Werteerziehung, Wertevermittlung und moralische Erziehung im schulischen Alltag


Bachelorarbeit, 2019

41 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzzusammenfassung

Abstract

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Wert, Norm, Tugend und Moral
Wert
Norm.
Tugend
Moral
2.2 Wertetheorie
2.3 Wertebildungsprozess
2.3.1 Werteerziehung
2.3.2 Moralerziehung
2.3.3 Wertekompetenz
2.3.4 Moralkompetenz
2.4 Werte im Wertewandel
Die Erklärung der Menschenrechte
UN-Kinderrechtskonvention.
Das Bundes-Verfassungsgesetz der Republik Österreich.
2.5 Worauf es in der Werteerziehung ankommt
2.6 Modelle der Wertevermittlung und Werteerziehung
Die romantische Erziehungsphilosophie
Der technologische Erziehungsansatz
Das konstruktivistische Modell

3. Entwicklungspsychologische Ansätze zur Moralerziehung
3.1 Der theoretische Ausgangspunkt
3.2 Die Stufen der Moralentwicklung nach Lawrence Kohlberg
3.3 Erkenntnisse aus der Stufentheorie
3.4 Ziele der moralischen Erziehung

4. Sozialisation der Werteorientierung
4.1 Die Schule als Teil gesellschaftlicher Wertebildung
4.2 Bedingungen einer gelingen Werteerziehung
4.3 Formen der schulischen Wertebildung
Indirekte Formen der schulischen Wertebildung
Direkte Formen der schulischen Wertebildung
4.4 Unterrichtsmethode VaKE.
4.5 Konkrete Unterrichtsvorschläge zur Wertebildung und Werterziehung
Rituale
Das Spiel
Das Rollenspiel
Portfolio
Bilderbücher

5. Resümee

6. Ausblick und kritische Würdigung

Literaturverzeichnis

Kurzzusammenfassung

Werte sind die Grundlage einer Gesellschaft. Sie beeinflussen Menschen in ihrem Handeln und Tun. Aufgrund des anwachsenden Wertepluralismus steigen die Anforderungen an Lehrpersonen und Schulen, Kindern eine umfassende Werteorientierung zu vermitteln. Es stellt sich daher die Frage, welchen Beitrag Schulen und Lehrpersonen zur Werteerziehung, zur Wertevermittlung und zur moralischen Entwicklung leisten können, um Schüler und Schülerinnen zu mündigen Mitbürgern zu erziehen, und welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um eine Entwicklung von Moral und Werten zu gewährleisten. Die Stufentheorie von Lawrence Kohlberg macht ersichtlich, dass Kinder Konstrukteure ihres eigenen Lernprozesses sind. Somit ist es unmöglich Kinder zu einem bestimmten Wert zu erziehen. Werte können nicht erlernt, sondern nur vermittelt werden. Jedes Kind muss deshalb zu einem kritischen Hinterfragen angeregt werden. Nur so können die Heranwachsenden eine moralische Urteilsfähigkeit erlangen. Zentral dafür sind ein wertschätzendes Schulklima, eine liebevolle und konsequente Lehrperson und ein abwechslungsreicher Unterricht, der auf konstruktivistischen Erkenntnissen basiert.

Abstract

Values are the foundation of a society. They influence people in their daily actions. Due to the growing value pluralism, the demand for teachers and schools to deliver value orientation to children increases. Therefore the following questions arise: Which contribution can schools and teachers make to value education, value teaching and moral development in order to raise students to responsible citizens? Which conditions must be created to ensure the development of morality and values? The level theory of Lawrence Kohlberg indicates, that children are constructors of their own learning process. Thus, it is impossible to train children to a certain value. Values can not be learned, they can only be conveyed. Each child must therefore be encouraged to become a critical thinker. Only in this way young adults can achieve a moral capacity for judgment. Necessary preconditions for this are an appreciative school climate, a loving and consistent teacher and a varied teaching, that is based on constructivist knowledge.

1. Einleitung

Wertefragen sind im täglichen Leben omnipräsent. Sie bestimmen bewusst und unbewusst unser Verhalten und unser Handeln im sozialen Gefüge. So beeinflussen Werte, wen wir uns als Freunde aussuchen, welchen Urlaub wir buchen und welcher Arbeit wir nachgehen. Werte sind im Inneren einer Person verankert und treiben Menschen dazu an, so zu leben, wie sie es für richtig erachten.

Seit der Flüchtlingszuwanderung erfährt die Wertediskussion einen großen Auftrieb. Es ist daher unumgänglich, gesamtgesellschaftlich zu klären, welche Werte in dem jeweiligen kulturellen Gesellschaftskreisen vorherrschend sind. Aufgrund der täglichen Erlebnisse ist es aber auch für jeden Einzelnen notwendig, sich die eigenen Werte und Wertvorstellungen bewusst zu machen. Dieses Bewusstsein schafft eine innere Klärung und ermöglicht eine rücksichtvolle Kommunikation mit der Außenwelt.

Aufgrund der politischen Geschehnisse, werden auch immer mehr Lehrpersonen und öffentliche Institutionen mit Fragen zur eigenen Wertehaltung und Werteausrichtung konfrontiert. Sowohl der Lehrplan als auch die Eltern und die Politik stellen die Forderung an das Lehrpersonal, die ihnen anvertrauten Kinder zu mündigen und aufgeklärten Bürgern und Bürgerinnen zu erziehen. Dabei stellt sich die Frage, welchen Beitrag Schulen und Lehrpersonen zur Werteerziehung, Wertevermittlung und moralischer Entwicklung leisten können und auch sollen, um Schüler und Schülerinnen zu mündigen Mitbürgern zu erziehen? Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, um eine Entwicklung von Moral und Werten zu gewährleisten?

Diese Fragen werden im Folgenden mittels entwicklungspsychologischer Ansätze beantworte, im Speziellen anhand der Stufentheorie von Lawrence Kohlberg. Die Formen der schulischen Wertebildung weisen einen Weg, wie Schulen und Lehrpersonen einen Beitrag zur Wertebildung und Werteerziehung leisten können. Ferner wir das VaKE-Modell vorgestellt, anhand dessen sich Kinder zu selbstständigen und mündigen Lernenden, auf Basis eines konstruktivistischen Verständnisses, entwickeln können.

2. Begriffsklärung

Aufgrund von weltpolitischen Ereignissen erleben Wertedebatten immer wieder Hochkonjunkturen. Die Gesellschaft und auch die Wirtschaft fordern in solchen Momenten häufig eine Rückbesinnung auf Werte (Harecker, 2000, S. 13). Die Begriffe Wert, Norm, Tugend und Moral sind dabei miteinander verwoben, müssen trotzdem aber klar voneinander getrennt und definiert werden.

2.1 Wert, Norm, Tugend und Moral

Wert

Der Begriff „Wert“ ist vielschichtig, er findet sich in vielen Wortverbindungen. Die Ausdrücke „wertvoll“, „wertlos, „Wertschätzung“ und „Aktienwert“ zeigen, dass das Wort „Wert“ in der Alltagssprache omnipräsent ist (Schubarth, Gruhne & Zylla, 2017, S. 27). Werte können aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und reflektiert werden. Bekannt wurde der Begriff „Wert“ durch die Volkswirtschaft und den Handel mit materiellen Gütern (Wiater, 2010, S. 6). Etymologisch leitet sich das Wort „Wert“ aus dem althochdeutschen „werd“ ab, womit der Kaufpreis eines Objektes beschrieben wurde (Schubarth, Gruhne, & Zylla, 2017, S. 27).

Sozialwissenschaftlich drückt der Begriff „Wert“ die Bedeutsamkeit aus, die Menschen einem Gegenstand, einer Handlung oder einem Zustand beimessen (Schubarth, Gruhne, & Zylla, 2017, S. 28). Werte sind also moralisch-sittliche Verhaltensweisen und Normvorstellungen, die nicht materiell bestehen, sondern willentlich als Haltungen anzustreben und letztlich für ein erfülltes Leben des Menschen unabdingbar sind (Wiater, 2010, S. 7).

Werte tragen persönliche Bedeutung. Das Elternhaus, die Schule, die Gesellschaft und Peers können die Wertebildung beeinflussen (Wiater, 2010, S. 7). Werte bilden die moralischen Stützpfeiler, auf denen die je individuelle Lebensgestaltung fußen kann. Daher liegt Werten eine wichtige Halte- und Orientierungsfunktion für Individuen und für die Gesellschaft inne. Menschen brauchen eine Wertebasis als Verständigungsgrundlage für das Zusammenleben innerhalb der Gesellschaft (Schubarth, Gruhne, & Zylla, 2017, S. 30).

Im schulischen Kontext ist der Begriff „Wert“ stets verbunden mit dem Problem der Relativität, da jede Lehrperson gemäß ihrer eigenen Wertehaltungen bestimmte Werte unterschiedlich interpretiert (Harecker, 2000, S. 17). Zu bedenken ist hierbei, dass Werte immer eine Be-Wertung voraussetzen (Franz, 2010, S. 61).

Werte sagen also etwas über die Bedeutsamkeit aus, die Menschen einem Objekt oder einem Geschehen zuschreiben (Schubarth, 2016, S.18).

Norm

Der Wortursprung von „Norm“ stammt aus dem Lateinischen. „Norma“ bedeutet Regel oder Winkelmaß (Duden, 2018a). Im alltäglichen Kontext wird unter Norm auch das „Normale“ verstanden. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass es eine Frage der Definition ist, was „normal“ ist. Diese Definition ist jedoch abhängig von den herrschenden Machtverhältnissen und den damit verbundenen Auslegungen des Normalen (Franz, 2010, S. 82). Normen sind mit Werten nicht gleichzusetzen. In den Naturwissenschaften sind Normen durch Kausalitäten gekennzeichnet, in den Geisteswissenschaften hingegen entspringen sie der Freiheit des Menschen. Den Normen liegen geltende Werte zugrunde. Somit sind Normen geltende Regeln, Vorgaben und Verbote (Wiater, 2010, S. 8). Im Gegensatz zu Werten, die einen eher allgemeinen Charakter besitzen, sind Normen eng mit Konsequenzen verbunden. Normen dienen als Richtlinie dafür, wie sich Personen in verschiedenen Situationen verhalten sollen, und haben somit im Umkehrschluss die Aufgabe, die Vielfältigkeit menschlichen Handelns einzugrenzen und zugleich erwartbare Verhaltensweisen zu garantieren. Bestimmte Handlungsweisen können aufgrund von Normen als moralisch unzulässig oder als besonders begrüßenswert angesehen werden. Normen haben neben der der Richtlinienfunktion also auch die Aufgabe, einen gesicherten Handlungsrahmen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu gewährleisten, in dem individuelle Werte gelebt werden können (Franz, 2010, S. 81). Werte und Normen sind somit aufs Engste ineinander verschränkt.

Tugend

Das Wort „Tugend“ leitet sich ab von „taugen“ und hängt inhaltlich mit den Worten „aufrecht“ und „zuverlässig“ zusammen. Die Geschichte der Tugend beginnt vor Sokrates und hatte entscheidenden Einfluss auf christliche Werte. Die Tugend wird als eine Haltung und Einstellung verstanden, welche nicht angeboren ist und somit angeeignet oder auch wieder verloren werden kann (Wiater, 2010, S. 8).

Sokrates sah in der Tugend ein Verhalten, das den Menschen Glück erfahren lässt und aufgrund dessen es sich zu leben lohnt (Wiater, 2010, S. 8). Platon bezeichnete die vier bedeutendsten Tugenden als sogenannte „Kardinaltugenden“. Diese sind Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Unterschiedliche Philosophen (Thomas von Aquin, die Scholastik) sahen die Tugend als eine vernunftgeleitete, erlernbare Handlung an, die den Menschen in seiner Gesamtheit betrifft. Immanuel Kant unterteilte Tugenden in moralische Tugenden und Umgangstugenden. Unter den moralischen Pflichten verstand er die Pflicht gegen sich selbst und anderen gegenüber (Wiater, 2010, S. 9).

Bis in das 20. Jahrhundert trugen Tugenden eine Orientierungs- und Haltefunktion für die Pädagogik. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine Reflexion über Tugenden und über die Erziehung ein. In den 1960ern und 1970ern wurde das Prinzip der Erziehung zu Tugenden kritisiert. Die heutige Pädagogik ist sich dieser Kritik bewusst und fordert deshalb, Menschen aufgrund humanitärer Werte zu erziehen und Tugenden zeitgemäß neu zu formulieren (Wiater, 2010, S. 10). Im heutigen Sprachgebrauch kann unter Tugend eine gute, erstrebenswerte Eigenschaft bezeichnet werden. Eine Tugend ist eine ethische Grundhaltung, die – ähnlich wie Werte dies tun – Menschen zu einer bestimmten Lebensführung hinführt. Eine „tugendhafte“ Person erstrebt aufgrund ihrer persönlichen Ich-Stärke ein moralisch gutes Leben bewusst, frei von sozialen Zwängen. (Franz, 2010, S. 76–77).

Moral

Das Wort „Moral“ stammt von dem lateinischen Ausdruck „moralis“, der sittlich bedeutet. Das griechische Wort „ethos“, aus dem das Wort Ethik abgeleitet wurde, hat eine nahezu gleiche Bedeutung, wobei die Ausdrücke „Ethik“ und „Moral“ dennoch unterschiedliche Bedeutung haben (Franz, 2010, S. 56). Im Duden wird unter Moral eine Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Werten und Grundätzen verstanden, die das soziale und zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regelt (Duden, 2018b). Die Moral bezeichnet in einer Gesellschaft verbindliche Sitten, Handlungen und Gebräuche, denen Konventionen und Wertvorstellungen zu Grunde liegen. Dabei wird die Bildung eines solchen Gewissens angestrebt, welches Handeln in „gut“ und „böse“ zu unterscheiden versteht. Die Auswirkungen der Moral bewirken, dass das Zusammenleben von Menschen geregelt abläuft, indem sich Individuen bewusst an Werten ausrichten. Im Zusammenleben einer Gesellschaft soll die Moral eben solche Wertmaßstäbe und Handlungen sicherstellen, die selbstbestimmte und verantwortungsbewusste Urteile mündiger Individuen ermöglichen und fördern. Die Basis der Moral liegt in der Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen, auf seiner freiwilligen willentlichen Selbstverpflichtung zu einer bestimmten Handlungsweise. Die Moral bildet sich aus unterschiedlichsten Motiven, wobei ganz allgemein zwischen „echter“ und „geheuchelter“ Moralität differenziert werden kann (Wiater, 2010, S. 10). In einer Gesellschaft fungiert die Moral als Erwartungs- und Orientierungsmuster, an dem Personen ihr Leben ausrichten, da die moralische Auffassung das Wirken eines Menschen beeinflusst (Franz, 2010, S. 56).

2.2 Wertetheorie

In der Wissenschaft wird der Begriff „Wert“ unterschiedlich verwendet. So erfahren Werte in den einzelnen Fachgebieten der Psychologie, Philosophie, Soziologie und Pädagogik verschiedene Bedeutungen (Schubarth, Gruhne & Zylla, 2017, S. 44).

In der Soziologie wird unter „Wert“ ein Phänomen verstanden, welches das menschliche Handeln bestimmt und die soziale Gemeinschaft zusammenhält. Die Forschung richtet sich hierbei nicht auf individuelle, sondern auf gruppenbezogene Wertehaltungen (Regenbogen, 2013, S. 19–21).

Die Pädagogik behandelt das normative Element von Werteerziehung, indem sie fragt, welche sozial erwünschten Werte der nächsten Generation hinterlassen werden sollen. Ferner untersucht sie, wie Werteerziehung in pädagogischen Settings gefördert werden können. Die Theorie und die Praxis der Wertebildung sind in der pädagogischen Forschung zentral (Schubarth, 2016, S. 24).

Die Philosophie beschäftigt sich mit den Grundfragen „Was ist gut?“ und „Was soll ich tun?“, ergründet dabei die Bedeutung moralischer Fragestellungen und hinterfragt schließlich gesellschaftliche Regeln und Normen. Handlungsweisen und Hintergründe können aus diesem Blickwinkel als moralisch, unmoralisch, wertvoll oder wertlos betrachtet werden (Franz, 2010, S. 42–43).

Die Psychologie hingegen betrachtet den Wert als einen Teil der menschlichen Persönlichkeit (Schubarth, Gruhne & Zylla, 2017, S. 45).

Anhand der unterschiedlichen Definitionen von Werten und Werttheorien ist erkennbar, dass keine einheitliche Wertetheorie vorherrscht. Es muss somit im jeweiligen Kontext entschieden werden, welche Definition Anwendung findet.

2.3 Wertebildungsprozess

Unter dem Begriff „Wertebildung“ wird ein Prozess verstanden, in welchem sich ein Individuum im Laufe seiner Entwicklung Werte und Wertehaltungen aneignet (Schubarth, 2016, S. 25). Dabei setzt sich das Subjekt aktiv mit seiner Umwelt auseinander (Schubarth, Gruhne, Zylla, 2017, S. 53).

Bereits Kleinkinder, die von Grund auf wissbegierig und neugierig sind, treten aktiv mit ihren Mitmenschen und ihrer Umgebung in Kontakt (Franz, 2010, S. 21). Sie sind Erbauer ihres eigenen Weltbildes und versuchen demgemäß, ein möglichst realistisches Selbstbild zu entwickeln. Mit Hilfe dieses Welt- und Selbstbildes erstellt das Kind eine kognitive Repräsentation der Außenwelt. Je konkreter dieses Bild ist, desto genauer kann es seine zukünftigen Schritte planen. So durchlaufen Kinder verschiedene Entwicklungsstufen, in denen sie zu krabbeln beginnen und Objekte in den Mund stecken, um dadurch eine kognitive Repräsentation der Außenwelt zu erlangen. Die Heranwachsenden saugen alle Informationen auf, die ihnen wichtig, relevant und glaubwürdig erscheinen. Angeleitete und selbstständige Erkundungen lassen Kinder und Jugendliche ständig weiter lernen (Dollase, 2010, S. 29). Öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen laden Kinder zum Erfahren und Erproben von Werten und normativen Regeln ein. Durch das Alltagsgeschehen werden den Heranwachsenden die Bedeutung von Regeln, Vorgaben und Werten bewusst. Werte wie Freundschaft und Gerechtigkeit können den Kindern nicht angelernt werden. In Situationen hingegen, in denen sie Werte als gut und hilfreich erfahren, können sie die Werterfahrung in sich erleben und verinnerlichen (Franz, 2010, S. 23). Weder die Außenwelt noch die Eltern können bestimmen, welchen Wert ein Kind einer bestimmten Situation oder Handlung beimisst. Dies hängt allein vom inneren Erleben des Kindes ab (Franz, 2010, S. 21–22). Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen haben aber nichtsdestotrotz die Möglichkeit, einen Beitrag zur Formung und Entwicklung von Werten beizutragen. Aufgrund dessen sollte im institutionellen Kontext von einer Werteerziehung anstatt von einer Wertebildung gesprochen werden (Schubarth, Gruhne & Zylla, 2017, S. 52–53).

2.3.1 Werteerziehung

Als Werteerziehung wird eine Erziehung verstanden, die zu bestimmten Werten und zu einer moralischen Urteilsfähigkeit hinführt. Die Werteerziehung will Kinder und Jugendliche zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten heranziehen. Ziel ist es auch, die Selbstreflexion und das Verantwortungsbewusstsein zu fördern (Schubarth, 2016, S. 28). Dabei können dem Kind jedoch keine Werte vermittelt werden, denn nur das Kind selbst entscheidet, welche Werte es für bedeutend erachtet (Franz, 2010, S. 21–22). Somit lernen Kinder im Prozess ihrer Entwicklung Wertevorstellungen und Werteeinstellungen (Wiater, 2010, S. 18).

2.3.2 Moralerziehung

Der Prozess der Moralerziehung ist ein langsam sich entwickelnder Prozess, den Lehrpersonen und Eltern nur zu einem bestimmten Teil beeinflussen können (Eaude, 2016, S. 17). Das Ziel der Moralerziehung ist eine ganzheitliche Förderung des moralischen Verhaltens und nicht eine bloße Vermittlung von Werten und Wertehaltungen (Standop, 2016, S. 42). Über Vorbilder, Dilemmata und Rollenspiele werden Kindern moralische Prinzipien näher gebracht. Die Erziehung stützt sich dabei auf die Erkenntnisse der Moralpädagogik, wovon der bekannteste Ansatz von Lawrence Kohlberg stammt (Schubarth, 2016, S. 29). Dieser Ansatz wird im dritten Kapitel näher beschrieben.

2.3.3 Wertekompetenz

Als Wertekompetenz wird die Fähigkeit verstanden, sich mit zum Teil auch widersprüchlichen Werten und Wertehaltungen konstruktiv zu befassen und dabei ein eigenes Wertesystem aufzubauen. Wertevielfalt und Wertekonflikte werden konstruktiv behandelt, wobei das Subjekt ist in der Lage ist, wertorientiert zu denken, zu urteilen und schließlich zu handeln (Schubarth, 2016, S. 27). Ferner beinhaltet die Wertekompetenz die Fähigkeit, seine eigenen Werthaltungen zu reflektieren, zu kommunizieren sowie seine eigenen und auch fremde Werte abzuwägen (Bertelsmann Stiftung, 2017, S. 8). Daher umfasst Wertekompetenz auch gleichzeitig Moralkompetenz (Schubarth, 2016, S. 27).

2.3.4 Moralkompetenz

Moralkompetenz bildet einen Oberbegriff für verschiedene Fähigkeiten, die ein Individuum dazu befähigen, das Wohlergehen der Mitmenschen zu fördern (Becker, 2008, S. 118). Moralkompetenz beinhaltet, dass Situationen als moralisch relevant betrachtet werden können und dass moralisches Handeln anhand des Abwägens moralischer Prinzipien erfolgt (Schubarth, 2016, S. 27). Moralkompetenz umfasst somit den selbstbestimmten Umgang mit moralischen Vorgaben in gesellschaftlichen Wertvorstellungen umzugehen (Schubarth, Gruhne & Zylla, 2017, S. 59).

2.4 Werte im Wertewandel

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden junge Menschen in westlichen Ländern in einem Umfeld sozialisiert, das von Güterknappheit und den Werten Pflichtbewusstsein, Gehorsam und moralischer Strenge geprägt waren. Daraufhin brach im nächsten Jahrzehnt die Anerkennung der erprobten Werte zusammen, explosionsartig hinsichtlich der Haltung zu Autoritäten, Konsumorientierung und Sexualmoral. Der Prozess des Wertewandels betraf die ganze westliche Welt (Nipkow, 2009, S. 16). In den 1990ern entwickelte sich aufgrund der multikulturellen Gesellschaft eine neue Werteverunsicherung. Schwere globale Differenzen mit dem islamischen Feindbild schufen neue Fronten und erschwerten dadurch die Kommunikation über integrierende moderne Werte (Nipkow, 2009, S. 16).

Aufgrund der geschichtlichen und sozialen Entwicklungen entstehen stets neue Wertanforderungen und Wertedebatten. Das Ziel von Wertedebatten ist eine einheitliche Wertevorstellung, auf die sich eine Gesellschaft in ihrem Streben nach einer gelingenden Interkation und Kommunikation stützen kann. Daher werden Wertedebatten immer wieder brisant, wenn eine Gesellschaft in ihren Werten bedroht erscheint (Schubarth, Gruhne, & Zylla, 2017, S. 15).

Schubarth (2010) charakterisiert vier Funktionen einer Wertedebatte:

- Eine Wertedebatte hat den Charakter einer Symboldebatte, bei der die politischen Akteure ihre Handlungsfähigkeit beweisen wollen.
- Die Relativität einer Debatte führt Schubarth als zweiten Punkt an. Eine Wertedebatte ist eine relative Reaktion auf die Verunsicherung über den Wertewandel. Es wird nach Halt und Orientierung gefragt.
- Drittens dient sie als Abgrenzung. Die ältere Generation grenzt sich von der jüngeren ab, wodurch die eigene Gruppe sich zum Nachteil einer Fremdgruppe aufwerten will.
- Die Wertedebatte dient auch als eine Tugenddebatte, mit dem Ziel der jüngeren Generation die alten Werte (zum Beispiel Disziplin) als allgemein gültig zu vermitteln und dadurch zu bedrängen.

Aufgrund unterschiedlicher Kulturen existieren variierende und sich zum Teil widersprechende Wertesysteme. Es stellt sich deshalb die Frage, welche Grundwerte in einer öffentlichen Institution, wie beispielsweise in einer Schule, postuliert werden sollten (Franz, 2010, S. 63). Grundwerte sind rechtliche Menschenrechte, die dem einzelnen Bürger vom Staat als konstant und stetig einklagbar garantiert werden. Werte wie Frieden, Menschenwürde, Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit werden als Idealwerte in der westlichen Welt betrachtet. Das allgemeine Verständnis dieser Werte ist für ein geordnetes Zusammenleben in einem freiheitlichen Rechtsstaat als wesentliches Recht akzeptiert (Franz, 2010, S. 64).

In einer multikulturellen Gesellschaft zeigen

- die Erklärung der Menschenrechte,
- die UN-Kinderrechtskonvention
- und das Bundes-Verfassungsgesetz der Republik Österreich einen richtungsweisenden Weg auf (Franz, 2010, S. 65).

Die Erklärung der Menschenrechte

In der Erklärung der Menschenrechte wird die Anerkennung der allgemeinen Menschenwürde verlangt, da die Nicht-Anerkennung zu Barberei geführt hat. Diese allgemeine Erklärung wurde von den Vereinten Nationen am 10.12.1948 in der Generalversammlung vereinbart. Die darin enthaltenen 30 Artikel beschreiben das grundlegende Verständnis der wesentlichen Rechte sowie der ethischen Pflichten, die jeder Mensch als Ideal zu erreichen hat. (United Nations Regional Information Centre for Western Europe, 1948, S. 1–4). Sie dient als Grundstein humanitären Völkerrechts (Franz, 2010, S. 65).

UN-Kinderrechtskonvention

In der UN-Kinderrechtskonvention der Vollversammlung der Vereinten Nationen wurden am 20.11.1989 für Kinder die allgemeinen Menschenrechte genehmigt. In den 54 Artikeln werden Grundwerte sowie verbindliche Vorgaben formuliert, die sicherstellen sollen, dass die harmonische und friedliche Entwicklung von Kindern auf der ganzen Erde sowie auch die Unantastbarkeit der Würde eines Kindes stets garantiert werden können (United Nations Treaty Collection, 1989, S. 166–173).

Fundamental beruhen die Kinderrechte auf vier Grundprinzipien (Franz, 2010, S.66):

- Artikel 2, das Recht auf Gleichbehandlung

- Ungehindert von Hautfarbe, Religion, Sprache, Geschlecht, Vermögen, Herkunft.

- Artikel 3: das Prinzip des besten Interesses des Kindes

- Es wird im Sinne des Kindeswohls gehandelt.

- Artikel 6: das Recht auf Leben uns persönlichen Entwicklungen

- Jedes Kind hat das Recht zu leben.

- Artikel 12: Die Achtung vor der Meinung und dem Willen des Kindes

- Die Aussagen von Kindern werden ernst genommen und respektiert. Das Kind darf sich eine eigene Meinung bilden und diese äußern.

(United Nations Treaty Collection, 1989, S. 166–173).

Da die Kinderrechte komplex geschrieben wurden, gibt es eine kindgerechte Übersetzung. Diese kann bei Unicef abgerufen werden.

Das Bundes-Verfassungsgesetz der Republik Österreich

In Österreich gibt es eine Vielzahl von Verfassungsgesetzen. Da es seit 1867 jedoch keinen neuen Grundrechtskatalog gab, wurde die Europäische Menschenrechtskonvention 1958 in die Verfassung übernommen. Die Verfassungsgesetzte bilden die Grundlage für das Bestehen einer demokratischen Gemeinschaft (Republik Österreich Parlament, 2018).

2.5 Worauf es in der Werteerziehung ankommt

Erziehung ist prinzipiell auf etwas Wertvolles ausgerichtet (Standop, 2016, S. 84). Für einen gelingenden Lernprozess sind sichere Bindungserfahrungen sowie Wohlbefinden, Wertschätzung und das Gefühl des Angenommen-Seins notwendig. Positive Bindungs- und Beziehungserfahrungen geben dem Kind Vertrauen und erhöhen die Bereitschaft und die Freude, sich auf Bildungsprozesse einzulassen (Franz, 2010, S. 23). Institutionelle Einrichtungen haben im Besonderen die Chance, Kinder systemisch über einen längeren Zeitraum hinweg zu begleiten und somit eine stabile Förderung von Werten zu gewährleisten. Der Volksschullehrplan in Österreich überträgt Volksschulen und Lehrpersonen die Aufgabe, daran mitzuwirken, dass Kinder und Jugendliche sittliche, religiöse und soziale Werte im Bildungsgeschehen erleben können (Bundesministerium für Kunst und Kultur, 2005, S. 9). Dabei erweist sich als grundlegend, dass die Lehrperson glaubwürdig ist und von den Kindern akzeptiert wird. Die Heranwachsenden können eigene Erfahrungen machen oder auch von authentischen Vorbildern lernen. Es hat sich gezeigt, dass der autoritative Erziehungsstil den besten Effekt bei Schülern und Schülerinnen erzielt. Dabei wird ein Maximum von Glaubwürdigkeit durch das konsequente Verhalten der Lehrperson in Verbindung mit einer liebevollen Führung erreicht (Dollase, 2010, S. 30).

2.6 Modelle der Wertevermittlung und Werteerziehung

Es gibt eine Vielzahl an Modellen zur Wertevermittlung und Werteerziehung, denen jeweils unterschiedliche Menschenbilder zugrunde liegen. Jedes Modell hat eine bestimmte Zielsetzung, eine psychologische Grundlage und eine Vorstellung darüber, wie die Erziehung in die Praxis umgesetzt werden soll (Standop, 2010a, S. 104–105). Im Folgenden werden die romantische Erziehungsphilosophie, der technologische Ansatz und das konstruktivistische Modell dargelegt und die damit verbundenen Konsequenzen und Ambiguitäten aufgezeigt (Hackl, 2011, S. 20).

[...]

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Details

Titel
Werteerziehung, Wertevermittlung und moralische Erziehung im schulischen Alltag
Hochschule
Pädagogische Hochschule Salzburg
Note
1
Jahr
2019
Seiten
41
Katalognummer
V584675
ISBN (eBook)
9783346165381
ISBN (Buch)
9783346165398
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wert, Werteerziehung, Moral, Moralerziehung, Kohlberg, Wertevermittlung, Moralentwicklung, Wertebildung, Wertekompetenz, Wertewandel in der Schule
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Werteerziehung, Wertevermittlung und moralische Erziehung im schulischen Alltag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584675

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