Der Kurdenkonflikt in der Türkei. Ein Nebenprodukt der türkischen Nationbuilding


Bachelorarbeit, 2020

52 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Sicht der Konfliktparteien
2.1 Der Konflikt aus türkischer Sicht
2.2 Der Konflikt aus kurdischer Sicht

3. Die Kurden – Ein kurzer Überblick

4. Nationalismus und Nationbuilding in der Türkei und die Auswirkungen Auf den Kurdenkonflikt

5. Die Entwicklung des Kurdenkonflikts in der Türkei
5.1 Die Entstehung des Kurdenkonflikts während der Endphase des Osmanischen Reiches und der Gründung der Türkischen Republik
5.2 Der Einsatz der türkischen Linken für die Rechte der Kurden und die Entstehung der Kurdischen Arbeiterparte PKK
5.3 Der bewaffnete Kampf zwischen der PKK und dem türkischen Staat in den 1980er und 1990er Jahren

6. Die aktuelle Situation seit der Regierungsübernahme der AKP unter Erdogan

7. Mögliche Lösungsansätze

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Der Kurdenkonflikt und alle Versuche des türkischen Staates diesen militärisch zu lösen, zieht sich bereits durch die gesamte Geschichte der 1923 gegründeten Türkischen Republik und stellt den gegenwärtig bedeutendsten Konflikt des Landes dar. Er betrifft seit langem nicht mehr alleine die türkische Innenpolitik, sondern hat spätestens seit den 1990er Jahren eine zunehmende außenpolitische Dimension, die nicht mehr alleine nur die Türkei betrifft. Neben dem Verlust von mehreren zehntausend Menschenleben kostete dieser Konflikt der Türkei zeitweise jährlich mehrere Milliarden US-Dollar und schadet dem internationalen Ansehen der Türkei. Nicht zuletzt war und ist dieser Konflikt ein entscheidendes Hindernis für eine türkische EU-Aufnahme.

In der Darstellung des Konfliktes gehen die Konfliktparteien weit auseinander. Für die türkische Seite ist der aktuelle Kurdenkonflikt lediglich ein Terrorismusproblem und ein Angriff auf die territoriale Integrität der Türkei. Der Konflikt sei keineswegs Ausdruck von Rassismus oder einer Feindschaft zwischen Türken und Kurden, die es laut türkischer Seite so auch nicht gäbe. Historische Ereignisse seit der Gründung der Türkei, wie Massaker an kurdischen Zivilisten in Dersim, Zwangsumsiedlung, Zwangsassimilation und ein bis in die 1990er Jahre bestehendes Verbot der Anwendung der kurdischen Sprache werden von der türkischen Regierung nicht berücksichtigt, geleugnet oder kleingeredet.

Für viele Kurden dagegen ist der aktuelle Konflikt, einschließlich des bewaffneten Kampfes der PKK (kurdisch Partiya Karkerên Kurdistanê, Arbeiterpartei Kurdistans) ein Kampf gegen die Unterdrückung der kurdischen Minderheit durch den türkischen Staat. Nicht eingehaltene Autonomieversprechungen vor der Gründung der türkischen Republik durch den späteren Staatspräsidenten Atatürk, die bereits genannten Massaker in Dersim Ende der 1930er Jahre, Zwangsumsiedlung, Zwangsassimilation und das zeitweilige Verbot der kurdischen Sprache förderten über Jahrzehnte das Misstrauen und die Enttäuschung vieler Kurden in den türkischen Staat. Da eine politische Auseinandersetzung über den Konflikt und über die Ausgestaltung des Zusammenlebens zwischen Türken und Kurden bis heute nicht stattfand, sondern alle Bestrebungen der Kurden sich politisch zu artikulieren sowohl von den türkischen Regierungen, den Militärs sowie durch die Justiz bekämpft wurden, ist eine Lösung nach wie vor nicht in Sicht. So sieht ein Teil der Kurden den bewaffneten Kampf der PKK als letztes Mittel, sich gegen die langjährige Unterdrückung durch die Türkei zu wehren. Gleichzeitig versucht die prokurdische Partei HDP (Halkların Demokratik Partisi, Demokratische Partei der Völker), momentan die zweitgrößte Oppositionspartei im türkischen Parlament, sich trotz Anfeindungen und dem von Regierungsseite und der türkischen Rechten häufig geäußerten Vorwurf der Terrorunterstützung für eine politische Lösung einzusetzen.

Im Verlauf dieser Arbeit wird erläutert, wie der Konflikt während der Gründungsphase der Türkei entstand und wie er sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelte und veränderte. Dabei wird aufgezeigt, dass der Kurdenkonflikt im Wesentlichen ein Nebenprodukt des Prozesses der Nationbulding war und bis heute ist. Dieser zielte seit der Staatsgründung darauf ab, aus den in der Türkei verbliebenen Bewohnern des Vielvölkerstaats des Osmanischen Reiches ein homogenes Staatsvolk von Türken zu machen und alle anderen Einflüsse zu verdrängen. Die bereits im 19. Jahrhundert in nationalistischen Kreisen des Osmanischen Reiches entstandene und seit der Staatsgründung der Türkei in der neuen politischen Elite verbreitete „ Vorstellung von der reinen Nation und ein geringes Maß an Toleranz haben in der Türkei immer wieder zu Gewalt gegen Minderheiten geführt.“1 Während in der Endphase des Osmanischen Reiches und des Befreiungskrieges Anfang der 1920er Jahre vor allem Christen armenischer, griechischer und aramäischer Herkunft Opfer dieser Ideologie wurden, betraf dies nach der Staatsgründung 1923 vor allem die Kurden. Sie waren und sind bis heute die größte verbliebene Minderheit in der Türkei.

Um sich dem Konflikt anzunähern werden zuerst die türkische und die kurdische Position im aktuellen Kurdenkonflikt vorgestellt. Dabei geht es zunächst darum aufzuzeigen, wie unterschiedlich der Konflikt von den Beteiligten gesehen und nach außen dargestellt wird. Zur Annäherung an die Ursachen und damit auch an mögliche Lösungen, stehen am Ende dieses Kapitels einige Hypothesen über die Entstehung und den Verlauf des Konflikts.

Dem folgt eine kurze Vorstellung der Kurden allgemein, ihrer Siedlungsgebiete und der Situation in den Nachbarstaaten. Anschließend erfolgt eine Beschreibung des Prozesses der türkischen Nationbuilding und dessen spezielle Bedeutung im Zusammenhang mit dem in der Türkei damit untrennbar verbundenen und seit der Staatsgründung propagierten türkischen Nationalismus. In einer ausführlichen Darstellung der Entstehung, Entwicklung und Auswirkungen des Kurdenkonflikts in der Türkei bis in die Gegenwart, soll anhand dessen Verlaufs gezeigt werden, dass der heutige Konflikt eine unmittelbare Folge früherer Ereignisse ist. Dabei wird besonders auf den Zusammenhang zwischen dem Prozess der Nationbuild während der Endphase des Osmanischen Reiches und der Anfangsjahre der Türkei eingegangen. Am Ende erfolgt ein Ausblick darauf, wie dieser Konflikt möglicherweise gelöst werden könnte.

2. Die Sicht der Konfliktparteien

2.1 Der Konflikt aus türkischer Sicht

Die türkische Position des Konflikts ergab sich von Beginn an aus dem von Atatürk und der türkischen Nationalbewegung heraus propagierten Anspruchs, dass die Türkei das Land der Türken sei. Es sollte aus einem homogenen Volk bestehen. Anders als beispielsweise bei den Nationalsozialisten in Deutschland ging es hier weniger um die ethnische Herkunft einer Person, sondern um ein Bekenntnis zum Türkentum. Andere Kulturen fanden darin aber keinen Platz. Eine Ausnahme bildeten hier nur Juden sowie einige christliche Minderheiten wie Griechen und Armenier, weil die Türkei gemäß dem 1923 mit den Siegermächten des Ersten Weltkriegs geschlossenen Vertrags von Lausanne die Rechte dieser Minderheiten schützen musste. Bei den Vertragsverhandlungen vertrat die Türkei die Haltung, dass es in der Türkei keine muslimischen Minderheiten, also auch keine Kurden, gäbe. Danach wurde den Kurden die Existenz als eigenständige Volksgruppe über Jahrzehnte abgesprochen. Stattdessen wurden sie als „Bergtürken“ bezeichnet, deren Herkunft eigentlich türkisch sei.

In der Praxis bedeutete dies, dass Kurden in der Türkei nicht grundsätzlich wegen ihrer Herkunft verfolgt wurden. Kurden, die sich selbst als Türken sehen und sich nicht für kurdische Belange einsetzen, stehen und standen grundsätzlich alle Ämter offen. Mit Turgut Özal wurde 1989 ein Kurde zum Staatspräsidenten der Türkei gewählt. Ein Problem hatte der türkische Staat über Jahrzehnte mit all den Kurden, die weiterhin auf ihre kurdische Identität und Sprache bestanden und sich nicht als Türken ansahen.

Der zweite und heute wohl auch wichtigste Aspekt der türkischen Politik gegenüber Kurden im Inland und im Ausland ist die Wahrung der territorialen Einheit der Türkei. Bereits vor der Staatsgründung versuchte Atatürk den Status Quo zu wahren und nach dem Verlust weiter Teile des Osmanischen Reiches durch den Ersten Weltkrieg weitere Gebietsabtretungen an Griechenland, die Armenier und an die Kurden um jeden Preis zu verhindern. Dies sollte auch für alle späteren Regierungen gelten. Die türkische Verfassung nennt in Artikel 2 den türkischen Staat „ein, das türkische Staatsgebiet umfassendes unteilbares Ganzes.“2 Gemäß Artikel 4 der Verfassung ist dies „unabänderlich, das Einbringen eines Änderungsvorschlages ist unzulässig.“3

Bis heute sah und sieht jede türkische Regierung und das Militär, welches sich als Beschützer des politischen Erbes des Staatsgründers Atatürk sieht, in einem Erstarken kurdischer Organisationen oder Parteien eine Bedrohung der staatlichen und vor allem der territorialen Integrität der Türkei. Dies bezieht sich nicht nur auf kurdische Bewegungen innerhalb der Türkei. Auch in den Nachbarstaaten Irak, Iran und Syrien wurden die Kurden und die dort immer wieder aufkeimenden Unabhängigkeitsbestrebungen kritisch bis feindlich gesehen.

Aktuell geht die Türkei in Syrien massiv militärisch gegen kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen vor. Eigentlich sollte die türkische Armee im Rahmen des internationalen Einsatzes den IS bekämpfen. Gegen den IS kämpfte die Türkei aber nur in geringem Maße. Tatsächlich richten sich türkische Angriffe fast ausschließlich gegen die kurdische YPG (Yekîneyên Parastina Gel, Volksverteidigungsarmee), die von der Türkei wegen ihrer Nähe zur türkischen PKK als Terrororganisation eingestuft wird. Die YPG ist einerseits tatsächlich eng mit der türkischen PKK verbunden, aber gleichzeitig ist sie auch ein erfolgreicher Verbündeter des Westens gegen den IS.

Prokurdisch handelte die Türkei auch in ihrer Außenpolitik immer nur dann, wenn es darum ging, die eigenen Interessen zu schützen. Oft ging es dabei darum, die Rivalität kurdischer Organisationen zu fördern und sie für türkische Interessen gegeneinander auszuspielen. Das interessanteste Beispiel dafür war in den letzten Jahren die Entstehung der kurdischen Autonomieregion im Irak. Lange wurde die dortige kurdische Regierung unter Masud Barzani von der Türkei unterstützt und wirtschaftliche Beziehungen im erheblichen Umfang aufgebaut. Vor allem der Verkauf von Erdöl aus Kirkuk und dem Umland verläuft bis heute weitgehend über die Türkei. Diese Zusammenarbeit geschah aber wohl eher aus taktischen Gründen, weil Barzani und seine Partei eine Art Gegenbewegung zur PKK darstellten und Barzani dafür sorgte, dass sich die PKK aus den irakischen Kurdengebieten weitgehend zurückzog, welche sie zuvor als Rückzugsgebiete im Kampf gegen die türkische Armee nutzte. Die Grenzen der Zusammenarbeit zeigten sich aber, als Barzani im September 2017 ein Referendum zur Loslösung des kurdischen Autonomiegebietes vom Irak durchführen ließ und fast 92,3%4 für die Unabhängigkeit stimmten. Vor und nach dem Referendum übte die Türkei erheblichen Druck auf Barzani aus und drohte mit einem militärischen Eingreifen. Dieses blieb am Ende nur aus, weil die irakische Armee nach dem Referendum die Stadt Kirkuk und einen Großteil der Ölfelder besetzte und den Kurden mit weiteren Angriffen drohte. Daraufhin trat Masud Barzani zum 01. November 2017 zurück und die Kurden verzichteten auf die politische Umsetzung des Referendums. Seitdem haben sich auch die Beziehungen zur Türkei wieder normalisiert. Dieses Verhalten der Türkei zeigt deutlich, wie groß die Angst der Türkei davor ist, dass jenseits ihrer Grenze ein kurdischer Staat entstehen könnte und dadurch die Unabhängigkeitsbestrebungen türkischer Kurden verstärkt werden könnten.

Somit sind bis heute die Angst vor Gebietsverlusten an einen möglicherweise entstehenden Kurdenstaat und der im Zuge der Nationbuilding entstandene Nationalismus die entscheidenden Hindernisse an einer Lösung des Konflikts.

2.2 Die kurdische Position im Kurdenkonflikt

Heute geht es den meisten Kurden im Wesentlichen um eine dauerhafte Friedenslösung des Kurdenkonflikts. Sie verlangen eine Anerkennung und Respektierung ihrer kurdischen Identität seitens des türkischen Staates sowie einen mehr oder minder ausgeprägte Autonomiestatus für die mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebiete der Türkei. Außerdem fordern sie den freien Gebrauch der kurdischen Sprache sowie die Zulassung von kurdischem Sprachunterricht an staatlichen Schulen.

Anders als die Position der Türkei, hat sich die kurdische Position in diesem Konflikt über die Jahre erheblich gewandelt. Zu Beginn der Türkischen Republik ging es kurdischen Stammesführer zunächst vor allem darum, ihre seit Jahrhunderten bestehende Autonomie zu verteidigen. Sie wollten sich dem neuen Staat ebenso wenig unterordnen, wie zuvor den Sultanen. Außerdem lehnten viele kurdische Stammesführer - aber nicht alle - die prowestlichen und oft gegen den Einfluss des Islams gerichteten Reformen ab. Die großen kurdischen Aufstände in den 1920er Jahren waren weniger Ausdruck einer kurdischen Nationalbewegung, die sich gegen den türkischen Nationalismus und eine Unterdrückung der kurdischen Kultur wendeten. Sie waren zunächst vor allem ein Kampf der Stammesfürsten um ihre Macht sowie für ihre traditionelle und vom Islam geprägte Lebensweise, die durch die Reformen der türkischen Regierung bedroht wurden.

Nach den Niederschlagungen der ersten kurdischen Aufstände begann aber die türkische Regierung zunehmend in den Kurden selbst ein Problem bei der Errichtung des neuen Staates zu sehen, gegen das man vorgehen müsse. Das brutale Vorgehen der türkischen Armee in Dersim 1937/38 stellt einen Wendepunkt im Kurdenkonflikt dar und prägt bis heute vor allem die kurdische Sichtweise des Konflikts. Von vielen Kurden wird diese Militäraktion bis heute als ein direkter Angriff auf die kurdische Bevölkerung gesehen. Die hohe Zahl ziviler Opfer und der erst kürzlich durch Veröffentlichungen von zuvor geheimen Dokumenten der türkischen Regierung bewiesene Einsatz von Giftgas verstärken diesen Eindruck.

Das Ignorieren der im Friedensvertrag von Sèvres festgelegten kurdischen Autonomie, nichteingehaltene Autonomieversprechungen Atatürks vor der Staatsgründung, das harte Vorgehen der türkischen Armee in den Kurdengebieten in den 1920er und 1930er Jahren sowie die anschließenden Deportationen und die Zwangsassimilierung führten zu einem Wandel der kurdischen Position. Spätestens ab den 1960er Jahren ging es kurdischen Organisationen zumeist nicht mehr um eine Stärkung des Islam und eine Abkehr von europäischen Werten, sondern um die kurdische Identität und Sprache sowie um das Recht auf Selbstbestimmung.

Da die türkische Verfassung und die Justiz die Bildung einer legalen politischen kurdischen Oppositionsbewegung nicht zuließ, wendeten sich kurdische Aktivisten verstärkt radikalen, zumeist linken bis kommunistischen Bewegungen zu. Hinzu kam während der späten 1960er und 1970er Jahre eine allgemeine Zunahme politischer Gewalt, nicht nur seitens der Kurden, sondern zunächst vor allem von rechten und linken türkischen Bewegungen. In diesem zunehmenden Klima politischer Radikalisierung und Gewalt entstand 1978 die kommunistische Arbeiterpartei Kurdistans PKK. In den 1980er Jahren begann die PKK ihren bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat mit dem Ziel, einen kurdischen Staat zu gründen. Im Laufen der Jahre haben sich aber die politischen Ziele der PKK verändert. In den 2000er Jahren löste sie sich von der Idee eines Kurdenstaates und strebt nach eigenen Angaben seither eine Selbstverwaltung der Kurden innerhalb der jeweiligen Staatsgrenzen an. Eine Loslösung der türkischen Kurdengebiete ist, so zumindest die offizielle Darstellung der PKK, nicht mehr das Ziel.

Parallel dazu versuchten seit den 1990er Jahren prokurdische Parteien sich für die Belange von Kurden einzusetzen. Die aktuelle prokurdische Partei HDP ist hier bisher am langlebigsten und erfolgreichsten. Sie ist aktuell drittstärkste Partei im türkischen Parlament und lag bei den letzten Kommunalwahlen in weiten Teilen der Kurdengebiete deutlich vor den anderen Parteien. Die HDP und ihre Vorgänger setzten sich offiziell nie für eine Unabhängigkeit von der Türkei ein, sondern für eine Stärkung der Rechte für Kurden.

Um sich dem Konflikt anzunähern und diesen zu verstehen, wurden folgende Ausgangshypothesen aufgestellt:

- Der Kurdenkonflikt war und ist im Wesentlichen ein Nebenprodukt des Prozesses der Nationbulding der Türkei.
- Aus dem restlichen verbliebenen Staatsgebiet des osmanischen Vielvölkerstaates sollte ein türkischer Nationalstaat mit einer ethnisch homogenen Bevölkerung entstehen, in welchem sich jeder Bürger zum Türkentum bekennen sollte.
- Als Reaktion auf nichteingehaltene Autonomieversprechungen seitens der türkischen Nationalbewegung vor der Staatsgründung an die kurdischen Stämme und als Widerstand auf staatliche, zumeist gegen den Islam gerichtete Reformen, die massiv in das tägliche Leben der Bevölkerung eingriffen, kam es in den 1920er und 1930er Jahren zu einer Reihe von Aufständen verschiedener kurdischer Stämme, die militärisch niedergeschlagen wurden.
- In Folge dessen kam es in der Türkei zu einer massiven Unterdrückung der Kurden und teilweise zu einer Zwangsassimilation und Zwangsumsiedlung, um die Kurden in den Staat einzugliedern und sie zu turkisieren.
- Die PKK und der heutige Kurdenkonflikt entstanden aus diesem Klima heraus und sind somit eine unmittelbare Folge der türkischen Kurden- bzw. Minderheitenpolitik.

3. Die Kurden - Ein kurzer Überblick

Die Kurden sind ein altes Kulturvolk im Nahen Osten, dessen Wurzeln in Mesopotamien liegen. Sie sehen sich selbst als Nachkommen des antiken Stammes der Meder, die in Gebieten des heutigen Irans lebten. Ab dem Mittelalter wurde die Bezeichnung Kurde für verschiede Nomadenstämme verwendet, die weder arabischer noch türkischer Herkunft waren.

Die kurdische Sprache entstammt der indogermanischen Sprachfamilie. Sie ist aber keine einheitliche Sprache, sondern es werden heute drei Dialekte gesprochen, die mit dem Persischen verwandt sind.5 Mit dem Arabischen oder Türkischen ist kurdische Sprache dagegen nicht verwandt, allerdings wurden im Laufe der Zeit aufgrund der geografischen Nähe zu Arabern, Türken und Persern zahlreiche Lehnwörter aus diesen Sprachen übernommen.

Die meisten Kurden wurden im 7. Jahrhundert islamisiert und sind seitdem Anhänger des sunnitischen Islams. Allerdings gibt es unter den Kurden bis heute auch alevitische und in geringerer Zahl schiitische Moslems sowie Jesiden6.

Den Kurden ist es in der Vergangenheit nie gelungen, einen gemeinsamen Staat zu gründen. Mehrfach gab es kleinere kurdische Fürstentümer, aber meistens standen die Kurden unter der wechselnden Herrschaft anderer. Durch die osmanische Eroberung der kurdischen Siedlungsgebiete im 15. Jahrhundert wurden die meisten Kurden Bürger des Osmanischen Reiches. Allerdings konnten viele der kurdischen Stammesführer ein hohes Maß an Autonomie behalten. Trotz mehrerer Versuche wurden die kurdischen Stämme nie vollständig der Herrschaft der Sultane unterworfen. Gleichzeitig gelang es auch keinem der lokalen Stammesführer, die kurdischen Stämme im Osmanischen Reich zu vereinen und damit die Gesamtheit der dort lebenden Kurden zu vertreten.

Die zweite große Gruppe von Kurden lebte im Perserreich. Mit dem Abkommen von Kasr-i Sirin zwischen Persien und dem Osmanischen Reich im Jahre 1639 wurde der Grenzverlauf zwischen den beiden Reichen festgelegt und das Kurdengebiet offiziell in zwei Teile gespalten. Die damalige Grenzziehung blieb im Wesentlichen bis heute erhalten.7

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Zerschlagung des Osmanischen Reiches wurden die Siedlungsgebiete der osmanischen Kurden aufgeteilt und die Kurden wurden zu Staatsbürgern verschieden Staaten. Das heutige Siedlungsgebiet umfasst den Südosten der Türkei, den Nordirak, den Norden und Nordwesten Syriens sowie den Westiran. In diesen vier Ländern kam es immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen den dort lebenden Kurden und den jeweiligen Regierungen. Im Kern ging es dabei stets vor allem um die Einbeziehung der kurdischen Minderheit in das jeweils bestehende politische System oder um Bestrebungen zur Loslösung der Kurden von diesen Staaten und der Gründung eines eigenen kurdischen Staates. Die meisten dieser Konflikte wurden durch die jeweiligen Staaten gewaltsam beendeten. Gleichzeitig erkämpften sich die Kurden in unterschiedlichem Maße kulturelle und politische Rechte bis hin zu selbstverwalteten Autonomieregionen, die aber in den genannten vier Staat sehr unterschiedlich ausgeprägt waren und es bis heute sind.

Am weitesten sind aktuell die irakischen Kurden, mit der Autonomen Region Kurdistan im Norden des Landes. Nach einer Reihe gescheiterter Aufstände seit den 1930er Jahren, wurde den irakischen Kurden 1970 erstmals eine Teilautonomie zugesichert. Diese konnte aber erst 1992, mit der Einrichtung einer Flugverbotszone über dem Nordirak und der Bildung eines Regionalparlaments durchgesetzt werden. Eine endgültige Loslösung vom Irak nach einem im September 2017 durchgeführten Referendum scheiterte am militärischen Eingreifen der irakischen Armee und der Androhung eines türkischen Einmarsches. So bleibt es zunächst bei einer kurdischen Selbstverwaltung innerhalb des Irak, die aber momentan gefestigter ist, als der Status der Kurden in anderen Staaten.

Im Iran kam es ab dem 1. Weltkriegs zu mehreren kurdischen Aufständen. Nach deren Beendigung folgten Zwangsumsiedlungen und die Beschränkung von Weidewanderungen kurdischer Nomaden.8 Im Januar 1946 gelang es den iranischen Kurden mit Unterstützung der UdSSR die „Kurdische Republik von Mahabad" auszurufen. Nach elf Monaten und dem Rückzug der UdSSR eroberten iranische Truppen das Gebiet kampflos zurück und setzte dem Kurdenstaat ein Ende. Anfang der 1950er Jahre unterstützten die iranischen Kurden die Regierung von Mohammad Mosaddegh. Nach dessen Sturz wurden sie 1953 Opfer von Repressionen.9 Nach der Revolution 1979 verlangten die Kurden erneut ihre Autonomie, die ihnen aber auch von dem neuen Machthabern Chomeini verweigert wurde. So kam es erneut zu Kämpfen, die aber vor Beginn des Iran-Irak-Krieges durch die iranische Armee beendet wurden. Auch in den letzten Jahren kam es im Iran immer wieder zu Zusammenstößen zwischen kurdischen Gruppen und der iranischen Armee. „Seit April 2016 forderte dieser Konflikt bis zu 160 Tote.“10

In Syrien konnten die Kurden nach Jahrzehnten der Diskriminierung 2013 mit der Assadregierung ein Abkommen aushandeln, wonach sich die syrische Staatsgewalt aus den kurdischen Gebieten zurückzog und den Kurden so eine Selbstverwaltung ermöglichte. Dieses Gebiet wird von den Kurden Rojava genannt. Durch den Bürgerkrieg und die Angriffe des Islamischen Staates (IS), beispielsweise auf die Stadt Kobane, blieb Rojava ein instabiles Gebilde mit wechselnder Größe, welches sich aber zuletzt gegen den IS behaupten konnte. Nach dem aktuellen Einmarsch der türkischen Armee bleibt die Zukunft momentan ungewiss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Siedlungsgebiete der Kurden

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung. http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/257585/militaerisch-unloesbar (abgerufen am 29.11.2019).

Mit einer geschätzten Gesamtzahl, die je nach Quelle von 24 bis 40 Millionen Kurden weltweit ausgeht, gelten die Kurden heute als eines der größten Völker ohne einen eigenen Staat.

Über die Zahl der Kurden in der Türkei gibt es keine genauen Statistiken, da seitens der Türkei seit den 1960er Jahren keine Zahlen über die ethnische Zugehörigkeit veröffentlicht werden. Von 1927 bis 1965 wurden türkische Bürger bei Volkszählungen nach ihrer Muttersprache gefragt. Damals gaben 8,07 bis 9,88% Kurdisch an.11 Die in der Literatur angegeben Zahlen gehen deutlich auseinander. Laut einer Repräsentativumfrage lebten 2007 in der Türkei über 11 Millionen Kurden.12 Dr. Gülistan Gürbey, Privatdozentin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin gab 2014 die Zahl der Kurden in der Türkei mit knapp 15 Millionen an13. Die meisten von ihnen leben in den angestammten Kurdengebieten in Ostanatolien, wo sie bis heute die Bevölkerungsmehrheit stellen. Aber auch in anderen Landesteilen findet man heute Kurden. Ein Teil von ihnen wurde in den 1920er und 1930er nach den Niederschlagungen mehrerer Aufstände zwangsumgesiedelt. Später zogen zahlreiche Kurden zumeist aus wirtschaftlichen Gründen vom Land in die Metropolen, vor allem nach Istanbul.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bevölkerungsgruppen in der Türkei

Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung. http://www.bpb.de/cache/images/9/194249-3x2-galerie_gross.jpg?7D5A2 (abgerufen am 10.12.2019).

4. Nationalismus und Nationbuilding in der Türkei und die Auswirkungen auf den Kurdenkonflikt

Nach Ernest Gellner ist „Nationalismus ist keineswegs das Erwachen von Nationen zu Selbstbewusstsein: man erfindet Nationen, wo es vorher keine gab.“14 Dies trifft insbesondere auf die Türkei zu. In ihrem Vorgängerstaat, dem Osmanischen Reich, sahen sich die Einwohner, von christlichen und jüdischen Minderheiten abgesehen, in erster Linie als Muslime. Die ethnische Zugehörigkeit spielte unter den Muslimen kaum eine Rolle. Der Islam war das Bindeglied, welches das Reich zusammenhielt. Dies manifestierte sich in der Person des Sultans, der gleichzeitig als Kalif der oberste religiöse Führer war. Wenngleich es auch mehrfach zu Aufständen gegen die Herrschaft einzelner Sultane kam, wurde die Autorität von Sultanat und Kalifat an sich von kaum jemandem infrage gestellt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden im Osmanischen Reich unter Intellektuellen die ersten politischen Organisationen. Aus den verschiedenen Organisationen sollten die 1889 entstandenen Jungtürken (Jön Türkler) und die aus ihnen hervorgegangene Partei Komitee für Einheit und Fortschritt (İttiḥâd ve Teraḳḳî Cemʿiyeti) zur mächtigsten Organisation in der Osmanischen Zeit aufsteigen. Als deren Hauptideologe gilt der Soziologe und Schriftsteller Ziya Gökalp (23.03.1875 oder 1876 - 25.10.1924), dessen Anschauungen später weitgehend von dem ersten türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) übernommen wurden. Anders als bei den meisten europäischen Nationalisten bildete den Kern den Nationalismus bei Ziya Gökalp nicht die Rasse, sondern die türkische Kultur: „[...] education and feeling and not racial origin determine the nationality of man.“15 Damit war der türkische Nationalismus, besonders zu Beginn, offen für Person anderer Ethnien. Anders als es der Name Jungtürken vermuten lässt, waren in dieser Organisation in den ersten Jahren neben Türken auch Kurden, Armenier und weitere Ethnien vertreten. „Als Teil der jungtürkischen Opposition galt ihr Augenmerk hauptsächlich der Beseitigung der Autokratie des Sultans und der Verbesserung der Verhältnisse zwischen Armeniern und Kurden.“16 Die Jungtürken vertraten zunächst meist liberale Ansichten und vereinte zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben ihren eigenen Mitgliedern auch verschiedene weitere Gruppierungen im Kampf gegen die autoritäre Herrschaft von Sultan Abdülhamid II. Nachdem die Jungtürken durch die Revolution von 1908 und der erzwungenen Abtretung Sultan Abdülhamid II. an die Macht kamen, traten zunehmend ethnische Spannungen in den Vordergrund.

[...]


1 Landwehr, Susanne: Gesellschaft in Widersprüchen. In Länderbericht Türkei. Hrsg. Udo Steinbach. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2012. S. 194.

2 http://www.verfassungen.eu/tr/. (abgerufen am 24.11.2019).

3 Ebd.

4 Rohde, Achim: Irak. In: Dossier Innerstaatliche Konflikte. Hg. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2018. http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54603/irak. (abgerufen am 08.12.2019).

5 Güsten, Susanne: Die Kurdenfrage in der Türkei. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 39-40/2009. S. 22.

6 Jesiden: Das Jesidentum ist eine alte, monotheistische Religion, deren Ursprünge bis ca. 2000 Jahre v. Chr. zurückreichen. Angehörige dieser Religion sind ausschließlich Kurden und leben heute vor allem im Irak, aber auch in der Türkei.

7 Güler, Sibel: Die Kurdenproblematik in der Türkei. Eine historisch-empirische Rekonstruktion. Diplomarbeit an der Fakultät für Politikwissenschat der Universität Wien. Wien: 2010. S. 25. http://othes.univie.ac.at/11706/1/2010-11-02_9808146.pdf. (abgerufen am 26.11.2019).

8 Strohmeier, Martin; Yalcin-Heckmann, Lale: Die Kurden. Geschichte Politik Kultur. 4. Aufl. 2017. S. 154.

9 Mihatsch, Moritz A.: Kurdenkonflikt. In: Dossier. Innerstaatliche Konflikte. Hg. Bundeszentrale für politische Bildung. 2018. https://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54641/kurdenkonflikt. (abgerufen am 15.12.2019).

10 Mihatsch, Moritz A.: Kurdenkonflikt. In: Dossier. Innerstaatliche Konflikte. Hg. Bundeszentrale für politische Bildung. 2018. https://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54641/kurdenkonflikt. (abgerufen am 15.12.2019).

11 Seufert, Günter: Ethnien und Ethnizität: Die Kurden und andere Minderheiten. In Länderbericht Türkei. Hrsg. Udo Steinbach. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2012. S. 233.

12 Strohmeier, Martin; Yalcin-Heckmann, Lale: Die Kurden. Geschichte Politik Kultur. 4. Aufl. München: C.H. Beck 2017. S. 241.

13 Gürbey, Gülistan: Der Kurdenkonflikt. Bundeszentrale für politische Bildung. 12.8.2014. http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/185907/der-kurdenkonflikt. (abgerufen am 24.11.2019).

14 Gellner, Ernest: Thought and Change. London: Weidenfeld and Nicholson 1964. S. 169.

15 Heyd, Uriel. Foundations of Turkish Nationalism. The Life and Teachings of Ziya Gökalp. London, Beccles 1950, S. 21.

16 Strohmeier, Martin; Yalcin-Heckmann, Lale: Die Kurden. Geschichte Politik Kultur. 4. Aufl. 2017. S. 86.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Der Kurdenkonflikt in der Türkei. Ein Nebenprodukt der türkischen Nationbuilding
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum)
Note
2,2
Autor
Jahr
2020
Seiten
52
Katalognummer
V584020
ISBN (eBook)
9783346169822
ISBN (Buch)
9783346169839
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkei, Kurden, Kurdenkonflikt, Naher Osten, Internationale Konflikte, Konfliktforschung, Ethnische Konflikte, Minderheiten, Nationalismus, Jörg Kulik, Internationale Politik, HDP, PKK, Terrorismus, kurdisch, türkisch, Nationbuilding, Nationenbildung, Nation, Erdogan, Atatürk, Orient, Osmanisches Reich, Politik, Geschichte
Arbeit zitieren
Jörg Kulik (Autor), 2020, Der Kurdenkonflikt in der Türkei. Ein Nebenprodukt der türkischen Nationbuilding, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584020

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