Bevor ich die Frage nach Global Cities in Lateinamerika behandeln werde, möchte ich zuerst den Begriff der Global City, wie er nach seinen „Begründern“ S. Sassen und J. Friedmann definiert wurde, erörtern. Die Global City als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung wurde erstmals in den 1980er Jahren von J. Friedmann behandelt, da die früheren Werke von Hall (1966) et al. noch keine Theorie der Global City im heutigen Sinne thematisierten, sondern sich mit World Cities etc. und demnach mit einem völlig anderen Kriterienkatalog befassten. Als Definition für eine Global City lassen sich hier die „Auswahlkriterien für Global Cities“ von J. Friedmann1anführen: Wichtiges Finanzzentrum, Headquarters von transnationalen Unternehmen, internationale Institutionen√rapider Anstieg des Dienstleistungssektors√wichtiges Produktionszentrum, wichtiger Transportknotenpunkt, Bevölkerungsgröße. Erweitert wird diese Definition durch S. Sassens „Neue Funktionsweisen von Global Cities“: hoch konzentrierte Kommandozentralen in der Organisation der Weltwirtschaft, Schlüsselstandorte für Finanzwesen und hoch spezialisierte Dienstleistungen, Orte der Produktion einschliesslich Innovationen in führenden Industriezweigen, Märkte für produzierte Güter und Innovationen Nach dieser Hypothese ist eine Global City also ein urbanes Zentrum globaler Bedeutung, das sich durch eine herausragende wirtschaftliche und administrative Stellung sowohl im nationalen als auch im globalen Kontext definiert. Für die Klassifikation von Global Cities werden dementsprechend verschiedenste Daten herangezogen, wie etwa die Summe der ausländischen Direktinvestitionen (ADIs), die Anzahl an Direktflügen in Triadenländer (Europa - Nordamerika - Japan), die Präsenz ausländischer Banken oder auch die Ausprägung des FIRE - Sektors (Finance - Insurance - Real Estate / Finanzdienstleistungen - Versicherungen - Immobilien). Wichtiger für die Einstufung einer Global City ist jedoch vor allem ihre Vernetzung mit anderen Global Cities bzw. ihre Rolle im globalen Wirtschaftssystem.
Inhaltsverzeichnis
1. Theorie der „Global City“
1.1 Definition nach S. Sassen und J. Friedman
1.2 Kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Global City
2. Untersuchung auf Merkmale einer Global City am Beispiel einer lateinamerikanischen Stadt
2.1 Mexiko City – Global City oder US-orientierte Primate City?
3. Einordnung der Städte Lateinamerikas in das Netz der Global Cities
3.1 Mexiko City, Sao Paulo, Buenos Aires – globale Peripherie oder die Zentren von morgen? Ein Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, inwieweit lateinamerikanische Metropolen als Global Cities im wissenschaftlichen Sinne klassifiziert werden können und welche Rolle sie im globalen Wirtschaftssystem spielen.
- Theoretische Fundierung des Global-City-Begriffs nach Sassen und Friedmann
- Analyse der Merkmale von Global Cities am Beispiel von Mexiko City
- Untersuchung der wirtschaftlichen Vernetzung und Kontrollfunktionen lateinamerikanischer Metropolen
- Kritische Reflexion über die Bedeutung von Weltstädten in der globalen Peripherie
- Diskussion zukünftiger Entwicklungsperspektiven durch regionale Wirtschaftsintegration
Auszug aus dem Buch
1.2 Kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Global City
Bisher wurden in diesem Kontext vor allem die „alten“ Metropolen wie New York, Paris, London oder auch Tokio behandelt, und so liegt die Vermutung nahe, dass die Klassifikationsmerkmale einer Global City deutlich von den in diesen Städten zu beobachtenden Entwicklungen beeinflusst sind.
S. Sassens Untersuchungen zu Global Cities (Sassen, 2001) erfuhren beispielsweise einige Kritik, vor allem wurde ihr vorgeworfen, dass nur ihr „Wohnort“ New York hinreichend von ihr untersucht wurde. Desweiteren herrschen unterschiedliche Ansichten über den Kriterienkatalog und die Aussagekraft der verwendeten Daten, was jedoch keine Entkräftung der Global City – Hypothese, sondern eher den von Friedmann erhofften Anstoss brachte, über dieses wichtige Thema zu diskutieren und es auf die Tagesordnung zu bringen.
Heute hat sich eine differenzierte Sichtweise des Begriffs Global City durchgesetzt, die nicht mehr den Wettbewerb der Städte um Macht und Entscheidungsinstanzen als zentralen Punkt der Global City – Hypothese sieht, sondern den Begriff für die Beschreibung eines sich vernetzenden Systems von Städten sieht, die sich im Zuge der Globalisierung wandeln und weiterentwickeln.
Diese Entwicklung lässt sich an den vielfältigen neuen Begriffen und Theorien belegen, die in den letzten Jahren den Global City – Begriff erweitert und differenziert haben, u. a. die „Globalizing City“ von Marcuse und van Kempen (2000) oder auch Scotts „Global City Region“ (2001)4.
Ob die Metropolen Lateinamerikas zum Kreis der Global Cities gezählt werden können, möchte ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit erörtern sowie mögliche Entwicklungsperspektiven aufzeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theorie der „Global City“: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Global-City-Begriffs anhand der Definitionen von S. Sassen und J. Friedmann.
2. Untersuchung auf Merkmale einer Global City am Beispiel einer lateinamerikanischen Stadt: Hier wird am Fallbeispiel Mexiko City analysiert, inwiefern spezifische Global-City-Merkmale in einer lateinamerikanischen Metropole nachweisbar sind.
3. Einordnung der Städte Lateinamerikas in das Netz der Global Cities: Das abschließende Kapitel diskutiert die Position lateinamerikanischer Metropolen im globalen Wirtschaftssystem und bewertet ihre Zukunftsaussichten.
Schlüsselwörter
Global City, Lateinamerika, Mexiko City, Weltstadt, Globalisierung, Wirtschaftsgeographie, Finanzzentrum, Dienstleistungssektor, Standortfaktor, Metropolenforschung, Weltwirtschaft, Standortpolitik, Stadtentwicklung, Netzwerksystem, Standortwettbewerb
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Anwendbarkeit des wissenschaftlichen Konzepts der „Global City“ auf lateinamerikanische Metropolen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die theoretische Herleitung des Begriffs, die empirische Überprüfung an Fallbeispielen wie Mexiko City und die räumliche Einordnung in globale ökonomische Netzwerke.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Städte wie Mexiko City bereits den Status einer Global City innehaben oder ob sie eher eine untergeordnete Rolle im globalen Wirtschaftssystem einnehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse und den Vergleich empirischer Indikatoren wie ausländische Direktinvestitionen und Flugverbindungen zur Klassifizierung von Städten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, eine detaillierte Untersuchung von Mexiko City und eine zusammenfassende Bewertung der lateinamerikanischen Metropolen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Global City, Lateinamerika, Mexiko City, Globalisierung und Standortwettbewerb.
Warum wird Mexiko City als Fallbeispiel gewählt?
Mexiko City ist die bedeutendste Metropole der Region und zeigt durch ihre ökonomische Konzentration Tendenzen, die eine Überprüfung anhand der Global-City-Kriterien besonders aufschlussreich machen.
Welche Rolle spielt die NAFTA oder der Mercosur für die Entwicklung?
Die Arbeit diskutiert diese Handelsblöcke als Faktoren, die das Potenzial haben, die wirtschaftliche Stärke der Städte zu beeinflussen, wobei der Mercosur derzeit noch als weniger einflussreich eingestuft wird.
Welche Kritik wird am Global-City-Konzept geübt?
Die Kritik bezieht sich vor allem auf die einseitige Fixierung auf westliche Metropolen wie New York oder London bei der Kriterienentwicklung.
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- Sebastian Böhnke (Author), 2006, Global Cities in Lateinamerika?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58366