Der Holocaust-Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman. Eine Fabel?


Hausarbeit, 2017

12 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um den von Art Spiegelman verfassten Holocaust Comic, Maus. Die Geschichte eines Uberlebenden, welcher dem Genre der graphic novels zugeordnet ist. Hier wird in zwei Teilen in Form einer Tierfabel zum einen die Geschichte des Holocaustiiberlebenden Vladek Spiegelman erzahlt, zum anderen aber auch wie sein Sohn nicht mit der Vergangenheit zurecht kommt und wie sehr auch der Vater als Uberlebender im Hier und Jetzt noch unter der Vergangenheit leidet. Der erste Teil des Buches heiBt „My Father Bleeds History" und der zweite Teil wird mit „And Here My Trouble Began" untertitelt. Im ersten Teil des Buches geht es insbesondere um die Leidensgeschichte des Juden Vladek Spiegelman, Arts Vater, und seine Frau Anja, setzt der zweite Teil die Leidensgeschichte bis zur Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz fort. Ferner erzahlt die Geschichte den Uberlebenskampf in verschiedenen Konzentrationslagern1 der beiden Juden, die als Mause dargestellt werden. Hier werden die Deutschen, die dauerhaft Aufsicht halten, als Katzen abgebildet. Der zweite Buchteil geht ferner iiber Arts Kampf mit der Geschichte des Vaters fertig zu werden bis iiber das Kriegsende und bis zjm Wiedersehen der Eheleute in ihrer alten Heimatstadt hinaus.

In dieser Arbeit soil untersucht werden, ob sich das Werk von Spiegelman dem Genre der Fabel zurechnen lasst und was das Besondere an dieser Arbeit ist. Des Weiteren ist zu untersuchen, ob es der Hauptfigur gelingt, die Kriegs- und Konzentrationslagererfahrungen zu verarbeiten.

Diese Analyse mochte ich anhand von Kapitel zwei des zweiten Bandes „Auschwitz (Time Flies)" ausfiihren.

Im ersten Teil in dieser Arbeit geht es zunachst um die Definition des Begriffes Fabel. Danach kommt der Hauptteil, in dem die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einer typischen Fabel und der graphic Novel Maus aufgelistet werden. Im nachsten Teil der Arbeit wird analysiert, welche Bedeutungen die dargestellten Tiere in Maus haben. AnschlieBend wird die Frage geklart, wieso Spiegelman Chimaren als Protagonisten fur diese autobiographische Erzahlung gewahlt hat. Im Anschluss wird ein kurzer Blick auf die Erzahlebene geworfen und es folgt die Schlussbetrachtung.

2. Definition des Begriffes Fabel

Das Wort Fabel geht auf den lateinischen Begriff fabula zuriick, was mit „sprechen" bzw. „bekennen" iibersetzt werden kann. In die deutsche Sprache kam der Begriff gegen Ende des Spatmittelalters. Seit etwa 1515 ist der Begriff mit „phantasiereich erzahlen" belegt und erst ab dem 18. Jahrhundert entwickelt er sich zur Gattungsbezeichnung.2 Erwin Leibfried vermerkt in seiner Literatur, dass der Begriff Fabel „auf die Form einer Erzahlung angewendet wird, in der Tiere. Pflanzen oder Dinge eine fiihrende Rolle spielen und in der eine bestimmte Lehre verdeutlicht werden soil."3

Dass der Begriff Fabel keine konkrete Definition hat, wiedergibt der Autor Robert Louis Stevenson im Abschnitt „Analysis of the Fable Form" seines Buches Learning to Write. Seiner Meinung nach wird in der bekanntesten Form der Fabel eine Moral gelehrt, welche auf etwas fantastischem, aber auch spielerischem basiert.4 Jedoch hat die Gattung Fabel laut Stevenson mit den Jahren einen Entwicklungsprozess durchgemacht „to degenerate from this original type [...] pleasentry of description should become less common".5 In diesen verschiedenen Prozessen gehen mitunter einige typische Merkmale einer Fabel verloren, andere bleibe, wenn auch in veranderter Form bestehen.

„Seit langerem gibt es eine umfangreiche Diskussion in der Literaturwissenschaft um eine Definition der Fabel. Die unterschiedlichen Positionen [...] machen es unmoglich, ein Wesen der Tierfabel zu bestimmen."6

Ich mochte mich ebenso im Rahmen dieser Arbeit nicht an einer Begriffsdefinition versuchen, sondern primar die typischen Fabelmerkmale nach Leibfried anwenden. Die beobachtete Veranderung des Begriffes von Stevenson mochte ich aber auch in Spiegelmans Text wiederfinden. Daher werden wir im folgenden Kapitel herausstellen, ob Maus der Gattung der Fabel zuzurechnen ist und welche Besonderheiten in welchem Ergebnis vorhanden sind.

3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen einer Fabel und Maus

3.1 Fabel und Maus weisen folgende Unterschiede auf

Selbstverstandlich lassen sich zwischen einer klassischen Fabel und Maus klare Unterschiede aufweisen. Jedoch sind diese iiberwiegend auf die Sonderform des Comics in Maus zuriickzufuhren. Der erste Punkt ist, dass eine klassische Fabel liegt in der Regel nur schriftlich vor, wogegen sich bei Maus Texte und Bilder verbinden. Fur die Analyse hat die Bildebene, die hier hinzukommt, eine groBe Bedeutung. Auf die genaue Bedeutung der Erzahl- bzw. Sprechebenen wird im Laufe der Arbeit genauer eingegangen. Weiterhin ist die Fabel fiktiv gestaltet, insofern auf gar keinen Fall auf eigens gemachten Erfahrungen basierend. Und dieses Merkmal ist bei der graphic Novel Maus wiederzufinden, denn Maus ist eine biographische Geschichte aus dem Leben der Familie Spiegelman. Dariiber hinaus werden die Figuren iiblicherweise iiber das geschriebene Wort charakterisiert, in Maus ist das bildliche Element im Vordergrund. Beispielsweise wird auf der Seite 215 einzelne Panels mit Rauch des KZ dargestellt, ohne dass dies jedoch explizit im Text zum Panel erwahnt wird.7

Durch die unterschiedlichen PanelgroBen bekommt der Leser ein direktes Zeitgefuhl, wobei nach McCloud ein „stummes Panel" auch einen Eindruck von Zeitlosigkeit vermitteln kann.8 Die klassische Fabel spielt grundsatzlich nur an einem Ort und in einer Zeit. Bei Maus hingegen handelt es sich um mehrere Handlungsorte und Zeitebenen.

3.2 Gemeinsamkeiten zwischen einer Fabel und Maus

Mit Hilfe von Leibfrieds Text „Fabel" soil nun untersucht werden, ob die vorliegende graphic Novel dem Genre der Fabel zugerechnet werden kann. Denn Leibfried listet in seinem Werk typische Merkmale einer Fabel auf, die sich in Maus widerspiegeln. Er stellt zunachst fest, dass „zum Inventar der Fabel [...] unbelebte Naturgegenstande, Pflanzen und Tiere gehoren." Die handelnden Figuren der Fabel sind iiberwiegend Tiere, und zwar dem Leser bekannte."9 Ebenso ist dies der Fall in der graphic Novel Maus. Hier sind unter anderem fiir den Leser bekannte Tiere, oder Tierkopfe auf menschlichen Korpern, zu finden. Im Einzelnen handelt es sich um: Mausekopfe fiir die Juden, Katzenkopfe fiir die Nazis, Schweinekopfe fiir die Polen, Froschkopfe fiir die Franzosen, Hundekopfe fiir die Amerikaner und Elchkopfe fiir die Schweden, sowie Fischkopfe fiir die Briten. Ferner sind auch Fliegen als Bedeutungstrager, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit eingegangen wird, zu finden. Wie in einer gewohnlichen Fabel sind in Maus auch unbelebte Gegenstande aus der Natur wie Hauser oder Baume zu sehen. Diese enthalten eine Besonderheit in der Darstellung. Sie sind vorwiegend schwarz-weiB und skizzenhaft, denn sie sollen dramatische Effekte aufzeigen.10 Die unterschiedlichen PanelgroBen, die typisch fiir ein Comic sind, verdeutlichen die einzelnen Zeichnungen und der Leser bekommt vor allem beim ersten und letzten Panel ein Zeitgefiihl.11

Als weiteres Merkmal einer Fabel ist der begrenzte Figurenkatalog. Dies wird nach Leibfried als „Gruppenbildung" bezeichnet, wenn mehrere Tierwesen auftauchen.12 Genau das ist der Fall in Maus, namlich die immerwahrende Darstellung der Deutschen als Katzen bzw. der Juden als Mause. Die Handlungen werden hier primar iiber im Dialog miteinander kommunizierender Darsteller fortgefiihrt. Auch dies ist in Maus zu beobachten, namlich in den einzelnen Panels. Die PanelgroBe bei Dialogen zwischen Art und Vladek ist z.B. immer gleich.13 Ebenfalls ist auffallig, dass die Dialoge in Maus auf drei Ebenen stattfinden, namlich in der Vergangenheit, also die Zeit wahrend des zweitem Weltkrieges, aber auch in der Gegenwart, in den Unterhaltungen zwischen Vladek undArt.14

Dariiber hinaus stellt man bei Maus schon sehr friih fest, dass es sich bei der Geschichte von Vladek Spiegelman um eine biografische Lebensgeschichte handelt, die lediglich nachtraglich von Sohn Art schriftlich festgehalten wird. Die Frage, ob Maus nun als klassische Fabel bezeichnet werden kann, bleibt offen. Sieht man jedoch Fabeln als „verkleidete Wahrheit", kann man diese nur mit ja beantworten. Zumindest Vladeks Biografie beinhaltet mit dem Holocaust eine Tatsache, die von vielen Menschen aufgrund ihrer Grauenhaftigkeit und Unfassbarkeit verdrangt wird.

4. Darstellung der Tiere Mause, Katzen, Hunde und Schweine in Maus

In der graphic Novel Maus stellt Art Spiegelman die dargestellten Tiere mit bestimmten charakteristischen Merkmalen dar. Die Katze steht als Jager da und ist gezeichnet mit einer strengen, angsteinfloBenden Mimik. Zugleich wirken die Katzen breit gezeichnet, was ihren bosartigen Charakter hervorhebt. Im Kontrast zu den Katzen stehen die Mause als Gejagte, hilflose und angstliche Wesen. Dariiber hinaus werden die Hunde als nicht boshaft gezeigt. Jedoch ist hier zu beachten, dass sie in der Lage sind, die Katzen zu besiegen. Wie in der Realitat ist hier die typische Rangordnung des Tierreiches zu sehen, denn die Mause und Katzen stehen sich als Gejagte und Jager gegeniiber. Unabhangig davon werden aber auch in Maus die Schweine erwahnt, welche sich neutral gegeniiber den anderen Tierarten verhalten.

[...]


1 Im folgenden mit KZ abgekiirzt

2 Vgl. http://www.einladung-zur-literaturwissenschaft.de/index.php? option=com_content&view=article&id=236%3A5-5-fabel&catid=40%3Akapitel-5&Itemid=55 (zugegriffen am 15.03.2017)

3 Leibfried, Erwin. Fabel. Stuttgart: Metzler 1982.

4 Vgl. Stevenson, Robert Louis. Learning to Write. Harlestn: Bibliolife Lie 2009. S. 107

5 Ebd. S. 108

6 Frahm, Ole. Die Geneologie des Holocaust Art Spiegelmans. Mtinchen: Wilhelm Fink Verlag 2006. S.25.

7 Vgl. Spiegelman. Art. Maus - Die Geschichte eines Uberlebenden. Fischer 2008. S.215.

8 Vgl. McCloud. Scott. Comics Richtig Lesen. Hamburg: Carlsen Comics 2006. S. 110.

9 Leibfried. 1982. S.22.

10 Vgl. http://www.leselupe.de/blog/2005/05/05/Maus/(zugegriffen am 16.03.2017)

11 Vgl. McCloud. 2006. S.110.

12 Vgl. Leibfried. 1982. S.22.

13 Vgl. Spiegelman. 2008. S.238.

14 Vgl. McGlothlin., Erin. No Time Like The Present: Narratiwe and Time inArt Spiegelman's Maus. 2003. S.185.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Holocaust-Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman. Eine Fabel?
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V584684
ISBN (eBook)
9783346162236
ISBN (Buch)
9783346162243
Sprache
Deutsch
Schlagworte
überlebenden, eine, fabel, geschichte, holocaust-comic, maus, spiegelman
Arbeit zitieren
Sabine Har (Autor), 2017, Der Holocaust-Comic "Maus. Die Geschichte eines Überlebenden" von Art Spiegelman. Eine Fabel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584684

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