Die Renaissance der Bildung und Literatur im Karolingerreich


Hausarbeit, 2016

17 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

1. Einf ührung
1.1 Einleitung
1.2 Eingrenzungen
1.3 Forschungsstand und methodisches Vorgehen

2. Hauptteil
2.1 Gründe für eine Erneuerung
2.2 Literatur
2.3 Bildung

3. Schlussteil
3.1 Zusammenfassung
3.2 Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einf ührung

1.1 Einleitung

„Karolingische Renaissance“, „Karolingische Erneuerung“ oder doch besser „Bildungsreform Karls des Großen“? Der kulturelle Aufschwung im frühmittelalterlichen Karolingerreich trägt viele Namen. Welcher nun als passendster angesehen werden kann, ist Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Zweifellos werden sie alle in gewissem Maße zutreffend sein. Karl der Große erließ eine umfassende Bildungsreform, was in verschiedenen Bereichen der Kultur zu Erneuerungen führte. Doch wie passt der Begriff der „Renaissance“ in das Frankenreich des Frühmittelalters? In wieweit kann man diese beiden Entwicklungen überhaupt miteinander vergleichen? Gab es denn tatsächlich eine „Karolingische Renaissance“? Dies sind die zentralen Fragen, mit der sich diese Arbeit auseinandersetzten wird. Doch um feststellen zu können, ob es sich bei den kulturellen Vorgängen der Karolingerzeit um eine „Renaissance“ handelt, muss zunächst die Bedeutung dieses Begriffs definiert werden. Die geläufigste Verwendung des Begriffs der „Renaissance“ bezieht sich vor allem auf eine kulturelle Blütezeit im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts. Sie steht für die Überwindung des finsteren Mittelalters, eine Wiederbelebung der Antike und die damit einhergehende Einläutung der Moderne. Dieses, überwiegend durch den Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt geprägte, Bild der Renaissance-Epoche ist jedoch sehr idealisiert und mystifiziert. Hier zeigt sich die erste Gemeinsamkeit zur kulturellen Blütezeit der Karolinger, denn nicht selten erfahren Karl der Große und seine Reformen einen unverhältnismäßig hohen Grad der Idealisierung. Obwohl diese verklärten Rezeptionen in der heutigen Geschichtsforschung als weitgehend übertrieben gelten, sind diese Mythen, gerade auch im öffentlich Raum, häufig noch sehr präsent. Das Problem der genauen Terminologie der „Renaissance“ füllt zahlreiche Fachbücher, was es schwierig macht dieses komplexe Gebilde auf ein paar einfache Indikatoren herunterzubrechen, anhand derer man die karolingische Kultur messen kann. Daher möchte ich für diese Arbeit eine differenzierte Herangehensweise an diese beiden „Renaissancen“ wählen.

1.2 Eingrenzungen

Da es in diesem Rahmen unmöglich ist, die Kultur der Karolinger als Ganzes angemessen zu behandeln, wird sich diese Arbeit auf einzelne Teilbereiche der karolingischen Kultur beschränken müssen. Diese werden die Literatur und die Bildung zur Zeit der Karolinger umfassen, denn obwohl man bei kulturellen Errungenschaften oft prachtvolle Bauwerke und Malereien vor Augen hat, waren es eigentlich Literatur und Bildung, die zur damaligen Zeit den Kern ihrer Erneuerungsbewegungen ausmachten und den prägenderen Einfluss auf ihre jeweilige Epoche hatten. Des Weiteren wird auf die historischen Voraussetzungen der kulturellen Erneuerungsmaßnahmen eingegangen, um die Entwicklungen innerhalb der beiden Epochen besser nachvollziehen zu können.

Der Zeitrahmen, auf dem der zentrale Fokus dieser Arbeit liegen soll, erstreckt sich über die Regierungszeit des Herrschergeschlechts der Karolinger, beginnend 751 n. Chr. mit dem ersten karolingischen König, Pippin dem Jüngeren, bis zum Aussterben des Geschlechts im Westfrankenreich des Jahres 987 n. Chr.. Geographisch wird sich diese Arbeit auf die kulturellen Vorgänge im karolingischen Frankenreich beschränken. Es wird zu keinem Vergleichen mit den kulturellen Entwicklungen der sogenannten „Ottonischen Renaissance“ kommen, da dies den Rahmen dieser Seminararbeit deutlich überstrapaziert hätte. Selbstverständlich muss es zusätzlich zu Betrachtungen der italienischen Renaissance des 15. und 16. Jahrhunderts als Vergleichsgegenstand kommen.

1.3 Forschungsstand und methodisches Vorgehen

Die Zeit der Karolinger ist für die Forschung auf vielfältige Weise interessant. So entstanden in den letzten Jahrzehnten einige Arbeiten zur fränkischen Gesellschaftsordnung, sowie den kirchlichen Reformen durch die Karolinger. Das ist nicht verwunderlich, denn gerade die Blütezeit der Karolinger bietet eine Fülle an Quellen.1 Allerdings bietet die Karolingerzeit auch immer wieder Stoff für heftige Diskussionen.2 Dazu zählt auch der Begriff der „Karolingischen Renaissance“, ein bis heute in der Forschung verwendeter Begriff für den kulturellen Aufschwung zur Zeit der Karolinger, der schon seit seiner Entstehung umstritten ist. Schon vor der ersten Nennung des eigentlichen Begriffs existierten teils sehr idealisierte Vorstellungen Karls des Großen, seiner Literaten und seiner Hofbibliothek, wie bei dem französischen Historiker Henri Martin.3 Die Bezeichnung „Karolingische Renaissance“ selbst geht vermutlich auf den französischen Historiker Jean-Jacques Ampère zurück, der diesen Ausdruck seit 1839 verwendet hatte.4 Kritik daran kam schon 1924 von Seiten der Wirtschafts- und Kulturhistorikerin Erna Patzelt, die im Übergang der Antike, über die Merowinger, bis zu den Karolingern eine kulturelle Kontinuität sah.5 Eine entgegengesetzte Position vertrat der Altphilologe Paul Lehmann, der hingegen von einer Form der Wiedergeburt sprach, da in einigen Ländern nachweislich Kultur verloren ging.6 Auch in der aktuelleren Forschungsliteratur werden alternative Begriffe wie „Bildungsreform Karls des Großen“ oder „Correctio“ diskutiert.7 Tatsächlich herrscht bei dem Begriff der „Karolingischen Renaissance“ bis heute keine Einigkeit in der Forschung.

Im Rahmen soll es um die Feststellung von Parallelen zwischen der karolingischen und der italienischen Renaissance gehen. Dazu wird in einem kulturellen Teilbereich jeweils eine Entwicklung der Karolingerzeit beschrieben und mit der entsprechenden Entwicklung im Italien des 15. und 16 Jahrhunderts verglichen. Anhand dessen soll am Ende entschieden werden, inwieweit sich diese Parallelen entsprechen und ob sie ausreichen, um von vergleichbaren kulturellen Vorgängen sprechen zu können.

2. Hauptteil

2.1 Gr ünde für eine Erneuerung

Bevor auf die einzelnen Teilbereiche der Literatur und Bildung eingegangen wird, soll kurz ein Blick auf die historischen Voraussetzungen geworfen werden, die die kulturellen Erneuerungen ihrer Zeit initiiert haben.

Als die Karolinger die Herrschaft übernahmen, war der römische Westen der Spätantike einem kulturellen Verfall erlegen.8 Allerdings gab es große geographische Unterschiede beim Grad des Verfalls. In Gebieten mit geringerem römischen Bevölkerungsanteil wirkte sich dieser Kulturverfall stärker aus, während man beispielsweise in den von den Westgoten eroberten Ländern noch eine Kontinuität der lateinischen Kultur erkennen konnte.9 Viele Lebensbereiche wurden von dem Verfall erfasst. Das betraf unter anderem die antiken Straßen, die Rechtsgeschäfte und die Bildung der Laien.10 Die folgenden Erneuerungsmaßnahmen entstanden nicht spontan, sondern wurden bewusst initiiert. Die Schlüsselrolle spielte Karl der Große, der mit der Unterstützung von Gelehrten, wie Alkuin von York, die Erneuerungsbewegung gezielt durch seine Gesetzgebung förderte.11 Schon im 5. Jahrhundert herrschte im Westgotenreich das Bedürfnis nach einer Erneuerung (renovatio). Dieses Renovationsbedürfnis sollte das ganze folgende Jahrtausend hindurch immer wieder aufflammen. Karl der Große war es jedoch, dem es als erstes gelang eine praktische Umsetzung in die Wege zu leiten. Er verkündete regelmäßig Erlasse, um seine Ziele umzusetzen, die Kirche und den Glauben zu stärken. Karl nannte seine Ziele für die Erneuerung in einem Brief an Papst Leo III. mit Schwert und Glaube, königlichem Kirchen-und päpstlichem Gebetsschutz, Gottverlangen und Wissenschaft.12

Etwa ein halbes Jahrtausend später flammte das Renovationsbedürfnis erneut auf, jedoch unter gänzlich anderen Voraussetzungen. Die autonomen Stadtstaaten stiegen im Norden Italiens des 12. und 13. Jahrhunderts auf. Diesen Aufstieg verdankten die Städte zum Großteil dem zunehmenden Handel zwischen Europa und dem Morgenland.13 Immer mehr Menschen hatten immer mehr Geld zu Verfügung, was nicht mehr ausschließlich dazu diente, für die Grundbedürfnisse zu sorgen. Das bezog sich sowohl auf die kirchlichen Einrichtungen, wie auch auf einfache Privatpersonen. Die gesteigerte Nachfrage nach Luxusgütern vergrößerte wiederum das Angebot des Marktes.14 Oberflächlich betrachtet wird von einem radikalen Bruch zum vorangegangen Mittelalter ausgegangen. Doch auch hier existiert ein hohes Maß an Kontinuität im kulturellen Bereich. So bestand beispielsweise in der Literatur die ritterliche Romantik des Mittelalters noch bis weit in das 17. Jahrhundert.15 Es war die städtische Gesellschaft, die die Grundlage für den Beginn dieser Renaissancebewegung bildete. Hier konzentrierten sich vielseitige Begabungen, sowie die nötigen finanziellen Mittel um sie angemessen zu fördern.16

Unterschiedlicher hätten die Anfänge dieser beiden kulturellen Blütezeiten kaum ausfallen können. Während Karl der Große seine Erneuerungsbewegung gezielt vorantrieb und förderte, weil sie als eine Notwendigkeit erachtet wurde um den Glauben und das Reich zu sichern, war es in Italien vor allem der materielle Wohlstand und der freie Markt die die kulturellen Innovationen dieser Zeit, wie scheinbar von selbst, hervorbrachten.

2.2 Literatur

Die Schriftsprache im ganzen Karolingerreich war Latein. Gesprochen wurden romanische und germanische Volkssprachen.17 Althochdeutsche und altniederdeutsche Literatur entstand nur in geringem Maße, und um das Jahr 900 brach die Produktion fast komplett ab. Zum Ende der Karolingerzeit sind vor allem Glossen überliefert.18 Diese Bevorzugung der lateinischen Sprache in der karolingischen Literatur geht vor allem auf die Einstellung der Gelehrten zurück, der Klerus könne dem Volk nur zum Seelenheil verhelfen, wenn er über gute Lateinkenntnisse verfüge. Die lateinische Sprache war gewissermaßen der Schlüssel zum Himmelreich.19

Bis etwa 1500 wurde die italienischsprachige Literatur ebenfalls weit weniger geschätzt als die des klassischen Lateins. Das Latein der Antike erfuhr auch hier, wie schon in der Karolingerzeit, eine Wiederbelebung und war lange Zeit die Schriftsprache dieser Erneuerungsbewegung.20 Hier vollzog sich jedoch ein Wandel beim Stellenwert der volkssprachlichen Nationalliteratur. So wurden im 16. Jahrhundert beispielsweise die Werke von Dante und Petrarcas durchaus als gleichwertig mit klassischen griechischen und lateinischen Texten wahrgenommen.21

Bücher wurden im Karolingerreich hoch geschätzt. Ludwig den Fromme, Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche zählten Bücher zu ihren wertvollsten Besitztümern.22 Für Laien waren sie jedoch nahezu unerreichbar, da diese weder über die nötige Lesefähigkeit, noch die finanziellen Mittel verfügten, sich ein Buch anzuschaffen. Die Herstellung von Büchern war ein sehr kostenaufwendiges Unterfangen, und so existierte auch kein gewerblicher Buchhandel, sondern man tauschte, lieh oder erbte sie.23

Ähnlich wie zu karolingischen Zeiten, erfreuten sich Bücher auch im Italien des 15. und 16. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Es gab jedoch einen entscheidenden Unterschied. Nie zuvor war es einfacher in den Besitz von Literatur zu kommen. Bücher gehörten zu den verbreitetsten Kulturgütern, was vor allem der Erfindung des Buchdrucks zu verdanken war. Durch eine wachsende Mittelschicht entstand eine immer größere Leserschaft, die besser gebildet war als die Laien früherer Zeiten, aber nicht zu den eigentlichen Gelehrten zählten. Lesen und Vorlesen wurde zu einem beliebten Zeitvertreib.24

Die Regierungszeit Ludwigs des Frommen und seiner Söhne zeichnet sich durch eine große Zahl aktiver Schriftsteller aus. Hier finden sich neben theologischen Schriften auch historische, hagiographische und poetische Werke. Daneben orientierten sich auch einige biographische Werke an antiken Vorbildern, wie die „Vita Karoli“.25 Grund dafür war zum einen eine deutliche Verbesserung des Schulwesens an Klöstern und Bischofssitzen, wodurch die Literalität gesteigert wurde. Zum anderen war auch die Einführung einer einheitlichen Schrift, der karolingischen Minuskel, ein wichtiger Faktor für die Expansion der Schriftlichkeit. Diesem Umstand sind auch die ältesten schriftlichen Texterzeugnisse der fränkischen und althochdeutschen Volkssprachen zu verdanken.26

Auch die Zeit der italienischen Renaissance erlebte eine Hochphase des literarischen Schaffens, jedoch aus einem anderen Grund. Durch die Erfindung des Buchdrucks explodierte die Buchproduktion und die Buchpreise sanken sogar bis auf den Tageslohn eines einfachen Arbeiters. Mit dem größeren literarischen Bewusstsein vergrößerte sich auch die Anzahl der aktiven Schriftsteller. Dieser neue Typus von Schriftsteller war nun nicht mehr abhängig von der Kirche und damit in der Gestaltung seiner Werke prinzipiell freier. In der Realität war das jedoch selten der Fall. Autoren wurden am Gewinn ihrer Bücher nicht beteiligt und erhielten oft kein oder nur ein geringes Honorar. So waren auch diese Schriftsteller abhängig von anderen Einnahmequellen.27

Viele Gelehrte des 8. Jahrhunderts lernten die klassische Literatur der Antike nur über Umwege kennen, wie über die Werke des spanischen Bischofs Isidor von Sevilla. Sie wurden zum Vorbild für viele Schriftsteller, die zu einem klassischen Stil zurückkehren wollten. Der Angelsachse Beda verwendete beispielsweise klassische literarische Gattungen, um damit christliche Themen zu bearbeiten und schuf damit einen neuen Stil, der als eine Mischform aus der Bibel und antiken Schriften angesehen werden kann. Eine weitere Schlüsselperson der karolingischen Literatur war Alkuin von York. Er selbst hatte vermutlich umfangreiche Kenntnisse der antiken Literatur, was sich in seinem Stil bemerkbar macht. Er verfasste Schriften zur Grammatik, Rhetorik, Liturgie, Philosophie, Hagiographie, Theologie und Geschichte. Anlehnung an klassische Quellen und die Bibel finden sich bei karolingischen Schriftstellern zuhauf, jedoch selten eigene Schöpfungen, was wohl auch auf eine mangelnde Begabung zurückzuführen ist.28 Obwohl die Schriftsprache Latein war, gab es auch erste Versuche, Literatur in der eigenen Volkssprache zu verfassen. Am beeindruckendsten ist wohl das Evangelienbuch des Otfrid von Weißenburg, aus dem Jahr 870.29 Otfrid ließ sich für sein Evangelienbuch aus verschiedenen Richtungen inspirieren. Zum einen an den heidnischen Liedern der Laien, zum anderen aber auch von römischen Dichtern. Die heidnischen Dichter der Antike waren vor allem wegen ihrer Form vorbildlich, allerdings wurde ihr unchristlicher Inhalt als problematisch angesehen.30

In Italien wurden ebenfalls wichtige Gattungen der antiken Literatur wiederbelebt. Darunter waren das Epos, die Komödie, die Ode und das Pastorale zu finden. Es kam zu zahlreichen Nachahmungen antiker Schriftsteller. So wurden häufig Dialoge genutzt, um bestimmte Ideen zu erläutern, wie es bei Platon oder Cicero der Fall war.31 Auch hier wurde versucht, sich stark an der antiken Literatur zu orientieren. Jedoch sind viele Werke dieser Zeit kulturelle „Zwitter“, da sie zum Teil klassisch und teilweise christlich geprägt waren. Es darf nicht vergessen werden, dass auch die damaligen Künstler fast ausnahmslos Christen waren. So kam es auch zu Fällen, in denen Kirchen auch als „Tempel“ bezeichnet, die Bibel als „Orakel“ verstanden oder die Hölle als „Unterwelt“ tituliert wurden.32

2.3 Bildung

Nachdem der Niedergang der Bildung und des geistigen Lebens schon länger beklagt wurde, leitete Karl der Große eine umfassende Bildungsreform ein, die ihren Höhepunkt zur Zeit Ludwigs des Frommen fand. Die Veränderungen betrafen zunächst hauptsächlich die Geistlichkeit und sollten den christlichen Glauben im Reich festigen. Sie erreichten jedoch weit mehr als das, da die Schulen prinzipiell allen offenstanden und durch die Verwendung der antiken Überlieferungen die römisch-lateinische Tradition wieder stärkeren Einzug in das Denken erhielt.33 Der Klerus war der einzige Stand, der zumindest einen Teil antiker Bildung bewahren konnte; daher setzte Karls Bildungsreform zunächst bei der Geistlichkeit an. Sie sollte in der Lage sein, dem Volk das Evangelium zu erklären, sowie die Predigten der Kirchenväter vortragen zu können.34 Vor Karls Reformen kümmerten sich die Klosterschulen nur um ihren eigenen Bedarf. Durch die Bildungsreform wurden Klosterschulen jedoch zu Allgemeinschulen und mussten nun die Kirche und das Reich unterstützen, indem sie beispielsweise dringend benötigte Bücher abschreiben ließen. So war es aufgrund des hohen Kostenaufwands zunächst nur größeren Klöstern möglich die Reformen umzusetzen. Durch die Förderung Karls des Großen entstanden viele kulturelle und wissenschaftliche Zentren, wie die Klöster St-Denis, Fulda, Lorsch und St. Gallen.35

Eine ähnliche Expansion der Bildungsanstalten ließ sich auch später in Italien beobachten. Bis ins 15. Jahrhundert entstanden immer mehr kommunale und unabhängige Schulen, so dass bald jede größere und kleinere Stadt in Italien über eine Schule verfügte. Neben den kirchlichen Schulen gab es sogenannte Bürgerschulen, die notwendige Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichteten.36 So kam es auch zur Verbreitung einer neuen Bildungsinstitution, der Landesuniversität, die nun nicht mehr einer einheitlichen Christenheit unterstand, sondern abhängig vom Glaubensbekenntnis des jeweiligen Landesherren war.37

Karl der Große setzte seine Reformmaßnahmen mithilfe von Kapitularien und persönlichen Anordnungen an Bischöfe und Äbte durch. Er gab auch Anweisungen für den Lehrplan der Bistums- und Klosterschulen, die in seinem dritten Reformgesetz, der „Admonitio generalis“, festgehalten wurden. So sollten das Lesen der Psalmen, Musikunterricht, Kirchengesang, die Kalenderberechnung und die Grammatik in den Unterricht mit aufgenommen werden.38 Das Bildungswesen selbst wurde von verschiedenen Kulturen beeinflusst. Dazu gehörten die Kelten, Germanen und Römer, aber teilweise auch die Griechen und der Orient. Über das Bildungswesen der Germanen weiß man kaum etwas. Über das Unterrichtswesen der Kelten ist nur wenig bekannt, doch gab es für Druiden zumindest einen groben Lehrplan. Dieser umfasste im Wesentlichen Theologie und Philosophie, aber auch Mathematik, Astronomie und Rechtskunde.39 Bei den karolingischen Unterrichtsformen wurde zwischen dem Elementarunterricht und den „septem artes liberales“ unterschieden. Der Elementarunterricht richtete sich oft an Schüler, die noch keinerlei Kenntnisse besaßen. Der Schreibunterricht bildete die höchste Stufe des Elementarunterrichts, während die „artes liberales“ sich daran anschlossen. Sie entsprachen dem klassischen System der sieben Künste. Hier wurden hauptsächlich klassische Texte kommentiert. Eine Weiterentwicklung der antiken Wissenschaften wurde allerdings noch nicht angestrebt. Gliedern kann man diese Künste in zwei Gruppen. Zum einen die Ausbildung der Intelligenz (trivium), das aus den Fächern Grammatik, Dialektik und Rhetorik bestand; zum anderen die praktische Anwendung (quadrivium), was Zahlen, Raum, Himmelskunde und Harmonie umfasste.40 Die Unterrichtsmethode war in allen Fächern gleich. Zunächst wurde ein Text durch den Lehrer oder einen Schüler vorgetragen. Es folgten grammatikalische, rhetorische und dialektische Erläuterungen, sowie Beispiele, die zwischen diesen Disziplinen eine Verbindung herstellen sollten. Der Unterricht gipfelte dann in einer Diskussion, in der die Methoden der dialektischen Argumentation angewendet wurden. Diese Unterrichtsmethode fand in allen Schulen das gesamte Mittelalter hindurch Verwendung.41

Wie bereits bei den Karolingern, wurde auch in Italien versucht, das römische Bildungssystem zu imitieren. Durch das neue System sollten die Schüler das Lesen, Schreiben und Sprechen des klassischen Lateins erlernen und daneben in den humanistischen Fächern, Grammatik, Rhetorik, Poetik, Ethik und Geschichte, unterrichtet werden. Das Studium der Logik wurde zugunsten des Sprachunterrichts immer mehr vernachlässigt, obwohl es noch im Mittelalter zum Grundstudium gehört hatte.42 Grund dafür war maßgeblich der Einfluss der Humanisten, welche die Sprachlichkeit als das eigentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier ansahen und daher besonderen Wert auf das Studium dieser Fächer legten.43 Doch nicht nur der Bildungskanon der Universitäten änderte sich kaum, sondern auch deren Organisationsstruktur. Wie im Mittelalter wurde sie in vier Fakultäten eingeteilt. Die Artistenfakultät (später philosophische Fakultät), in der die „septem artes liberales“ unterrichtet wurden, die theologische, medizinische und juristische Fakultät.44

Das „artes“-Studium war für die karolingischen Gelehrten aber kein bloßes Mittel zum Zweck. Es formte ihr Denken und kreierte ein neues Menschenbild. Wo der Mensch zuvor mehr oder weniger Spielball überirdischer Kräfte war, machte man sich nun Gedanken über die menschliche Willensfreiheit. Der Mensch wurde als aktiv Handelnder betrachtet, dessen freier Wille über sein Schicksal entscheiden würde. Somit schuf die Bildungsreform Karls des Großen im Denken der Gelehrten, wenn auch wahrscheinlich unbeabsichtigt, eine neue Zugewandtheit zum Rationalismus und zur Welt.45

Etwa ein halbes Jahrhundert später transformierte sich das Bild des Menschen ein weiteres mal radikal. Neu war nicht der Stoff der antiken Bildung, der auch schon im Mittelalter bekannt war, sondern seine Betrachtungsweise. Die antiken Schriften waren nicht mehr nur Lehrtexte, sondern reflektierten ein neues Menschenideal. Das Individuum tritt an die Stelle des mittelalterlichen Gemeinschaftsmenschen. Diese Ansicht entwickelte sich langsam zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert.46 Doch genau wie zur karolingischen Zeiten blieben sowohl die Bildungserneuerung selbst, wie auch die daraus resultierenden neuen Erkenntnisse um die menschliche Existenz, einer kleinen elitären Gruppe vorbehalten.47

3. Schlussteil

3.1 Zusammenfassung

Betrachtet man das historische Umfeld der beiden „Renaissancen“, so wird schnell klar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen waren, aus denen heraus sie geboren wurden. Die eine gezielt von einem Herrscher initiiert, die andere spontan aus dem Wohlstand Vieler entsprungen.

Im literarischen Bereich sind klare Parallelen auszumachen. Deutlich wird das schon bei der Wertschätzung des klassischen Lateins und den Anstrengungen, die unternommen wurden, es wiederzubeleben. Doch auch allgemein die hohe Beliebtheit der Literatur und die Zunahme schriftstellerischer Tätigkeit ist ein Kennzeichen dieser beiden „Renaissancen“, auch wenn es bei den äußeren Umständen und beim Kreis der Leserschaft deutliche Unterschiede gab. Parallel zur lateinischen Literatur existierte in kleinerem Umfang auch volkssprachliche Literatur, die jedoch geringer geschätzt wurde. Die Literaten versuchten, sowohl im Karolingerreich, als auch in Italien, die klassischen Gattungen der Antike wiederzubeleben und schufen damit Hybriden, die es so zuvor nicht gab.

Im Bereich der Bildung sind ebenfalls einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Bildungsanstalten fanden zunehmend größere Verbreitung, und immer mehr Menschen erhielten eine schulische Ausbildung. Die Unterrichtsformen und Bildungsinhalte orientierten sich stark an antiken Vorbildern, was vor allem beim Studium der „septem artes liberales“ deutlich wird. In beiden Bildungserneuerungen liegt ein starker Fokus auf den sprachlichen Fächern, hauptsächlich dem klassischen Latein. Für Karl den Großen war dies wichtig, um das Christentum richtig zu verbreiten, während für die Humanisten in Italien die Sprachlichkeit selbst das Zentrum des Menschseins bedeutete. Durch diese Bildungserneuerungen fanden neue, beziehungsweise alte Ideen Einzug in das Denken der Eliten. Das Menschenbild wurde überdacht und umgedeutet. Dies ist wohl das zentrale Merkmal, mit dem die italienische Renaissance des 15. und 16 Jahrhunderts am stärksten assoziiert wird. Dabei wird vergessen, dass solche Umdeutungen im Lauf der Geschichte in den verschiedensten Kulturen immer wieder stattgefunden haben, auch während der Zeit der Karolinger.

3.2 Fazit

Es ist erstaunlich, wie ähnlich sich diese beiden Kulturen entwickeln konnten, die nicht nur geographisch, sondern auch, etwa ein halbes Jahrtausend, zeitlich voneinander getrennt waren. Es sind deutliche Parallelen zwischen beiden Erneuerungen in den Bereichen der Literatur und der Bildung zu erkennen, so dass man dort von nicht gleichen, aber vergleichbaren Vorgängen sprechen könnte. Somit halte ich den Begriff der „Karolingischen Renaissance“ durchaus für eine angemessene Bezeichnung für die kulturelle Erneuerung zur Zeit der Karolinger im Bereich der Literatur und der Bildung. Inwieweit dieses Ergebnis auf andere Kulturbereiche und die beiden Renaissancen als Ganzes zutreffend ist, kann im Rahmen dieser Arbeit allerdings nicht beantwortet werden.

Interessant wäre es hier noch die Frage aufzuwerfen, wann man generell einen kulturellen Aufschwung als „Renaissance“ bezeichnen kann. Würde man die Teilbereiche der Literatur und Bildung nach denselben Kriterien wie in dieser Arbeit bewerten, so könnte man zu dem Schluss kommen, Europa befände sich jetzt, etwa weitere 500 Jahre später, in einer neuen Renaissance. Im Bereich der Literatur betätigen sich immer mehr Menschen schriftstellerisch. Selbst Gattungen und Themen antiker Schriftsteller werden in modernen Erzählungen immer wieder aufgegriffen. Der technische Fortschritt macht es möglich, literarische sowie andere künstlerische Werke digital zu verbreiten. Auch im Bildungsbereich fand innerhalb des letzten Jahrhunderts eine starke Expansion statt. Immer mehr Personengruppen wurde Bildung zuteil und dies nicht mehr nur über die Schulen, sondern auch über das Internet, das einer Hofbibliothek unermesslich Ausmaßes entspricht, von der Karl der Große nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Wo die karolingische Renaissance durch den Willen eines Kaisers und die italienische Renaissance durch wachsenden Wohlstand angestoßen wurde, so ist es dieses Mal der technische Fortschritt, der die Richtung bestimmt und die neuen Grenzen auslotet.

4. Literaturverzeichnis

Althoff, Gerd/ Keller, Hagen: Die Zeit der späten Karolinger und der Ottonen. Krisen und

Konsolidierung. 888-1024 (Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 3), Stuttgart 102008.

Boussard, Jacques: Die Entstehung des Abendlandes. Kulturgeschichte der Karolingerzeit, München 1968.

Burke, Peter: Die Renaissance, Berlin 1990.

Driesch, Johannes von den/ Esterhues, Josef: Von den Griechen bis zum Ausgang des Zeitalters der Renaissance (Geschichte der Erziehung und Bildung, Bd. 1), Paderborn 1951.

Fried, Johannes: Karl der Große. Gewalt und Glaube. Eine Biographie, München 2013.

Hale, John: Die Kultur der Renaissance in Europa, München 1994.

Hübner, Gert: Ältere deutsche Literatur. Eine Einführung, Tübingen 2006.

Huizinga, Johan: Das Problem der Renaissance. Renaissance und Realismus (Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek, Bd. 35), Berlin 1991.

Kaiser, Reinhold: Die Mittelmeerwelt und Europa in Spätantike und Frühmittelalter (Neue Fischer Weltgeschichte, Bd.3), Frankfurt am Main 2014.

Knapp, Fritz Peter: Grundlagen der europäischen Literatur des Mittelalters. Eine sozial-, kultur-, sprach-, ideen-, und formgeschichtliche Einführung, Graz 2011.

Laudage, Johannes/ Hageneier, Lars/ Leiverkus, Yvonne: Die Zeit der Karolinger, Darmstadt 2006.

Lehmann, Paul: Das Problem der Karolingischen Renaissance (Ausgewählte Abhandlungen und Aufsätze, Bd. 2), Stuttgart 1959.

Muenkler, Herfried/ Muenkler, Marina: Lexikon der Renaissance (Beck´sche Reihe), München 2005.

Musolff, Hans-Ulrich: Erziehung und Bildung in der Renaissance (Beiträge zur Historischen Bildungsforschung, Bd. 20), Köln 1997.

Parzelt, Erna: Die Karolingische Renaissance, Graz 21965.

Schieffer, Rudolf: Die Zeit des karolingischen Großreichs(714-887) (Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 2), Stuttgart 102005.

Tönnesmann, Andreas: Die Kunst der Renaissance (Beck´sche Reihe), München 2007.

[...]


1 Schieffer 2005, S.16 f.

2 Althoff u.a. 2008, S.45.

3 Parzelt 1965, S.9.

4 Lehmann 1959, S. 109.

5 Parzelt 1965, S.159-165.

6 Lehmann 1959, S. 115.

7 Laudage u.a. 2006, S.106-128.

8 Fried 2013, S.267 f.

9 Boussard 1968, S.127 f.

10 Fried 2013, S.269.

11 Laudage u.a. 2006, S.109-113.

12 Fried 2013, S.268 f.

13 Burke 1990, S.43.

14 Hale 1994, S.307 f.

15 Huizinga 1991, S.63.

16 Tönnesmann 2007, S.15-18.

17 Hübner 2006, S.15.

18 Hübner 2006, S.22.

19 Laudage u.a. 2006, S.112.

20 Burke 1990, S.26 f.

21 Muenkler u.a. 2005, S.223.

22 Boussard 1968, S.173.

23 Knapp 2011, S.74.

24 Hale 1994, S.321.

25 Boussard 1968, S.165 f.

26 Kaiser 2014, S.315.

27 Hale 1994, S.323 f.

28 Boussard 1968, S.142-147.

29 Hübner 2006, S.107.

30 Hübner 2006, S.40.

31 Burke 1990, S.26 f.

32 Burke 1990, S.38.

33 Boussard 1968, S.131.

34 Laudage u.a. 2006, S. 108 f.

35 Fried 2013, S.290-295.

36 Musolff 1997, S.21 f.

37 Muenkler u.a. 2005, S.392.

38 Laudage u.a. 2006, S.112 f.

39 Parzelt 1965, S.34-38.

40 Laudage u.a. 2006, S.118-122.

41 Boussard 1968, S.141.

42 Burke 1990, S.28 ff.

43 Muenkler u.a. 2005, S.153.

44 Muenkler u.a. 2005, S.392 f.

45 Laudage u.a. 2006, S. 127 f.

46 Driesch u.a. 1951, S. 199.

47 Burke 1990, S.44 ff.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Die Renaissance der Bildung und Literatur im Karolingerreich
Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V584299
ISBN (Buch)
9783346185822
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildung, karolingerreich, literatur, renaissance
Arbeit zitieren
Michael Straßer (Autor), 2016, Die Renaissance der Bildung und Literatur im Karolingerreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584299

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