„Wer das Verfassungsrecht kennt, aber die Rolle der Parteien übersieht, hat keine richtige Auffassung von den politischen Zuständen unserer Zeit. Wer die Rolle der Parteien kennt, aber nicht das klassische Verfassungsrecht, hat zwar eine unvollständige, aber richtige Auffassung von den politischen Zuständen unserer Zeit.“ Maurice Duverger scheint den Zusammenhang zwischen den verfassungsrechtlichen Vorgaben in dem parlamentarischen Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland und der tatsächlichen Rolle der politischen Parteien in der Parteien-demokratie in dieser Feststellung treffend beschrieben zu haben. Die Rechte und Kompetenzen, die in der Verfassung einzelnen Institutionen oder deren Mitgliedern zugewiesen sind, werden in der politischen Praxis nicht selten durch den Einwirkung der Parteien beeinflußt, begrenzt oder gar der ursprünglichen Bedeutung enthoben. Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, zum einen die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die Struktur der Bundesregierung und deren gegenseitige Überlagerung darzustellen. Dazu wird in einem kurzen Abriß die Grundstruktur der Bundesregierung beschrieben und die einzelnen Kompetenzen, welche das Grundgesetz dem Bundeskanzler, den Bundesministern und dem Bundeskabinett zuweist, werden ausführlich erläutert. Einen weiteren Schwerpunkt bildet darüber hinaus das vierte Kapitel, das die Überlagerung der verfassungsrechtlichen Organisationsprinzipen der Bundesregierung und die für diese Begrenzung einzelner Kompetenzen verantwortlichen, innerhalb der Verfassung liegenden, Faktoren aufzeigt. Zum anderen wird abschließend in einem weiteren Kapitel versucht, die Rolle der politischen Parteien und deren Einflußmöglichkeiten im Bezug auf die Verfassungsprinzipien darzustellen. Dabei beschränkt sich dieser Überblick im wesentlichen auf den Einfluß der durch die Parteizugehörigkeit und die Form der Regierung, die in diesem parlamentarischen System sich stets als Koalitionsregierung präsentiert, entstehenden Faktoren. In einem Fazit soll dann erörtert werden, durch welche Faktoren die Einwirkungsmöglichkeiten der politischen Parteien auf die verfassungsrechtlichen Vorgaben begründet werden können.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE STRUKTURELLE ORGANISATION DER BUNDESREGIERUNG
2.1 Der Bundeskanzler
2.2 Die Bundesminister
2.3 Das Kabinett
3 DIE VERFASSUNGSPRINZIPIEN DER BUNDESREGIERUNG
3.1 Das Kanzlerprinzip
3.1.1 Kompetenzen nach dem Kanzlerprinzip
3.1.2 Hilfsmittel zur Durchsetzung
3.2 Das Ressortprinzip
3.2.1 Kompetenzen nach dem Ressortprinzip
3.3 Das Kabinetts- oder Kollegialitätsprinzip
3.3.1 Kompetenzen nach dem Kabinettsprinzip
4 DIE GEGENSEITIGE ÜBERLAGERUNG DER VERFASSUNGSPRINZIPIEN
4.1 Das Kanzlerprinzip im Verhältnis zum Ressortprinzip
4.1.1 Die Bindungswirkung
4.1.2 Richtlinienkompetenz und Ressortselbständigkeit
4.1.3 Gegenseitiger Informationsanspruchs
4.2 Das Kanzlerprinzip im Verhältnis zum Kabinettsprinzip
4.2.1 Richtlinienkompetenz und Kollegialzuständigkeit
4.2.2 Richtlinienbestimmung und Beschlussfassungskompetenz
4.3 Das Ressortprinzip im Verhältnis zum Kabinettsprinzip
5 DIE VERFASSUNGSPRINZIPIEN UNTER DEM EINFLUß POLITISCHER PARTEIEN
5.1 Der Einfluß der Parteizugehörigkeit
5.2 Die Mitbestimmung der Regierungskoalition
5.3 Die Bonner Koalitionsregierung seit 1982
6 FAZIT
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit analysiert die verfassungsrechtlichen Organisationsprinzipien der Bundesregierung und untersucht, wie diese in der politischen Praxis durch das Parteiensystem und Koalitionskonstellationen überlagert, begrenzt oder modifiziert werden.
- Verfassungsrechtliche Grundprinzipien der Regierungsbildung
- Wechselwirkungen zwischen Kanzler-, Ressort- und Kabinettsprinzip
- Einfluss der Parteizugehörigkeit auf Regierungshandeln
- Bedeutung der Koalitionsregierungen für die Machtverteilung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Kompetenzen nach dem Kanzlerprinzip
Die wohl wichtigste Kompetenz des Bundeskanzlers, die auch das Prinzip seiner verfassungsrechtlichen Stellung darstellt, ist die Richtlinienkompetenz. Die Formulierung im Grundgesetz sagt dazu, wie oben bereits angeführt, lediglich, daß der Kanzler die Richtlinien der Politik bestimme. Obwohl der vom Grundgesetz verwendete Begriff bereits in der Weimarer Reichsverfassung verwendet wurde, läßt das Wort „Richtlinie“ geradezu Definitionsspielraum, ist doch die Formulierung eher „unklar“. Sinnvoll ist es, den Begriff als Richtungsvorgabe an die zu gestaltende Gesamtpolitik zu fassen, damit „seiner inhaltlichen Offenheit Rechnung“ getragen werden kann. Richtlinien der Politik sind also das Grundsätzliche, das Prinzipielle oder Allgemeine, das der Kanzler mit seiner Führungsbefugnis festlegt.
Sie bieten ihm die Möglichkeit, innerhalb seiner Führungsrolle, die Politik zu koordinieren und zu dirigieren. Darüber hinaus ist es die Aufgabe des Bundeskanzlers mit der Bestimmung der grundsätzlichen Leitlinien auf die „Einheitlichkeit der Regierungstätigkeit“ hin zu wirken und somit ein solidarisches und einheitliches Auftreten der Bundesregierung vor dem Parlament und der Öffentlichkeit herzustellen. Die Richtlinien der Politik sind also für die Funktionsfähigkeit der Regierung von grundsätzlicher Bedeutung, bilden sie doch den Rahmen, innerhalb dessen die Bundesminister in ihren Ressorts den politischen Willen umsetzen. Die Richtlinien sind demnach Vorgaben; die Ausgestaltung dieser Vorgaben, d.h. die konkreten politischen Maßnahmen, die getroffen werden müssen, um die Vorgaben zu erfüllen, bleiben aber den Ministern vorbehalten. (Das dies mit unter zur Kollision von Kompetenzen führen kann, wird unter Punkt 4 ausführlich erörtert.)
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das Spannungsfeld zwischen verfassungsrechtlichen Vorgaben und der politischen Realität der Parteiendemokratie ein und definiert die Zielsetzung der Untersuchung.
2 DIE STRUKTURELLE ORGANISATION DER BUNDESREGIERUNG: Dieses Kapitel beschreibt die grundlegende Zusammensetzung der Regierung aus Bundeskanzler, Ministern und Kabinett sowie deren jeweilige formale Rolle.
3 DIE VERFASSUNGSPRINZIPIEN DER BUNDESREGIERUNG: Hier werden die zentralen Organisationsprinzipien – Kanzlerprinzip, Ressortprinzip und Kabinettsprinzip – detailliert erläutert und deren verfassungsrechtliche Basis dargestellt.
4 DIE GEGENSEITIGE ÜBERLAGERUNG DER VERFASSUNGSPRINZIPIEN: Dieses Kapitel untersucht die praktischen Kompetenzkonflikte und die gegenseitige Beeinflussung der Verfassungsprinzipien, insbesondere im Verhältnis zwischen Kanzler und Ministern.
5 DIE VERFASSUNGSPRINZIPIEN UNTER DEM EINFLUß POLITISCHER PARTEIEN: Die Analyse zeigt auf, wie Parteizugehörigkeit und die Notwendigkeit von Koalitionsvereinbarungen die verfassungsrechtlichen Spielräume der Regierungsmitglieder einschränken.
6 FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Bundesregierung einem System der abgestuften Kollegialität folgt, das stark durch die Parteiendemokratie geprägt ist.
Schlüsselwörter
Bundesregierung, Grundgesetz, Kanzlerprinzip, Ressortprinzip, Kabinettsprinzip, Richtlinienkompetenz, Parteiendemokratie, Koalitionsregierung, Organisationsgewalt, politische Praxis, Regierungslehre, Gewaltenteilung, Parteizugehörigkeit, Machtverteilung, parlamentarisches System.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die strukturelle Organisation der Bundesregierung unter besonderer Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen verfassungsrechtlichen Vorgaben und der tatsächlichen politischen Praxis in der Bundesrepublik Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themenfelder umfassen die verfassungsrechtlichen Grundprinzipien (Kanzler-, Ressort- und Kabinettsprinzip) sowie deren Überlagerung und die Einflüsse politischer Parteien und Koalitionskonstellationen auf diese Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es, die verfassungsrechtlichen Vorgaben für die Bundesregierung darzustellen, die gegenseitige Überlagerung dieser Prinzipien aufzuzeigen und zu analysieren, wie politische Parteien diese Strukturen beeinflussen oder einschränken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Literaturanalyse, in der verfassungsrechtliche Grundlagen und verschiedene fachwissenschaftliche Interpretationen zum Regierungssystem der Bundesrepublik gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Darstellung der drei Verfassungsprinzipien, die Untersuchung ihrer gegenseitigen Überlagerung durch Kompetenzkonflikte sowie die Analyse des Einflusses von Parteien und Koalitionspartnern auf die Regierungstätigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Bundesregierung, Kanzlerprinzip, Ressortprinzip, Kabinettsprinzip, Richtlinienkompetenz, Parteiendemokratie und Koalitionsregierung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die interne von der externen Bindungswirkung im Verhältnis zwischen Kanzler und Minister?
Die interne Bindungswirkung erlaubt im Kabinett Diskussion und Kritik an Richtlinien, während die externe Bindungswirkung eine Solidaritätspflicht in der Öffentlichkeit und im Parlament festschreibt, die ein Kritisieren oder Ignorieren der Regierungsentscheidungen untersagt.
Inwiefern schränken Koalitionsausschüsse das Kanzlerprinzip ein?
Koalitionsausschüsse fungieren als informelle Entscheidungsgremien, in denen Richtlinien der Politik mit den Koalitionspartnern vorab abgestimmt werden, wodurch der Kanzler in der Praxis oft nur noch die Rolle eines Koordinators und Umsetzers dieser gemeinsam getroffenen Entscheidungen einnimmt.
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- Bettina Dettendorfer (Author), 1998, Die Struktur der Bundesregierung: Verfassungsrechtliche Vorgaben und politische Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58347