitels liegt nicht darin, sich durch die Darstellung der historischen Entwick­­lung einer De­fi­nition von „Rasse“ anzunähern, sondern vielmehr darin, die Wandelbar­­keit seiner Bedeutungs­inhalte und damit seine willkürliche Verwendung aufzuzei­gen.

2.1.1.1 Entstehung und Verbreitung des Begriffs „Rasse“

Über den etymologischen Ursprung des Begriffs gibt es unterschiedliche – zum Teil stark von­­einander abweichende - wissenschaftliche Meinungen. Fest steht jedoch, dass es bereits im 13. Jahrhundert in den romanischen Sprachen vereinzelt entsprechende Formen gab, so bei­­spielsweise das spanische „raza“, das portugiesische „raca“, das italienische „razza“ und das französische „race“.[2] Eine Hypothese über eine noch weiter zurückgehende Etymologie stellt Immanuel Geiss auf: Der realhistorische Zusammenhang legt seines Er­achtens eine Ab­­leitung aus dem Arabischen „ras“ (Kopf, Haupt eines Clans oder Stamms, im weiteren Sin­­ne auch Abstammung) nahe.[3] Für diesen Ursprung des Wortes spricht auch, dass im spa­ni­­schen und portugiesischen Raum das Wort zuerst verwendet wur­de und gerade die iberische Halbinsel seit der arabisch-berberischen Eroberung im achten Jahrhundert in intensive Be­­rührung mit Arabern und Berbern kam[4]. Die etymologische Bedeutung des Wortes verweist in allen zuvor aufgeführten romanischen Sprachen in Rich­tung einer „Zugehörigkeit zu und die Abstammung von einer Familie, einem Haus, im Sin­ne von ‚edlem Geschlecht‘ bis hin zum Synonym für ‚Herrscher­haus‘“.[5] Obwohl das Wort damit noch nicht in der Bedeu­­tung des modernen, naturwissenschaftlichen Begriffs ei­nes (pseudowissenschaftlichen) Kri­­teriums zur Einteilung von Menschengruppen verwen­det wurde, verbirgt sich dahinter die Vorstellung einer langen Ahnenreihe mit her­vorragenden Qualitäten und edler Abstammung. Im spanischen Raum bekommt „raza“ noch eine andere Konnotation: es wird zum Sy­nonym für reine Abstammung, die Vorausset­zung war, um öffentliche Ämter auszuüben. Da­mit wird „raza“ „zumindest nominell das ent­scheidende Kriterium der spanischen Gesellschaft“[6]. Es verdeutlicht auch den auf­kommenden Antijudaismus, denn reine Abstammung be­deutete, auf drei Generationen kei­ne jüdischen oder maurischen Vorfahren zu haben.[7]

Der frühe „Rasse“-Begriff wurde im europäischen Raum ebenfalls von der Adelsdiskussion in Frankreich im 16. Jahrhundert geprägt. Nach Colette Guillaumin ist der Begriff „Rasse“ so­­gar „(...) bis zu einem gewissen Grad eine aristokratische Erfindung.“[8] „Race“ wur­de beim alten französischen Geburtsadel zur Bezeichnung der aristokratischen Abstam­mungs­li­ni­e ersten Grades verwendet und vor allem dazu gebraucht, über diese Demon­stration der erb­­lichen Zusammengehörigkeit das Eindringen des aufsteigenden Amtsadels in den eigenen Stand zu verhindern und ihm die damit verbundene privilegierte Position vorzuenthalten. Ob­wohl „Rasse“ in seiner vorwissenschaftlichen Bedeutung bis zu die­sem Zeitpunkt im Sin­ne von „Abstammung“ verwendet wurde und der so bezeichneten Grup­pe keine unveränderlichen Charakter- und Verhaltenseigenschaften zuschrieb, wurde er dennoch zu einem Politikum, das Ausschluss- und umgekehrt auch Einschließungsmechanismen beinhaltete und einer Gruppe von Personen Privilegien sichern half.

2.1.1.2 „Rasse“ als Weg zur Systematisierung menschlicher Erscheinung
2.1.1.2.1 „Rasse“ als Klassifikationskriterium: Francois Bernier

Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus (1451-1506) im Jahre 1492 nahmen die Rei­­­se- und Erfahrungsberichte von Forschungsreisenden stark zu, so dass das Beobachtungs­­­material über Menschen aus fremden Erdteilen rasch anstieg. Es wuchs der Bedarf, die­­­se Beobachtungen zu ordnen und zwei zentrale Fragestellungen zu beantworten: Wo ist der Ursprung der Menschheit und wie lassen sich die Differenzen zwischen den Menschen er­­klären.[9] Der Mensch wurde zum Studienobjekt. Das 17. Jahrhundert war sodann die Entsteh­­ungsphase des wissenschaftlichen Denkens, das sich in der Zeit vor allem durch Sys­te­ma­­tisierung und Klassifizierung von Natur und Mensch auszeichnete. 1687 stellte der franzö­­sische Arzt und Forschungsreisende Francois Bernier (1620-1688) ein Kategori­sier­ungs­sys­tem auf, mit dem er große Menschengruppen als „race“ oder „espèce“, also im Sin­ne von Art oder Gattung, einteilte.[10] Neu war in diesem System nicht nur die Aufteilung der ge­samten Erdbevölkerung in fünf Gruppen, die er geographisch ordnete, sondern auch die Ein­teilung nach somatischen Gesichtspunkten. Bernier teilte die Men­schen nach Form und Zu­stand von Haaren, Nasen oder Ohren ein und mach­te „Rasse“ somit zu einem anthropologischen Kriterium „(...) noch ohne wertende Abstufungen, ohne rassistische Absicht“[11].

2.1.1.2.2 „Race“ als „lineage“: von Leibnitz bis Linné

Berniers Kategorisierungssystem der „races“ wurde von verschiedenen Naturwissenschaftlern und Philosophen aufgegriffen und abgewandelt: Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) teilte beispielsweise 1697 die Erdregionen nach dem Kriterium der Sprache ein. George Louis Leclerc, Comte de Buffon (1707-1788), schrieb die Naturgeschichte der Menschheit und unterteilte diese in einzelne Stämme oder „Rassen“. Der schwedische Arzt Carl von Linné (1707-1778) ordnete 1735 verschiedene Menschengruppen in die Systema naturae.[12][13]

Den genannten Kategorisierungssystemen sind zwei Merkmale gemeinsam: Sie alle sind er­stens geprägt von dem vorherrschenden Ordnungssystem der Zeit, in der die Bibel als Au­to­ri­­tät die menschlichen Angelegenheiten regelte. Es existierte der Glaube an die Mono­ge­ne­se, also an die Vorstellung, dass alle Menschen von einem Urpaar abstammen und sich beispiels­­weise nur durch Umwelteinflüsse unterschiedlich entwickelt hätten. „Race“ wird als „lin­­eage“ im Sinne einer monolinearen Abstammung verwendet, die damit zunächst alle Men­­schengruppen als eine Spezies mit verschiedenen Unterarten bewertet.

Zwei­tens verzichteten die genannten Naturwissenschaftler und Philosophen darauf, den ver­schiedenen „Rassen“ soziale oder kulturelle Eigenschaften oder Charakterzüge zu zuor­dnen. Lediglich Carl von Linné fügte den Menschengruppen in der zehnten Auflage sei­nes Werks Systema naturae geistig-kulturelle Eigenschaften hinzu, wobei festzuhalten ist, dass zu diesem Zeitpunkt Weißen bereits positive („durch Gesetz regierte Europäer“) und Schwar­zen negative Eigenschaften („der Afrikaner mit boshafter, fauler und lässiger Gemütsart“) zugeschrieben wurden.[14]

2.1.1.3 „Rasse“ als Schlüsselbegriff der Menschheitsgeschichte
2.1.1.3.1 „Rasse“ als (k)ein Vehikel universellen Fortschritts

Aufklärung und Entstehung der Moderne wurden von Säkularisierung und dem Abschied vom Glauben an eine monolineare Abstammung begleitet. Der Gedanke der Polygenese, al­so des getrennten Ursprungs verschiedener Menschengruppen und daran geknüpfter fun­da­men­­taler Unterschiede, beeinflusste auch die „Rassen“-Theoretiker. Doch nicht nur diese Ver­­änderungen hatten einen entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der „Ras­se“­­-Konzeptionen. Auch andere historische Rahmenbedingungen trugen zum Aufstieg des Ras­­sismus bei. Die im 18. und 19. Jahrhundert erfolgte Industrialisierung und die be­gin­nen­de Kolonialisierung, verbunden mit der Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeitskräf­ten der so genannten Neuen Welt, beeinflussten das Denken in Naturwissenschaft und Phi­lo­so­phie. Der Begriff „Rasse“ wurde aus seiner Funktion als Klassifikationskriterium he­rausgelöst und in den Kontext der gesamten Menschheitsgeschichte gestellt.[15]

In dem Werk Geschichte der Menschheit des Göttinger Kulturhistorikers Christoph Meiners (1747-1810) wurde „Rasse“ zum Grundbegriff der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. In seiner Unterscheidung der kaukasischen (Germanen, Romanen, Semiten) und der mongolischen „Rasse“ hatte er in dem Begriff „Rasse“ „(...) eine Typus-Einheit von ‚Kör­per‘ und ‚Geist‘ sowie ‚Charakter‘ und ‚Sitten‘ gesehen und die stammesgeschichtlich ent­standenen Großgruppen ihren gradweise verschiedenen Erbanlagen entsprechend für grö­ßere oder geringere Leistungen im Erringen von ‚Kulturstufen‘ (...)“[16] für fähig be­fun­den. Aus den unterschiedlichen Anlagen zur kulturellen und geistigen Entwicklung schluss­­fol­­gerte Meiners nicht nur die Ungleichwertigkeit beider „Rassen“, sondern auch ein Überle­­genheitsgefühl für die kaukasische „Rasse“ und damit für die „europäischen Na­tio­nen“,[17] denn Meiners stellte mit seinem „Rasse“-Begriff nicht nur den Bezug zu Fortschritt und kul­tu­reller Entwicklung her, sondern auch zur Nation, was eine zentrale Verän­derung der Begriffl­ichkeit beinhaltete. Aufgegriffen wurde diese Konzeption 1848 durch den Historiker Ge­­org Friedrich Kolb (1808-1884). Obwohl auch Kolb die Überlegen­heit der kaukasischen „Rasse“ betonte, führte sie bei ihm nicht zur Überlegenheit der europäischen Nationen.

„Die Rasseneigenschaften der ‚Kaukasier‘ ermöglichen deren Suprematie auf der gan­­zen Erde – jedoch nicht zur Unterdrückung, sondern zur kulturellen Entwicklung der anderen, die nach Befreiung von ihrem ‚Stabilitätswesen‘, d.h. ihrer Fortschritts­feindlichkeit, danach streben (...) in selbsteigener Entwicklung fortzuschrei­ten.“[18]

„Rassen“-Ungleichheit ist damit nicht nur das Mittel einer einseitigen kulturellen Entwicklung seitens der Europäer, sondern kann durch die Lernfähigkeit der „rückstän­di­gen Rassen“ zu einem Vehikel für universellen, kulturellen Fortschritt werden. Christoph Mei­ners und Georg Friedrich Kolbs unterschiedliche Positionen skizzieren die beiden vorherr­schen­den Denkströmungen Mitte des 19. Jahrhunderts sehr deutlich: auf der einen Sei­­te der Glaube an die Überlegenheit der europäischen Nationen, begründet mit „höherwer­tigen“ geistigen und kulturellen Eigenschaften und Charakterzügen, sowie andererseits der Glaube, dass gerade diese Überlegenheit dazu beitragen würde, den „min­derwertigen“ Menschengruppen zu kulturellem und geistigem Fortschritt zu verhelfen.

2.1.1.3.2 Degeneration der „Rassen“ durch Vermischung: Arthur de Gobineau

Anfang des 19. Jahrhunderts gab es eine Vielzahl von „Rasse“-Theorien mit sich zum Teil über­­­schneidenden und widersprechenden Systemen und Klassifizierungen, da fast jeder Au­tor eigene Kriterien zur Einteilung von Menschengruppen anwendete.[19] Im gleichen Zeit­­raum entdeckten Wissenschaftler der aufkommenden Linguistik die indoeuropäischen Spra­chen­­familien im Gegensatz zu den semitischen Sprachen, in denen bislang das Hebräische als Ur-Sprache galt.[20] Die Entdeckung der Verwandtschaft von Sanskrit, gotischer und kelti­­scher Sprache führte zu dem fatalen Umkehrschluss einer gemeinsamen „rassischen“ Abstam­­mung. Mit dieser Gleichsetzung von Sprache und „Rasse“ wurde der arische Mythos ge­­schaffen. Er basier­te auf der Unterscheidung zwischen indogermanischen und semitischen Spra­­chen, die bei vielen Wissenschaftlern zu einer Gleichsetzung von Indogermanen mit Ari­ern und so zu einer Unterscheidung zwischen Ariern und Semiten führte.[21]

Eine theoretische Verarbeitung und Festigung fand der Arier-Mythos mit dem französischen Di­plomaten Arthur de Gobineau (1816-1882). In seinem mehrbändigen Werk Essay sur l’inégalité des races humaines (1853/55) „verband er erstmals die bisher weitgehend ge­trenn­ten Hauptstränge des Rassismus – den Anti-Judaismus kurz vor seiner Metamorpho­se zum modernen Antisemitismus und den Anti-Negrismus.“[22] Ausgangspunkt Gobineaus sind die drei ungleichen „Rassen“ Gelbe, Schwarze und Weiße, wobei eine Hierarchi­sierung bereits fest geschrieben ist: „C’est là ce que nous apprend l’Histoire. Elle nous montre que toute civilisation découle de la race blanche, qu’aucune ne peut exister sans le concours de cette race (...)“[23]. Die weiße, an anderen Stelle auch „arisch“ genannte, „Rasse“ sei Ursprung jeglicher Zivilisation und übernähme somit die Führungsrolle in der Mensch­heits­ge­schich­­te. Dennoch lebe sie heute nicht mehr in ihrer reinen Form, da eine „mélange du sang“[24], eine Vermischung mit anderen Gruppen, stattfand. Diese Vermischung könne zwar an­­fänglich noch höhere „Rassen“ hervorbringen, ab einem bestimmten Punkt jedoch führe je­­de weitere Vermischung zur „dégénération“[25], zum Untergang. Daraus schlussfolgerte Go­­bineau, dass die weiße „Rasse“ ab diesem Punkt für sich, das bedeu­tet „rein“, bleiben müs­­se, um zu überleben. Langfristig jedoch sah er die Degeneration, auch für die „arische Ras­­se“ als unvermeidbar an – ein Ausdruck für seine pessimistische Sicht. Seine Theorie hat­­te einschneidende Wirkung für die weitere Entwicklung von „Rasse“-Konzeptionen, da der Gedanke an eine „Reinhal­tung der Rasse“ zur Verhinderung von De­generation „später zur ‚Rassenhygiene‘, bewussten Selektion und Manipulation zur ‚Ret­tung‘ der ‚höheren‘ Rasse und Vernichtung ‚minderwertiger‘ Rassen (führte, A.d.V.).“[26]

2.1.1.4 „Rasse“ als Weg zur „natürlichen“ Auslese
2.1.1.4.1 Adaption der Theorien von Darwin: Sir Francis Galton

Eine wesentliche ideologische und wissenschaftliche Stütze des aufkommenden Rassismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten die Theorien des englischen Naturforschers Charles Darwin (1809-1882) dar. Seine Evolutionslehre, dargelegt in dem Werk The Ori­­gins of Species by Natural Selection (1859), umfasste folgende zentrale Aussagen[27]: die Or­­ganismen im Tier- und Pflanzenreich reproduzieren sich exponentiell, wobei die Arten in ei­nem ständigen Konkurrenzkampf um die begrenzten (Um­welt-)­Re­ssourcen stehen. In die­sem „struggle for life“ haben die effektiver an das Umfeld an­­ge­pas­sten Organismen die besse­ren Überlebenschancen: die zweckmäßig An­ge­passten über­leben, die Ungeeigneten schei­tern. Evolution geschieht über natürliche Selek­tion. Merk­male, die dem Organismus helfen, in der Umwelt zu überleben, werden gene­tisch wei­ter­gegeben und führen zur Veränderung des Erbguts. Die Variabilität der Arten entsteht durch natürliche Selektion.

Diese Darwinschen Prinzipien wurden – jedoch nicht von Darwin selbst – auf die Gesellschaft übertragen. Seine Theorie der „Natural Selection“ und des „Survival of the Fittest“ wur­­­de von verschiedenen „Rassen“-Theoretikern übernommen und mit dem „Recht des Stär­­­­keren“ ergänzt.[28] Darwin verlieh somit der von Gobineau vorgebrachten Rettung der so ge­n­annten „höheren Rassen“ – synonym für die „arischen Rasse“ – eine wissen­schaftliche Grund­­lage: „Der Darwinismus forderte nicht nur die Visionen von Rassenkäm­p­fen, er führ­te auch ganz direkt zur Begründung der Rassenerbpflege (Eugenik).“[29] Als Be­gründer der Erb­­gesundheitslehre gilt der Brite Sir Francis Galton (1822-1911). Sei­ne zen­tralen Aussagen basierten auf den Theorien Darwins: „Der Wert der Erbgesundheit be­stim­mte darum die Qualität der Rasse“ und von der sich als „Rasse“ definierenden Grup­pe „(...) konnte na­tür­liche Auslese jederzeit zur Verbesserung (der „Rasse“, A.d.V.) be­nutzt werden“[30].

Der Kampf ums Überleben stünde darüber hinaus in Verbindung mit der Erhaltung der von Ge­­neration zu Generation übertragenen, angeborenen körperlichen und geistigen Ei­gen­schaf­­ten. Der so durch den Sozialdarwinismus geprägte Rassismus des späten 19. Jahr­hun­derts entwickelte rasch „nationale“ Varianten, die sich in ihren Vorstellungen gegen­seitig be­einflussten. Deutsche Vordenker von Sozialdarwinismus und Rassenhygiene wa­ren beispiels­weise der Zoologe Ernst Haeckel (1834-1919) und der Arzt Alfred Ploetz (1860-1940), einer der bedeutenden „Rassenhygieniker“ auf deutschem Gebiet.[31]

2.1.1.4.2 „Rassenbewusstsein“: Houston Stewart Chamberlain

Beeinflusst von den Gedanken Gobineaus und den weitreichenden Interpretationen der dar­win­­schen Evolutionsprinzipien entwickelte der britischstämmige Wahldeutsche Houston Ste­­wart Chamberlain (1855-1927), Schwiegersohn Richard Wagners, in seinen Grund­lagen des 19. Jahrhunderts (1899) „die Theorie von der Überlegenheit der arischen ‚Ras­se‘, deren Hauptbestandteil die Deutschen bilden (...)“[32]. Chamberlain war somit einer der ersten Theo­­retiker, der die „arische Rasse“ explizit mit den Deutschen gleichsetzte. Neu war in sei­­­nem Werk auch, dass er sich in der Einteilung der „Rassen“ weitgehend von so­matischen Un­­terscheidungskriterien löste und vor allem kulturelle und psychologische Kri­terien zur Un­­terscheidung heranzog: „Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: physio­­logisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von Inzucht; psy­chisch durch den Ein­­fluss, welchen lang anhaltende, historisch-geographische Bedingungen auf jene besondere, physiologische Anlage ausüben.“[33] Der „Germane“ ist für Cham­berlain „(...) die Seele un­­serer Kultur. (...) Blicken wir heute umher, wir sehen, dass die Bedeutung einer jeden Na­tion als lebendige Kraft von dem Verhältnis des echt germani­schen Blutes in ihrer Bevölker­ung abhängt.“[34] Die Weltherrschaft sei, so Chamberlain, um­kämpft von zwei „Rassen“, die für ihn gleichermaßen „Gut“ und „Böse“ verkörpern: „‚Juda‘ macht den ‚Germanen‘ die le­­gitime Weltherrschaft streitig, indem es selbst die Welt­herrschaft anstrebt.“[35] Chamberlain de­­finierte somit nicht nur die jüdischen Menschen ex­pli­zit zu einer „Rasse“, sondern stellte sie den „Germanen“ auch antagonistisch als das Bö­se gegenüber. Weiterhin führte er neue Ele­­mente wie „Rassen­bewusstsein“ und „Rassen­seele“ in den Begriff ein und hob ihn damit bis zu einem gewissen Grad ins Mystische. Die Verknüpfung der beiden Elemente „Kampf ge­gen die Juden um die Weltherrschaft“ und „Rassenseele“ – verbunden mit einem Rückbezug zu Gobineau – wird in folgendem Ge­danken Chamberlains deutlich:

„Der Sieg über die Juden würde zu keiner sozialen und wirtschaftlichen Veränderung führen, sondern zu einer Revolution des Geistes, und die arische Rassenseele würde dann die Welt beherrschen. Eine neue Kultur würde entstehen, die der ge­gen­wärtigen Degeneration ein Ende setzen würde.“[36]

Dieser Gedanke lässt sehr gut erkennen, was das Werk Chamberlains für die Nationalsozialisten als theoretische Grundlage interessant und ihn zu einem frühen Apologeten des nationalsozialistischen Gedankenguts machte.

2.1.1.5 Völkischer „Rasse“-Begriff und Antisemitismus im National­sozialismus

Mit dem Nationalsozialismus wurde das Denken in Kategorien von „Rasse“ zur offiziel­len Staats­­doktrin und zur Begründung eines millionenfachen Massenmords. Die „arische Rasse“ erhielt nach den Vorgaben Hitlers absolute Vorrangstellung und wurde zum Motor jeg­li­chen Handelns. Bereits in seinem Agitations­buch Mein Kampf (1925) legte Hitler (1889-1945) zentrale Aufgaben fest: Um die Vormachtstellung der „arischen Rasse“ zu sich­ern, müss­ten sowohl „Rassesinn“ und „Rassege­fühl“ durch Erziehung und Bildung her­gestellt, als auch die „Menschenauslese“ im „völ­kischen Staat“ vorangetrieben werden.[37] Das national­sozialistische Erziehungsverständnis sah Erziehung funktional zur politi­schen Auslese und als Instrument der Herrschaftssicherung. Obwohl es keine partei- oder staatsoffizielle Dok­trin einer nationalsozialistischen Pädagogik gab, war die Pädagogik, neben anderen ge­sell­schaftlichen Akteuren, eine zentrale Stütze des faschistischen Sys­tems mit einer wesentlichen Aufgabe: der Erziehung zum faschistischen Staat mittels der Verbreitung eines „(...) Raster(s), das jeden und jede nach rassistischen Kriterien als ‚wert­voll‘ oder ‚minderwertig‘ einstufte, verbunden mit dem hybriden Bewusstsein, selbst zur ‚wertvollen Herrenrasse‘ zu gehören (...)“[38]. Beteiligt waren an der Erziehung neben Ein­richtungen der NSDAP wie Jugendverbänden, außerschulischen Eliteschulen und Fort­bildungsstätten die herkömmlichen Erziehungseinrichtungen des Schulwesens, der Hoch­schule, der Erwachsenenbildung. Sicherlich wurden auch die Einrichtungen des Erziehungs­systems nach der Machtergreifung durch Zwang, über Gesetze und Erlasse gleichgeschaltet und Teile der (politisch unliebsamen) Pädagogenschaft aus ihren Positionen vertrieben. Aber neben den exponierten pädagogischen Akteuren wie Ernst Krieck (1882-1947), der die Schaffung eines „völkischen Erziehungsstaates“ zum Ideal erhob, oder Baldur von Schirach (1907-1974), der die Voll­en­dung eines „volksgemeinschaftlichen Jugendstaates“ anstrebte[39], gab es auch teils eine hohe Zustimmung in der Pädago­genschaft zum Nationalsozialismus. Hier ist vor allem auf einige Repräsentanten der gei­steswissenschaftlichen Pädagogik hinzuweisen. Eduard Spran­ger (1882-1963) und Wil­h­elm Flitner (1889-1990) begrüßten die Machtergreifung und sahen Chancen, ihre Ideen der nationalkonservativen Volksgemeinschaft zu verwirklichen.[40]

Die Erziehungswissenschaft, die sich nicht mehr nur auf das Jugendalter beschränken, son­dern alle Generationen erfassen sollte, beteiligte sich im Nationalsozialismus nach den Vor­gaben Adolf Hitlers daran, den „‚Siegeszug der besten Rasse‘ (zu verwirklichen) (...). Die beste ‚Rasse‘ ist die der ‚Arier‘. Sie ist der eigentliche ‚Kulturbegründer‘, der ‚Urtyp dessen‘, ‚was wir unter Mensch verstehen‘, die ‚geniale Rasse‘ schlechthin.“[41] Den Gegen­satz zu dieser „genialen Rasse“ fand der Nationalsozialismus in der Verengung des Rassis­mus auf die Juden und Jüdinnen: „Er (die Juden als „der Teufel“, A.d.V.) ist keine Reli­gions­gemeinschaft, sondern ‚Volk‘, sogar ‚Rasse‘, eine wahre ‚Pest‘, mit dem Traum der eigenen ‚Weltherrschaft‘, so dass ‚in unserem Volke die Personifikation des Teufels als Sinnbild alles Bösen die leibhaftige Gestalt des Juden annimmt‘.“[42] Um die Existenz Deutschlands zu sichern, sei nicht nur die Schaffung von „Lebensraum“ durch verheerende Kriegs­züge nötig, sondern auch die „(...) Unterwerfung ‚minderwertiger‘ Völker und die Ver­nichtung ‚niederer‘ ‚Rassen‘, vor allem der Juden.“[43] Dieser Vernichtungswille führte, zu­sammen mit der im Namen von „Rassenreinheit“ durchgeführten Euthanasie, in der extremsten Steigerung des „Rassedenkens“ in den Mord von Millionen von Menschen.

2.1.1.6 Der Begriff der „Rasse“ nach 1945

1951 gab die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) ei­ne Erklärung zum wissenschaftlichen Standpunkt der „Rassen“-Forschung ab. In die­ser Er­klärung wurde festgehalten, dass genetische Differenzen kein zentraler Faktor für das Er­brin­gen kultureller Leistung darstellen, dass Persönlichkeit und Charaktereigenschaf­ten „ras­selos“ sind und die Existenz von „Rassen“ vom wissenschaftlichen Standpunkt her nicht zu rechtfertigen ist.[44] Die Diskussionen im Vorfeld der Deklaration belegen jedoch, dass diese Schlussfolgerungen keineswegs mit der in der Erklärung gezeigten Ein­deutigkeit ge­zogen wurden. Gerade den an der Ausarbeitung der De­klaration beteiligten Anthropologen und Genetikern fiel es schwer, auf die Verwendung des Begriffs „Rasse“ zur Kennzeich­nung und Einteilung von Menschengruppen zu verzichten.[45] Hier zeigte sich, dass die Ab­lehnung des Begriffs nicht unbedingt auf Einsicht von PolitikerInnen oder ge­meinsam ge­tei­lten Forschungserkenntnissen von WissenschaftlerInnen fußte, sondern auch und vor al­lem politischen Motiven geschuldet war, nachdem nach 1945 im Ganzen er­sichtlich war, wel­che Grausamkeiten im Namen der nationalsozialistischen „Rassenideologie“ durchgeführt wurden. Dennoch war mit der Deklaration, der noch weitere folgen sollten, der politisch motivierte Abschied vom „Rasse“-Begriff eingeleitet.[46]

Auch im Forschungsfeld der Genetik haben WissenschaftlerInnen in den letzten 50 Jahren mit Hilfe von Untersuchungen menschlicher Gene durch Verfahren der Immunologie und Pro­teinchemie festgestellt, dass „(...) keines dieser Gene perfekt eine ‚rassische‘ Gruppe von einer anderen trennt.“[47] Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass es im genetischen Bauplan kein Gen gibt, dass in einer bestimmten Form zu 100% bei der einen geogra­phisch eingeteilten Menschengruppe und in anderer Form nur bei einer geographisch an­deren Menschengruppe auftritt. Somit steht fest: „Jegliche Verwendung von Rassekatego­rien muss ihre Rechtfertigung aus anderen Quellen als der Biologie beziehen.“[48]

2.1.2 Die historische Entwicklung des Begriffs Rassismus

2.1.2.1 Ursprünge des Begriffs Rassismus

Die Phänomene, die mit dem Begriff Rassismus verbunden sind, existieren seit der Entstehung der Moderne[49], das Wort Rassismus selbst ist jedoch eine relativ junge Sprachschöpfung. Eine exakte Datierung der Entstehung des Begriffs ist nicht möglich. Sicher ist aber, dass er im englischen Sprachraum als „racism“ in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zuerst aufgetaucht war. Rassismus war der Name eines Buches, dass der Deutsche Magnus Hirsch­feld bereits 1933/34 verfasste, aber erst einige Jahre später in Großbritannien publizierte.[50] Hirschfeld benutzte Rassismus zunächst als politischen Kampfbegriff, mit dem er sich gegen die Propaganda der „Rassenideologie“ und die nationalsozialistische Po­litik wen­de­­te. Darüber hinaus versuchte er aber auch, die Theorien über „Rasse“ des 19. Jahr­hun­derts als pseudowissenschaftlich zu widerlegen. Hirschfeld gab jedoch in seinem Werk Rassismus keine explizite Definition dessen, was formal mit diesem Begriff verbunden war. In den späten 30er und frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand vor allem im englischsprachigen Raum eine intensive Debatte über Rassismus. Einigkeit bestand bei den AutorInnen in der Erkenntnis, dass eine Ausgrenzung von Menschen auf Grund­lage „rassischer“ Kriterien keine Legitimation besäße und dies als „racism“, als Rassismus, zu bezeichnen sei. Nur selten wurde aber der „Rasse“-Diskurs gänzlich verworfen, denn viele AutorInnen hielten an der Kategorie zur Systematisierung menschlicher Erscheinung fest.[51]

2.1.2.2 Etablierung des Begriffs Rassismus nach 1945

Die Diskussion um den Begriff Rassismus entwickelte in den Jahrzehnten nach 1945 zwei Strän­­­ge. Zum einen erfolgte in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen eine Auseinan­der­­setzung mit den „Rasse“-Theorien und vor allem mit dem im National­sozi­alis­mus prak­ti­zier­­ten Rassismus. Heute gibt es gerade auch im englisch- und französisch­spra­chigen Raum ei­­ne Vielzahl von RassismustheoretikerInnen, die das Phänomen des Rassis­mus in sei­nen hi­sto­­rischen und sozialwissenschaftlichen Ausprägungen erforschen. Zum anderen wur­de der Be­­­griff Rassismus auf Ausgrenzungsmechanismen und -ideologien in verschiede­nen Ländern angewandt. So rückte beispielsweise die alltägliche und strukturelle Diskri­mi­nierung der schwarzen Bevölkerung in den USA als Rassismus in das Blickfeld der Öffent­lichkeit. In Südafrika wurden die Diskriminierungspraktiken des Apartheidregimes mit dem Begriff Ras­­sismus bezeichnet.[52] Auch viele ehemalige Kolonialstaaten wie Frankreich, Groß­bri­tan­nien oder die Niederlande sahen sich nach 1945 zu Debatten über innergesellschaftlichen Ras­sismus gezwungen, da im Zusammenhang mit den antikolonialen Be­freiungskämpfen ge­­rade Rassismus zum Instrument der Kritik an den Kolonialmächten wur­de. Es kamen im Zu­ge der Dekolonialisation viele BewohnerInnen der ehemaligen Kolonien in die „Mutterländer“, was die Diskussion über Rassismus voran trieb.[53]

2.1.2.3 Die Schwierigkeit des Begriffs in Deutschland

Einen anderen Verlauf machte die Verwendung des Begriffs Rassismus in der Bundesre­pu­blik Deutschland. Obwohl er in Nachbarländern wie Frankreich gängig war, spielte Rassis­mus als Begriff in den wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten der Bundesrepublik Deutschland eher eine marginale Rolle. Rassismus war begrifflich tabuisiert. „In Germany the word Rassismus had too many associations with the Nazi era to be acceptable (...)“[54]. Tat­­­sächlich schien dem Begriff immer die Konnotation der „rassisch“ begründeten Vernich­tungs­­politik der NationalsozialistInnen und die Gräueltaten des so genannten Dritten Reichs an­zuhaften. Da Deutschland aber einen zumindest vordergründig proklamierten ra­di­kalen Bruch mit dem Naziregime vollzogen hatte, obwohl die Aufarbeitung der Vergangen­heit ge­­nauso wie die Thematisierung von personellen oder inhaltlichen Kontinuitäten in Po­litik, Ju­s­tiz, Wissenschaft und Gesellschaft kaum verwirklicht war, konnte es in die­ser Lo­gik fol­ge­­richtig auch keinen Rassismus mehr geben. „Aber auch in der Bundesrepublik loc­kert sich ein Nachkriegstabu: der Rassismus-Begriff wird vermehrt benutzt.“[55] Vor allem seit dem deut­­lichen Anstieg von physischer Gewalt gegen Flüchtlinge und anders aussehende Menschen Anfang der 1990er Jahre findet die Bezeichnung Rassis­mus sowohl im wissenschaftlichen als auch im öffentlichen Raum eine breitere Verwendung.[56] Dennoch bleibt anzumerken, dass in Diskussionen über Anfeindungen, Diskriminie­r­ung und Gewalt gegenüber den ge­nannten Personen vorzugsweise das Wort „Aus­länderfeind­lichkeit" oder „Fremdenfeindlich­keit“ statt Rassismus verwendet wird.[57] Die negative Konnotation sowie die Scheu vor dem Wort Rassismus scheinen weiterhin Bestand zu haben.

2.2 Zur Begriffsbestimmung von Rassismus

Was verbirgt sich nun hinter dem Phänomen Rassismus? Welches Verhalten kann als rassis­tisch bezeichnet werden? Rassistische Zuschreibungen scheinen sich je nach historisch-so­zialer und gesellschaftspolitischer Situation zu unterscheiden: Die Diskriminie­rung der Schwar­zen in den USA unterschied sich beispielsweise vom Apartheidre­gime in Südafrika. Den­noch ist es möglich, Kernelemente und Grundzüge des Rassismus auszumachen und ihn als sozialwissenschaftliche Kategorie zu definieren. Dabei ist darauf zu achten, dass ei­ne sinn­volle Rassismusdefinition weder zu eng noch zu weit gesteckt sein darf, da ein infla­tionärer Gebrauch die Erklärungskraft verringert.[58] Im folgenden Kapitel sollen zunächst die Grundgedanken einiger ausgewählter Rassis­mus­the­oretiker dargestellt werden. Dies ermöglicht anschließend, eine eigene Definition von Rassismus zu skizzieren.

2.2.1 Definitionsansätze moderner Rassismustheoretiker

2.2.1.1 Wertung von (biologischen) Unterschieden: Albert Memmi

Ein Definitionsansatz, der sehr oft herangezogen wird, um das Phänomen Rassismus zu be­stim­­men, ist die Definition des aus Tunesien stammenden Honorarprofessors für Kulturso­zi­o­­logie an der Pariser Universität Sorbonne, Albert Memmi. Er begreift Rassismus als Fest­le­­gung und Instrumentalisierung von realen oder imaginären Unterschieden im Dienst der Recht­­fertigung von Herrschaft, aggressivem Verhalten und der Durchsetzung von In­ter­es­sen. Weit gefasst versteht Memmi Rassismus als die „(...) verallgemeinerte und verab­solu­tier­­­te Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nach­­teil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt wer­­den sollen“[59]. Dabei ist ihm wichtig zu betonen, dass es „(...) Herrschaft an sich (ist), die den Rassismus benutzt“[60]. Um diese Begriffsbestimmung noch zu präzisieren, bezieht Mem­mi Rassismus im strengen Wortsinn ausschließlich auf den biologischen Gehalt: „Der Be­­griff Rassismus passt genau für die biologische Bedeutung, und ich schla­ge vor, ihn zukün­f­tig ausschließlich für den Rassismus im biologischen Wortsinne zu ge­brauchen“[61]. Der so verstandene Rassismusbegriff bei Memmi enthält zwar zentrale Elemen­te, die für eine De­finition von Rassismus wichtig sind, so beispielsweise die Verabsolutie­r­ung von realen oder imaginären Unterschieden. Dennoch stellt die­se Begriffsbestimmung kei­ne überzeugen­de analytische Definition dar, da sie das Spezifische des Rassismus gegenüber anderen Aus­grenzungsformen nicht exakt erfasst. Denn nach Memmis Definition würde auch sexisti­sches oder behindertenfeindliches Verhalten un­ter den so gewählten Begriff fallen, weil auch im Sexismus eine Verabso­lutierung und Bewertung von re­a­len und fiktiven (biologischen) Unterschieden zum Nach­teil des „Opfers“ statt findet. Weiterhin trifft Memmi keine Aussa­ge darüber, ob die im Rassismus vorgenommenen Wertungen positiv oder negativ sind. Auch hier sollte eine analytische Präzision erfolgen. Darüber hinaus stellt er zwar in einem In­terview fest, dass Rassismus sich „(...) in der Gegenwart also nicht mehr auf biologische oder soziobiologische, sondern auf ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede“[62] bezieht. Dem kann er aber mit seiner Begriffs­bestimmung nicht Rechnung tragen.

Eben­­so steht bei ihm der individuelle, vom Einzelnen ausgehende Rassismus stark im Vordergrund, gesellschaftliche Strukturen und Mechanis­men finden jedoch keine Beachtung. Es gilt also, nach einer differenzierteren Begriffsbestimmung zu suchen.

2.2.1.2 Rassenkonstruktion als Bedeutungskonstitution: Robert Miles

Robert Miles, ehemaliger Professor für Soziologie an der Universität Glasgow, stellt in sei­ner Definition von Rassismus weniger den individuellen Aspekt in den Vordergrund, son­dern wendet den Begriff nur auf ideologische Phänomene an und versucht „(...) Rassis­mus durch seinen ideologischen Gehalt, nicht durch seine Funktion zu defi­nieren“[63]. Mit ei­ner Be­­griffsbestimmung können seiner Ansicht nach kein historisch konkreter Gehalt, son­dern nur allgemeine ideologische Merkmale bestimmt werden. Der ideologische Ge­halt des Phäno­­mens Rassismus zeichnet sich nach Miles zunächst durch eine „Bedeu­tungs­kon­sti­tution“ aus. Eine Gruppe von Menschen wird anhand eines „oder mehrerer biologischer Merk­male“ als „Kollektivgruppe“ in der Weise definiert, „(...) dass ihr ein naturgegebener, un­wan­del­ba­rer Ursprung und Status und von daher eine ihr innewohnende Differenz anderen Gruppen ge­­genüber zugeschrieben werden“[64]. Das Anderssein der Gruppe erscheint als eine ihr inhären­­te Tatsache, soziale Verhältnisse werden naturalisiert. Es erfolgt eine „ra­cialisation“, ei­ne „Rassenkonstruktion“ als ein „(...) Prozess der Grenzziehung zwischen verschiedenen Grup­­pen, wobei bestimmte Personen, primär mit Bezug auf (angenom­mene) angeborene (ge­wöhnlich phänotypische) Merkmale innerhalb dieser Grenzen ver­ortet werden“[65]. Darüb­er hinaus wird die so gekennzeichnete Gruppe mit zusätzlichen, ne­gativ bewerteten sozia­len, kulturellen oder biologischen Merkmalen besetzt. Erst mit die­ser zusätzlichen Zuschrei­bung von negativen Merkmalen und Eigenschaften spricht Miles von Rassismus. Wei­ter­hin können sich die Merkmale, die zu Bedeutungsträgern wer­den, historisch verändern und sich auch nicht sichtbare, reale oder fiktive Merkmale zu Be­deutungsträgern einer „Rassenkonstruktion“ entwickeln.[66]

Nach Miles ist Rassismus eine „Ideologie der Aus- und Eingrenzung“.[67] Obwohl Miles hier von Rassismus als Ideologie der Aus- und Ein­­grenzung spricht, möchte er sich in seiner Begriffsbestimmung nur auf das ideologi­sche Phä­­nomen beziehen und Rassismus im Interesse theoretischer Genauigkeit konkret von der Aus­­grenzungspraxis trennen.[68] Es ist Miles zwar in seiner These zuzustimmen, dass Ausschlie­­ßungspraxen verschiedene Ursachen haben können und nicht zwangsläufig das Ergebnis von Rassismus sind, dennoch erscheint diese Trennung zwischen Ideologie und Praxis we­nig sinnvoll. Ideologien werden durch Menschen umgesetzt, indem ihr Verhalten durch ideologische Theorien bis zu einem gewissen Grad beeinflussbar ist. Ferner scheint mit solch einer Unterscheidung die begriffliche Genauigkeit zu verschwinden, wenn der Begriff Ras­sismus sich nur auf die Ebene der Ideologie beschränkt, aber seine praktischen Auswirkun­gen, z. B. als Abwertung oder Ausgrenzung von Menschen, mit einem anderen Begriff bezeichnet werden. Der Begriff sollte den Gesamtprozess der Abwertung von Andersheit und Ausgrenzung von bestimmten Menschengruppen erfassen. Dennoch ist Miles Begriffsbestimmung von Rassismus wesentlich differenzierter als die von Memmi. Miles löst sich von der unbedingten Wertung biologischer Merkmale, bezieht auch soziokultur­elle Merkmale mit ein, und gesteht den Merkmalen geschichtliche Variationsmöglichkeiten zu.

2.2.1.3 Rassismus ohne „Rassen“ als differentialistischer Rassismus: Etienne Balibar

Für den französischen Philosoph Etienne Balibar ist Rassismus zunächst ein „gesellschaftli­ches Verhältnis“[69]. Rassisti­sche Erscheinung „(...) hat keine festen Grenzen, sie ist ein Mo­ment der Entwicklung, das je nach (...) historischen Umständen und Kräfteverhältnissen in der Gesellschaftsforma­tion einen anderen Platz im Spektrum möglicher Rassismen ein­neh­men kann.“[70] Balibar sieht den Rassismus abhängig vom hi­sto­rischen, politischen und sozio­kul­turellen Kontext einer Gesellschaft.[71] Um historische Ent­wicklungswege des Rassismus nach­zuzeichnen, bedient sich Balibar verschiedener Un­terscheidungsformen des Rassismus: the­o­retischer (als Doktrin) und spontaner Rassismus (als Vorurteil), nach außen und nach innen gerichteter Rassismus (zum Beispiel gegen mi­no­risierte Gruppen im nationalen Raum) oder ausschließender (als Ausrottung, Eliminierung) und einschließender Rassismus (verbun­den mit Unterdrückung, Ausbeutung).[72] Mit die­ser systematischen Unterscheidung verdeutlicht Etienne Balibar, dass es keinen invarianten Typus von Rassismus gibt, der allgemeine, über­historische Gültigkeit besitzen würde.

Ba­libars Werk ist aber vor allem durch seine Begriffsbestimmung des gegenwärtigen Rassis­mus bedeutsam. Für ihn stellt der heutige Rassismus einen „Rassismus ohne Rassen“ oder ei­nen „Neorassismus“ dar. Es ist für ihn eine Form von Rassismus, „(...) dessen vorherrschen­des Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kul­­turellen Differenzen ist; eines Rassismus, der – jedenfalls auf den ersten Blick – nicht mehr die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker postuliert, sondern sich darauf be­schränkt, die Schädlichkeit der Grenzverwischung und die Unvereinbarkeit der Lebenswei­sen und Traditionen zu behaupten“[73]. Das zentrale Kennzeichen dieses kulturellen Rassis­mus stellt das Verwerfen des Begriffs „Rasse“ zugunsten der Begriffe Ethnizität oder Kul­tur dar.[74] Balibar schließt mit einer solchen Definition an den französischen Politologen Pierre-André Taguieff an, der diese Erscheinungsform einen „racisme differentialiste, sur des bases culturalistes“[75] nannte. Taguieff betonte ebenfalls die Trans­formation des Begriffs „Ras­se“ zu Ethnizität und den Wandel der Zuschreibung eines genetischen Mangels, wie er in den „Rasse“-Theorien vor 1945 postuliert wurde, hin zur Zuschreibung von Kulturdefizi­ten. Kultur wird im differentialistischen Rassismus nach 1945 zum quasi natürlichen Merkmal, denn „(...) auch die Kultur (kann) durchaus als eine solche Natur fungieren, ganz besonders als eine Art und Weise, Individuen und Gruppen a priori in eine Ursprungs­geschichte, eine Genealogie einzuschließen (...)“[76].

Somit wird menschliches Verhalten nicht durch die Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ determi­niert, sondern der Mensch ist unveränderlich durch seinen kulturellen Ursprung bestimmt. Balibar verdeutlicht somit eine zentrale These der aktuellen Forschung, nämlich, dass die Ka­tegorie „(...) ‚Kultur‘ mittlerweile einen ‚Rasseer­satz‘ darstellt und dass sich der neue Rassismus durch ‚Kulturalismus‘ – statt wie bisher durch Biologismus – auszeichnet (...).“[77] Pub­likationen und Schriften der so genannten Neuen Rechten im gesamten europäischen Raum verdeutlichen, dass diese Entwicklung auch für Deutschland Gültigkeit besitzt.[78]

2.2.2 Rassismus als komplexes Phänomen: das Konzept dieser Arbeit

Rassismus stellt für die Autorin ein komplexes Phänomen dar, so dass nicht ein Wesen oder ei­ne Erscheinungsform von Rassismus ausgemacht werden kann. Statt dessen spielen ver­schie­dene ideologische Diskurse[79] eine Rolle, die dem Rassismus unterschiedliche For­men ge­ben. In diesen Diskursen ist zwischen biologistischen und kulturalistischen Argumentationssträngen zu unterscheiden. Die biologistischen Strän­ge speisen sich aus den historischen „Ra­sse“-Theorien, die auch heute noch im kollek­tiven Gedächtnis verwurzelt sind. Die kul­tur­alistischen Argumentationslinien gründen sich demgegenüber auf kulturelle und ethnische Un­terschiede, was von der Rassismusforschung als „Neorassismus“ oder „differentialistischer Rassismus“ bezeichnet wird.

Gemeinsam ist beiden Argumentationslinien zunächst die Konstitution einer Gruppe aufgrund von phänotypischen, kulturellen oder sozialen Merkmalen als quasi natürliche Herkunfts­­gemeinschaft oder Abstammungsgruppe. Zusätzlich werden dieser Gruppe negative, re­­ale und/oder fiktive, biologische, kulturelle und/oder soziale Eigenschaften zugeschrieben, was diese Gruppe wesensmäßig anders macht und der eigenen Gruppe gegenüber als nicht gleich­wertig, als „minderwertig“ einstuft. Verbunden damit sind Ausgrenzungsmecha­nismen ge­genüber dieser Gruppe bzw. die Macht, diese Ausgrenzungsmechanismen ge­genüber der so definierten Gruppe durchzusetzen.

Angelehnt an die niederländische Rassismusforscherin Philomena Essed wird weiterhin zwischen Rassismus auf der Mikroebene und in Makrostrukturen unterschieden. Rassismus auf der Mikroebene zeigt sich in der Gesamtheit von Haltungen, Überzeugungen, Ein­stell­un­gen, Stereotypen, Vorurteilen und Abwertungen, die keineswegs nur in offener und extremer Form, sondern auch subtil, unauffällig und verdeckt auftreten, alltäglich oft un­bewusst re­produziert werden und häufig unhinterfragt bleiben. Dies wird von AutorInnen als „Alltags­rassismus“[80] (Rudolf Leiprecht), „Alltäglicher Rassismus“[81] (Philomena Essed), „Infor­mel­ler Rassismus“[82] (Stephen Castles) oder als „individueller Rassismus“[83] (Anja Meulenbelt) bezeichnet. Dennoch darf der Blick auf die Makroebene nicht versperrt blei­ben: „Es stellt sich in zunehmendem Maße heraus, dass der gegenwärtige Rassismus ein strukturelles Phä­nomen ist, d. h. in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert ist.“[84] In diesem Sinn wird nach Robert Miles Rassismus auf der Makroebene in dieser Ar­beit als „institutioneller Ras­sismus“ definiert. Darunter sind alle institutionalisierten Formen von Ausgrenzung, alle Struk­turen wie Gesetze, politische Bestimmungen oder administrative Prak­tiken gefasst, die Formen der systematischen Ausschlie­­ßung von ethnisch oder phänotypisch definierten Gruppen beinhalten. Die­se Formen basieren jedoch zusätzlich, wie Miles dies definierte, historisch oder aktuell auf einem rassistischen Diskurs.[85] Rassismus tritt nicht als einheitliches Phänomen auf, sondern stellt sich sowohl als Ideologie, Struktur sowie Denk- und Handlungsweise – beeinflusst durch die jeweilige historische und gesellschaftspolitische Situation – dar. Doch wie entsteht Rassismus – welche Erklärungen gibt es dafür?

2.3 Theorien über die Entstehung von Rassismus

Wie entsteht Rassismus, welche Faktoren sind dabei relevant? Die Antworten darauf sind viel­fältig und je nach wissenschaftlicher Fachrichtung und je nach Standpunkt gänzlich ver­schieden. Da von den Erklärungsmodellen Ziele und Methoden der Strategien gegen Ras­sismus und ihre politische und pädagogische Umsetzung abhängen, werden nun im nächsten Kapitel ausgewählte Theorien für das Entstehen von Rassismus dargestellt und in ihren zentralen Aussagen kritisch hinterfragt. Im Anschluss daran wird der in dieser Arbeit favorisierte Erklärungsansatz für das Entstehen von Rassismus herausgearbeitet.

2.3.1 Psychologische und psychoanalytische Erklärungsansätze

2.3.1.1 Rassismus als Abspaltung innerer Persönlichkeitsanteile: Erklärungsansätze der Psychoanalyse

Psychoanalytische Erklärungsmuster basieren alle mehr oder weniger auf dem Freudschen Mo­dell, „(...) nach welchem das Ich eine Art Dreifrontenkrieg gegen das Über-Ich, das Es und die Realität zu führen hat (...)“[86]. Sie gehen auf die zentralen Thesen Sigmund Freuds (1856-1939) zurück, nach denen die Welt für die Individuen in ein „Innen“ und ein „Außen“ ge­­trennt ist, die kindliche Entwicklung sich in psychosexuellen Phasen vollzieht und unbe­wus­ste Vorgänge des Ichs sich in Projektion, Abwehr und Abspaltungstendenzen verwirk­li­chen. Rassistische Erscheinungsformen werden nun mit unterschiedlichen Argumentations­li­ni­en er­klärt. Zunächst gibt es Erklärungsmodelle, die der Beziehung des Ichs zu seiner äuße­ren Realität eine zentrale Rolle zuweisen. Rassismus wird in den Modellen verstan­den als „(...) Antwort auf bedrohliche Verschiebungen in der äußeren Realität“[87]. Un­ter bedrohlichen Verschiebungen werden dabei anomische und labilisierende Phänomene in der gesellschaft­lichen Entwicklung gefasst, die sich in realen Konkurrenzverhältnissen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt oder gesellschaftlichen Absturzgefahren manifestieren können. Ras­sismus entsteht, weil das Individuum dazu tendiert, die Bedingtheit der „Realangst in den Konkurrenzverhältnissen“ nicht auf abstrakte, ökonomische oder ge­sellschaftliche Struk­turen zurück zu führen, sondern „die Bedrohung zu personalisieren“ als „Angst vor Frem­den“, so dass ein „Potpourri von Realangst und neurotischer Angst“ ent­steht.[88]

Eine weitere Richtung rückt das Verhältnis von Ich und Es in das Zentrum der Betrachtung: „Im Konflikt des Ich mit dem Es werden Juden, Aus­­länder und Fremde auf vielfältige Weise zu Containern für ungeliebte libidinöse, aggres­si­ve und narzisstische Regungen.“[89] Als Beispiele sieht Ottomeyer die „Projektion der oralen Gier“ in dem Bild des Ausländers, der in der „sozialen Hängematte“ liegt und „auf unsere Kosten“ lebt.[90] Auch der Bezug zur analen Thematik, dem Säuberungswahn, wird in dem Bild des „Ausbrennen eines Schädlings und Krankheitserregers“, wie er im Na­ti­o­nal­so­zi­alismus geprägt wurde, hergestellt.[91] In dieser psychoanalytischen Betrachtungs­weise kommt Rassismus quasi die Funktion eines Ventils für verdrängte und unterbe­wusste libidinöse oder narzisstische Empfindungen zu, die in den Stadien der psycho-sexuellen Entwicklung des Kindes als orale, anale und ödipale Thematik geprägt wurden.

In psychoanalytischen Erklärungsmustern wird das Entstehen von Rassismus als bewusste oder unbewusste Projektion von irgendwie gearteten Ängsten, abgespalteten Persönlichkeits­­anteilen oder verdrängten Bedürfnissen begründet. Rassismus wird somit zu einem höchst irrationalen Phänomen, für das der Mensch selbst keine Verantwortung mehr trägt. Ras­­sismus entsteht mit quasi unvermeidbarer Konsequenz. Man kann ihm weder politisch noch päda­gogisch begegnen, da sein Ursprung in das Unbewusste des Individuums verlagert wird. Die gesellschaftliche Bedingtheit menschlichen Lebens und die Interaktion mit an­­deren Menschen werden in der Psychoanalyse ausgeblendet.

Obwohl es sinnvoll ist, die subjektive Konstruktion von Fremdheit zu betonen, erfährt die­ser Aspekt dort seine Grenze, wo die Konstruktion verabsolutiert wird. Damit wird es re­la­tiv, wer zum Opfer der Projektion gemacht wird. Es könnte alle Menschen gleichermaßen tref­fen. Dies widerspricht jedoch der Realität, denn die Projektionen treffen bestimmte Grup­­pen und haben je nach Gruppe durchaus unterschiedliche Inhalte. Die psychoanalytischen Erklärungsmuster sind deshalb zur Erklärung für das Entstehen von Rassismus nicht hinreichend tragfähig.

2.3.1.2 Rassismus als Problem von Vorurteilen: Erklärungsansätze der Sozialpsychologie

Die Vorurteilsforschung ist ein in der Psychologie weit ausdifferenziertes und gut analysier­tes Forschungsfeld zur Erklärung von abwertenden und rassistischen Denk- und Hand­lungs­mus­tern. Sie entstand vor allem im angelsächsischen Raum nach 1945 im wissenschaft­lichen Kon­sens des Zweifels an der natürlichen Hierarchie der „Rassen“. Die Vorur­teils­forschung brach mit dem (wissenschaftlichen) Paradigma der selbstverständlichen Über­­legenheit bestim­mter Menschengruppen und deutete Rassismus statt dessen als Phäno­men individueller Ein­stellungen und Wahrnehmungen der Menschen.[92] In den letzten Jahr­zehnten hat sich die Vor­urteilsforschung so stark ausdifferenziert, dass es schwierig ist, sie in all ihren Facetten und Komponenten darzustel­len. Dennoch lassen sich einige zentrale Erklärungsrichtungen aus­machen. Es kann festgestellt werden, dass Vorurteile „(...) durch persönlichkeits- bzw. grup­penspezifische Prozes­se ausgelöst werden und dabei auch anerzogen (zumindest durch den sozialen Status be­stimmt) sind“[93]. Differenzierter stellt Georg Auernheimer die Erklärung­sansätze der Vor­urteilsforschung dar.[94] Er unterscheidet erstens psychodynamische An­sätze, in denen Vor­urteile zur Abwehr gesellschaftlich verursachter Unsicherheit und zur Er­höhung des ei­genen Selbstwertgefühls beitragen. Zweitens definiert Auernheimer kogniti­ve Ansätze, in denen Vorurteile als Reduktion von Komplexität aufgrund eines Mangels an Ka­pazität zur Informationsverarbeitung entstehen. Drittens gibt es aber auch lern­psy­cho­lo­gi­sche Ansätze, die davon ausgehen, dass Vorurteile sozial und kulturell erlernt wer­den, und viertens sozialpsychologische Ansätze, in denen die Bildung von Vorurteilen mit Gruppen- und Konkurrenzsituationen zusammenhängt.

Eine umfassende Theorie, die viele der oben genannten Aspekte enthält, ist das Werk von Gor­don W. Allport (1897-1967) Die Natur des Vorurteils (1954)[95]. Obwohl Allport zwar das Entstehen von Vorurteilen weitgehend individual­psychologisch begründet und es als „Pro­blem der Persönlichkeitsbildung und -entwick­lung“[96] definiert, lässt er auch Aspek­te des sozialen und kulturellen Lernens nicht außer acht. Er begreift seinen Grundbe­griff des „eth­nischen Vorurteils“ als „(...) Antipathie, die sich auf eine fehlerhafte und starre Verallge­meinerung gründet. Sie kann ausgedrückt oder auch nur gefühlt werden. Sie kann sich ge­gen eine Gruppe als Ganze richten oder gegen ein Individuum, weil es Mitglied dieser Gru­ppe ist.“[97] Vorurteile beruhen nach Allport auf Verallgemeinerungen über Men­schen, die nicht Teil der eigenen Gruppe (definiert nach Kriterien wie Religion, Ethnie, Nation) sind und als Fremdgruppe durch „Schlüsselreize“ oder „zentrale Symbole“ be­stimmt werden.[98] Erst dann werden der Gruppe negative Eigenschaften zugeschrieben, wobei der emo­tio­nale Aspekt des negativen Urteils die Resistenz desselben verstärkt.[99] Allport fällt es jedoch schwer zu begründen, wann und warum Vorurteile zu bestimmtem Han­deln oder Verhal­ten führen. Seine vage Formulierung, dass Vorurteile „sich irgendwann und irgendwo auch in Handlung“[100] ausdrücken, kann auch die konkrete Beschreibung des Verhaltens als Formen von Verleumdung, Vermeidung, Diskriminierung, Gewalt­anwendung und Vernich­tung nicht näher bestimmen.[101]

Es gilt zu fragen, ob Vorurteile als Generalisierungen, die komplexe Gruppierungen in ein­fa­che Kategorien reduzieren, meist negative Urteile enthalten und zur Abwertung von Fremd­­gruppen führen, das Entstehen von Rassismus ursächlich begründen können. Die Vor­­urteilsforschung kann zwar die lebensweltliche Reproduktion erklären, gibt aber infolge mehrerer Kritikpunkte keine schlüssige Erklärung für das Entstehen von Rassismus: Ras­sis­mus ist, wie bereits dargestellt wurde, ein komplexes Phänomen, das nicht nur indivi­duell, sondern auch strukturell und ideologisch auf verschiedenen Ebenen in Erscheinung tritt. Die Vor­urteilsforschung kann den ideologischen Charakter nicht erklären und hat, trotz der teil­wei­sen Berücksichtigung sozialisationsrelevanter Faktoren, kaum gesell­schafts­theo­re­ti­sche Fun­dierung. Auch die Aspekte ge­sell­schaft­li­cher Macht­ver­teilung bleiben unberücksichtigt, ob­wohl gerade diese eine ent­scheidende Rol­le spielen: Zum Beispiel haben Vorurteile von Flücht­lingen gegenüber der Po­lizei eine an­dere Auswirkung als Vorurteile von Unternehmern gegenüber Asylbe­wer­ber­­Innen, die ei­ne Arbeit suchen. Sicherlich äußert sich Rassismus auf der individuellen Ebe­ne als Vorurteil, aber diese an der Vorurteilsforschung zu kritisierenden Punkte – die un­zureichende Er­klär­ungskraft, die Vernachlässigung gesellschaftlicher Bedingungen und die nicht vorhan­dene Berücksichtigung von Machtfaktoren – lassen die Vorurteilsforschung als unzureichend erscheinen, um die Entstehung von Rassismus in seiner Komplexi­tät erklären zu können.

2.3.1.3 Rassismus als Problem der autoritären Charakterstruktur:
Erklärungsansatz der Kritischen Theorie

Ein in den letzten Jahrzehnten viel rezipiertes Erklärungsmuster für das Entstehen von antisemitischen und rassistischen Vorurteilen ist das Konzept der autori­tären Persönlichkeit. In den Studien zum autoritären Charakter dokumentierten Vertreter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung in den 1940er und 1950er Jahren die Wechselwirkung zwischen gesellschaft­lichen Verhältnissen, Ideologien und psychischen Dispositionen der Individuen.[102][103] In ihrem Modell verbanden Adorno und andere Befunde aus der Vorurteilsforschung und der Psy­cho­analyse mit ei­nem gesellschaftstheoretischen und ideologiekritischen Ansatz. Angesichts des breit akzep­tierten Faschismus erforschten die Wissenschaftler in ihren Studien, ob es einen Zusam­menhang zwischen der Anfälligkeit für Faschismus und individuellen Persön­lich­keitsmerk­malen gäbe. Im Zentrum stand die Frage, warum manche Menschen empfängli­cher für totalitäre Ideologien sind als andere und wie das potenziell faschistische Individu­um zu cha­rakterisieren ist.[104] Die Forscher entwickelten mittels Fragekataloge ein Sche­ma von Skalen, das die Einstellungskomplexe Antisemitismus, Ethnozentrismus und po­litisch-ökonomischer Konservatismus umfasste. Als zentrales Ergebnis gilt die Entwicklung der F-Skala des Faschismus, in der sich Einstellungen der anderen Skalen verdichten und mit der, so die Autoren, präfaschistische Tendenzen gemessen werden könnten.

Verantwortlich für die unterschiedliche Empfänglichkeit von Menschen für Ideologien so­wie für antisemitische und rassistische Vorurteile galt eine autoritäre Charakterstruktur. Die­­se ist unter anderem gekennzeichnet durch eine „Bindung an die konventionellen Wer­te des Mittelstands“, eine „autoritäre Unterwürfigkeit“, durch „autoritäre Aggression“ und ein „Den­ken in Dimensionen wie Herrschaft – Unterwerfung, stark – schwach, Führer – Ge­folg­schaft“.[105][106] Die autoritäre Persönlichkeit ist demnach geprägt von einer rigiden Orien­tier­ung an Normen und Autoritäten. Sie sucht nach Ordnungsvorstellungen und Führungsfi­gu­ren, denen sie sich unterwerfen kann und fordert nicht nur die eigene Unterwerfung, son­dern auch die anderer Personen. Die Entstehung des autoritären Charakters wird von den Au­toren psychoanalytisch begründet, wobei die elterliche, spätbürgerliche Er­ziehung eine ent­scheidende Rolle spielt: Die in der modernen Gesellschaft untergegange­ne väterliche Au­to­rität verhindere eine vernünftige Verinnerlichung von Autorität und verlange eine „sadoma­sochistischen Lösung“ des „Ödipuskomp­lex“.[107] Beim Individuum „nimmt dessen Haltung gegenüber der Autorität und ihrer psychologischen Instanz, dem Über­-Ich, einen irratio­nalen Zug an“[108]. Das Individuum könne sich deshalb nur sozial in die Gesellschaft integrie­ren, „(...) wenn es an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet (...)“[109]. Die Unterwer­fung unter Ideologien fungiere dabei als Ersatz für das Über-Ich. Das Individuum buckele als „braver Untertan“ aber nicht nur nach oben, sondern tritt auch nach unten. Die, gegen die nach unten getreten wird, sind nach Auffassung der Autoren die „Sündenböcke“, gesellschaftlich definiert in historisch gewachsenen Stere­o­typen, gegen die sich die sadistische Aggression entlädt.[110] So ließe sich der aggressive An­tisemitismus erklären.

Obwohl die Ergebnisse der Studien zum autoritären Charakter gerade durch ihr komplexes Zu­sammenspiel von sozialpsychologischen, psychoanalytischen und gesellschafts­kri­tischen Va­riablen beeindrucken, muss gefragt werden, ob sie ein sinnvolles Erklärungsmo­dell sein kön­nen, um das Entstehen von Rassismus zu begründen. Entscheidend dürften da­zu zwei Fragestellungen sein: Sind die Grundlagen dieser Studie heute noch gültig und kann die Stu­die Rassismus kausal und allgemeingültig erklären? Das zentrale Begründungs­moment der Autoren liegt in den Auswirkungen der spätbürgerlichen, autoritären Er­ziehung auf die Psy­che und damit auf die Herausbildung von Charakterstrukturen. Da die­se Form der autori­tären Erziehung für die heutige Gesellschaft aber nicht mehr gültig ist, weil sich die bürger­liche Familie der damaligen Zeit genauso wie die streng patriarchali­sche Erziehung aufgelöst haben, müssten die Studien zum autoritären Charakter angesichts moderner Familien­entwürfe in heutiger Zeit eine Neuauflage erfahren, um sie als Erklärungsmodell einbeziehen zu können. Ferner wird ein Strukturzusammenhang zwischen Autoritarismus und Em­pfänglichkeit für faschistische Ideologien nachgewiesen, der aber nur für eine bestimmte Zeit galt und deshalb nicht verallgemeinert werden kann. Somit ist das Erklärungsmodell der autoritären Persönlichkeit als kausales Modell für das Entstehen von Rassismus nicht genügend aussagekräftig.

2.3.2 Soziologische Erklärungsansätze

2.3.2.1 Der sozialisationstheoretische Erklärungsansatz: Wilhelm Heitmeyer

Anfang der 1990er Jahre wurde angesichts der vehement zu Tage tretenden rassistischen (Ju­­gend-)Gewalt gegenüber Flüchtlingen und anders aussehenden Menschen ein Erklärungs­­­ansatz formuliert, der die Entstehung rechtsextremer Orientierung und die damit ver­bun­dene offensive rassistische Gewalt als Desintegrationsphänomen der modernen Risikoge­­sellschaft begründet. Der berühmteste Vertreter dieses sozialisationstheoretischen Begrün­­dungsansatz ist Wilhelm Heitmeyer, der in seiner Bielefelder Rechtsextremismus-Stu­die auf eine Dauer von fünf Jahren mit 31 männlichen, westdeutschen Jugendlichen im Al­ter von 17-21 Jahren eine Langzeitstudie zur Erfassung rechtsextremer Orientierungen durch­führ­te.[111] Heitmeyer griff in seiner Studie auf das Konzept des Soziologen Ulrich Beck zurück, der Deutschland seit Mitte der 80er Jahre im Übergang von einer Industriege­sellschaft zu einer „Risikogesellschaft“ sah. Diese „Risikoge­sellschaft" ist gekenn­zeichnet durch eine stark zunehmende Enttraditionalisierung, durch Zerfall der traditio­nel­len sozialen Milieus sowie durch eine damit einhergehende Pluralisierung von Lebensstilen und einer Individualisierung menschlichen Lebens. Dies beinhaltet für den Einzelnen zwar ei­nerseits ein Mehr an Ent­scheidungsmöglichkeit zur Gestaltung des Lebens, aber anderer­seits auch ein Mehr an nö­tiger Verantwortungsübernahme, Unsicherheit und Unruhe. Diese Entwicklung führt da­zu, dass „(...) die Menschen aus traditionellen Bindungen und Versorgungsbezügen herausge­löst sowie auf sich selbst und ihr individuelles Schicksal mit allen Risiken, Chan­cen und Widersprüchen verwiesen wurden und werden.“[112] Die mit der Modernisierung ein­hergehenden Individualisierungsschübe haben nach Heitmeyer Desintegrationsprozes­se und gesellschaftliche Kontinuitätsbrüche zur Folge, die vor allem bei Jugendlichen zu Ver­ein­zelungserfahrungen, Ohnmachtgefühlen und Handlungsunsicherheit führen. An diese Un­sicherheiten knüpfen nun rechtsextreme Konzepte mit ihren rassistischen Einstellungen und scheinbaren Stabilitätsversprechen an: Zugehörigkeitsprinzipien wie „Nation, Hautfar­be, ‚Rasse‘“ gewinnen an Bedeutung, „die einem keiner nehmen“ kann und die „unabhängig von individuellen Leistungs- und Konkurrenzprinzipien" ihre vermeintliche Gültigkeit be­sit­zen.[113] Nach Heitmeyer findet eine „Instrumentalisierung“ als Abwertung anderer Men­schen statt. Rassismus als Ideologie der Ungleichwertigkeit, gepaart mit einer Akzeptanz von Gewalt als subjektivem Lösungsmittel, ist zentrales Merkmal des Rechts­ex­tre­mis­mus und entsteht aufgrund sozioökonomischer Alltagserfahrungen, die sich in individuellen Einstellungen niederschlagen.

Ähnlich argumentierte auch bereits der Politikwissenschaftler Hajo Funke in seinen Untersu­­chungen zum Wahlerfolg der Republikaner Ende der 1980er Jahre. Auch er begründet den Erfolg rechtsextremer Parteien mit Hinweis auf soziale Missstände, fehlende Perspekti­ven und die desolate Situation der Zukurzgekommenen: „Sie sehen für sich keine Verbes­ser­ungsperspektiven und ihre Aufstiegs- und Veränderungsperspektiven gelten als nicht ver­änderbar. Subjektiv sehen sie sich bedroht und durch Ordnung, Sauberkeit und Na­tio­nal­stolz sicher.“[114] Entscheidend ist also weniger die reale Bedrohungssituation als die subjektiven Bedrohungsgefühle, die von den Menschen wahrgenommen werden.

Die Thesen, die Heitmeyer und Funke aufstellten, sind von einigen ForscherInnen hinterfragt und widerlegt worden. Die Studie von Held, Horn, Leiprecht und Marvakis aus dem Jahr 1991 beispielsweise widerspricht sehr deutlich der zentralen These Heitmeyers, dass vor allem Desintegrationsphänomene für das Entstehen von rassistischen und rechtsextremen Einstellungen verantwortlich seien.[115] Ein wichtiges Ergebnis dieser Tübinger Studie be­­inhaltet die Existenz eines „Wohlstandschauvinismus“ oder eines „Rassismus der Leistungs­­gesellschaft“. Die AutorInnen stellten fest, dass es keinen Zusammenhang zwischen Des­­integration und rassistischen Einstellungen gibt und sich Rassismus vielmehr auch bei den Nicht-Benachteiligten und den Modernisierungsgewinnern zeigt: „Es sind durchaus die Ge­winner des Modernisierungsprozesses, die Tüchtigen, die Erfolgreichen, (...) die zu rech­ten Orientierungsmustern neigen“[116]. Mit diesen Ergebnissen wird die Aussagekraft der Heit­meyerschen Forschung als Erklärungsansatz reduziert. Die Desintegrationsphänomene der modernen Gesellschaft können Rassismus nicht ursächlichen erklären.

2.3.2.2 Rassismus als Teil des Gesellschaftsbildes: Der Ansatz von Even und Hoffmann

In ihrem Werk Soziologie der Ausländerfeindlichkeit interpretieren Lutz Hoffmann und Her­bert Even „Ausländerfeindlichkeit“ als Abwehrreaktion der InländerInnen gegenüber ei­nem sich abzeichnenden, durch die Anwesenheit von ausländischen Menschen hervorgeru­fe­nen Wandel ihrer Gesellschaft. Die Ausländerfeindlichkeit beruht nicht auf Vorurteilen, son­dern speist sich aus dem „Gesellschafts­bild“ der Inländer­Innen, also aus selbstverständlich akzeptier­ten und geteilten Ideen, in denen eine „Betei­ligung der Ausländer an dieser Ge­sellschaft (...) nicht vorgesehen“ ist.[117] Die Autoren ge­hen davon aus, dass dem deutschen Gesellschaftsbild die Vorstellung inhärent ist, dass zur Gesellschaft ausschließlich Deut­sche gehören. Durch die Anwesenheit von ausländischen Menschen ver­ändert sich nun die Gesellschaft in qualitativer Sicht so wesentlich, dass die Realität nicht mehr mit dem herr­schenden Gesellschaftsbild übereinstimmt. Die AusländerInnen werden zu einem Bestand­teil Deutschlands, sie erwerben eine „Statuspassage“, nämlich den sozialen Status und die gleichen Rechte wie die InländerInnen, ohne je­doch ihre nicht-deutsche Identität aufzu­ge­ben, also die „Identitätspassage“ zu erwerben.[118] So werden die ausländischen Menschen zwar in praktisch-technischen und formellen Gebie­ten zu InländerInnen, aber nicht im norma­tiven und persönlichen Bereich im Sinne einer so­ziokulturellen Anpassung: „Sie werden Bür­ger, aber keine Deutsche.“[119] In der Auseinan­dersetzung mit diesem Widerspruch zwischen Gesellschaftsbild und Realität gibt es zwei Lösungswege: der eine liegt in der Erweiter­ung der kollektiven Identität und in der Ak­zeptanz Deutschlands als multikulturelles Land, der andere liegt in der Rück-Ver­änderung der Realität, um die gefährdete kollektive Id­entität zu stabilisieren. Dies manifes­tiert sich als Ausländerfeindlichkeit, welche die Vorstel­lung beinhaltet, „(...) dass die Ausländer legitimerweise nicht in vollem Umfang an den Rechten der Inländer partizipieren, sondern einen ihnen eigentümlichen Status verminderter Rechte inne­haben“ sollten[120].

Auch dieser Erklärungsansatz ist kritisch zu hinterfragen.[121] Zunächst ist anzumerken, dass die beiden Autoren von der Existenz eines kollektiven deutschen Gesellschaftsbildes ausgehen. Sie definieren jedoch nicht, wie das Gesellschafts­bild entstand, von welchen Faktoren es beeinflusst wird und welcher Funktionsweise es unterliegt. Darüber hinaus ist in Frage zu stel­len, ob eine kollektive Identität der Deutschen als starre, normative und monokulturelle We­senseinheit überhaupt existiert. Auch hier wird außer acht gelassen, dass unsere Gesellschaft aus vielen verschiedenen Grup­pen besteht, die selbst wenn man sie nur auf den ‚Inlän­der­status' beschränkt, in ihren Nor­men, Wertvorstellungen und kulturellen Praxen durchaus heterogen sind. Weiterhin be­rücksichtigen die Autoren nicht, dass nicht nur durch die Aus­länderInnen, die als Gastar­beiterInnen oder Flüchtlinge nach Deutschland kamen und kom­men, die kollektive Iden­ti­tät der Deutschen – vorausgesetzt sie existiert – und das gesell­schaftliche Erscheinungsbild verändert wird. Diese Veränderungen vollziehen sich beispiels­weise auch durch ökono­mische Importe aus anderen Kulturkreisen, wie etwa der Import der US-amerikanischen Fast­food-Kultur in all ihren Varianten. Auch dies hat das Erschei­­nungsbild der Gesellschaft zentral verändert, erzeugte aber keine ablehnende Haltung un­ter den Menschen. Das Fremde, welches das Gesellschaftsbild verändert, führt also nicht immer zu dessen Ko­rrektur, sondern gilt unter bestimmten Umständen sogar als Eigenes. Das Spezifische der Ausländerfeindlichkeit wird somit nicht begründet. Die genannten Kritik­punkte machen die Thesen von Even und Hoffmann als Ganzes angreifbar.

2.3.3 Soziobiologischer Erklärungsansatz

In der soziobiologischen Begründung für das Entstehen von Rassismus lässt sich die „(...) Frem­­denablehnung als Manifestierung einer angeborenen Bereitschaft – ‚Xenophobie‘ – pos­t­ulieren“[122]. Als Ursache von Rassismus gilt also ein quasi natürliches, weil angeborenes und somit im Erbgut verankertes Verhalten. Rassismus als „spontane und natürliche Ant­wort“ auf „verschiedene Merkmale“ von Fremden wird zu einer „Reiz-Reaktions-Hand­lung“.[123] Diese Argumentation, die vor allem von dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl­-Ei­bes­feldt verfochten wird, stützt sich auf angeblich angeborene Verhaltensweisen, die bei Men­schen und Tieren zu beobachten seien. Zu diesen „natürlichen“ Grundlagen gehören die angeborene Fremdenfurcht, wie sie beim „Fremdeln“ des Klein­kindes zu seh­en ist, die Neigung zu Aggressivität auf Außenseiter bei Tieren und die Reaktion auf grup­penfremde Eindrin­glinge, die zu einer relativen Abgeschlos­senheit von einzelnen Tiergrup­pen führt.[124] Nach Eibl-Eibesfeldt ist der Rückschluss von tierischem Verhalten auf das men­schliche zuläs­sig, weil sich verschiedene Kulturen zueinander wie „biologische Ar­ten“ verhalten.[125]

Dieses soziobiologische Erklärungsmuster ist in seinen zentralen Aussagen und Voraussetz­un­gen zu kritisieren und als „wichtigste Variante des Neorassismus“, nämlich der „Behaupt­ung von der ‚Abgeschlossenheit der Kulturen und der angeborenen Xenophobie‘“[126] zu ent­lar­ven. Die von der Verhaltensforschung angeführten natürlichen Grundlagen der Xeno­pho­bie sind keineswegs derart universell, wie es postuliert wird. Gerade anthropologische Unter­suchungen zur Fremdenfurcht des Kleinkindes belegen, dass dies eben kein uni­verselles Ver­halten ist, sondern in seinem Auftreten abhängt von der Häufigkeit des Zusam­men­treffens der Kinder mit anderen Menschen, von der Stellung in der Geschwisterrei­he, vom Geschlecht und von der Art der Beziehung des Fremden zu den Eltern.[127] Dies be­legt, dass ein solches Merkmal, das nur bei einigen Menschen und dort auch nicht bestän­dig, sondern in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren auftritt, kein universelles Merk­mal sein kann. Auch das aggressive Verhalten im Tierreich auf Eindringlin­ge und Gruppenfrem­de ist, wie Forschungen zeigen, so nicht gegeben: „Bei einigen Tie­ren tritt sie (die Xenophobie, A.d.V.) auf, bei anderen fehlt sie ganz, und in manchen Fällen va­riiert dieses Verhal­ten innerhalb derselben Art in extremer Weise – in Abhängigkeit von den sozialen Bedin­gungen.“[128] Davon abgesehen ist eine Übertragung von tierischem auf mensch­liches Verhalten nicht zulässig, da menschliches Handeln und Verhalten nicht durch biologische Reize oder Instinkte determiniert ist, sondern durch kulturelle, soziale und gesellschaftliche Faktoren. Die „Natur“ ist für das Entstehen von Rassis­mus ein unzulängliches Erklärungsmuster.

2.3.4 Ökonomischer Erklärungsansatz

Das Entstehen von Rassismus wird von einigen AutorInnen auch mit ökonomischen Argu­men­­ten erklärt. So stellt zum Beispiel Werner Ruf die These auf, dass „hinter der Ausländer­­feindlichkeit ein harter und realer ökonomischer Hintergrund steht“[129]. In seinem Aufsatz Ökonomie und Rassismus setzt er das Entstehen von Rassismus in Beziehung zur Eta­blie­rung der bürgerlich-kapitalistischen Produktionsweise. Seiner These nach ist Ras­sis­mus un­mittelbar mit der kapitalistischen Ökonomie verbunden und lässt sich als Ide­ologie direkt aus dem Kapitalismus ableiten.[130] Dies belegt Ruf zunächst anhand der Sklave­rei in den ame­rikanischen Kolonien und Plantagen. Die Entmenschlichung der schwarzen Bevölkerung mittels der wissenschaftlichen Einteilung und Abwer­tung von Menschen­gruppen gab der Sklaverei über ihre „rassische Definition“ eine scheinbare Legitimation.[131] Nach Ansicht des Autors steigerte die rassisch begründete Ausbeutung der Arbeitskraft der Sklaven die öko­nomische Profitmaximierung in den westlichen Ländern immens und steht in direkter Be­ziehung zur kapitalistischen Ent­wicklung der westlichen Gesellschaften. Weiterhin sieht Ruf seine These am Beispiel der Arbeitskraftentwicklung in den so ge­nann­ten Dritte-Welt-Län­dern bestätigt. Im Zuge der Profitrealisierung wird heutzutage von den westlichen Indus­trienationen dorthin ausgewi­chen, wo die Arbeitskräfte billiger als im eigenen Land bzw. von dort billiger zu beziehen sind. Dies steht in unmittelbarem Zu­sammenhang mit dem Ras­sismus: „Fest steht für den Rassisten, dass die Billig-Ar­beits­kräf­te den Schritt zum mittel­europäischen Kulturmenschen allesamt noch nicht geschafft ha­ben“[132]. Die Konstruktion von Menschen als nicht gleichwertig zueinander hat weiterhin Be­stand, erfolgt aber nun kul­turell begründet. Im Resultat ändert sich jedoch nichts an der Tat­sache, dass die rassistische Argumentation dazu beiträgt, die ökonomische Profitmaxi­mierung über eine Aufspaltung des Lohnsystems in „pigment- oder kulturgebundene“ Löh­ne zu realisieren.[133] Weiterhin liegt die direkte Beziehung zwischen dem Entstehen von Rassismus und ökonomischen Interessen darin, dass der „wirtschaftliche Kampf“ mit dem Kampf um die „Eigenart syno­nym gesetzt“ wird und somit eine „zentrale Komponen­te völkischer Ideologie“ aufweist.[134]

[...]


[1] Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit der Begriff „Rasse“ in Anführungszeichen gesetzt. Die Existenz von wie auch immer gearteten menschlichen „Rassen“ wird abgelehnt. Die Historie zeigt auf, dass der Begriff „Rasse“ ab dem 19. Jahrhundert dazu diente, menschlichen Gruppen einen Status von Über- bzw. Unterlegenheit zuzuweisen. Die Entwicklung des Begriffs „Rasse“ wird hier nur skizzenhaft dargestellt.

[2] Conze, Werner: Rasse, in: Brunner, Otto; Conze, Werner; Koselleck Reinhardt (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 5, Stuttgart 1984, S. 135-178., S. 137.

[3] Geiss, Imanuel: Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988, S. 16.

[4] Neben dieser etymologischen Herleitung des Wortes „Rasse“ finden sich bei Conze, Werner, a.a.O. noch weitere Ableitungen, beispielsweise vom lateinischen Wort „radix“ (Wurzel) oder aus dem Germa­nischen, nach dem Wort „reiza“ (Genealogische „Linie“). Vgl. dazu Conze, Werner, a.a.O., S. 137.

[5] Ebenda.

[6] Terkessidis, Mark: Psychologie des Rassismus, Opladen 1998, S. 85.

[7] Geiss ( Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 116ff) stellt klar, dass das Kriterium, „Jude zu sein“ in der spanischen Gesellschaft nicht als unveränderliches Kriterium angesehen wurde. 1492 wurden die Juden im spanischen Raum aufgefordert, sich unter Zwang taufen zu lassen oder das Land zu verlassen. Dem widerspricht Conze, der mit dem Zwangsbekehrungsedikt die Juden als „Rasse“ ins europäische Bewusstsein gerückt sieht. Vgl. dazu: Conze, Werner, a.a.O., S. 140.

[8] Guillaumin, Colette: Zur Bedeutung des Begriffs „Rasse“, in: Institut für Migrations- und Rassismusforschung e.V.: Rassismus und Migration in Europa, Hamburg 1992, S. 77-87, S. 81.

[9] Siehe dazu:Terkessidis, Mark, a.a.O., S.89.

[10] Einen guten Überblick über die Systematisierung menschlicher Erscheinungsformen im 17. und 18. Jahrhundert liefern Conze, Werner, a.a.O., S. 142ff und Mosse, George L.: Rassismus. Ein Krankheits­symptom in der europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Königstein 1978, S. 9ff.

[11] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 148.

[12] Banton, Michael: Racial Theories, Cambridge 1998, S.17. Banton skizziert den Einfluss der Vorstellungen von Monogenese und Polygenese im 16. und 17. Jahrhundert auf den Begriff „Rasse“.

[13] Eine ausführliche Darstellung der Werke der benannten Wissenschaftler und Philosophen findet sich in: Conze, Werner, a.a.O., S. 143ff. Darüber hinaus sei darauf hingewiesen, dass die Systema naturae zunächst lediglich Pflanzen kategorisierte und erst später auf Tiere und Menschen ausgeweitet wurde.

[14] Eine detaillierte Darstellung der Entwicklung des Werks von Carl von Linné findet sich in: Conze, Werner, a.a.O., S. 145f.

[15] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 161f.

[16] Conze, Werner, a.a.O., S. 151.

[17] Meiners, Christoph: Grundriß der Geschichte der Menschheit, Lemgo 1785, S. 21f, zitiert nach: Conze, Werner, a.a.O., S. 152. Christoph Meiners griff mit seiner Systematisierung der Menschengruppen auf die Arbeiten des Göttinger Anthropologen Johann Gottfried Blumenbach zurück, der die Existenz einer kaukasischen „Rasse“ zehn Jahre vor Meiners postulierte. Blumenbach nahm eine wertende Abstufung der Menschheit nach ästhetischen Gesichtspunkten vor. Vgl. hierzu: Geisen, Thomas: Antirassistisches Geschichtsbuch: Quellen des Rassismus im kollektiven Gedächtnis der Deutschen, Frankfurt 1996, S. 17.

[18] Conze, Werner, a.a.O., S.155f.

[19] Eine Übersicht über die Willkürlichkeit der Einteilung von Menschengruppen in „Rassen“ stellt Immanuel Geiss in einem Schaubild über „Rassenkonzepte“ zusammen: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 142ff.

[20] Geisen, Thomas, a.a.O., S. 20f.

[21] Der Fund des indischen Sanskrits Ende des 18. Jahrhunderts hatte zu einer allgemeinen Bewunderung der altindischen Kultur geführt. Mit der Entdeckung der Sprachverwandtschaft der späteren indogerma­ni­schen Sprachen schlussfolgerte nun beispielsweise der Romantiker Friedrich Schlegel einerseits, dass der Ur­sprung aller Kultur in Indien liege, und andererseits, dass die Sprachen­verwandtschaft auch auf ei­ne ge­­mein­same „rassische“ Abstammung schließen lässt. Da der Sanskrit die Sprache der obersten indi­schen Kaste darstellte, deren Ahnen die Arier waren, wurde die Verwandtschaft der indoeuropäischen Sprachen mit „arischer Rasse“ gleichgesetzt. Dieser „arische Mythos“ breitete sich nicht nur in Deutschland aus, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder England und in den USA. Vgl. zur Entstehung des arischen Mythos: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 162ff.

[22] Ebenda, S. 168.

[23] Gobineau, Arthur de: L’Inégalité des Races, Paris 1984, 11853/55, S. 215. Übersetzt bedeutet das Zitat: „Das lehrt uns die Geschichte. Sie zeigt uns, dass jegliche Zivilisation von der weißen Rasse abstammt, dass keine einzige existieren würde ohne die Beihilfe dieser Rasse...“.

[24] Ebenda, S. 44.

[25] Ebenda, S. 41.

[26] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 169.

[27] Vgl. dazu: Geisen, Thomas, a.a.O., S. 27.

[28] Dies entspricht nicht der Intention Darwins, da dem englischen Wort „fit“ nicht die Bedeutung „stark“ entspricht, sondern „(gut) angepasst“. Siehe hierzu auch: Oxford Eng­lish Dictionary, wo „fit“ unter anderem mit „well adapted for“ oder „to live in harmony with“, jedoch nie mit „strong“, im Sinne von „stark“ assoziiert wird. Hornby: Oxford Advanced Learner’s Dictionary of current English, Fourth Edition, Oxford 1989, S. 461.

[29] Mosse, George L., a.a.O., S. 70.

[30] Eine ausführliche Darstellung des Werk von Sir Francis Galton befindet sich in: Ebenda, S. 71ff.

[31] Meier-Mesquita, Cintia: Rassismus und antirassistische Erziehung, Freiburg 1999, S. 38ff.

[32] Geisen, Thomas, a.a.O., S. 25f.

[33] Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts, München 1922, S. 376.

[34] Ebenda, S. 282.

[35] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 173.

[36] Mosse, George L., a.a.O., S. 100.

[37] Hitler, Adolf: Mein Kampf, zitiert nach: Gamm, Hans-Jochen: Führung und Verführung, Pädagogik des Nationalsozialismus, München 1990, S. 58f.

[38] Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Band II, Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust, Darmstadt 1997, S. 3.

[39] Eine sehr detaillierte Darstellung der exponiertesten pädagogischen Akteure des Nationalsozialismus liefert Hermann Giesecke. Er stellt die Ideen von Ernst Krieck, Alfred Bäumler und Baldur von Schirach in ihren Konzepten und ihrer praktischen Umsetzung dar. Vgl. dazu: Giesecke, Hermann: Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung, Weinheim und München 1993.

[40] Olbrich, Josef: Geschichte der Erwachsenenbildung in Deutschland, Bonn 2001, S. 222. Ein anderer geisteswissenschaftlicher Pädagoge, der auch in verschiedenen Aufsätzen Adolf Hitler verherrlichte, ist Theodor Wilhelm. Er gab zwischen 1933-1945 zusammen mit Alfred Bäumler die Internationale Zeitschrift für Erziehung heraus. Vgl. dazu: Keim, Wolfgang (Hrsg.): Pädagogen und Pädagogik im National­sozialismus – Ein unerledigtes Problem der Erziehungswissenschaft, Frankfurt am Main 1988, S. 23.

[41] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 281.

[42] Ebenda, S. 282.

[43] Ebenda, S. 283.

[44] Einen Überblick über die Diskussionen zur Verfassung der Deklaration liefern: Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene: Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, München 1995, S. 602 ff.

[45] Dass es vor allem den GenetikerInnen und AnthropologInnen schwer fiel, auf „Rasse“ als Begriff zu ver­zichten, zeigte sich daran, dass in der erste Deklaration, hauptsächlich von SozialwissenschaftlerInnen verfasst, einige Formulierungen auf argen Widerstand der zuerst genannten Gruppe stießen. Auf Druck der An­thropologen und Genetiker wurde eine zweite Deklaration verfasst, die wiederum, nun von der anderen Sei­­te, auf viel Kritik und Widerstand stieß. Letztendlich wurde 1951 die Deklaration verabschiedet, welche aber nur bei 23 von 80 beteiligten WissenschaftlerInnen auf volle Zustimmung stieß, 26 stimmten im Grundsatz zu, 31 WissenschaftlerInnen hatten (aus den unterschiedlichsten Motiven) Einwände oder sub­stanzielle Kritik. Vgl. dazu Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt, a.a.O., S. 605ff.

[46] Dies gilt vor allem für den deutschsprachigen Raum. Im englischsprachigen Raum findet der Begriff „race“ dagegen eine breite Verwendung im politisch-öffentlichen und gesellschaftlichen Diskurs: als Ge­set­zesbegriff („race relations act“), in den Sozialwissenschaften („race relations“) oder in der Alltagssprache („race riots“). Der Begriff „race“ hat einerseits eher eine kulturelle Bedeutung und ist weniger geschich­tlich belastet als in Deutschland. Andererseits wird er auch klar als politischer Agitationsbegriff von diskriminierten Gruppen verwendet. Vgl. dazu: Leiprecht, Rudolf: Alltagsrassismus. Eine Untersuchung bei Jugendlichen in Deutschland und den Niederlanden, Münster 2001, S. 30 und Bielefeld, Ulrich (Hrsg.): Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? Hamburg 1998, S. 17f.

[47] Lewontin, Richard C.; Rose, Steven; Kamin, Leon J.: Die Gene sind es nicht...Biologie, Ideologie und menschliche Natur, München und Weinheim 1988, S. 99.

[48] Ebenda, S. 102.

[49] Über die Entstehung des Rassismus bestehen unterschiedliche Ansichten: Viele Autoren verbinden mit Rassismus das aus dem „Rasse“-Denken der Moderne (auf Grundlage von Industrialisierung und Kolonialisierung) hervorgegangene Gedankengut und Verhalten, so beispiels­wei­se Miles, Robert: Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie eines Begriffs, Hamburg 1991, S. 63 oder Banton, Michael, a.a.O., S.171. Im Gegensatz dazu bezeichnet Geiss dieses als „modernen Rassismus“, dem er „proto-rassistische“ Dispositionen (Xenophobie, Endogamie, Blutreinheit, etc.) ge­genüberstellt (Geiss, Imanuel, a.a.O., S.48). Diesen Proto-Rassismus gab es bereits in der weiteren Vor­geschichte des Rassismus, die Geiss in dem Zeitraum von 1500 v. Chr. bis 1492 ansiedelt. Vgl. dazu: Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 19f. Diese Zeiteinteilung in einen weiten und engen Rassismus nach Geiss birgt natürlich die Gefahr, dass das Phänomen des Rassismus verwässert wird und seine Spezifik verloren geht.

[50] Vgl. Miles, Robert: Rassismus..., a.a.O., S. 58f.

[51] Ebenda.

[52] Geiss, Imanuel, a.a.O., S. 296ff.

[53] Ebenda, S. 315ff.

[54] Banton, Michael, a.a.O., S. 160.

[55] Bielefeld, Ulrich (Hrsg.), a.a.O., S. 12.

[56] Es ist anzumerken, dass in Wissenschaft, Politik und Medien offener mit dem Begriff umgegan­gen wird. Gerade im Bereich der Wissenschaft ist seit den späten 80er Jahren ein gesteigertes Interesse an der Thematik in Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft und Politikwissen­schaft feststellbar.

[57] Es soll nicht bestritten werden, dass in bestimmten Situationen der Begriff Fremdenfeindlichkeit durch­aus angebracht ist. Dennoch ist er im Zusammenhang mit Phänomenen des Rassismus eher verfälschend. Auch der Begriff „Ausländerfeindlichkeit“ suggeriert, dass AusländerInnen per se Leidtragende von Rassismus werden. Dies ist nicht der Fall, denn es sind bestimmte Menschengruppen mit einem spezifischen phänotypischen Erscheinungsbild oder kulturellen Hintergrund, die von Rassismus betroffen sind.

[58] Es macht wenig Sinn, eine Aussage wie die folgende zu treffen: „Die Musterung ist der nächste Fall hierzulande praktizierten Rassismus.“ (Huisken, Freerk: Ausländerfeinde und Ausländerfreun­de. Eine Streitschrift gegen den geächteten wie den geachteten Rassismus, Hamburg 1987, S. 58). Der Autor ist sich zwar dessen bewusst, dass dies für gewöhnlich nicht als Rassismus be­zeichnet wird. Er will aber Rassismus derart weit definieren, dass „ (...) auf Naturbesonderheiten als Grund für die Zuweisung von gesellschaftlichen Zwecken verwiesen (...)“ wird (Ebenda, S. 59). Mit einer solch weiten Definition von Rassismus verschwimmt das Phänomen in beliebiger Ungenauigkeit.

[59] Memmi, Albert: Rassismus, Hamburg 1992, S. 103.

[60] Vgl. dazu ein Interview mit Albert Memmi in: Burgmer, Christoph (Hrsg.): Rassismus in der Diskussion, Berlin 1997, S. 47.

[61] Memmi, Albert, a.a.O., S. 121.

[62] Burgmer, Christoph (Hrsg.), a.a.O., S. 50.

[63] Leiprecht, Rudolf: „...da baut sich ja in uns ein Hass auf...“. Zur subjektiven Funktionalität von Rassismus und Ethnozentrismus bei abhängig beschäftigten Jugendlichen, Hamburg 1990, S. 111.

[64] Miles, Robert: Rassismus, a.a.O., S. 105.

[65] Miles, Robert: Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus, in: Räthzel, Nora: Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, S.17-33, S. 21.

[66] Miles, Robert: Rassismus, a.a.O., S. 105ff.

[67] Ebenda, S. 106.

[68] Miles, Robert: Bedeutungskonstitution, a.a.O., S. 22f.

[69] Balibar, Etienne: Rassismus und Nationalismus, in: Ders.; Wallerstein, Immanuel: Rasse – Klasse – Nation: ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1990, S. 49-86, S. 54.

[70] Ebenda, S. 52.

[71] Damit knüpft Balibar an die Definition von Stuart Hall an, der es für sinnvoll hält, aufgrund der historisch verschiedenen Ausprägungen des Rassismus nicht von Rassismus sondern von „Rassismen“ zu sprechen. Vgl. dazu: Hall, Stuart: Rassismus als ideologischer Diskurs, in: Räthzel, Nora (Hrsg.): Theorien über Rassismus, Hamburg 2000, S. 7-16, S. 11.

[72] Vgl. die Unterscheidungsformen von Rassismus in: Balibar, Etienne: Rassismus und Nationalismus..., a.a.O., S. 50f. Neben den oben bereits aufge­führ­ten Kategorien unterscheidet Balibar Rassismus noch als selbst- und fremdbezogenen Rassismus, im Sinne einer Zuordnung zu überlegenen und „minderwertigen“ Kollektivgruppen und institutionellen Rassismus (durch staatliche Institutionen ausgeübt) versus soziologischem Rassismus, wo Rassismus als gesellschaftliche Bewegung fassbar ist.

[73] Balibar, Etienne: Gibt es einen „Neo“-Rassismus? in: Ders.; Wallerstein, Immanuel: Rasse – Klasse – Nation: ambivalente Identitäten; Hamburg/Berlin 1990, S. 23-38, S. 28.

[74] Ebenda, S. 28f.

[75] Taguieff, Pierre-André zitiert in: Terkessidis, Mark, a.a.O., S. 102.

[76] Balibar, Etienne: Gibt es, a.a.O., S. 30.

[77] Cinar, Dilek: Alter Rassismus im neuen Europa? Anmerkungen zur Novität des Neo-Rassismus, in: Kos­sek, Brigitte (Hrsg.): Gegen-Rassismen. Konstruktionen – Interaktionen - Interventionen, Hamburg 1999, S. 55-72, S. 61.

[78] Einen Überblick über den Diskurs der „Neuen Rechten“ in den letzten Jahren liefert: Müller Jost: Rassismus und Nationalismus der „Neuen Rechten“ in der Bundesrepublik. Die Aktualisierung der „Konserva­tiven Revolution“ im Kontext des Neo-Rassismus, in: Das Argument 195, Hamburg 1992, S. 723-731. Müller stellt heraus: „Das zentrale Thema der ‚Neuen Rechten‘, die ‚nationale Identität‘, ist hier als ‚Kulturrelativismus‘, als Differenz der ‚kulturellen Identitäten‘ der Völker konzipiert (...).“ (S. 727).

[79] Diskurs wird angelehnt an Teun van Dijk verstanden als „ (...) eine Form des Sprachgebrauchs und der Kommunikation (...), als soziale Bedeutung und Aktion und als eine sozio-kulturelle, politische und ideologische Praxis, die gesellschaftliche Systeme und Strukturen bestimmt.“ (Vgl. die Bestimmung von „Diskurs“ bei: Dijk, Teun A. van: Rassismus heute. Der Diskurs der Elite und seine Funktion für die Reproduktion des Rassismus, Duisburg 1991, S. 10.)

[80] Leiprecht, Rudolf: Alltagsrassismus..., a.a.O., S. 2.

[81] Essed, Philomena: Die Niederländer als Alltagsproblem – Einige Anmerkungen zum Charakter des Weißen Rassismus, in: Essed, Philomena; Mullard, Chris: Antirassistische Erziehung. Grundlagen und Überlegungen für eine antirassistische Erziehungstheorie, Felsberg 1991, S. 11-44, S. 33.

[82] Bielefeld, Ulrich (Hrsg.), a.a.O., S. 140.

[83] Meulenbelt, Anja: Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus, Reinbek 1988, S. 156.

[84] Essinger, Helmut; Pommerin, Gabriele: Interkulturelles Lernen – Auf dem Weg zu einer antirassistischen Erziehung, in: Essinger, Helmut; Ucar Ali: Erziehung: Interkulturell - Politisch - Antirassistisch. Von der interkulturellen zur antirassistischen Erziehung, Felsberg 1993, S. 78-83, S. 241.

[85] Vgl. dazu: Miles, Robert: Rassismus..., a.a.O., S. 113ff. Ein deutsches Beispiel für einen derart gefassten institutionellen Rassismus stellt beispielsweise die Asyl- und Ausländergesetzgebung dar. Debatten um diese Gesetze sind oft begleitet von rassistischen Diskursen auf politischer Ebene und beinhalten in der Pra­xis Ausschlussmechanismen. Dies sind die beiden zentralen Kriterien für institutionellen Rassismus.

[86] Ottomeyer, Klaus: Psychoanalytische Erklärungsansätze zum Rassismus. Möglichkeiten und Grenzen, in: Mecheril, Paul; Teo, Thomas (Hrsg.): Psychologie und Rassismus, Hamburg 1997, S. 111-131, S. 112. Eine differenzierte Darstellung der Freudschen Psychoanalyse mit ihren zentralen Hypothesen und ihren mannigfachen Widersprüchlichkeiten ist im Rahmen der Arbeit nicht möglich.

[87] Ebenda, S. 113f.

[88] Ebenda.

[89] Ebenda, S. 120.

[90] Ebenda, S. 121.

[91] Ebenda, S. 123.

[92] Vgl. zur Entstehung der Vorurteilsforschung: Terkessidis, Mark, a.a.O., S. 18. Im Gegensatz zu Terke­ssidis datiert Rommelspacher das Entstehen auf die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vgl. dazu: Rommels­pacher, Birgit, Psychologische Erklärungsmuster zum Rassismus, in: Mecheril, Paul; Teo, Thomas (Hrsg.): Psychologie und Rassismus, Hamburg 1997, S. 153-172, S. 157.

[93] Dorsch, Friedrich; Häcker, Hartmut; Stapf, Kurt H. (Hrsg.): Dorsch Psychologisches Wörterbuch, Bern und Göttingen 1994, S. 861.

[94] Vgl. die differenziert dargestellten Erklärungsansätze für das Entstehen von Vorurteilen in: Auernheimer, Georg: Einführung in die interkulturelle Erziehung, Darmstadt 1996, S. 140ff.

[95] Das Werk erschien 1954 im angloamerikanischen Sprachraum unter dem Titel Nature of Prejudice.

[96] Allport, Gordon W.: Die Natur des Vorurteils, Köln 1971, S. 54. Allport verortet das Entstehen von Vor­ur­teilen auf zwei Ebenen: einerseits auf der Ebene der Sozialisation, wo Kinder Vorurteile übernehmen so­wie sie, abhängig von der Atmosphäre ihres Aufwach­sens, selbst entwickeln und andererseits auf der Ebene psy­chodynamischer Prozesse, in denen Vorurteile auf Frustrationen basieren können, die mittels einer Aggressionsverschiebung auf sog. Sündenböcke projiziert werden. Allport, Gordon W., a.a.O., S. 250ff.

[97] Allport, Gordon W., a.a.O., S. 23.

[98] Ebenda, S. 148.

[99] Ebenda, S. 136.

[100] Allport, Gordon W., a.a.O., S. 28. Nicht nur Allport fällt es schwer, die Umsetzung von Vorurteilen in Handlungen zu begründen. Es existiert in der Vorurteilsforschung „das zentrale Problem der Relation von Einstellung und Verhalten“ (Dorsch, Friedrich; Häcker, Hartmut; Stapf, Kurt H. (Hrsg.), a.a.O., S. 861).

[101] Ebenda, S. 62.

[102] Obwohl die Kritische Theorie vor allem eine Gesellschaftstheorie ist, die in den unterschiedlichsten Fach­gebieten rezipiert wird, soll der Erklärungsansatz der autoritären Persönlichkeit in die psychologischen Er­klärungsmodelle eingeordnet werden, da hier vor allem die sozialpsychologischen und psychoanalytischen Argumentationen eine Rolle spielen.

[103] Das Frankfurter Institut für Sozialforschung, deren berühmteste Vertreter Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sind, emigrierte in der Zeit des Nationalsozialismus in die USA, um dort ihre gesellschafts­kritische Arbeit fort zu führen.

[104] Zu den Zielsetzungen der von Adorno, Frenkel-Brunswik, Sandford und Levinson hervorgebrachten Stu­die vgl. Adorno, Theodor W.: Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt am Main 1973, S. 6. Die Au­toren der Studie befragten in einem Fragebogen mehrere hundert Menschen aus der bürgerlichen amerikanischen Mittelschicht nach ihren Einstellungen zu Familie, Alltag, Sexualität, Kindererziehung, etc.

[105] Vgl. zur Bedeutung der einzelnen Skalen Adorno, Theodor W.: Studien..., a.a.O., S. 18ff.

[106] Die neun Variablen der autoritären Persönlichkeit stellen sich wie folgt dar: 1. Konventionalismus, 2. Autoritäre Unterwürfigkeit, 3. Autoritäre Aggression 4. Anti-Intrazeption 5. Aberglaube und Stereotypie 6. Machtdenken und ‚Kraftmeierei‘ 7. Destruktivität und Zynismus 8. Projektivität 9. Sexualität. Vgl. dazu: Adorno, Theodor W.: Studien..., a.a.O., S. 45.

[107] Ebenda, S. 323.

[108] Ebenda.

[109] Ebenda.

[110] Vgl. dazu bei Adorno den Zusammenhang von Stereotypie und funktionalem Charakter des Antisemitismus: Adorno, Theodor W.: Studien..., a.a.O., S. 115. Macht man den „Sündenbock“ zum zentralen Cha­rakteristikum, so kann aber die kritische Theorie an dieser Stelle nicht schlüssig beweisen, warum die Gruppe des Sündenbocks nicht beliebig ist. Schließlich sind verschiedene Gruppen mit historisch gewach­senen Stereotypen belegt, z. B. auch die „Gruppe“ der Frauen.

[111] Vgl. dazu ausführlich: Heitmeyer, Wilhelm: Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher, Weinheim 1992, S. 16f. Obwohl Heitmeyer explizit die Entstehung des jugendlichen Rechtsextremismus erforscht, sollen die Ergebnisse unter diesem Kapitel der soziologischen Erklärungsansätze für das Entstehen von Rassismus herangezogen werden. Denn der Rechtsextremismus stellt eine Erscheinungsform des Rassismus dar und beinhaltet, wie Heitmeyer in seinen Studien aufzeigt, als zentrales Moment eine ausgrenzende, rassistische Ideologie der Ungleichwertigkeit. Ferner ist er kein bloßes Jugendphänomen.

[112] Eine ausführliche Darstellung des Konzepts der „Risikogesellschaft“ von Beck und seine Übernahme durch Heitmeyer findet sich in: Heitmeyer, Wilhelm: Rechtsextremismus. „Warum handeln Menschen gegen ihre eigenen Interessen?“ Analyse des Rechtsextremismus und Didaktikkonzept für Lehrer allgemeinbildender Schulen. Beiheft zum ‚ran-Handbuch für Jugendliche, Köln 1991, S. 10ff.

[113] Ebenda, S. 16.

[114] Funke, Hajo: ...und wieder ist der ‘deutsche Lebensraum’ bedroht. Nach den Wahlen in Berlin: Anmerkungen zu gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen des Aufstiegs der ‚Republikaner‘, in: Frankfurter Rundschau, 6. April 1989, S. 6.

[115] Die Ergebnisse der Studie werden zahlreich rezipiert: Vgl. Ahlheim, Klaus: Wider den sozialpädagogischen Gestus – Rechtsextremismus als Herausforderung an die Pädagogik, in: Jansen, Mecht­hild M.; Prokop, Ulrike (Hrsg.): Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit, Frankfurt am Main 1993, S. 219-233, S. 226 ‚Wohlstandschauvinismus‘ bedeutet, dass der er­worbene Status der eigenen Tüchtigkeit zugeschrieben wird. In der Forderung „Sollen die Aus­länder doch erst mal so tüchtig sein wie wir, dann bräuchten sie nicht zu uns kommen“ wird dies zum Maßstab. Vgl. dazu: Wahl, Klaus: Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Gewalt. Eine Sy­nopse wissenschaftlicher Untersuchungen und Erklärungsansätze, in: DJI (Hrsg.): Gewalt gegen Fremde. Rechtsradikale, Skinheads und Mitläufer, München 1995, S. 11-74, S. 40f.

[116] Ahlheim, Klaus, a.a.O., S. 226.

[117] Hoffmann, Lutz; Even, Herbert: Soziologie der Ausländerfeindlichkeit: zwischen nationaler Identität und multikultureller Gesellschaft, Weinheim und Basel 1984, S. 30f.

[118] Ebenda, S. 79.

[119] Ebenda, S. 120.

[120] Ebenda, S. 26.

[121] Einige Diskussionsansätze zur kritischen Reflexion der „Soziologie der Ausländerfeindlichkeit“ von Hoffmann/Even finden sich in: Kalpaka, Annita; Räthzel, Nora (Hrsg.): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein, Berlin 1986, S. 18ff.

[122] Tsiakalos, Georgios: Ausländerfeindlichkeit. Tatsachen und Erklärungsversuche, München 1983, S. 34.

[123] Ebenda.

[124] Vgl. ausführlich zu den scheinbar natürlichen Grundlagen der Xenophobie: Tsiakalos, Georgios: Interkulturelle Beziehungen: steht ihnen die ‘Natur’ entgegen? In: Foitzik, Andreas; Leiprecht, Rudolf; Mar­vakis, Athanasios; Seid, Uwe (Hrsg.): „Ein Herrenvolk von Untertanen“, Rassismus - Nationalismus - Sexismus, Duisburg 1992, S. 35-56, S. 39ff.

[125] Ebenda, S. 35.

[126] Tsiakalos, Georgios: Interkulturelle..., a.a.O., S. 39. Nicht nur Tsiakalos teilt die Meinung, dass die Na­tu­ralisierung der Abwehr von Fremden ein zentrales Zeichen des Neorassismus darstellt. Diese These lässt sich auch bei Cinar, Dilek, a.a.O., S. 59f finden.

[127] Vgl. zur Kritik der Universalität der Fremdenfurcht bei Kleinkindern: Tsiakalos, Georgios: Ausländerfeindlichkeit, a.a.O., S. 35f.

[128] Tsiakalos, Georgios: Interkulturelle..., a.a.O., S. 45.

[129] Ruf, Werner: Ökonomie und Rassismus, in: Autrata, Otger; Kaschuba, Gerrit; Leiprecht, Rudolf; Wolf, Cornelia: Theorien über Rassismus, Hamburg 1989, S. 63-84, S. 82.

[130] Ebenda, S. 71f.

[131] Ebenda, S. 69.

[132] Ebenda, S. 78.

[133] Ebenda, S. 82.

[134] Ebenda, S. 81.

Ende der Leseprobe aus 157 Seiten

Details

Titel
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung. Ein Vergleich ausgewählter antirassistischer Trainingsansätze - Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Erziehungswissenschaft - Erwachsenenbildung)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
157
Katalognummer
V58329
ISBN (eBook)
9783638525572
Dateigröße
1203 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische, Bildung, Rassismus, Ausgrenzung, Vergleich, Trainingsansätze, Schlussfolgerungen, Bildungsarbeit
Arbeit zitieren
Bettina Dettendorfer (Autor), 2003, Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung. Ein Vergleich ausgewählter antirassistischer Trainingsansätze - Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58329

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