Hat Kaiser Wilhelm II. Bismarcks Politik fortgeführt oder einen "neuen Kurs" eingeschlagen? (Geschichte, Klasse 12)


Unterrichtsentwurf, 2016

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

I. Lernziele Erkenntnislernziel:

Die Schülerinnen und Schüler erkennen am Beispiel der Abdankung Bismarcks und des „neuen Kurs“ Wilhelm II., dass durch einen personellen Regierungswechsel der Inhalt und die Methodik der geführten Politik grundlegend verändert werden kann.

Feinlernziele:

Die Schülerinnen und Schüler.

1.) beschreiben, analysieren und interpretieren die Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ dahingehend, dass nach der Abdankung Bismarcks Kaiser Wilhelm II. das Deutsche Reich regiert (Lotse Bismarck: geht erhobenen Hauptes von Bord; Bismarck als Lotse „manövrierte“ das Reich und nimmt Großteil des Bildes ein, was für seine herausragende Bedeutung für das Deutsche Reich spricht) und stellen mit Hilfe der Karikatur und des Zitats von Wilhelm II. Hypothesen (in Bezug auf negativ konnotierte Darstellung Wilhelm II. bei der Karikatur: Kurs könnte nicht der alte bleiben; in Bezug auf Zitat Wilhelm II.: Hintergrundsituation des Zitates muss beachtet werden: kurz nach Amtsantritt-> Gesagtes nur Versprechung?!) bezüglich der Stundenfrage auf.
2.) untersuchen die Quellenausschnitte (Q1 & Q2; Q3 & Q4; Q5 & Q6) unter dem jeweiligen, ihnen zugeordneten Aspekt (Herrschaftsform, Sozialpolitik, Außenpolitik), mit der Erkenntnis, dass Bismarck eine „Kanzlerdiktatur“ und Wilhelm II. ein neo-absolutistisches, persönliches Regiment führte, Bismarck repressive (Sozialistengesetzte) aber auch für die Arbeiter unterstützende (Sozialversicherung) Maßnahmen in der Sozialen Frage und Wilhelm II. Vermittlungsversuche in der Sozialen Frage (Arbeiterschutzgesetze) unternahm und dass in Bezug auf die Außenpolitik Bismarck für die Beweglichkeit des DR und Wilhelm II. für die Starrheit des DR stand.
3.) vergleichen Bismarck und Kaiser Wilhelm II. (Kanzlerdiktatur vs. Neo-Absolutismus; Repressive Maßnahmen aber auch Sozialversicherungssystem vs. Vermittlungsversuche in der Sozialen Frage; Beweglichkeit des DR vs. Blockbildung) und setzten die Ergebnisse des Vergleichs in Bezug zu Wilhelms Aussage „Der Kurs bleibt der alte, und nun mit Volldampf voraus“ mit der Erkenntnis, dass außenpolitisch ein klarer „neuer Kurs“ zu erkennen ist, innenpolitisch und in Bezug auf die Herrschaftsform bei der genauen Analyse jedoch keine tatsächlichen Unterschiede auszumachen sind, die einen vollkommen „neuen Kurs“ begründen würden.
4.) diskutieren über Spitzembergs Behauptung (Bismarcks Abdankung stelle ein „Markstein in der deutschen Geschichte“ dar) dahingehend, dass insbesondere der extreme Wandel der Außenpolitik durch Wilhelm II. („Platz an der Sonne“ für DR, Imperialismus, Wettrüsten, Unbeweglichkeit des DR durch Blockbildung mit Italien und Österreich-Ungarn im Vergleich zu Bismarcks beschwichtigender Außenpolitik, bei der das saturierte DR beweglich war und als Vermittlerinstanz agierte) indirekt, teils auch direkt zu den Konflikten auf dem Europäischen Kontinent am Anfang des 20. Jahrhunderts führte.

II. Unterrichtsvoraussetzungen

II.1 Allgemeine Unterrichtsvoraussetzungen

Die Lerngruppe 12 des Gymnasiums besteht aus 21 Schülerinnen und Schülern, welche zwei Stunden die Woche jeweils montags von 8:40-9:25 und freitags von 11:25-12:10 im Fach Geschichte-Grundkurs unterrichtet werden. Der aus 17 Schülerinnen und vier Schülern bestehende Kurs ist mir durch die Hospitationen seit dem 25.01.2016 bekannt. Trotz dieser durchaus kurzen Kontaktphase mit der Lerngruppe, lässt sich diese als einen Kurs mit einer sehr harmonischen, lockeren und gleichzeitig konzentrierten Atmosphäre deklarieren. Im Gesamten zeigen sich die Lernenden an den behandelten Thematiken des Faches interessiert. Jedoch muss auf den nur relativ kleinen leistungsstarken Teil des Kurses hingewiesen werden, was sich durch die häufig aktive, aber nur teilweise qualitativ hochwertige Mitarbeit äußert.

So zeichnen sich insbesondere V. und J. durch problemorientierte Beiträge aus. Aufgrund ihres umfangreichen historischen Wissens verknüpfen diese zwei Schüler komplizierte Sachverhalte schnell und können in schwierigen Gruppenarbeitsphasen oder auch in der Problematisierungsphase ihre Mitschüler und Mitschülerinnen durch anregende Beiträge aktivieren. Auch P. und Ju. beteiligen sich stets aktiv am Unterrichtsgeschehen, wobei ihre Beiträge bei den schwierigeren Transfer- bzw. Problematisierungsaufgaben meist nicht die Qualität der Meldungen von den vorher genannten Schülern erreichen. Die übrigen Lernenden verhalten sich eher zurückhaltend und melden sich nur in Phasen, in denen sie sich der Korrektheit ihrer Antworten sicher sind.

Durch positives Feedback wird versucht, eben diese Schülerinnen und Schüler dazu zu animieren, auch Beiträge zu komplexeren Fragestellung zu leisten, zumindest jedoch ihre Meldungen bei den Erarbeitungsphasen zu sichern.

Hinsichtlich der Unterrichtsform muss konstatiert werden, dass der Kurs mit Einzel-, Gruppen-, sowie Partnerarbeit und insbesondere mit dem fragend-entwickelnden Unterricht vertraut ist. Entsprechend der Klassenstufe, sind die Schülerinnen und Schüler in dem Umgang mit Quellen, Abbildungen und Karikaturen geübt.

II.2 Besondere Unterrichtsvoraussetzungen

Die zu haltende Stunde findet nahezu am Ende der neunstündigen Unterrichtsreihe „Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg“ statt. Nachdem die Situation Deutschlands vor 1871, der deutsch-dänische sowie der deutsch-deutsche Krieg, der deutsch-Französische Krieg und die Kaiserkrönung in Versailles thematisiert wurden, stand das Kaiserreich im Fokus der Betrachtung. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit der Verfassung des Kaiserreiches und insbesondere mit der dortigen Sonderrolle Bismarcks auseinander. Das Schaffen des Reichskanzlers Otto von Bismarck, die wohl prägendste Persönlichkeit des Kaiserreichs, wurde durch die Thematisierung der Sozialistengesetzgebung bzw. seines strikten, repressiven Vorgehens bei der Sozialen Frage (Innenpolitik) und durch das Behandeln seines komplexen Bündnissystems mit dem Topoi des saturierten Deutschlands (Außenpolitik) exemplarisch dargestellt. Folglich sind den Schülerinnen und Schülern Bismarcks (innen- & außen-) politische Grundprinzipien bekannt. Diese Kenntnisse sind unabdingbar, um die in der zu haltenden Stunde thematisierte Abdankung Bismarcks/ „neuer Kurs“ Wilhelms II. vollständig internalisieren zu können. Die Behandlung der Charakteristika (Herrschaftsform, Außenpolitik, Sozialpolitik) Wilhelms II. in der zu haltenden Stunde sind nötig, um eine Wissensbasis für die Lernenden in Bezug auf die darauffolgende Stunde über das imperialistische Deutschland zu schaffen. Nach dem Thema Imperialisms folgt dann die letzte Stunde der Reihe mit der Behandlung des Weges, welcher zum Ersten Weltkrieg geführt hat.

Da jede einzelne Stunde dieser Reihe eine gewisse thematische Komplexität in sich birgt, erscheint es wahrscheinlich, dass noch offene Fragen der Lernenden (beispielsweise über das außenpolitische Konzept Bismarcks) aufgrund der extremen Themendichte innerhalb der Reihe bestehen und diese dann auch in einer der darauffolgenden Stunden geklärt werden müssen.

III. Didaktische Analyse

Die oftmals rezipierten (weil der Realität eben nicht entsprechenden) Worte Wilhelms II. nach der Abdankung Bismarcks skizzieren den thematischen Fokus der zu haltenden Stunde: Den Kurswechsel in Inhalt und Methodik der geführten Politik, der nach der Abdankung des Kanzlers vollzogen worden ist. Abgesehen von persönlichen Faktoren, fußte Bismarcks Politik auf dem Austarieren der labilen Kräftegleichgewichte. Er inszenierte sich als Vermittlerinstanz, welche innenpolitisch die Kräfte zwischen dem aufstrebendem Bürgertum und den traditionellen Führungsschichten ausbalancierte und in Bezug auf die Außenpolitik zwischen allen Blöcken der fünf Großmächte den Ausgleich suchte, diese jedoch, falls seines Empfindens nach nötig, auch gegeneinander ausspielte. Nach dem Tod Wilhelms I. und dem seines Sohnes im Jahre 1888 wurde schließlich Wilhelm II. zum Kaiser ernannt. Im Gegensatz zu seinem Großvater, der durch sein zurückhaltendes Agieren auf der politischen Bühne die Kanzlerherrschaft Bismarcks ermöglichte, wollte Wilhelm II. selbst regieren, wodurch es vor allem auf der innenpolitischen Ebene bzw. hinsichtlich der Sozialen Frage zu Auseinandersetzungen zwischen Kanzler und neuem Kaiser kam, die in der Abdankung Bismarcks 1890 kulminierten und einen vor allem außenpolitischen „neuen Kurs“ einleiteten.

Dieses überaus wichtige Thema der Geschichte des Deutschen Kaiserreiches findet seine Verankerung im Oberstufen-Lehrplan für den Grundkurs Geschichte, Jahrgangstufe 11 bis 13 an Gymnasien in Rheinland-Pfalz im Stoffbereich der Stufe 12/1 „Deutschlands Weg zur Demokratie“, Teilthema 1 „Deutschlands Ringen um eine Demokratie“ (LP Rlp, S. 14; 23). Für die Behandlung der Inhalte „Situation in Deutschland vor 1871“ bis zur Thematisierung des „Wegs in den Ersten Weltkrieg: Konflikte zwischen den Imperialen Mächte und Julikrise“ sind insgesamt acht bis zehn Unterrichtsstunden vorgesehen. Bei genauerer, gesamtheitlicher Betrachtung des Oberstufen-Lehrplans muss außerdem konstatiert werden, dass eben genau dieser zu behandelnde historische Gegenstand ebenfalls im Lehrplan für den Leistungskurs Geschichte verankert ist. Der Wahlpflichtbereich für das Leistungsfach impliziert die Möglichkeit einer Beschäftigung mit dem Aspekt „Person und Geschichte“ im Rahmen des Bereiches „Kontroversen/ Theorien“, wobei unter anderem als Lernziel die Erkenntnis vorgesehen wird, „dass die strukturellen Gegebenheiten das geschichtliche Handeln beeinflussen, dass aber andererseits Entscheidungen von Persönlichkeiten die bestehenden Strukturen verändern und neue Strukturen begründen können“ (LP Rlp, S. 88). Eben auf diesen Aspekt begründet sich die Auswahl des Stundenthemas für den zu haltenden Unterricht. Die Abdankung des Reichskanzlers Bismarck lenkte die Geschichte des deutschen Kaiserreiches in eine neue Richtung, wobei diese Erkenntnis das primäre Ziel der Geschichtsstunde sein soll (ELZ). Um dies zu erreichen, wird der Unterricht inhaltlich natürlich dem Leistungsniveau des Grundkurses 12/1 angepasst und wie folgt vorgegangen:

Als thematischer Einstieg in die Stunde wird die Karikatur „Der Lotse geht von Bord/ dropping the pilot“ aus der Londoner Satirezeitschrift „The Punch“ verwendet. Da die Karikatur auf simple Art und Weise die Abdankung Bismarcks mit der Schiffsmetapher visualisiert, sollte die Beschreibung, Analyse und Interpretation der Zeichnung allen Schülern möglich sein, sodass der historische Kontext der Stunde schnell und klar ersichtlich wird. Aufgrund ihrer Herkunft birgt die Karikatur außerdem das Potential auch die englische Ansicht bezüglich der Abdankung Bismarcks zu thematisieren, wobei dann das Erarbeitete aus den vorherigen Stunden (Außenpolitik Bismarcks) rekapituliert werden muss und somit der neue Impuls mit einer Wiederholung gekoppelt wird. Um jedoch auf die problemorientierte Stundenfrage zu kommen, wird neben der Karikatur das Zitat Wilhelms II. „Der Kurs bleibt der alte, und nun mit Volldampf voraus“ auf Folie aufgelegt (M2). In Bezug auf die englische Intention der Karikatur sollen Hypothesen darüber gebildet werden, ob die Briten der Aussage Wilhelms über die Beibehaltung des alten Kurses zustimmen oder eher verneinen würden. Da zum einen die Karikatur eine negativ konnotierte Haltung der Briten gegenüber Wilhelm II. aufzeigt und zum anderen die Aussage Wilhelms II. kurz nach der Abdankung Bismarcks in ihrer zukünftiger Umsetzung als fragwürdig erscheint (Aussage nur bloße Versprechung ohne Substanz für die Zukunft?!), werden die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass die Aussage des Kaisers über die Beibehaltung des alten Kurses kritisch zu betrachtet ist, wodurch die Notwendigkeit einer genaueren Untersuchung des politischen Kurses nach der Abdankung Bismarcks offensichtlich wird (FLZ 1).

Eben diese Untersuchung Wilhelms politischen Kurses stellt den Schwerpunkt der Stunde dar. Anhand ausgewählter Quellpassagen hinsichtlich der Aspekte Herrschaftsform, Sozialpolitik und Außenpolitik sollen die Schülerinnen und Schüler die Unterschiede zwischen Bismarcks und Wilhelms II. geführten Politik erarbeiten und zu der Erkenntnis kommen, dass Bismarck eine „Kanzlerdiktatur“ und Wilhelm II. ein neo-absolutistisches, persönliches Regiment führte, Bismarck repressive (Sozialistengesetzte) aber auch für die Arbeiter unterstützende (Sozialversicherung) Maßnahmen in der Sozialen Frage und Wilhelm II. Vermittlungsversuche in der Sozialen Frage unternahm und dass in Bezug auf die Außenpolitik Bismarck für die Beweglichkeit des DR und Wilhelm II. für Starrheit des DR stand (FLZ 2). An dieser Stelle werden im Sinne einer didaktischen Reduktion in der Erarbeitung der Unterschiede zwischen der geführten Politik des Kanzlers und des Kaisers nur Aspekte eingefordert, die bereits im bisherigen Unterrichtsgeschehen thematisiert wurden. So hätte man beispielsweise noch den Aspekt Wirtschaftspolitik (Bismarck: autonome Schutzzollpolitik; Wilhelm II: Kooperation durch Handelsverträge) zu dem Vergleich hinzuziehen können. Dies würde jedoch zum einen den zeitlichen Rahmen der Stunde sprengen und zum anderen nicht dem Leistungsniveau des Grundkurses Geschichte entsprechen und wäre demnach eher für einen Leistungskurs geeignet. Hinsichtlich der didaktischen Reduktion sollte außerdem erwähnt werden, dass die Quellpassagen äußerst kurze und prägnante Aussagen liefern, die einen Vergleich der eigentlich komplexen historischen Gegenstände ermöglichen und dass die Quelltexte über Bismarck eigentlich nur eine Wiederholung des bereits Thematisierten (Innen- und Außenpolitik Bismarcks) darstellen. So werden jedoch Schwierigkeiten bei der Anknüpfung an das Vorwissen evident und auch schwächere Schüler können sich bei der darauffolgende Phase, in der die Ergebnissicherung stattfindet, aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligen. Den Gründen für die didaktische Reduktion hinzufügend sollte natürlich auch die Zeiteinsparung erwähnt werden, welche in der folgenden, überaus wichtigen Diskussion über die Korrektheit eines ganzheitlichen „neuen Kurses“ von Wilhelm II. sowie über Baronin Spitzembergs Zitat (M4) benötigt wird.

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Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Hat Kaiser Wilhelm II. Bismarcks Politik fortgeführt oder einen "neuen Kurs" eingeschlagen? (Geschichte, Klasse 12)
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V583874
ISBN (eBook)
9783346206923
ISBN (Buch)
9783346206930
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck Abdankung Wilhelm II. Unterrichtsentwurf
Arbeit zitieren
Vanessa Kühner (Autor), 2016, Hat Kaiser Wilhelm II. Bismarcks Politik fortgeführt oder einen "neuen Kurs" eingeschlagen? (Geschichte, Klasse 12), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583874

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