„Armut im Süden durch Wohlstand im Norden“. Auf einen Nenner gebracht lautete so die Kernaussage der Dependenztheorien, die in den 60er und 70er Jahren in Lateinamerika entstand. Die verschiedenen Ansätze der Dependenztheorie versuchten fast alle in einer sozioökonomischen Gesamtinterpretation die Entwicklungsproblematik Lateinamerikas als Problem der Abhängigkeit von den industrialisierten Ländern auf zu deuten, die Rahmenbedingungen der Entwicklung in ein theoretisches Konzept einzuordnen und Erklärungsmuster für diese Rahmenbedingungen zu finden. Die in der Nachfolge der Imperialismustheorie stehende Dependenztheorie erklärt die Entwicklung der lateinamerikanischen Länder als „Entwicklung zur Unterentwicklung“, die durch exogene Faktoren veranlaßt wird. In dieser Einleitung mag es genügen die Hauptaussage der Dependenztheorie so darzustellen: Die kapitalistischen Länder des Nordens sichern ihre eigenen Aufstieg und ihre wirtschaftliche Potenz durch die Ausbeutung der Länder der sogenannten Dritten Welt. Diese Länder sind assymetrisch in die Weltwirtschaft integriert und haben in dieser Konstellation keine Möglichkeit, sich der Ausbeutung selbst zu entziehen. Die industrialisierten Länder haben wiederum kein Interesse daran, die Situation zu ändern, da sie selbst von der Ausbeutung profitieren. Lösungen, die innerhalb der Dependenztheorie angeboten werden, variieren je nach Richtung zwischen der Schaffung eines lateinamerikanischen Wirtschaftsmarktes bis hin zu radikalen Umstürzung der Welt(wirtschafts)ordnung, um den Kapitalismus zu vernichten. Obwohl die Dependenztheorie seit ihrer wissenschaftlichen Glanzphase in den 70er Jahren heutzutage eher an Bedeutung verloren hat, soll in dieser Arbeit die Dependenztheorie als eine mögliche Theorie der Modernisierung von Ländern betrachtet, ihre Besonderheiten aufgezeigt und als theoretische Konzeption kritisiert werden. Dies geschieht anhand von zwei Werken des Dependenztheoretikers Armando Córdova: „Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum“ und sein Buch „Die wirtschaftliche Struktur Lateinamerikas“ das er zusammen mit Hector Silva Michelena verfaßte. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundzüge der Dependenztheorie
2.1 Die Entstehungsgeschichte
2.2 Grundaussagen innerhalb der Dependenztheorie
2.3 Theoretische Richtungen in der Dependenztheorie
3 Die Dependenztheorie in zwei Werken Armando Córdovas
3.1 Zur Person des Autors
3.1.1 Der Kontext des Autors
3.1.2 Córdovas Geschichtsverständnis
3.1.3 Die Analysekategorien
3.2 Die wirtschaftliche Struktur der unterentwickelten Länder
3.2.1 Definition und Einteilung der wirtschaftlichen Struktur
3.2.2 Ökonomische Systeme in der Wirtschaftsstruktur
3.2.3 Merkmale einer unterentwickelten Wirtschaft
3.2.3.1 Allgemeine Merkmale
3.2.3.2 Die strukturelle Heterogenität
3.2.4 Mechanismen der Abhängigkeit
3.3 Das Problem der Marginalität und Beschäftigung in rückständigen Ländern
3.3.1 Die Beschäftigungsdynamik in der primären Exportwirtschaft
3.3.2 Die Phase von der Substitutionsindustrialisierung bis Anfang der 70er Jahre
3.3.3 Das Problem der Marginalität
3.4 Wirtschaftsintegration als Ausweg aus der Unterentwicklung?
3.4.1 Der Lösungsansatz
3.4.2 Die Kritik des Autors am Integrationsansatz
3.4.3 Die Lösung aus der Sicht des Dependenztheoretikers Córdova
4 Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie
4.1 Kritik aus methodischer Sicht
4.1.1 Die Abstraktheit der Theorie
4.2.2 Die Einseitigkeit der Theorie: Konzentration auf die Ökonomie
4.2 Kritik an der ideologischen Sichtweise
4.2.1 Importsubstitution und Industrialisierungsversuche
4.2.2 Der Begriff des Kapitalismus
4.3 Positive Betrachtung der Dependenztheorie
5 Fazit
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Dependenztheorie als theoretisches Konzept der Modernisierung von Ländern, wobei die Besonderheiten und Mängel dieser Theorie anhand der Werke des Dependenztheoretikers Armando Córdova kritisch untersucht werden.
- Entstehungsgeschichte und Kernaussagen der Dependenztheorie
- Die Rolle wirtschaftlicher Strukturen und struktureller Heterogenität in Lateinamerika
- Beschäftigungsdynamik, Marginalität und die Auswirkungen von Abhängigkeitsbeziehungen
- Kritik an Ansätzen der Wirtschaftsintegration und der ideologischen Sichtweise der Theorie
- Methodische und inhaltliche Bewertung der Dependenztheorie als transnationale Entwicklungstheorie
Auszug aus dem Buch
3.2.3.2 Die strukturelle Heterogenität
Córdovas Begriff der strukturellen Heterogenität, dessen Inhalt sich „deutlich von der sozioökonomischen Ebene (Produktionsverhältnisse) her bestimmt“ manifestiert sich auf allen Ebenen der Gesellschaft. Der Autor versteht unter dieser Begrifflichkeit das Vorhandensein von Wirtschaftssektoren, in denen Produktionsverhältnisse herrschen, die auf unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen an Produktionsfaktoren beruhen. Dies kennzeichnet die „unterschiedlichen Grade historischer Entwicklung“.
Vereinfacht gesagt existieren Sektoren aus unterschiedlichen geschichtlichen Etappen, wie vorkapitalistische Indiogemeinschaften und Latifundien, aber gleichzeitig eben auch kapitalistische Sektoren. Die Grenzen der Sektoren sind fließend, so dass auch Mischtypen wieder zu finden sind. Die strukturelle Heterogenität wendet sich gegen die Auffassung, dass dies lediglich eine Form der Übergangswirtschaft darstellt. Diese Übergangswirtschaft war zum Beispiel in Europa vom Übergang des Feudalismus zum Kapitalismus zu finden. Sie entsteht, wenn historisch fortgeschritttenere Sektoren die rückständigen Sektoren in einem gesetzmäßigen Prozeß langsam umgestalten.
Córdova wendet sich in dieser Definition auch gegen die „Dualismus-These“, die davon aus geht, dass zwei verschiedene Gesellschaftsformen nebeneinander herrschen. Der Unterschied liegt darin, dass diese heterogenen Strukturen die Basis eines Überbaus sind, der darauf abzielt, diese zu erhalten, um den eigenen Nutzen daraus zu ziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kernaussage der Dependenztheorien ein, die die Entwicklungsproblematik Lateinamerikas als Resultat der Abhängigkeit von industrialisierten Ländern deuten.
2 Grundzüge der Dependenztheorie: Das Kapitel erläutert die Entstehungsgeschichte, zentrale Kernaussagen wie das Metropolen-Satelliten-Modell und theoretische Richtungen der Dependenztheorie.
3 Die Dependenztheorie in zwei Werken Armando Córdovas: Dieser Hauptteil analysiert Córdovas Geschichtsverständnis, seine Analysekategorien sowie die spezifischen Probleme der wirtschaftlichen Struktur, der Marginalität und der Wirtschaftsintegration.
4 Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie: Das Kapitel bietet eine methodische und ideologische Kritik an der Dependenztheorie und beleuchtet sowohl deren Mängel als auch positive Aspekte.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Dependenztheorie als modernisierte Variante der Imperialismustheorie dient, weist jedoch auf die Vernachlässigung endogener Faktoren hin.
6 Literaturverzeichnis: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Literatur.
Schlüsselwörter
Dependenztheorie, Armando Córdova, Unterentwicklung, Lateinamerika, strukturelle Heterogenität, Abhängigkeit, Marginalität, Weltwirtschaft, Industrialisierung, Kapitalismus, Wirtschaftsintegration, Modernisierungstheorien, Beschäftigungsdynamik, sozioökonomische Struktur, Imperialismustheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der Dependenztheorie auseinander, insbesondere wie sie im Rahmen der Modernisierung von Ländern betrachtet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Entstehung der Dependenztheorie, die Analyse wirtschaftlicher Strukturen, das Problem der Marginalität in rückständigen Ländern sowie die kritische Reflexion methodischer und ideologischer Aspekte der Theorie.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Besonderheiten der Dependenztheorie aufzuzeigen und sie als theoretische Konzeption anhand zweier Werke von Armando Córdova kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse und Kritik der Schriften von Armando Córdova, wobei diese in den breiteren Kontext der Dependenztheorie und der Modernisierungstheorien eingeordnet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Córdovas Analysekategorien, das Konzept der wirtschaftlichen Struktur, die Problematik der Beschäftigung und Marginalität sowie die kritische Betrachtung des Integrationsansatzes detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Dependenztheorie, Unterentwicklung, strukturelle Heterogenität, Abhängigkeit und Marginalität.
Wie definiert Córdova die strukturelle Heterogenität?
Córdova versteht darunter das gleichzeitige Bestehen von Wirtschaftssektoren, die auf völlig unterschiedlichen Produktionsverhältnissen und historischen Entwicklungsstufen beruhen und die Basis eines Überbaus bilden, der diese Disparitäten zur Eigennutzung aufrechterhält.
Warum übt der Autor Kritik am Integrationsansatz?
Córdova kritisiert den Ansatz, da dieser seiner Meinung nach nur die Interessen multinationaler Unternehmen begünstigt, die bestehenden Abhängigkeitsstrukturen verschleiert und die wirtschaftliche Kluft zwischen einer Minderheit und der verarmten Mehrheit weiter vertieft.
- Quote paper
- Bettina Dettendorfer (Author), 1999, Die Dependenztheorie im Rahmen der Modernisierungstheorien. Analyse und Kritik anhand von zwei Schriften Armando Córdovas, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58344