Die "werkimmanente Methode" dient der Interpretation dichterischer Texte. Sie wird auch als "formalistische" Methode bezeichnet, da der Text ausschließlich als ein "Produkt künstlerischer Konstruktion" aufgefaßt wir dessen Bauform und Strukturen aufgedeckt werden sollen: Bei einem dichterischen Werk wird nur nach dem "Was" und dem "Wie" gefragt, "indem man sich auf die in ihm greifbaren Phänomene konzentriert, d.h. man orientiert sich ausschließlich am Ergebnisobjekt selbst und fragt weder, unter welchen Bedingungen es entstand, noch, an wen es sich richtet, noch, wie weit es einer literarischen Tradition folgt usw. ." Der Begriffsteil immanent zeigt an, daß die Analyse innerhalb des Werkes bleibt. Mit dieser Methode soll erreicht werden, daß nur das "Werkimmanente" erfaßt wird. "Außerhalb des Werkes liegende Feststellungsakte" dürfen dabei nicht als eine Urteilsbasis dienen. Die Analyse soll sich nur auf die textliche Realität beziehen. Jegliche außerliterarische Faktoren sind außer Acht zu lassen, und die Analyse muß frei von jedem Vorurteil sein. Daraus folgt zwingend, daß gesellschaftliche, ideologische oder historische Einflüsse bei der Interpretation nicht berücksichtigt werden. Auch die Biographie des Autors hat keinen Einfluß auf diese Interpretationsmethode: "Auf keinen Fall lasse sich ein Gedicht aus biographischen Daten erklären." Diese Methode ist demgemäß als Analyse nur solcher Phänomene anzusehen, die sich in dem entsprechenden Text selbst finden. "Die Interpretation will das Werk als Ganzheit fassen, keine Seite von ihm übergehen und dabei tunlichst das Subjektive vermeiden." Formelemente müssen erkannt werden, um sie in ihrem Zusammenhang und ihrer Wirksamkeit zu begreifen: "Doch eben dies, was uns der unmittelbare Eindruck aufschließt, ist der Gegenstand literarischer Forschung: das wir begreifen, was uns ergreift, (...)."6 Es muß darauf geachtet werden, daß nicht der Inhalt des Werkes noch einmal wiederholt wird (Inhaltsnacherzählung). Auch soll nicht der Gemütszustand des Betrachters beim Lesen des Werkes beschrieben, "sondern Sachliches im Werk"7 aufzeigt werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Theorie und Kritik der werkimmanenten Methode
II. Eigene Stellungnahme
III. Interpretation von Kafkas „Gibs auf“
IV. Schlußbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Prinzipien, Möglichkeiten und Grenzen der werkimmanenten, formalistischen Methode in der Literaturwissenschaft und erprobt deren Anwendung exemplarisch an Franz Kafkas Erzählprosa „Gibs auf“.
- Theoretische Grundlagen und methodische Kritik des werkimmanenten Ansatzes
- Historische Entwicklung der formalistischen Methode
- Kritische Reflexion über die Trennung von Literatur und außerliterarischen Faktoren
- Exemplarische Textanalyse der Erzählung „Gibs auf“ von Franz Kafka
Auszug aus dem Buch
III. Interpretation von Kafkas „Gibs auf“:
Der Paragraph „Gibs auf“ von Kafka scheint auf den ersten Blick nichts als ein kleines Stück Prosa zu sein. Die Situation scheint zunächst lediglich die folgende: eine Person ist sehr früh morgens auf dem Weg zum Bahnhof. Die frühe Stunde erklärt die Reinlichkeit und Leere der Straßen, welche dem Wanderer gut tun. Es steht außer Frage, daß der fortschreitende Tag Lärm und Schmutz mit sich bringen wird. Die drei kaum zusammenhängenden Teile sind parataktisch zusammengefügt. Die Unterstreichung der Reinheit und Leere läßt vermuten, daß die Person, die uns als „Ich“ des Erzählers eingeführt wird, von Menschen verlassene Straßen liebt, weil diese unter dem Schmutz und Lärm der Straßen und des Verkehrs leidet.
Der Mann beschreibt die Situation, bevor er sich selbst erwähnt, was darauf hinweist, daß er ein sehr zurückhaltender und scheuer Mensch ist. Es scheint so, als würde der Mann sich persönlich in der morgendlichen Atmosphäre wiederfinden, weil er morgenfrisch und einsam den Weg Richtung Bahnhof einschlägt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Theorie und Kritik der werkimmanenten Methode: Dieses Kapitel erläutert die Grundsätze der formalistischen Methode, die den Text ausschließlich als in sich geschlossenes Konstrukt betrachtet und äußere Einflüsse wie Autorbiographie oder historische Kontexte ausklammert.
II. Eigene Stellungnahme: Die Autorin kritisiert die werkimmanente Methode als realitätsfern und betont die Notwendigkeit, psychologische sowie gesellschaftliche Kontexte für ein tieferes Textverständnis einzubeziehen.
III. Interpretation von Kafkas „Gibs auf“: Eine detaillierte Analyse der Erzählung unter werkimmanenten Gesichtspunkten, wobei insbesondere die sprachlichen Mittel, das Zeitsystem und die Dynamik zwischen den Figuren im Fokus stehen.
IV. Schlußbetrachtung: Ein Resümee, das festhält, dass die werkimmanente Analyse zwar strukturgebend wirkt, jedoch für ein vollständiges Verständnis des Textes durch biographische und psychologische Aspekte ergänzt werden muss.
Schlüsselwörter
Werkimmanente Methode, Formalismus, Franz Kafka, Interpretation, Literaturwissenschaft, Textanalyse, Germanistik, literarische Struktur, Formelemente, Erzählprosa, methodische Kritik, Literatursoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der werkimmanenten Methode der Literaturinterpretation, ihrer theoretischen Fundierung sowie ihrer praktischen Anwendung und methodenkritischen Überprüfung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition des Formalismus, die historischen Hintergründe der Literaturwissenschaft im 20. Jahrhundert sowie die spezifische Analyse von Kafkas „Gibs auf“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Möglichkeiten der reinen Werkinterpretation auszuloten und kritisch zu hinterfragen, ob eine solche isolierte Betrachtung ausreicht, um die volle Aussagekraft eines literarischen Werkes zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die werkimmanente Methode zur Textanalyse, unterzieht diese jedoch einer kritischen Reflexion, indem sie die Bedeutung von Kontextfaktoren wie Biographie und Historie betont.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Theorie hinter dem werkimmanenten Ansatz beleuchtet, gefolgt von einer persönlichen Stellungnahme der Autorin und einer umfassenden Interpretation von Kafkas „Gibs auf“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem werkimmanente Methode, Formalismus, Franz Kafka, Literaturinterpretation, Textanalyse und methodische Reflexion.
Welche Rolle spielt die Zeit in der Interpretation von „Gibs auf“?
Die Zeit fungiert in der Erzählung als zentrales Spannungselement, insbesondere durch den Kontrast zwischen dem persönlichen Zeitsystem des Protagonisten und der mechanisch-unpersönlichen Zeit der Turmuhr.
Warum ist der Schutzmann in der Erzählung eine ironische Figur?
Der Schutzmann erscheint als ironische Instanz, da er zwar als Verkörperung von Schutz und Ordnung eingeführt wird, dem Protagonisten jedoch letztlich keine Hilfe bietet, sondern dessen Ausweglosigkeit durch sein abweisendes Verhalten verdeutlicht.
- Quote paper
- Louisa Klose (Author), 2000, Werkimmanente, formalistische Methoden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5836