Die soziale Lerntheorie Julian B. Rotters im Vergleich zu Albert Bandura


Seminararbeit, 2004
26 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Die soziale Lerntheorie der Persönlichkeit von Julian B. Rotter
2.1. Biographie
2.2. Basiskonzepte
2.3. zentrale theoretische Konstrukte
2.4. Kritik

3. Die sozial- kognitive Lerntheorie Albert Banduras
3.1. Zur Person und wissenschaftlichen Position
3.2. Einführung
3.3. Modelllernen
3.4.Beobachtungslernent
3.5. Selbstwirksamkeit
3.6. Kritik

4. Vergleich Julian Rotters und Albert Banduras Lerntheorien

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Als ich mir einen ersten, oberflächlichen Überblick über die soziale Lerntheorie von Julian Rotter verschafft habe, bin ich immer wieder auf zwei Worte gestoßen: Verhalten und Vertrauen. Demnach ging ich davon aus, dass dies grundlegende Inhalte der sozialen Lerntheorie von Rotter sind.

Doch was heißt soziale Lerntheorie eigentlich? Beim näheren Betrachten verschiedener Literatur, lässt sich zusammenfassen, dass die Inhalte sozialer Lerntheorien besagen, dass Verhalten erlernt sei und situationsspezifisch gesteuert würde.[1]

Im Bezug auf Julian Rotter, sieht er die gesamte Persönlichkeitsentwicklung, die durch Erlebnisse und Erfahrungen geprägt wird, als Lernprozess. Nach Rotter, kann man erst von Persönlichkeit sprechen, wenn das Individuum in Interaktion mit seiner Umwelt steht. Somit sei Verhalten und Persönlichkeit veränderbar.

Diese These wirft wesentliche Fragen auf, die ich in meiner Hausarbeit bearbeiten möchte:

Worin besteht Rotters Annahme?

Wie versucht er seine Theorie zu untermauern?

Woher wird das Verhalten beeinflusst?

Wovon hängt es ab, ob und wie gelernt wird?

Gibt es ähnliche bzw. kontroverse Annahmen sozialer Lerntheorien?

In welchem Zusammenhang steht das Vertrauen mit der sozialen Lerntheorie?

Wo gibt es Kritikansätze an Rotters Lerntheorie?

Ich versuche mir demnach, zunächst Klarheit über Julian Rotters soziale Lerntheorie zu verschaffen, um dann detaillierter zu untersuchen, inwiefern seine Theorie mit dem konkreten Geschehen übereinstimmt bzw. nicht. Dies möchte ich anhand von Beispielen erläutern.

Des Weiteren möchte ich Rotters Beiträge zur Persönlichkeitspsychologie hervorheben und Bezüge zu weiteren sozialen Lerntheorien ziehen. Dabei möchte ich mich im Besonderen auf die sozial- kognitive Lerntheorie von Albert Bandura beziehen, die konträr zu Rotter davon ausgeht, das Verhalten nicht ausschließlich auf die Umweltkontrolle, sondern auch wesentlich durch die Selbststeuerung des Menschen zurückzuführen sei. Ich möchte mich demnach in einem Teil meiner Hausarbeit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Rotters und Banduras Theorien widmen.

Den Hauptteil meiner Hausarbeit wird jedoch Rotters soziale Lerntheorie, und die damit verbundenen Analyse- und Kritikansätze, darstellen.

Bei der Untersuchung der Theorie werde ich u.a. folgende Schwerpunkte bearbeiten: Rotters vier Gedankenansätze zur Beschreibung des erlernten Verhaltens (zentrale Konzepte), die Beschreibung der Bedürfnisklassen, die er unterscheidet und Beispiele, die seine Theorie belegen sollen.

Ziel meiner Hausarbeit soll es sein, einen detaillierten Überblick darüber zu haben, inwieweit Verhalten, bezüglich Rotters Konstrukten, erlernt ist oder nicht und welche Auswirkungen dies auf die Persönlichkeit haben kann und inwieweit sich Banduras Theorie von Rotters unterscheidet.

2. Die soziale Lerntheorie Julian B. Rotters

2.1. Zur Person Julian B. Rotters

Julian B. Rotter wurde im Oktober 1913 in Brooklyn, New York, geboren.[2]

Sein psychologisches Interesse entwickelte sich, als er die Highschool besuchte und begann die Werke von Freud und Adler zu lesen. Sein Psychologiestudium absolvierte er an der Indiana Universität, wo er 1941 promovierte.

Während des zweiten Weltkriegs war Rotter als Militärpsychologe bei der amerikanischen Luftwaffe tätig, bis er 1946 eine Position am Psychologischen Institut der Staatsuniversität von Ohio erhielt und dort die psychologische Klinik leitete. In den 17 Jahren, die er an der Universität tätig war, entwickelte er die wesentlichen Züge seiner sozialen Lerntheorie der Persönlichkeit.

Eine erste umfassende Darstellung seiner theoretischen Konzeption erfolgte im November 1954 in dem Werk „Social Learning and Clinical Psychology“. Neben diesem Werk hat Rotter an mehreren anderen Stellen eine Beschreibung seiner sozialen Lerntheorie der Persönlichkeit gegeben. So z.B. in dem Einführungskapitel zu dem von ihm und Mitarbeitern herausgegebenen Sammelband „Applications of a social learning theory of personality“ oder in dem zusammen mit Dorothy Hochreich 1975 veröffentlichtem Lehrbuch „Personality“.

1985 stirbt Julian B. Rotter in den USA.

2.2. Basisannahmen Rotters sozialer Lerntheorie

Rotters Theorie ist eine differential-psychologische Handlungstheorie, da das Verhalten als zielbezogen und kontextbezogen beschrieben wird. Er nimmt eine konstruktivistische Position ein, d.h., dass es keine allgemeingültige Persönlichkeitsdefinition geben kann. Das Konstrukt kann allenfalls präzisiert werden.[3]

Rotter, Chance und Phares bemerken hierzu:

„Es gibt keine als Persönlichkeit bezeichnete Einheit; es gibt einfach nur viele verschiedene Sichtweisen oder Konstruktionen über die Natur des Menschen, von denen jede zu einer unterschiedlichen Definition von Persönlichkeit führt.“[4]

Für seine Persönlichkeitstheorie hat Rotter insgesamt sieben Basisannahmen formuliert:[5]

1. „Die Untersuchungseinheit für das Studium der Persönlichkeit ist die Interaktion des Individuums mit seiner bedeutungshaltigen Umwelt.“

Diese Annahme besagt, dass Personen nicht ohne Bezug auf die Umwelt gesehen werden und Umweltmerkmale als von den betroffenen Personen wahrgenommene und interpretierte Phänomene begriffen werden müssen.

Des Weiteren impliziert dieses Konzept die Wechselwirkung zwischen den Merkmalen von Person und Umwelt, die sich gegenseitig beeinflussen.[6]

Die erste Annahme zählt zu den Wichtigsten im Bezug auf Rotters soziale Lerntheorie der Persönlichkeit.

2. „Persönlichkeitskonstrukte sind in ihrer Erklärung nicht von Konstrukten irgendeines anderen Bereichs (einschließlich Physiologie, Biologie oder Neurologie) abhängig. Wissenschaftliche Konstrukte eines bestimmten Beschreibungsniveaus sollten mit Konstrukten irgendeines anderen Wissenschaftsbereich vereinbar sein, ohne dass jedoch eine Abhängigkeitshierarchie zwischen ihnen besteht.“

Diese Annahme ist antireduktionistisch zu Konstrukten anderer Disziplinen, d.h., dass z.B. psychische Phänomene nicht durch Physische erklärbar seien. Nach Rotter ist die Psychosomatik ein treffendes Beispiel für die Erläuterung dieser Annahme. So sei es unzulässig, ein Magengeschwür mit dem Vorhandensein psychischer Probleme zu „erklären“.[7]

3. „Verhalten, wie es mit Hilfe von Persönlichkeitskonstrukten beschrieben wird, findet in Raum und Zeit statt. Obwohl all solche Ereignisse durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben werden können, wird angenommen, dass sie auch durch physikalische Konstrukte beschrieben werden können, wie es sie in solchen Bereichen wie der Physik, Chemie und Neurologie gibt. Jede Auffassung, wonach die Ereignisse selbst und nicht die Beschreibung der Ereignisse unterschiedlich sind, wird als dualistisch zurückgewiesen.“

Rotter wendet sich gegen eine dualistische Weltsicht. Die Beschreibung der Persönlichkeit durch verschiedene Konstrukte mögen unterschiedlich sein, die Einheit der Person als Ausgangspunkt der Beschreibung ist jedoch manifest.

Die verschiedenen Äußerungsformen von Angst kann man hier als Beispiel nennen. Angst kann sich im physiologischen Bereich z.B. durch eine erhöhte Pulsfrequenz, im biochemischen Bereich durch eine erhöhte Adrenalinausschüttung und im psychologischen Bereich in der Vorwegnahme unangenehmer oder unbewältigbarer Ereignisse äußern.[8] Trotz der unterschiedlichen Indikatoren, wird aber dasselbe Phänomen „Angst“ beschrieben.

4. „Nicht jedes Verhalten eines Organismus kann nützlicher Weise durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben werden. Verhalten, das nutzbringend durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben werden kann, tritt bei Organismen mit einem gewissen Niveau oder Stadium der Komplexität und auf einem bestimmten Niveau oder Stadium der Entwicklung auf.“

Die Annahme besagt, dass nicht jedes Verhalten eines Organismus nützlich durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben werden kann. Menschliche Individuen z.B. müssen zuerst ein gewisses kognitives Entwicklungsniveau aufweisen.[9]

5. „Die Erfahrung einer Person beeinflussen sich wechselseitig. Mit anderen Worten: die Persönlichkeit stellt eine Einheit dar“

Mit der Einheit ist die zunehmende Stabilität und Allgemeinheit des Verhaltens im Lebenslauf einer Person gemeint. Unter Berücksichtigung individueller Unterschiede kann man zwischen extremer Stabilität oder Starrheit und extremer Variabilität oder Unintegriertheit einer Person differenzieren.

6. „Verhalten, so wie es durch Persönlichkeitskonstrukte beschrieben wird, hat einen Richtungsaspekt. Es kann als zielgerichtet bezeichnet werden. Der Richtungsaspekt des Verhaltens wird erschlossen aus dem Effekt von Verstärkungsbedingungen.“

Hierbei setzt sich Rotter mit dem Motivationsproblem der Persönlichkeitspsychologie auseinander. Er unterscheidet bei dieser Annahme zwischen Zielen (Umweltaspekt) und Bedürfnissen (Personenaspekt).

Ein Beispiel:[10]

Wenn wir durstig sind und sagen: „Ich brauche jetzt etwas zu trinken“, dann thematisieren wir einen inneren Zustand, ein Bedürfnis. Wenn wir jedoch im gleichen Zustand der Bedürftigkeit in einer Kneipe ein Bier verlangen, dann thematisieren wir einen Gegenstand in unserer Umgebung, der geeignet ist, unseren Durst zu löschen. Dieser Gegenstand und der damit verbundene konsumatorische Akt ist das Ziel unserer Handlung.

[...]


[1] Vlg. http://www.unibw-muenchen.de/campus/Paed/we3/psy/lehre/folien/mot_6b.pdf

[2] Vgl. Schneewind, Persönlichkeitstheorien II, Darmstadt 1992, S.86 ff.

[3] Vgl. http://www.homepages.compuserve.de/leontxa/rotter.html

[4] Vgl. Schneewind, Persönlichkeitstheorien II, Darmstadt 1992, S.88f.

[5] Vgl. Ebd., S.89ff.

[6] Vgl. http:// www.homepages.compuserve.de/leontxa/rotter.html

[7] Vgl. Schneewind, Persönlichkeitstheorien II, Darmstadt 1992, S.90.

[8] Ebd., S. 91.

[9] Vgl. http://www.homepages.compuserve.de/leontxa/rotter.html

[10] Vgl. Schneewind, Persönlichkeitstheorien II, Darmstadt 1992, S.92.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die soziale Lerntheorie Julian B. Rotters im Vergleich zu Albert Bandura
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
'Behavioristische Auffassungen von der Persönlichkeit'
Note
1,6
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V58454
ISBN (eBook)
9783638526432
ISBN (Buch)
9783638666008
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lerntheorie, Julian, Rotters, Vergleich, Albert, Bandura, Auffassungen, Persönlichkeit“
Arbeit zitieren
Monique Schwertfeger (Autor), 2004, Die soziale Lerntheorie Julian B. Rotters im Vergleich zu Albert Bandura, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58454

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