Die Worte Gewalt und Frauen lösen in erster Linie die Assoziation der Frau als Gewaltopfer aus. Die Frau als Täterin ist meist nur im Zusammenhang mit Tötungsdelikten in den Chronikteilen der Zeitungen zu finden, und auch hier neigt die Berichterstattung tendenziell dazu, diese Taten als außerordentliche Einzelphänomene darzustellen oder diese dem Bereich der Pathologie zu zuordnen. Gewalt von Frauen ist auch noch im 21. Jahrhundert ein Tabu, es scheint als wolle die Gesellschaft am Bild der Frau als fürsorgendes und sanftes Wesen festhalten, selbst feministische Gruppierungen verweigern den Blick auf Aggressionsverhalten von Frauen und ziehen es vor die Frau in ihrer Rolle als Opfer patriarchaler Gewalt und Systeme zu determinieren. Gewalt wird vorwiegend vom männlichen Aspekt betrachtet. Dies wird dahingehend argumentiert, dass Männer häufiger gewalttätig sind und durch ihren höheren Status in der Gesellschaft über mehr Macht verfügen. Durch die Kombination von Gewalt und Machtungleichgewicht ist der männliche Bedrohungsaspekt ein höherer und daher Gewalt von Frauen mit Gewalt von Männern nicht zu vergleichen. Dieser Ansatz verknüpft Gewalt mit Gesellschaftsstrukturen und setzt durch diese Verknüpfung, meines Erachtens, auf einer zu hohen Ebene des Gewaltphänomens an. In dieser Diplomarbeit soll Gewalt, auf der Grundlage des Gewaltverbots betrachtet werden. Gewalt als ein Verhalten, das den gesellschaftlichen Regeln widerstrebt. Das Gewaltverbot besteht in seiner Gültigkeit für beide Geschlechter im gleichen Maße und muss für seinen Bestand von beiden Geschlechtern als gesellschaftlicher Wert getragen werden. Um die Einhaltung dieses Verbots zu gewährleisten oder dahingehend zu intervenieren, müssen beide Geschlechter in gleicher Weise beobachtet und ihr Gewaltverhalten erhoben werden. Daher werden am Beginn die unterschiedlichen Definitionen aus allgemeiner, psychologischer, soziologischer und pädagogischer Sicht vorgestellt, sowie eine Klärung des Gewaltbegriffs, der dieser Arbeit zu Grunde liegt, vorgenommen. Anschließend soll geklärt werden, warum von Frauen verübte Gewalt nicht bis kaum wahrgenommen wird. Dafür wird der Begriff des Tabus herangezogen und erläutert wie es zum Bestehen dieses Tabus kommt. Der Bestand des Tabus wird von den soziologischen Geschlechterrollen abgeleitet. [...]
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Theoretischer Teil
1. Einleitung
2. Definitionen von Gewalt
2.1. Allgemeine Definition
2.2. Psychologischer Gewaltbegriff
2.3. Soziologischer Gewaltbegriff
2.4. Pädagogischer Gewaltbegriff
2.5. Der dieser Diplomarbeit zugrunde liegende Gewaltbegriff
3. Gewalttätige Frauen - ein Tabu
3.1. Das Tabu
3.2. Die weibliche Geschlechterrolle und ihre soziologische Bedeutung
3.3. Gewalttätige Frau im Zusammenhang von sozialer Rolle und Hierarchie
3.4. Faktoren zur Aufrechterhaltung des Tabus
3.5. Über die Sinnhaftigkeit des Tabubruchs
4. Historischer Abriss des Gewaltverständnisses.
5. Theorien zur Ursache von Gewalt
5.1. Aggressionstriebmodelle
5.2. Frustrations-Aggressions-Hypothese
5.3. Katharsishypothese
5.4. Die Lerntheorien und ihre familiensoziologischen Erweiterungen
5.5. Stresstheoretischer Ansatz
5.6. Konflikttheorie
5.7. Theorie der Subkultur von Gewalt
5.8. Ressourcentheoretischer Ansätze
5.9. Austausch und Kontrolltheorie
5.10. Symbolisch-interaktionistische Ansätze
5.11. Soziostrukturelle Ansätze
6. Formen personaler Gewalt
6.1. Physische Gewalt
6.2. Psychische Gewalt
6.3. Sexuelle Gewalt
7. Forschungen zum Thema Gewalt in der Familie betrachtet unter dem Aspekt der Frau als Täterin
7.1. Gewalt von Frauen gegen Minderjährig
7.1.1. Physische Gewalt von Frauen gegen Minderjährige
7.1.2. Psychische Gewalt von Frauen gegen Minderjährige
7.1.3. Sexuelle Gewalt von Frauen gegen Minderjährige
7.1.4. Zusammenfassung
7.2. Gewalt von Frauen gegen Intimpartner
7.2.1. Physische Gewalt von Frauen gegen Männer
7.2.2. Psychische Gewalt von Frauen gegen Männer
7.2.3. Sexuelle Gewalt von Frauen gegen Männer
7.3. Gewalt gegen alte Menschen im sozialen Nahraum
7.4. Gewalt von Frauen im öffentlichen Raum
7.4.1. Frauenkriminalität
7.4.2. Gewaltausübung am Arbeitsplatz
7.4.2.2. Mobbing
7.4.3. Menschenhandel
7.4.4. Gewalttätige Mädchen und junger Erwachsene
8. Gewaltverhalten von Frauen
8.1. Erkenntnisse zu frauenspezifischen Gewaltverhalten
8.2. Eigener Ansatz zur weiblichen Gewalt
9. Gewalttätige Frauen, eine Aufgabe für die Sozialarbeit?
9.2. Sozialarbeiterische Hilfsangebot
9.3. Mögliche Interventionsangebote
10. Zusammenfassung
II. Empirischer Teil
1. Die Methode des Fragebogens
2. Thesen und Hypothesen
2.1. Hypothesen zum allgemeinen Fragebogen
2.1.1. Hypothesen zum Zusatzfragebogen für Frauen
2.2. Hypothesen zum Expertenfragebogen
3. Auswertung
3.1. Allgemeiner Fragebogen
3.1.1. Konstruktion
3.1.2. Kritik des Fragebogens
3.1.3. Stichprobe
3.1.4. Befragung zu Gewaltverhalten
3.1.5. Gewalthandlungen gegen Minderjährige
3.1.7. Gewalthandlungen gegen Erwachsene
3.1.8. Interpretation des Unterschiedes der Erfahrungen von Gewalthandlungen als Minderjährige(r) und Erwachsne(r)
3.1.9. Häufigkeiten von Gewalterfahrungen als Minderjährige
3.1.10. Häufigkeiten von Gewalterfahrungen als Erwachsener
3.1.11. Intensität der Auswirkung von Gewalthandlungen als Minderjährige(r)
3.1.12. Intensität der Auswirkung als Erwachsene(r)
3.1.13.Vergleich der Beurteilung der Intensität der Auswirkung von Gewalthandlungen als Minderjähriger und im Erwachsenenalter
3.1.14. Gewaltverhalten von Frauen
3.1.15. Gewalthandlungen von Frauen
3.1.16. Häufigkeit von Gewalthandlungen von Frauen
3.1.17. Opfer von Gewalthandlungen von Frauen
3.1.18. Ursachen der Gewaltausübung von Frauen
3.1.19. Hypothesenprüfung und Zusammenfassung
3.2. Expertenfragebogen
3.2.1. Konstruktion
3.2.2. Kritik des Fragebogens
3.2.3. Schwierigkeiten bei der Fragebogenerhebung
3.2.4. Stichprobe
3.2.5. Befragung zur Ausübung von Gewalt
3.2.6. Einschätzung der Häufigkeit der Ausübung von physischer Gewalt
3.2.7. Einschätzung der Häufigkeit der Ausübung von psychischer Gewalt
3.2.8. Einschätzung der Häufigkeit der Ausübung von sexueller Gewalt
3.2.9. Konfrontation
3.2.10. Einstellungen
3.2.11. Ursachen der Gewaltausübung
3.3. Gegenüberstellung der Auswertungen
3.3.2. Hypothesenprüfung und Zusammenfassung
III. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht das gesellschaftliche und institutionelle Bewusstsein gegenüber gewalttätigen Frauen. Das Ziel ist es, das Tabu der weiblichen Täterschaft zu beleuchten, die Verbreitung und Wahrnehmung von weiblicher Gewalt zu analysieren und zu eruieren, inwiefern gewalttätige Frauen ein Handlungsfeld für die professionelle Sozialarbeit darstellen.
- Soziologische Analyse des Tabus "Gewalt durch Frauen"
- Untersuchung geschlechtsspezifischer Rollenzuschreibungen
- Empirische Erhebung von Gewalterfahrungen und Gewalteinschätzungen in der Bevölkerung
- Vergleich der Wahrnehmung zwischen der Allgemeinbevölkerung und Fachkräften in sozialen Einrichtungen
- Diskussion über Interventionsmöglichkeiten und sozialarbeiterische Hilfsangebote
Auszug aus dem Buch
Die Theorie des stärkenden Motivs
Gewalttaten und Handlungen werfen immer die Frage nach dem „Warum“ auf, nach der Ursache, den Auslöser des Verhaltens auf. Dieser Auslöser kann auch als Motiv bezeichnet werden. Gewaltverhalten von Frauen wird nach Motiv, Art und Ausmaß der Gewalt und nach der Beziehung von Täterin und Opfer bewertet. Die Zuordnung des Motivs hängt mit der Täter-Opferbeziehung und der Gewalthandlung zusammen. Die Gewalthandlung gefährdet die Geschlechterordnung, das Motiv stärkt die weibliche Geschlechtsrolle und somit das Geschlechtsverhältnis.
Ermordet eine Mutter ihr Kind, so wird diese Tat dem pathologischen Bereich oder an diesem angrenzend zugeordnet, das Motiv liegt im krankhaften begründet. Es erfolgt eine Verknüpfung der Täterin mit der Eigenschaft krank, die mit hilfsbedürftig und schwach assoziiert wird. Diese Assoziationen bilden eine Konformität mit der weiblichen kulturellen Geschlechterrolle. Die Gewalttat ist nicht nur ein Verstoß gegen die Geschlechterrolle, sie ist auch der männlichen zugeordnet. Für das Geschlechtsverhältnis bedeutet dies, dass die Handlung, die Geschlechtsordnung massiv gefährdet, das Motiv hingegen den Geschlechterstereotypen entspricht und somit das Geschlechterverhältnis stärkt. Diese stärkende Macht des Motivs, wird über die Tat gestellt und das abweichende Verhalten milder bewertet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Tabu gewalttätiger Frauen und erläutert die Forschungsintention, Gewalt abseits klassischer Opferrollen objektiv zu betrachten.
2. Definitionen von Gewalt: Dieses Kapitel differenziert zwischen allgemeinen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Gewaltbegriffen, um eine theoretische Basis für die Arbeit zu schaffen.
3. Gewalttätige Frauen - ein Tabu: Hier werden soziologische Mechanismen untersucht, die dazu beitragen, dass weibliche Gewalt gesellschaftlich verdrängt oder bagatellisiert wird.
4. Historischer Abriss des Gewaltverständnisses.: Das Kapitel beschreibt den historischen Wandel von Gewalt als legitimem Machtinstrument hin zur gesellschaftlich geächteten Straftat.
5. Theorien zur Ursache von Gewalt: Es werden verschiedene wissenschaftliche Erklärungsmodelle für Aggression und Gewalt vorgestellt, von Triebtheorien bis hin zu soziostrukturellen Ansätzen.
6. Formen personaler Gewalt: Hier erfolgt eine Kategorisierung in physische, psychische und sexuelle Gewaltformen zur besseren Erfassbarkeit für die Untersuchung.
7. Forschungen zum Thema Gewalt in der Familie betrachtet unter dem Aspekt der Frau als Täterin: Das Kapitel bietet einen Überblick über bestehende Studien und Daten zu Gewalt von Frauen gegen Minderjährige, Partner und alte Menschen.
8. Gewaltverhalten von Frauen: Basierend auf den vorherigen Erkenntnissen wird ein eigener theoretischer Ansatz zur weiblichen Gewalt und deren Wahrnehmung formuliert.
9. Gewalttätige Frauen, eine Aufgabe für die Sozialarbeit?: Hier wird kritisch reflektiert, ob und wie die professionelle Sozialarbeit auf das Thema weibliche Täterschaft reagieren sollte.
10. Zusammenfassung: Dieses Kapitel bündelt die zentralen theoretischen Erkenntnisse der Arbeit.
Schlüsselwörter
Gewalt, Frauen, Täterschaft, Tabu, Geschlechterrolle, Sozialarbeit, Gewaltprävention, Psychische Gewalt, Soziales Bewusstsein, Geschlechterordnung, Empirische Untersuchung, Aggression, Interventionsangebote, Opferrolle, Familienterroristin.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Tabuthema Gewalt, das von Frauen ausgeübt wird, und analysiert, warum dieses Phänomen gesellschaftlich und institutionell kaum wahrgenommen oder bagatellisiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die soziologische Konstruktion von Geschlechterrollen, die historische Entwicklung des Gewaltbegriffs, Theorien zur Entstehung von Gewalt sowie die empirische Erhebung der Gewalteinschätzung in der Bevölkerung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, das Tabu der gewalttätigen Frau zu durchbrechen, das Bewusstsein für dieses Phänomen zu schärfen und die Relevanz für die professionelle Sozialarbeit zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit verwendet eine Kombination aus theoretischer Literaturanalyse und einer empirischen quantitativen Fragebogenerhebung, die sich sowohl an die Allgemeinbevölkerung als auch an Experten in sozialen Einrichtungen richtet.
Was wird im theoretischen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert, warum das Thema Gewalt durch Frauen gesellschaftlich verdrängt wird, beleuchtet soziologische Erklärungsmodelle für dieses Tabu und vergleicht verschiedene Studien zum Gewaltverhalten von Frauen in unterschiedlichen Kontexten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Gewalt, Frauen als Täterinnen, Tabu, Geschlechterrollen, Sozialarbeit und die Theorie des stärkenden Motivs.
Was ist das "stärkende Motiv" in der Bewertung weiblicher Gewalt?
Diese Theorie besagt, dass die Gesellschaft Gewalttaten von Frauen oft durch Motive (wie "Krankheit" oder "Überforderung") erklärt, die wiederum die weibliche Rolle als "schwach" oder "hilfsbedürftig" bestätigen, anstatt die Gewalt selbst ernst zu nehmen.
Wie reagieren soziale Einrichtungen laut der Studie auf das Thema?
Die Ergebnisse zeigen, dass viele Einrichtungen wenig Bewusstsein für das Thema zeigen und keine spezifischen Angebote für gewalttätige Frauen vorhalten, was darauf hindeutet, dass das Thema weiterhin eine geringe Priorität genießt.
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- Tatjana Weiß (Author), 2006, Täterin Frau - Gewaltverhalten von Frauen im gesellschaftlichen und institutionellen Bewusstsein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58376