"Wo ich bin, ist Freiheit!". Die Implementierung der Montessori-Pädagogik in Kalifornien


Bachelorarbeit, 2020

34 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Währet den Anfängen - Maria Montessori und ihr pädagogischer Weg
1.1 „Hilf mir es selbst zu tun!“

2 Die Reformpädagogik und ihre Vertreter_innen – eine Einführung
2.1 John Dewey, William Heard Kilpatrick und Maria Montessori
2.2 Reformatorische Ansätze in Kalifornien

3 Land of the Free
3.1 Das amerikanische Bildungssystem – ein Auszug
3.2 Bildungswanderschaften
3.3 1913 Maria Montessori kommt zum ersten Mal in die USA
3.4 1915 Die Kalifornischen Vorträge Montessoris
3.5 Der Niedergang und die rechtlichen Auswirkungen auf die Montessori-Praktik

4 Soziale Bewegung oder reine Pädagogik?
4.1 Kalifornische Montessorischulen

5 Zukunftsblick und Fazit

Literaturverzeichnis

„Wo ich bin, ist Freiheit!“1 – Die Implementierung der Montessori-Pädagogik in Kalifornien

Einführung

Laut dem Nationalen Zentrum für Montessori im öffentlichen Sektor gibt es heute in den USA rund 500 öffentlich finanzierte Montessorischulen gegenüber weniger als 300 im Jahr 2000. Auch die Zahl der privaten Montessorischulen, die auf rund 4.000 geschätzt wird, steigt.2 Montessorischulen boomen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Für viele Eltern, die ihre Kinder in solche Schulen einschreiben, ist Maria Montessori zu einer Kultfigur eines alternativen pädagogischen Ansatzes geworden. Doch wie kam es dazu, dass Montessorischulen heutzutage in den USA als etwas Natürliches erscheinen, das schon immer existiert hat? Genau an diesem Punkt möchte die vorliegende Bachelorarbeit im Studiengang Bildungswissenschaft anknüpfen und auf die Frage eingehen, inwiefern sich die Implementierung der Pädagogik von Maria Montessori in die USA, unter besonderer Berücksichtigung des Zielraumes Kalifornien, vollzogen hat und welche Relevanz ihr gegenwärtig beigemessen wird. Konkret fokussiert sich die Arbeit auf die Wanderung des pädagogischen Konzepts nach Kalifornien und auf die Veränderungen, die an der ursprünglichen Pädagogik vollzogen wurden und nicht auf die Pädagogik Montessoris, die hier nur am Rande behandelt werden soll. Die Bachelorarbeit gliedert sich im Hauptteil in mehrere Kapitel, die nach der hier erfolgenden thematischen Einführung in das Thema anschließen werden. Im ersten Kapitel wird auf Maria Montessoris Werdegang und die Entwicklung ihrer Pädagogik eingegangen. Im zweiten Kapitel wird der Begriff der Reformpädagogik erörtert, sowie ihre wichtigsten Vertreter vorgestellt. Hier wird nicht nur die Einordnung der Pädagogik Montessoris vorgenommen, sondern auch auf ihre größten Kritiker John Dewey und William Heard Kilpatrick eingegangen. Weiters wird eine reformpädagogische Strömung aus Kalifornien vorgestellt. In Kapitel drei rückt die USA in den Vordergrund. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie die Montessori-Pädagogik Eingang in die USA fand, die Reisen Maria Montessoris werden untersucht und der Niedergang der ersten Blütezeit der Montessori-Methode in den USA erläutert. Hierzu wird eine kurze Einführung in das amerikanische Schulsystem gegeben, da es sich sehr stark von dem uns bekannten dreigliedrigen Schulsystem unterscheidet. Die Vorstellung ausgewählter kalifornischer Montessorischulen, auf deren Konzepte und Unterschiede eingegangen werden soll, bildet das letzte Kapitel des Hauptteils. Der abschließende Teil der Arbeit bietet einen Ausblick in die Zukunft der Montessori-Pädagogik in Kalifornien, auch bildet er nochmals die Forschungsfrage ab und die in der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse werden mit ihr verknüpft.

1 Währet den Anfängen - Maria Montessori und ihr pädagogischer Weg

Maria Montessori (31. August 1870 - 6. Mai 1952) wurde als eine der ersten Frauen in Italien zu einem Medizinstudium zugelassen und schloss dieses auch ab. Als Ärztin war Montessori unter anderem in einer psychiatrischen Klinik tätig, in der sie sich intensiv mit verarmten und verwahrlosten Kindern beschäftigte. Später absolvierte sie ein weiteres Studium, welches auch Pädagogik beinhaltete.3 Aufgrund ihrer Tätigkeit in der psychiatrischen Einrichtung für geistig beeinträchtigte Menschen, in dem Kinder und Erwachsene gleichermaßen untergebracht waren, erkannte sie schnell, dass diese Kinder oft bildungstechnisch außen vorgelassen wurden und deshalb das Problem pädagogisch zu verorten war. Durch ihre Beobachtungen wurde ihr klar, dass die dort von ihr betreuten Kinder mit geeigneten Lernmaterialien durchaus beachtliche pädagogische Erfolge verbuchen konnten. Als Geburtsstunde ihrer Pädagogik kann man die Eröffnung ihres ersten Kinderhauses benennen.4

„1907 wurde das erste Kinderhaus (Casa dei bambini) im Arbeiterviertel San Lorenzo in Rom eröffnet. Maria Montessori, die auf eine Gelegenheit wartete ihre Materialien und Methoden auch "normalen" Kindern zugänglich zu machen, übernahm die Leitung des Kinderhauses. Hier erlebte Montessori, wie sich auch geistig und körperlich normal entwickelte Kinder den Angeboten gegenüber öffneten.“5

In ihrem Kinderhaus beobachtete sie, dass sich Kinder mit ihrem erwählten Spielzeug in völliger Konzentration sehr lange beschäftigen können, auch wenn andere Kinder rundherum lärmten oder spielten. Dies führte zu einem Schlüsselmoment für sie, den sie Polarisation der Aufmerksamkeit6 nannte, die in der Montessori-Pädagogik auch als Montessori-Phänomen bezeichnet wird.7

1.1 „Hilf mir es selbst zu tun!“

Montessori beschrieb viele verschiedene Grundsätze in ihrer Pädagogik, die weitgehend auch heute noch in der Montessori-Pädagogik überliefert sind. Auf die Leitlinien, die für diese Arbeit als am bedeutsamsten erachtet werden, wird anschließend genauer eingegangen.8

- Das Bild vom Kind
- Der absorbierende Geist
- Sensible Phasen
- Vorbereitete Umgebung
- Polarisation der Aufmerksamkeit (Montessori-Phänomen)
- Isolation der Schwierigkeit
- Umgang mit Grenzen und Ritualen9

Montessori war überzeugt davon, dass Kinder besonders behandelt werden müssen und keine Erwachsenen in Kindeskörpern sind. Kinder lernen selbstständig und in ihrem eigenen Tempo, je nachdem wann sie für neue Erfahrungen bereit sind. Dies war ihre Auffassung vom Bild des Kindes.

Der absorbierende Geist wird in dieser wissenschaftlichen Arbeit nochmals in den Fokus rücken, da er sich im kalifornischen System niederschlägt. Er ist bei Kindern von der Geburt an bis zum ungefähr dritten Lebensjahr vordergründig und lässt sich präziser mit einer Metapher erläutern: So wie ein Schwamm Wasser aufsaugt, saugt auch das Kind Eindrücke aus seiner Umgebung wertfrei auf. Der absorbierende Geist gilt als wichtige Basis für die spätere Entwicklung des Kindes.10

„Während (…) „sensiblen Phasen“ richtet sich die Aufmerksamkeit des Kindes auf gewisse Bereiche seiner Umgebung. So gibt es bestimmte Perioden für den Erwerb von Sprache, Ordnungssinn, Bewegung oder Unterscheidung von Gut und Böse. In jeder vorangegangenen sensiblen Phase wird das Fundament für die darauffolgende gelegt.“11

Die vorbereitete Umgebung besteht nicht nur aus dem Raum, in dem das Lernen stattfindet, sondern auch aus den Lernmaterialien und den Pädagog_innen. Sie ist ebenfalls ein Kernstück der Montessori-Methode. Diese sagt aus, dass Kinder eine für sie kreierte Umwelt benötigen, um ihre Lernziele optimal verfolgen zu können.

Den Umgang mit Grenzen und Ritualen lernen Kinder, wenn sie – auch zuhause von den Eltern – in die meisten Entscheidungen einbezogen werden.

Mit ihren Grundsätzen und Prinzipien war Maria Montessori eine Vorreiterin in der Bildung von Kindern. Ihre Methode war für die damalige Zeit weit fortgeschritten. Montessori selbst als auch ihre Methode der Erziehung erlangten bald großes Ansehen und erregten Aufmerksamkeit, nicht nur in ihrem Heimatland Italien, sondern in der ganzen Welt.

2 Die Reformpädagogik und ihre Vertreter_innen – eine Einführung

Wie schon im vorigen Kapitel erwähnt, war Maria Montessoris Zugang zur Bildung von Kindern ein reformierender. Zunächst gilt es zu klären, was die Begriffe Reform und Reformpädagogik bedeuten. Der Begriff Reform stammt aus dem Französischen und lässt sich erklären mit Umbildung, Neuerung und Verbesserung des Bestehenden.12 Somit erklärt sich die Person des/der Reformpädagogen/ Reformpädagogin als jemand, der/die das jeweilige bestehende Bildungswesen durch seine/ihre Überlegungen und Taten über die Traditionen hinaus erneuern und verbessern will. Die Reformpädagogik lässt sich in die Zeit zwischen 1890 und 1930 einordnen, wobei ihr Ende durch den Aufstieg des Nationalsozialismus eingeläutet wurde.13 Die Montessori-Pädagogik war von den reformpädagogischen Ideen Pestalozzis und Rousseaus geprägt.14

„Das Neue der Reformpädagogik wird in der pädagogischen Reflexion auf die historisch – gesellschaftliche Situation gesehen, aus der eine Vielfalt unterschiedlicher Ansätze zur Erneuerung von Schule und Erziehung hervorging. Insbesondere wurde der um 1900 abgeschlossene Aufbau eines bürokratischen und selektiven Schulsystems kritisiert.“15

Als einheitliches Begehren der Reformpädagogik lässt sich die Hinwendung zum Kind hervorheben. „In erster Linie wurde die Abschaffung der Prügelstrafe gefordert.“16 Kinder sollten nicht mehr als kleine Erwachsene behandelt werden, sondern in ihrer Entwicklung gefördert werden und das ohne Angst vor körperlicher Bestrafung. Die Kindheit wurde nun als eine Entwicklungsphase angesehen, dies war ein reformpädagogischer Akt.17 Es ging darum, die als veraltet angesehenen Schulsysteme aufzuzeigen und die Ausführung von Unterricht zu verändern. Schulen sollten nicht mehr als strikte und strenge Anstalten gesehen werden, sondern als eine Gemeinschaft, in der man sich aktiv betätigen kann.18 Die Schule sollte ein Ort sein, an dem man auch Kompetenzen für das Leben erlernt. Auch die Person des Lehrers/ der Lehrerin wurde neu erdacht. Er oder sie sollten Kinder begleiten und ihnen zur Seite stehen. Der Weg ging weg von einer autoritären Gestalt hin zu einem eher vertrauten Verhältnis. Gerade in Europa und in den USA war die Reformpädagogik populär und erfreute sich vieler Anhänger und Ideen, dies liegt in sozialen und politischen Ordnungen der damaligen Zeit begründet.19

„Die Reformpädagogik ist sowohl ein nationales als auch internationales Phänomen, das durch theoretisch uneinheitliche Ansätze geprägt ist. Das Hauptmotiv der Reformpädagogik besteht in dem Versuch, einer ‚neuen Erziehungsauffassung‘ zum Durchbruch zu verhelfen und die Anliegen des Kindes ins Zentrum zu stellen.“20

Als die wichtigsten Vertreter_innen der Reformpädagogik gelten neben Maria Montessori, Ellen Key, deren Buch „Das Jahrhundert des Kindes“ in vielen anderen Werken als der Anfang der Reformpädagogik tituliert wird,21 William Heard Kilpatrick, John Dewey, Peter Petersen, Carl Rogers, Jean-Jacques Rousseau, Rudolf Steiner, Johann Amos Comenius, Johann Heinrich Pestalozzi und Friedrich Fröbel.22 Diese Aufzählung ist natürlich nur ein Auszug und niemals eine vollständige Liste an reformpädagogischen Vertreter_innen. Dennoch haben alle diese Wissenschaftler das Gebiet nachhaltig geprägt und verändert. Im nächsten Unterkapitel wird am Beispiel von John Dewey, William Heard Kilpatrick und Maria Montessori aufgezeigt, dass die hier so wirkende unreflektierte Einigkeit der Reformpädagog_innen untereinander, da sie ja alle mehr oder minder das selbe Ziel verfolgten, keineswegs immer so gleich gestimmt war.

2.1 John Dewey, William Heard Kilpatrick und Maria Montessori

Da Maria Montessori schon ausführlich vorgestellt wurde, widmet sich dieses Kapitel nun kurz der Vorstellung von John Dewey und William Heard Kilpatrick.

„Wenn John Dewey heute mit Recht als ein bleibender Klassiker der modernen Pädagogik zu bezeichnen ist, dann hängt dies nicht unwesentlich mit dem Umstand zusammen, dass er als einer der wichtigsten Väter eines radikaldemokratischen Erziehungsverständnisses im 20. Jahrhundert gelten kann. Im Rahmen seines außerordentlich umfangreichen philosophischen Gesamtwerkes hat Dewey eine Konzeption von Erziehung begründet, die konsequent am Demokratiegedanken orientiert ist. Den Lernenden soll die Möglichkeit gegeben werden, durch eigene Erfahrungen und Handlungen sowie durch Partizipation und Teilhabe an gemeinsam mit anderen durchgeführten Aktivitäten und Projekten zu einer umfassend selbsttätigen und selbst bestimmten Entwicklung ihres Lernens zu gelangen“23

Dewey ist einer der bekanntesten Vertreter der ‚progressive education‘ und des Pragmatismus. Seine Ideen und Vorstellungen waren unter anderem von Charles Darwin und den Grundlagen des Pragmatismus geprägt. Wie schon bei anderen reformpädagogischen Strömungen ist auch bei Dewey eine klare Hinwendung zum Kind und zum aktiven Lernen ersichtlich. Sein Ziel galt der Gesellschaft und den Kindern, die sich auf ein demokratisches Leben vorbereiten sollten. Seine Ideen und Prinzipien finden sich in seinem Werk „The School and Society“.24 Er eröffnete auch eine experimentelle Schule, die Laboratory School, in der sich typische reformpädagogische Methoden erkennen lassen.25

John Dewey und Maria Montessori trafen sich 1913 bei einem Kongress in New York, als er das Eröffnungsplädoyer für ihre Rede hielt. Für Montessori war es die erste Reise in die USA, um auf ihre Pädagogik aufmerksam zu machen und diese zu bewerben. Es ist nicht überliefert, ob sich die beiden damals über ihre Methoden ausgetauscht haben. Allerdings weiß man heute, dass John Dewey sich schon vor der Ankunft Montessoris intensiv mit ihrer Arbeit beschäftigt hat, dies ist ersichtlich in Briefen, die Dewey mit seinem Schüler und Freund William Heard Kilpatrick ausgetauscht hat.26

William Heard Kilpatrick war einer der einflussreichsten Pädagogen seiner Zeit in amerikanischen Raum. Er studierte unteranderem bei John Dewey, stieg aber bald aus dem Schatten seines bekannten Lehrers empor. Sein wichtigstes Werk war der Aufsatz ‚The Project Method‘ im Jahr 1918 für den er weltweit Anerkennung erhielt.

„Der entscheidende Grund, warum Kilpatrick zu einem der bekanntesten, und umstrittensten, amerikanischen Reformpädagogen werden konnte, war die Rhetorik und Schlichtheit seiner Botschaft. Gebt den Kindern »Freiheit zum Handeln«, lautete seine Parole, dann werden sie ihre intrinsischen Interessen nutzen und wie von selbst wertvolle Kenntnisse, Erfahrungen, Einstellungen erlernen.“27

Dr. Michael Knoll, der unter anderem an den Universitäten und pädagogischen Hochschulen in Kiel, Hamburg und Belfast gelehrt und gelernt hat, hat diese Briefe sowohl in der Pädagogischen Rundschau als auch auf seiner Homepage veröffentlicht.28 Darin wird ersichtlich, welche Kritik John Dewey und William Heard Kilpatrick an Montessoris Pädagogik übten. Dewey empfand, dass das von Montessori entwickelte Lehrmaterial den Kindern keine Freiheit bietet, da es von Anfang an auf ein bestimmtes Lernziel ausgelegt sei und somit nicht zur völligen Entfaltung des Geistes führen kann. Diese These entwickelte er gemeinsam mit seiner Tochter im Werk „Schools of To-Morrow” 1915. Auch Kilpatrick, der Schüler Deweys, hatte an Montessoris Methoden nach einem Besuch ihres Kinderhauses in Rom mit Kritik nicht gespart.

„Was Kilpatrick dort vor allem kritisierte, war der Vorschlag Montessoris, die geistigen Kräfte des Kindes mithilfe körperlich erfahrbarer, aber abstrakter und lebensferner Materialien zu stärken und auszubilden, was sie mit der falschen Erwartung verband, daß die so erworbenen formalen Fähigkeiten sich verallgemeinern und zur Bewältigung neuer Probleme und Situationen verwenden ließen.“29

Er kritisierte, dass ihre Methoden bereits erforscht worden wären und sich als rückständig und widerlegbar herausstellten. In einem Brief an John Dewey berichtete Kilpatrick ausführlich von seiner Kritik an Montessori. Dewey teilte zwar seine Bemängelungen in vielen Punkten, machte Kilpatrick jedoch darauf aufmerksam, dass man die Montessori-Methodik nicht als rückständig bezeichnen könne und Montessori selbst als eine der größten Reformpädagoginnen der Gegenwart zu betiteln wäre. „Was Dewey in seinem Brief vor allem begrüßte, war Montessoris entwicklungspsychologischer Ansatz.“30 John Dewey selbst hatte dazu Forschungen betrieben und einige Schriftstücke verfasst. So hatte er das „Lernen durch Tun“ zu seinem Unterrichtskonzept ernannt und in seiner Laboratory School waren lebenspraktische Aufgaben, wie zum Beispiel kochen oder nähen, mit an der Tagesordnung. Dewey anerkannte Montessoris Ansatz und den Schritt, den sie damit tat, der für ihn weit über seine Laboratory School hinaus ging.31

„Dewey schätzte die Arbeit Montessoris, weil sie mit den auf stetige Bildung ausgerichteten Materialien und Lernhilfen unerläßliche Voraussetzungen geschaffen hatte, damit das seines Erachtens höchste Ziel der Erziehung, nämlich die “kontinuierliche Rekonstruktion der Erfahrung”, leichter und sicherer erreicht werden konnte.“32 33

Bei der Analyse des Briefwechsels zwischen John Dewey und William Heard Kilpatrick wird deutlich, dass John Dewey fraglos ein Kritiker der Montessori-Pädagogik war. Jedoch war es William Heard Kilpatrick, der nach seiner Begutachtung des Kinderhauses von Maria Montessori, ihrer Pädagogik kein gutes Urteil ausstellte. John Dewey versuchte Kilpatrick aufzuzeigen, dass auch gut durchdachte Methoden in Montessoris Konzept zu finden sind und dass die gewählten Methoden in ihrem Konzept teilweise ausführlicher und weitgreifender waren als die angewandten Methoden in der Laboratory School.34

2.2 Reformatorische Ansätze in Kalifornien

Frederic Lister Burk war ein aus Kanada stammender Pädagoge, der sich in Kalifornien niedergelassen hatte und dort mit seinen innovativen Ansätzen Beachtung fand. Er war der erste Präsident der San Francisco State Normal School, aus der später einmal die Universität von San Francisco werden sollte und setzte sich besonders für die Lehrer_innenbildung und den individualisierten Unterricht ein. Das Selbstgesteuerte Lernen gilt als Erfindung dieser Bildung für Lehrer und Lehrerinnen. „Genauer gesagt: Es ist ein Methodenideal, das (sic!) zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert worden ist.“35 Burk hatte dieses Ideal als einer der ersten Personen an der State Normal School entwickelt. „Burk war ein entschiedener Verfechter der „individual instruction“, die auch unter seinem Namen bekannt wurde.“36 Diese Methode richtete sich gegen den vorherrschenden homogenen Unterricht und versuchte Lernvorgänge auf eine Weise zu zerlegen, dass sie strukturiert waren und jeder Schüler und jede Schülerin in seiner/ihrer eigenen Geschwindigkeit lernen konnte. Das System war so angeordnet, dass man erst die nächste Aufgabe bearbeiten konnte, wenn die Aufgabe davor akzeptabel gelöst wurde oder man sich erfolgversprechend an der Lösung versuchte. „Die Materialien enthielten automatische Feedbacks, die den individuellen Lernstand anzeigten, unabhängig davon, wie die anderen Schüler_innen lernten.“37 Frederic Burk hat gemeinsam mit einer seiner Mitarbeiter_innen diese ersten Lernmaterialien entworfen. Burk war ein großer Gegner der Normalschulen und ihres Unterrichts und propagierte dies und seinen Plan wiederholt, trotzdem wurde er nie in die kalifornischen staatlichen Schulen übernommen. „Er ist heute vergessen und selbst unter amerikanischen Historikern weitgehend unbekannt.“38 Ein weiterer Reformpädagoge war Burks Schüler Carleton Washburne, der den Winnetka Plan entwickelte. Benannt ist der Plan nach der Gemeinde Winnetka am Rande Chicagos, in der Eltern von Burks Methoden der Lehrer- und Lehrerinnenbildung erfahren haben und anstrengten, auch solche Lehrmethoden an der Schule ihrer Kinder zu etablieren, damit ihre Kinder nicht in einen lerntechnischen Rückstand geraten würden. Die Schule wandte sich an Frederic Burk, dieser empfahl Washburne als neuen Direktor. Washburne lehrte und forschte über Jahrzehnte hinweg in Winnetka und knüpfte dabei an die Methoden seines Lehrers an.39 Washburne erweiterte den Plan von Frederic Burk noch um eine individuelle Förderung.

„Wer ein Ziel in einem bestimmten Lernbereich erreichte, kam nicht automatisch zur nächst höheren Aufgabe, sondern erhielt Zeit, Schwächen in anderen Bereichen zu bearbeiten. Wer die Ziele eines Jahrgangs verfehlte, wurde nicht zu einer Repetition gezwungen, sondern erhielt im nächst höheren Jahrgang Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen. „Sitzenbleiben“ (…) gab es nicht.“40

[...]


1 Einer der Leitsprüche Maria Montessoris

2 Barshay, Jill: Studies Shed Light on Merits of Montessori Education (Stand: 2.01.2018) https://www.usnews.com/news/national-news/articles/2018-01-02/studies-shed-light-on-merits-of-montessori-education [02.03.2020)

3 Vgl. Jurisch, Frauke: Maria Montessori (Leben und Werk) https://www.meine-erfahrungen-mit-montessori.de/maria-montessori-leben-und-werk/ [04.02.2020]

4 Verein für Menschen: Montessori Pädagogik https://www.verein-fuer-menschen.de/fileadmin/user_upload/MontessoriPaedagogik.pdf [05.02.2020]

5 Jurisch, Frauke: Maria Montessori (Leben und Werk) https://www.meine-erfahrungen-mit-montessori.de/maria-montessori-leben-und-werk/ [05.02.2020]

6 Montessori Lernwelten: Polarisation der Aufmerksamkeit https://www.montessori-material.de/lexikon/polarisation-der-aufmerksamkeit [05.02.2020]

7 Montessori Lernwelten: Montessori- Phänomen https://www.montessori-material.de/lexikon/montessori-phaenomen [05.02.2020]

8 Ein weiterer Leitspruch Maria Montessoris Pädagogik

9 Vgl. Verein für Menschen: Montessori Pädagogik https://www.verein-fuer-menschen.de/fileadmin/user_upload/MontessoriPaedagogik.pdf [05.02.2020]

10 Verein für Menschen: Montessori Pädagogik https://www.verein-fuer-menschen.de/fileadmin/user_upload/MontessoriPaedagogik.pdf [05.02.2020]

11 Verein für Menschen: Montessori Pädagogik https://www.verein-fuer-menschen.de/fileadmin/user_upload/MontessoriPaedagogik.pdf [05.02.2020]

12 Vgl. Duden: Reform https://www.duden.de/rechtschreibung/Reform [03.02.2020]

13 Vgl. Hedderich, Ingeborg (2011): Einführung in die Montessori – Pädagogik. Theoretische und praktische Anwendung. München, Basel: E. Reinhard. 3.Auflage, S. 19

14 Vgl. Hedderich, 2011, S. 18f

15 Hedderich, Ingeborg (2001): Einführung in die Montessori – Pädagogik. Theoretische und praktische Anwendung. München, Basel: E. Reinhard, S. 19

16 Hedderich, 2001, S. 20

17 Vgl. Hedderich, 2011, S. 20

18 Vgl. Hedderich, 2011, S. 19

19 Vgl. Erzieherin-Ausbildung.de: „Reformpädagogik“- Ein Überblick über Merkmale und Geschichte https://www.erzieherin-ausbildung.de/praxis/fachpraktische-hilfe-fachtexte/reformpaedagogik-ein-ueberblick-ueber-merkmale-und-geschichte [08.02.2020]

20 Hedderich, 2011, S. 20

21 Vgl. Hedderich, 2011, S. 19

22 Vgl. ErzieherIn.de: Berühmte PädagogInnen https://www.erzieherin.de/rubrik?&r=4006&rubrik=Ber%C3%BChmte%20P%C3%A4dagogInnen [07.02.2020]

23 Neubert, Stefan (2012): John Dewey (1859–1952). In: Dollinger B. (eds). Klassiker der Pädagogik. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 221.

24 Vgl. Semel, Susan / Sadovnik, Alan (1999) (Hg.): Schools of Tomorrow, Schools of Today. New York: Lang, S.126f.

25 Popp, Susanne (1999): Der Daltonplan in Theorie und Praxis. Innsbruck: Studien-Verlag, S.6

26 Vgl. Knoll, Michael (1996): John Dewey über Maria Montessori Ein unbekannter Brief Michael Knoll In: Pädagogische Rundschau 50, S. 209

27 Knoll, Michael (2011): Dewey, Kilpatrick und „progressive“ Erziehung. Kritische Studien zur Projektpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 133

28 Vgl. Knoll, Michael: Curriculum Vitae http://www.mi-knoll.de/40581.html [10.02.2020]

29 Knoll, 1996, S. 209

30 Knoll, 1996, S. 212

31 Vgl. Knoll, 1996, S. 213

32 Knoll, 1996, S. 214

33 Zur Vertiefung: Knoll, Michael: "Mein Pädagogisches Glaubensbekenntnis". Das reformpädagogische Erziehungskonzept von John Dewey. In: Lehren und Lernen 19 (Oktober 1993), S. 1-8.

34 Zur Vertiefung: Knoll, Michael. (2013). Das Scheitern eines weltberühmten Experiments John Dewey und das Ende der Laborschule in Chicago *. Pädagogische Rundschau. 67. 253-289.

35 Oelkers, Jürgen. (2011). Selbstreguliertes Lernen: Idee und Wirklichkeit *). Vortrag in der Kartause Ittingen https://www.ife.uzh.ch/dam/jcr:00000000-4a53-efcb-ffff-ffff8a854012/KartauseSelbstreguliertesLernen.pdf, S.1. [17.02.2020]

36 Oelkers, 2011, S.1

37 Oelkers, 2011, S.2

38 Oelkers, 2011, S.2

39 Oelkers, 2011, S.3

40 Oelkers, 2011, S.3

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
"Wo ich bin, ist Freiheit!". Die Implementierung der Montessori-Pädagogik in Kalifornien
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Die Internationalität nationaler Schulsysteme: ein Wiederspruch?
Note
1,00
Autor
Jahr
2020
Seiten
34
Katalognummer
V583880
ISBN (eBook)
9783346169631
ISBN (Buch)
9783346169648
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Montessori, Reformpädagogik, USA, Maria, Internationalität, Bildung, Implementierung, Pädagogik
Arbeit zitieren
Lisa Rezek (Autor), 2020, "Wo ich bin, ist Freiheit!". Die Implementierung der Montessori-Pädagogik in Kalifornien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/583880

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