Identitätsbildung im Klassenzimmer. Konzepte von Identität


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. TransferzurSoziologie

2. Einleitung

3. Definition und Konzepte der Identitat
3.1 Erikson und der Begriff der Identitat eine Theoretisierung 1950
3.2 James Marcias Theorie - eine Erweiterung von Eriksons Theorie von 1960

4. Selbstreferenz und Fremdreferenz

5. Identitatsbildungim Klassenzimmer

6. Methodischer Ansatz fur den Unterricht

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. TransferzurSoziologie

Der Raum in welchem man sozialisiert ist, spielt eine groRe Rolle. Wie man lebt, wo man zu Hause ist, die Idee von Hauslichkeit und Wohnlichkeit wird in der Familie, im Alltag der Familie gelehrt und gezeigt. Diese Praktiken werden als „Habitus" bezeichnet. Der „Habitus" ist das sogenannte Ensemble kultureller Dispositionen, ein Ensemble an kognitiven, moralischen, asthetischen und verhaltensmaRigen Dispositionen von A bis Z. Zum Beispiel die Aggression, die Argumentation, das Autoritatsverhaltnis, das Benehmen, das Verstandnis von Empathie, das Sprechen, die Weltsicht sowie die Denk und Wahrnehmungswelt formen das Gesamterscheinungsbild einer Person. „Die Soziologie ist ein ... Instrument der Selbstanalyse, das es einem ermoglicht, besser zu verstehen, was man ist, indem sie einem ermoglicht, besser zu verstehen, wer man ist, indem sie einen die sozialen Bedingungen, die einen zu dem gemacht haben, was man ist, so wie die Stellung begreifen lasst, die man innerhalb der sozialen Welt innehat." (Bourdieu/Waquant 1996, S.96).

Die „Soziologie ermoglicht kritisches Nachdenken uber das soziale Zusammenleben, ein Verstehen gesellschaftlicher Entwicklungen sowie der Zusammenhange zwischen gesellschaftlichen Prozessen und der eigenen Lebenspraxis, eine Hinterfragung des vermeintlich Selbstverstandlichen und Vertrauten. Darin liegt ihr Nutzen." (Scherr 2013, S. 13). Das vermeintlich Selbstverstandliche kann und ist oft auch die Frage nach der Identitat, denn der soziologische Ansatz „befasst sich zum einen mit dem Erleben, Denken, Handeln von Individuen in unterschiedlichen sozialen Kontexten- z.B. in zufalligen Begegnungen zwischen zwei oder mehreren Personen, in Zweierbeziehungen und Familien, in kleineren oderGroReren Gruppen, in Organisationen wie Schulen [...]" (vgl.ebd., S.14) also in sogenannten sozialen Kontexten, in welchen verschiedene Identitaten aufeinandertreffen. „Die Soziologie betrachtet das soziale Handeln von Einzelnen also vor dem Hintergrund der sozialen Kontexte [...]" (Scherr 2018, S.15). Die Soziologie beginnt dann wenn uber das Verstehen der subjektiven Motive hinaus danach gefragt wird, welche sozialen Bedingungen dazu beitragen, dass das Handeln des Schulers sich fur ihn als subjektiv notwendige [..] Praxis darstellt." (vgl. Scherr 2013, S.15). Wenn ein Schuler Z.B wiederholt vom Unterricht fernbleibt konnte der Grund hierfur die „familiare Situation", die Situation der Eltern, die innere Zerrissenheit oder aber die Lage in der Klasse sein. „Daruber hinausgehend untersucht Soziologie die sozialen Bedingungen, die zu jeweiligen individuellen Motiven, Absichten und Handlungen gefuhrt, diese ermoglicht und hervorgebracht haben" (Ebd., S.14). Wie der Soziologe Pierre Bourdieu betont, stehen die „gesellschaftsgeschichtlichen Kontexte" im Vordergrund (vgl. ebd., S.21).

Naturlich stellt sich hierbei auch die Frage, wie sich die Identitat im schulischen Kontext neben der familiaren Identitat etabliert und sich entwickelt und wie man die Identitat als Ressource einbringen kann. Die Identitat ist „eine GroRvokabel, die im Alltag der Menschen beeindruckend viele Deutungen aufsich zieht, ein Megabegriff" (vgl. Bubolz 2005, S.16).

2. Einleitung

„Zu Hause fuhle ich mich in Algerien und in meiner Klasse in Frankreich", lautet ein bemerkenswertes Zitat aus der franzosischen Publikation „Nee en France Benaisa und Ponchelet 1990, S.39). Thema der autobiographischen Erzahlung ist, die Rolle eines traditionell erzogenen muslimischen Madchens in der franzosischen Gesellschaft. Eher wurde man vielleicht Begriffe wie „und in Frankreich", „und meiner Familie", oder „in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin", erwarten. Wahrend der Bezugspunkt „in Algerien", der kulturellen Herkunft der Autorin sofort nachvollziehbar erscheint, wirkt die Aussage „in meiner Klasse" zunachst uberraschend.

Ausgehend von diesem Zitat mochte ich im Folgenden die offensichtlich wichtige identitatsstiftende und integrative Kraft, die innerhalb einer Klasse wirken kann, naher untersuchen. Dazu mochte ich die Begriffe Zuhause und Heimat, Identitat, Identitatsbildung durch Selbstreferenz und Fremdreferenz naher beleuchten.

Die Protagonistin Aicha Benaissa sagt indirekt aus, dass sie sich in ihrer Klasse in Frankreich beheimatet fuhlt. Sie fuhlt sich an einem Ort wohl, an welchem eine kulturelle Vielfalt, eine Pluralitat und Heterogenitat herrscht, denn in der Klasse lost sich ihr „Anderssein" auf und sie kann sich mit ihrem Anderssein identifizieren. Das Gefuhl „zu Hause" zu sein, schafft hier innerhalb der Klasse die Moglichkeit, die eigene Identitat zu spuren und zu erleben. Zunachst sollte man also die Frage stellen, warum etwas als ein „zu Hause" definiert werden kann. Ein „zu Hause" ist primar ein Ort, an welchem man sich verstanden, beheimatet und wohl fuhlt. Dieser Ort ist weder an Raum noch an Zeit gebunden und ist variabel. Der Gedanke liegt nahe, dass der Begriff „zu Hause" sich hier an dem Begriff „Heimat" orientiert und entsprechend definiert werden kann: „ln dem Ausdruck Heimat steckt eine emotionale Welt, eine Art Sehnsucht, die uns im tiefsten Inneren bewegt und uns Orientierung gibt" (Yousefi 2014, S.35).

Da die Bandbreite an wissenschaftlicher Literatur sehr rar ist, gibt es wenige Forschungsarbeiten und wenige Konzepte und Theorien in diesem Bereich. Deshalb werden verschiedene Fachliteraturen zu Rate gezogen. Im ersten Schritt dieser Arbeit, soil der Terminus der Identitat definiert werden. Im zweiten Schritt dieser Arbeit soil das Entdecken der Identitat anhand Begrifflichkeiten der Selbstreferenz und Fremdreferenz deutlich gemacht werden. Daran anknupfend werden folgende Leitfragen behandelt: Wie kann gerade im Klassenzimmer Identitatsbildung stattfinden und wie kann der Unterricht methodisch gestaltet gefordert und unterstutzt werden? Kann das Klassenzimmer wirklich ein Ort sein, an dem diese emotionale Intensitat erlebt und gelebt wird, so dass sowohl individuelle Identitat als auch Zugehorigkeit entwickelt werden? Hierfur mochte ich zunachst ganz allgemein den Begriff der Identitat naher beleuchten.

3. Definition und Konzepte der Identitat

Es ist schwierig eine umfassende Definition fur den Begriff der Identitat zu finden. Verschiedene Disziplinen wie die Psychologies die Soziologie, die Religion, die Philosophic und die Kunst versuchen dem Begriff der Identitat eine Definition beizumessen. Im Duden wird die Identitat durch die Echtheit einer Person oder Sache, als die „selbsl" erlebte innere Einheit beschrieben.

In dem Sammelband „Die padagogische Psychologic" wird der Begriff der Identitat wie folgt definiert: „Die Identitat umfasst alle unterschiedlichen Aspekte und Rollen des Selbst." (Woolfolk 2008, S.90). „ldentitat schlieRt die Selbstwahrnehmung einer Person, aber auch seine Uberzeugungen und Einstellungen mit ein." (vgl. ebd., S.89). Daher wird der Begriff der Identitat und das Selbstkonzept als synonym verwendet (Wahrnehmung und das Wissen uber die eigene Person - Wissen uber personliche Eigenschaften, Fahigkeiten, Vorlieben, Gefuhle und Verhalten. Wer bin ich? Wie sehen mich andere uberhaupt? Erlebe ich mich immer identisch in jeweiligen Situationen? Dieses sind wichtige Fragen, die aufkommen. (vgl. ebd., S.90).

In der Menschheitsgeschichte haben sich verschiedene PsychoIogen, Theoretiker und Wissenschaftler mit dem Identitatsbegriff auseinandergesetzt. Daher gibt es verschiedene Ansatze, die strukturell und klassisch sind, sowie neuere postmoderne Ansatze. Somit gibt es einen „Entwicklungsverlaufdes Identitatsbegriffs". (vgl. Kuntz 2015, S. 36)

Uber die Folgen der Migration spielt der Begriff der Identitat „von Anfang an eine groRe Rolle". „Schon die ersten Studien uber „Gastarbeiterkinder" greifen auf die Kategorie der Identitat zuruck, wobei sie sich insbesondere an Erik H. Erikson anlehnen." (Hamburger 2018, S. 72)

„lm soziologischen Denken ist die Idee der Identitat maRgeblich mit dem Werk des des US- amerikanischen Philosophen und PsychoIogen George Herbert Mead verbunden", denn er entwickelte „eine Theorie der menschlichen Kommunikation und Sozialitat wie auch eine Analyse der kindlichen Entwicklung eines „self". Mit dem „self" bezeichent Mead die Beziehungen des Menschen zu anderen „Menschen Gruppen, Institutionen und Gegenstanden, die ein Individuum im Laufe seines Lebens kennenlernl". (vgl.Liebsch 2013, S.120)

3.1 Erikson und der Begriff der Identitat eine Theoretisierung 1950

Eine weitere entscheidende Personlichkeit, ist der Begrunder der fruhen Identitatsforschung, Erik Erikson, ein amerikanischer Psychoanalytiker und Psychologe, der das Konzept von Freud, dem Schopfer der Psychoanalyse, entwickelte. Erikson erweiterte die Theorie Freuds und fuhrte eine psychosoziale Theorie ein, die die personliche Entwicklung, die emotionale Entwicklung und die Interaktion einer Person in einem sozialen Umfeld beschreibt Die Werke Eriksons waren grundlegend fur die Psychologie. In seinen Werken hat er sich auf die Personlichkeitsentwicklung konzentriert, wo er die Bildung von Identitat, die Suche nach Identitat und die Rolle der Kultur bei der Entwicklung beschreibt. In seinem Werk „ldentitat und I ebenszyklus" definiert Erikson die Identitat als eine ^normative Krise", welche aus einer Abfolge der zu bewaltigenden phasenspezifischen Konflikten besteht (vgl. Erikson, S.114).

In der Entwicklungstheorie von Erik Erikson werden die Personlichkeits- soziale und emotionale Entwicklung, auch (psychosoziale Theorie) genannt anhand eines Stufenmodells thematisiert. Erikson sieht die Entwicklung der Identitat als Stufen oder Schritte, die aufeinander folgen und voneinander abhangig sind. In der 8 Stufen-Theorie von Erikson, stellt jede der acht Stufen eine Krise dar, mit der das Individuum sich aktiv auseinandersetzt. Die Art der Bewaltigung einer Krise wirkt sich auf die Bewaltigung kommender Krisen aus und „hat einen nachhaltigen Einfluss auf das Selbstbild und auf das Bild der Gesellschaft" (vgl. Woolfolk 2008, S.90). Positive Erfahrungen helfen die Krisen zu uberwaltigen. Jede Stufe hat ihre eigene Schwierigkeit, ihren eigenen Zweck und ihr eigenes Risiko. In jeder Phase der psychosozialen Entwicklung impliziert Erikson die Konfrontation mit einer neuen Entwicklungskrise. Das Grundproblem besteht aus einer Krise, die von zwei entgegengesetzten Polen gekennzeichnet ist. Die Krise ist keine Krise, wie wir sie assoziieren, sondern eine Entwicklungskrise, die zur Identitatsbildung beitragt. Laut Erikson sollte die Krise als ein Prozess gesehen werden, der sich uber die gesamte Lebenszeit hinzieht und das Selbst- und Weltbild beeinflusst. Erikson erklart die acht psychosozialen Phasen, indem er eine Erklarung und Beschreibung der Phasen mit dem ungefahren Alter gibt. Seine Theorie baut auf der Stufentheorie von Sigmund Freud auf (orale, anale, phallische Phase), jedoch berucksichtigt Erikson den sozialen Kontext mehr. Seine funfte Stufe lautet: Identitat (Antwort auf die Frage Wer bin ich?) vs. Identitatsdiffusion (Unsicherheit/Verwirrung wer man ist, was man erreichen will). Diese „drangende I rage" tritt zum ersten Mai in der Adoleszenz auf (vgl. ebd., S.93). Von der Geburt bis ins hohe Alter ist jede Phase von den Konflikten und Spannungen gepragt, die junge Menschen uberwinden mussen, um zu wachsen und sie selbst zu sein. „ln jeder Phase wird die personliche Identitat mit der Umgebung, den Erwartungen und Bestrebungen des Einzelnen konfrontiert" (Cannard 2017, S. 193, ubers. d. Verf.). „Fur Erikson ist die Identitat etwas, was durch die Kindheit hindurch heranwachst" (Kick 2018, S.103). „Folglich betrachtet Erikson Identitatsbildung als konstanten Prozess der Entwicklung im Lebenszyklus eines Menschen" (Kuntz 2015, S.36).

3.2 James Marcias Theorie - eine Erweiterung von Eriksons Theorie von I960

Unter dem Aspekt von Eriksons psychosozialen Moratorium verifiziert uberarbeitet und erweitert der amerikanische Psychologe James Marcia Eriksons Theorie. Er schlug in seiner Identitatsstatus-Theorie vier Identitatsoptionen fur Jugendliche vor, die sich aus 2 Dimensionen zusammensetzen. Diese lauten: Erkundung und Festlegung. Die erste Option ist die „erarbeitete Identitat" in welcher exploriert und festgelegt wird. Der zweite Identitatsstatus wird als das ^Moratorium" bezeichnet. D.h. Adoleszente, die mit der Entscheidungsfrage kampfen, befinden sich in einer sogenannten „ldentitatskrise" und verschieben Entscheidungen wegen einer inneren Unsicherheit. In diesem Status wird exploriert, jedoch nicht festgelegt. In der dritten Option spricht Marcia von der ubernommenen Identitat (elterliche Identitat oder die Identitat eines anderen, ohne Prufung von Alternativen).

In dieser Option wird festgelegt jedoch nicht exploriert. Die vierte Option ist die Identitatsdiffusion: in dieser findet weder ein Entdecken noch ein Festlegen statt. „Sie kommen zu keinem Entschluss, wer sie sind oder was sie mit ihrem Leben anfangen sollen" (vgl. Woolfolk 2008, S.94).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildung im Klassenzimmer. Konzepte von Identität
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V583655
ISBN (eBook)
9783346164797
ISBN (Buch)
9783346164803
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Migration, Pädagogik, Identitätstheorien, Identitätsbildung im Klassenzimmer
Arbeit zitieren
Fatma Kabakci (Autor:in), 2020, Identitätsbildung im Klassenzimmer. Konzepte von Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583655

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