Gebrauch oder Missbrauch der Rhetorik im Nationalsozialismus


Hausarbeit, 2004

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Sprache im Nationalsozialismus
2.1. Auffälligkeiten
2.2. Rhetorische Mittel
2.3. Propaganda
2.4. Wirkung

3. Die Rhetorik Adolf Hitlers- ein Abriss

4. Eine Rede Adolf Hitlers des Jahres 1933
4.1. Äußere Gegebenheiten
4.2. Allgemein inhaltliche Zusammenfassung
4.3. Inhaltlich-Rhetorische Analyse im Besonderen

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug. Sie kann ebenso wie ein Medikament missbraucht oder falsch angewendet werden.“[1]

Wolfgang J. Reus
(*1959), deutscher Journalist, Satiriker, Aphoristiker und Lyriker

Diese These von Wolfgang J. Reus möchte ich nutzen, um in die Problematik und Thematik der Sprache im Nationalsozialismus einzuführen.

Ich möchte in meiner Hausarbeit aufzeigen, wodurch die Sprache des Dritten Reichs gekennzeichnet ist. Wesentliches Element dieser Betrachtung soll die Untersuchung der Rhetorik im Nationalsozialismus sein, d.h., ich werde mich im Besonderen auf eine Rede Hitlers konzentrieren, um meine theoretischen Ausführungen mit meiner Analyse zu vergleichen. Die Spezifik der Rhetorik Hitlers, die für seine Ideologie beschreibend war, soll im Folgenden skizziert werden. Wie ich schon durch das Zitat von Reus versucht habe deutlich zu machen, ist es Ziel meiner Ausarbeitung, zu verstehen, wie Sprache es möglich werden lässt, ein ganzes Volk zu manipulieren, und somit als „Medikament missbraucht“ zu werden. Wie muss Sprache demnach „beschaffen“ sein, um dieses Ziel zu erreichen?

Zunächst werden in dieser Arbeit also theoretische Bezüge der Sprache im Nationalsozialismus zu klären sein, um anschließend ein umfassendes Bild über den Gebrauch und Missbrauch der Sprache im Nationalsozialismus zu bekommen.

In diesem Rahmen ist es mir jedoch nur möglich, einen jeweiligen Abriss über die Themen zu geben. Dieser soll jedoch in der detailgetreueren Analyse der Rede Hitlers münden, um die theoretisch kurz eingeführten Betrachtungen zu beweisen.

Diese Arbeit soll einmal mehr verdeutlichen, wie leicht es anscheinend ist, eine große Masse von Menschen, durch eine perfekt inszenierte und durchdachte Propaganda zu beeinflussen. Diejenigen Menschen, die sich nach Veränderung und einer besseren Zukunft gesehnt haben und durch ihre Blindheit und Unwissenheit zu einem der schrecklichsten Verbrechen der Geschichte beigetragen haben.

2. Die Sprache im Nationalsozialismus

2.1. Auffälligkeiten der Sprache im Nationalsozialismus

Der NS-Wortschatz wird als ein „System von Wortneuschöpfungen und Umdeutungen früher vorhandener Worte“[2] bezeichnet. Folgende Einteilung wurde zum Wortschatz des Nationalsozialismus erstellt:

a) neugebildete Wörter,
b) Wörter, die eine Umwertung erfahren haben,
c) Wörter, die besonders häufig gebraucht werden und daher als charakteristisch für den Nationalsozialismus anzusehen sind.

Im Folgenden werden die eben aufgelisteten Unterteilungen näher beschrieben:

a) Neubildungen (Neologismen)[3]

Die meisten der Neuprägungen im Nationalsozialismus sind durch die Präfixe NS - oder Reich - gekennzeichnet.

Beispiele: NS-Frauenschaft, NS-Studentenbund, Reichsgeschäftsstelle oder Reichstag.

Eine andere Gruppe der Wortneubildungen stellt die der Neubildung von Hüllwörtern oder Euphemismen dar. Dies ist eine Bezeichnung für Wortneubildungen, die propagandistische Qualitäten haben oder als Tarnwörter funktionieren.

Beispiele: Wehrsport für Wehrdienst oder Kriegsvorbereitung

Endlösung für Massenmord

Sonderbehandlung für Exekution

Die zwei Gruppen bilden untereinander auch Mischformen. Entscheidend ist die Perspektive, unter der ein Wort betrachtet wird. So können sich Begriffe, die als reine Namen für Neues fungieren, unter bestimmten Gesichtpunkten als werbeträchtig oder als Tarnwörter herausstellen.

Außer den Funktionswörtern gibt es noch eine Vielzahl von Neuprägungen, die sich meist auf den „Blut- und Boden“–Gedanken sowie die Rassenideologie beziehen. Komposita mit Rasse-, Volk- oder Blut- finden sich besonders häufig.

Angesichts der Vielzahl von Wörtern, scheint es so, als würden Neubildungen den Großteil der Sprache des Nationalsozialismus ausmachen.

Als Grund für Neubildungen gibt Dieckmann folgende Erklärung: „Wortneubildungen in der Sprache der Politik werden immer dann notwendig, wenn Veränderungen in der Wirklichkeit eine neue Benennung oder Umbenennung erforderlich machen“[4].

b) Umdeutungen und Umwertungen[5]

Auch wenn die Neubildungen den überwiegenden Teil der Wörter der Sprache im Nationalsozialismus darstellen, so sind es dennoch die Umdeutungen, die die NS-Sprache geprägt haben.

Bei der semantischen Veränderung bereits bestehender Begriffe lassen sich wiederum drei Gruppen unterscheiden:

1. Umwertung

Bei dieser Art handelt es sich um Begriffe, die vorher eine positive Konnotation hatten und dann überwiegend abwertend gebraucht wurden. Begriffe, die eine negative Wertung erhielten, waren u.a. Demokratie, Gesellschaft, Liberalismus oder Internationalismus.

2. Umdeutung

Hier wurden Begriffe des Gegners für die eigenen Zwecke gebraucht und im Hinblick auf die NS-Ideologie umgedeutet.

Der Nationalsozialismus stellte vielen Begriffen, die er für sich okkupierte, einen entgegengesetzten Begriff gegenüber. Gegensatzpaare solcher Art gab es für die verschiedensten Bereiche. Für die Rassenideologie würden sich Paare wie jüdisch – arisch oder Volksgenosse – Judengenosse finden.

3. Bedeutungserweiterung

Bei der Bedeutungserweiterung erhalten Wörter eine Zusatzbedeutung. Viele Zusatzbedeutungen können so prägnant werden, dass die ursprüngliche Bedeutung verblasst.

Beispiele für die Erweiterung der Bedeutung sind:

Konzentrationslager (Verwaltung- und Erziehungslager)

Blutvergiftung (Verfallserscheinungen in Völkern und Rassen)

Blutschande (intime Beziehung zu einem Nichtarier)

c) Häufige Verwendung von Begriffen[6]

Ein weiteres Kriterium, warum bestimmte Wörter der Sprache des Nationalsozialismus zugeordnet werden, ist ihre relative Benutzungshäufigkeit während dieser Zeit. Merkmal der NS-Sprache war es, Schlagwörter und Redewendungen so häufig wie möglich zu wiederholen. Bei vielen dieser Wörter handelt es sich um „ganz normale“ Wörter der deutschen Sprache, die jedoch durch ihre Benutzungshäufigkeit in der NS-Zeit mit dem Sprachvokabular des Nationalsozialismus in Zusammenhang gebracht werden und schließlich als charakteristisch für diese Zeit gelten. Zu diesen Schlagwörtern gehören Volk, Rasse, Reich, Jude, Arier, Blut oder Kampf.

Rein, heldenhaft, deutsch und arisch gehören zu einer Gruppe von Adjektiven, die als positive Beiwörter vieler Substantive gebraucht wurden. Neben den „positiven“ Beiwörtern gab es auch Adjektive wie jüdisch, bolschewistisch, ausländisch oder feige, die in negativen Kontexten verwendet wurden.

Durch ständige Wiederholungen ginge, nach Klemperer, „der Nazismus bei den Menschen in Fleisch und Blut über“[7]. Äußerungen wie „Die Juden sind Schuld“ wurden z.T. mechanisch und unbewusst übernommen.[8]

2.2. Rhetorische Mittel

Mindestens genauso gut untersucht wie die Wörter sind die Stilmittel im Sprachgebrauch des Nationalsozialismus. Zum einen wird hier versucht, besonders oft in Reden auftauchende Stilmittel festzustellen, zum anderen hat sich vor allem die neuere Literatur zum Ziel gesetzt, den Zweck dieser Mittel herauszufinden, um sie in die politischen und gesellschaftlichen Vorgänge dieser Zeit einordnen zu können.

Besonderen Wert darauf legt Ulrich Nill, der etwa die Verwendung von Metaphern bei Goebbels in die Theorie des „Anti-Intellektualismus“ einbindet. Abstrakte Probleme in der Politik, die für das Volk erstmal unverständlich zu sein scheinen, werden auf alltägliche Vorgänge des Alltags übertragen.[9]

Außerdem ist die Verwendung von Superlativen in den Reden des Nationalsozialismus auffällig. Eine Erklärung dafür könnte der Hang des Nationalsozialismus zur Monumentalität sein, d.h., das eigene Volk muss sich gegen die größten Gefahren zur Wehr setzen und wird selbst mit positiv belegten Begriffen dargestellt. Zum anderen könnte es daran liegen, dass Wörter, die sehr oft wiederholt werden, mit der Zeit ihre Wirkung verlieren und man sie aus diesem Grund steigern muss. Durch die Komparation der Adjektive und die vielen Superlative, die in den Reden des Nationalsozialismus gebraucht werden, wird der Ausdruck verstärkt. Sie appellieren an das Gefühl und können dazu dienen, Sachverhalte zu verschleiern, aufzublähen oder zu relativieren.[10]

In diesem Bestreben ist es für den Redner dann nicht mehr interessant, ob es sich bei einem Wort ohnehin schon um den quantitativen Extremwert handelt, wie etwa bei „total“ oder „gigantisch“. Es ist dann trotzdem die Rede von „dem totalsten“ oder „dem gigantischsten“.

Neben vielen anderen Stilmitteln fallen weiterhin Archaismen, die häufig aus dem christlichen Sprachgebrauch entnommen wurden, auf. Sie haben den Zweck, an allgemein bekannte Formeln anzuknüpfen bzw. eine Kontinuität vorzuspiegeln, obwohl ihre eigentlichen Werte vollständig verkehrt wurden: „Wir alle, Kinder unseres Volkes, […] wir geloben euch, wir geloben der Front, wir geloben dem Führer […]“

Es heißt nicht mehr „Wir geloben vor Gott…“, sondern an der Spitze dieser Klimax steht anstelle Gottes „der Führer“.[11]

In diesem eben genannten Beispiel wird gleichzeitig deutlich, dass religiöses Wortgut ein Stilmittel der NS-Sprache war. „Der Gebrauch religiöser Terminologie war jedoch keine Erfindung der Nazis. Diese Sprachverwendung hat eine Tradition, die lange vor dem Dritten Reich bestanden hat“[12].

[...]


[1] http://www.aphorismen.de (19.03.2004)

[2] Müller, Sprachwörterbücher im NS, Stuttgart 1994, S. 30.

[3] Vgl. Müller, Sprachwörterbücher im NS, Stuttgart 1994, S. 30ff.

[4] Dieckmann, Information oder Überredung, Marburg 1964, S. 31.

[5] Vgl. Müller, Sprachwörterbücher im NS, Stuttgart 1994, S. 33.

[6] Vgl. Müller, Sprachwörterbücher im NS, Stuttgart 1994, S. 38.

[7] Klemperer, LTI, S. 27.

[8] Ebd.

[9] Vgl. http://www.s-lessmann.de/haus4.htm (10.03.2004)

[10] Vgl. http://www.hausarbeiten.de (10.03.2004)

[11] Vgl. http://www.s-lessmann.de/haus4.htm (10.03.2004)

[12] Müller, Sprachwörterbücher im NS, Stuttgart 1994, S. 46.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Gebrauch oder Missbrauch der Rhetorik im Nationalsozialismus
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Grundkurs: „Sprachgeschichte- und Sprachgeschichtsforschung"
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V58449
ISBN (eBook)
9783638526401
ISBN (Buch)
9783638766296
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gebrauch, Missbrauch, Rhetorik, Nationalsozialismus, Grundkurs, Sprachgeschichtsforschung
Arbeit zitieren
Monique Schwertfeger (Autor), 2004, Gebrauch oder Missbrauch der Rhetorik im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58449

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