"Waldeinsamkeit". Die Funktion des Waldes bei Ludwig Tieck


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ludwig Tieck – Ein Autor zwischen verschiedenen Epochen
2.1 Die frühen Werke Tiecks und die Romantik
2.2 Das Spätwerk Tiecks und der Realismus

3. Der Wald in Der blonde Eckbert
3.1 Der Wald als Ort der Flucht und als Gegenwelt
3.2 Der Wald als transitorischer Ort und als Einsamkeit

4. Der Wald in Waldeinsamkeit
4.1 Das Sehnen nach dem Wald und der Einsamkeit
4.2 Der Wald als transitorischer Ort und als Gefängnis

5. Vergleich der Wälder bei Der Blonde Eckbert und Waldeinsamkeit

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Motiv des Waldes ist seit Jahrhunderten in der Literatur und den Künsten im Allgemeinen vorzufinden. Dabei ist das Motiv des Waldes in seiner Geschichte schon auf sehr vielfältige Art und Weise eingesetzt worden. Die Entstehung des Motivs lässt sich dabei bis in die Antike zurückverfolgen, in der der Wald als locus amoenus1 – der liebliche Ort – dargestellt wird. In dieser Darstellung lässt sich der Beginn des Waldmotivs feststellen. Neben dem locus amoenus gibt es auch den entgegengesetzten Topos – den locus terribilis2. In beiden Topois wird zudem eine Abkehr von der Gesellschaft thematisiert.

Betrachtet man die Darstellung des Waldes in Artusromanen des Mittelalters, so ist der Naturraum ein Entwicklungsort für Helden, die dort ihre Aventüren bewältigen müssen. Weiterhin wird im 13. Jahrhundert der Begriff der ‚Wildnis‘ immer mehr zum Gegenbegriff für das Weltliche3. Aus diesem Grund konnte der Wald in dieser Zeit in der Literatur immer häufiger auch als „Flucht-, Weltflucht- und Selbstfindungs[raum]“4 eingesetzt werden. Ebenfalls wurde durch das Nibelungenlied der Wald als Heimatsort von märchenhaften und fantastischen Wesen eingeführt. Durch die immer wiederkehrende Verwendung hat der Wald sich schließlich zu einem überzeitlichen und vielfältigen Motiv der Weltliteratur entwickelt. In der frühen Neuzeit wurde das Wald-Motiv schließlich immer häufiger aufgegriffen. Besonders in der Romantik wurde es endgültig etabliert und zudem weiterhin unterschiedlich aufgeladen.

Ein Autor, der sowohl die Romantik, als auch das Wald-Motiv entscheidend geprägt hat, ist Ludwig Tieck. Aus diesem Grund wurden für die Untersuchungen in dieser Arbeit zwei Werke aus seinem Œuvre ausgewählt. Tieck gilt als ein sehr ambivalenter Autor, dessen Schaffen schwer nur einer einzigen Epoche zuzuordnen ist. Zur Untersuchung des Waldes bei Tieck wurden deshalb zwei Werke ausgesucht, die mit einem gewissen zeitlichen Abstand verfasst wurden, um zu analysieren, ob diese zeitliche Distanz Auswirkungen auf die Darstellung und die Funktion des Waldes haben. Konkret handelt es sich bei den zu analysierenden Gegenständen um das Kunstmärchen Der blonde Eckbert und die Novelle Waldeinsamkeit.

Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit dem Autor Ludwig Tieck. Dabei ist dieses Kapitel in zwei Teile untergliedert. Der erste Abschnitt befasst sich mit Tiecks frühen Werken und deren Einordnung und Rolle innerhalb der Romantik. Der zweite Abschnitt beschreibt das Spätwerk Tiecks und diskutiert eine mögliche Beeinflussung durch die am Ende seines Lebens aufkommende Epoche des Realismus. Diese Einteilung ist bewusst binär, da Der blonde Eckbert zu Tiecks frühesten Werken zählt, während Waldeinsamkeit seine letzte Novelle ist und somit seinem Spätwerk zuzurechnen ist. Auf diese Weise wird versucht, mit der Grundlage dieser beiden exemplarischen Texte, Tiecks literaturgeschichtliche Einordnung zu argumentieren.

Auf diesen ersten Teil der Arbeit folgen zwei Analysekapitel, die sich konkret mit der Darstellung und Funktion des Waldes in beiden Werken beschäftigen. Im ersten dieser beiden Kapitel steht Der blonde Eckbert im Fokus der Analyse. Dabei wird der Wald zuerst unter den Aspekten ‚Ort der Flucht‘ und damit verbunden, auch als ‚Gegenwelt‘ untersucht. Danach steht die Funktion als transitorischer Ort, sowie der Wald als Einsamkeit im Fokus. Das zweite der beiden Analysekapitel widmet sich der Novelle Waldeinsamkeit. An dieser Stelle wird das Sehnen nach dem Wald und der Einsamkeit, gefolgt von dem Wald als transitorischer Ort und als Gefängnis analysiert. Die Ergebnisse dieser beiden Analysekapitel werden im darauffolgenden Vergleichskapitel miteinander auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht. Des Weiteren werden, anhand des Vergleichs der Darstellung und Funktion des Waldes, die Entwicklungen der Protagonisten gegenübergestellt, um auf diese Weise die Wirkungen des Waldes auf sie zu vergleichen. Die Ausformulierung der Ergebnisse und ein Rückbezug auf den Autor Ludwig Tieck bilden, in Form eines Fazits, den Abschluss der Arbeit.

2. Ludwig Tieck – Ein Autor zwischen verschiedenen Epochen

2.1 Die frühen Werke Tiecks und die Romantik

In der Geschichte der Literatur wird die Romantik als Epoche in zwei zeitliche Abschnitte unterteilt. Die Zeitspanne der literarischen Romantik wird dabei grundsätzlich von 1798-1835 angegeben.5 Variationen dieser Angabe weichen nicht mehr als fünf Jahre vom bezeichneten Zeitraum ab. Auch wenn bei den exakten Jahreszahlen keine Einigkeit in der Forschung herrscht, so gibt es einen Konsens bei der Unterteilung der Romantik in zwei verschiedene Abschnitte. Die aus dieser Aufspaltung entstehenden unterschiedlichen Teile, werden als Frühromantik und Spät- beziehungsweise Hochromantik bezeichnet. Der Beginn der Frühromantik wird dabei auf das Jahr 1798 datiert. Zu den berühmtesten Vertretern dieses Abschnitts sind Wackenroder, Novalis (Hardenberg) und die Gebrüder Schlegel zu zählen. Der Abschnitt der Spätromantik wird dabei auf 18056 datiert und zählt zu seinen prominentesten Vertretern Arnim, Eichendorf und Brentano. Ludwig Tieck ist ebenfalls ein sehr berühmter Romantiker, allerdings ist er zudem einer der wenigen Autoren, dessen Schaffen beider der genannten Epochenabschnitte zugeordnet werden kann.

Dabei zeigen sich die frühen Werke von Tieck im weiteren Verlauf der Literaturgeschichte als besonders einflussreich, da sie einige frühromantische Topoi einführen, die selbst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch häufig verwendet werden.7 Diese Verwendung von romantischen Elementen zeigt sich besonders, wenn es sich um die Darstellung von Wald in Erzähltexten handelt. Wie Klimek feststellt, hat, nach dem „Spatial Turn“ in der Literaturwissenschaft der 1980er Jahre, die Erforschung der literarischen Topographie von „Storyworlds“8 eine immer prominentere Rolle eingenommen.9 Diese Forschung führte zu den Erkenntnissen, „dass Raumdarstellung in der Literatur nicht bloß ornamentalen Charakter“ haben muss und „dass Räume nicht nur als Schauplätze fungieren“10. Die Naturdarstellung der Romantik bildet in diesem Zusammenhang einen ergiebigen Untersuchungsgegenstand. Der Naturdarstellung kommt besonders in dieser Epoche eine zunehmende „Funktionalisierung und Semantisierung“11 zu. Aus dem großen Feld der Naturdarstellung sticht dabei besonders die Darstellung des Waldes hervor. Dieser wird von Ludwig Tieck bereits in seinen frühen Kunstmärchen als ‚un-heim-licher‘ Naturraum, als Gegenwelt zum ‚Wohn-Raum‘ der Städte und Dörfer semantisiert“12. Klimek führt weiter aus:

Dabei erfüllt er nicht selten die interne Funktion eines für das erzählte Subjekt transitorischen Ortes, d.h. eines Ortes des Durchgangs und des Übergangs, eines Chaos-Raums, in dem eingeschleifte psychische Routinen aufgebrochen und vorübergehende Ausnahme-Erfahrungen gemacht werden, die zu einer tiefgreifenden Veränderung der dem Wald ausgesetzten Figur führen.13

Bei den genannten Kunstmärchen von Tieck handelt es sich um Der Runenberg von 1804 und Der blonde Eckbert von 1797. Das frühromantische Naturverständnis ist besonders in der Darstellung des Waldes in Der Runenberg zu erkennen. In diesem Kunstmärchen ist der Wald sehr wild und sorgt durch diese ungewohnte Andersheit für ein Gefühl von Faszination, aber auch gleichzeitiger Bedrohung bei dem Protagonisten. Ursprünglich wurde der Topos des bedrohlichen Waldes aber bereits 1797 in Der blonde Eckbert eingeführt. Aus diesem Text stammt auch Tiecks Neologismus „Waldeinsamkeit“, weshalb er auch als „der eigentliche ‚Urtext‘ frühromantisch-bedrohlicher Waldeinsamkeit“14 angesehen werden kann. Der Begriff „Waldeinsamkeit“ hielt nach der Veröffentlichung des Kunstmärchens vermehrt Einzug in die deutsche Literatur, so beispielsweise auch in dem bekannten gleichnamigen Gedicht von Heinrich Heine aus dem Jahr 185115. Auch wenn dieser Begriff nicht immer mit dem Aspekt des Bedrohlichen verbunden wurde, so hat Tieck es doch geschafft, durch die Funktion des Waldes in Der blonde Eckbert einen Topos zu erschaffen, der charakteristisch für die (Früh-)Romantik ist.

2.2 Das Spätwerk Tiecks und der Realismus

Ludwig Tieck zeigt sich als ein sehr abwechslungsreicher Schriftsteller, der schwer in nur einer literaturwissenschaftlichen Epoche zu verorten ist. Dies mag mitunter auch damit zusammenhängen, dass während seines Lebens unterschiedliche literarische Traditionen vorherrschten. Der Versuch diese Traditionen und Denkweisen in Form von Epochenbezeichnungen voneinander abzugrenzen, fordert allerdings den Tribut, dass sich die daraus gewonnenen Epochen zeitlich überschneiden. Besonders der aufkommende Zeitgeist des Realismus hat Tieck in seinen späten Jahren beeinflusst. Die in den 1820er und 1830er Jahren erschienen Werke von Tieck können nach Hillenbrand „als Versuch einer Selbstbestimmung zwischen der eigenen romantischen Vergangenheit und einer unromantisch gewordenen Gegenwart“16 verstanden werden. Besonders kann dieser Versuch der Selbstbestimmung bei Tiecks letzter Novelle Waldeinsamkeit nachvollzogen werden. Sie ist 1840 erschienen und somit später, als eine zeitliche Einordnung zur Romantik nahelegt. Der Zeitpunkt macht eine Zuordnung zum Realismus wahrscheinlicher, der von 1840 bis 1897 angesetzt wird.17 In der Forschung wird das Spätwerk von Tieck als Fortführung und Erfüllung der Romantik, oder aber als Abwendung von der Romantik und Beginn des Biedermeiers bezeichnet.18 Es gibt aber auch eine mittlere Position, die für eine Einordnung zur Romantik plädiert, diese aber als gewandelt betrachtet.19 Die Diskussion der richtigen Einordnung von Tiecks Spätwerk hängt sicherlich maßgeblich mit der Frage zusammen, wie man Romantik im Einzelnen definiert und inwieweit man realistische Aspekte in diesem Konzept berücksichtigt und akzeptiert. Die Novelle Waldeinsamkeit zeigt bereits durch die Wahl des Titels einen intertextuellen Selbstbezug. Am Anfang des Texts geht es nicht um die Darstellung eines Waldes, sondern um den Neologismus, den Tieck in Der blonde Eckbert 1797 selber geschaffen hat. Tieck greift den von ihm selber im Jahr 1797 geprägten Neologismus „Waldeinsamkeit“ in seiner Novelle auf, der allerdings im Jahr 1840 als nicht mehr neu empfunden wird. Dieser Werdegang des Begriffs wird innerhalb des Texts gespiegelt als der Baron anmerkt, es sei sonderbar, „daß ein vor Jahren unerhörter Ausdruck, der sein poetisches Gewand nicht ablegen kann, ebenso in das alltägliche Geschäftswesen übergegangen ist“20. Weiterhin wird der Neologismus konkret als Anlass genutzt, um das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart zu thematisieren. Dabei wird der autobiographische Verweis zu Tieck selber sehr deutlich, da er sich in der Binnenerzählung als „Dichter“ des Märchens „Der blonde Eckbert“ (N S. 858), aus welchem schließlich der Ausdruck ‚Waldeinsamkeit‘ stammt, selbst erscheinen lässt und dabei seine Freunde um „Wackenroder“ (N S. 859) beim Namen nennt.21 Hillenbrand bemerkt zu dieser Thematisierung der Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart:

Wenn nun „jenes jugendliche Märchen“ zugleich „eins der frühesten oder wohl das älteste jenes Autors“ (N S. 858) genannt wird, dann zeigt sich schon eine merkwürdige Doppeldeutigkeit der Zeit: Das Alte ist nämlich als das Frühere eigentlich das Junge, während das Neuere und Spätere zum Alten oder gar Veralteten wird.22

In dieser Beschreibung zeigt sich somit Tiecks Selbstbestimmung zwischen romantischer Vergangenheit und der immer ‚realistischer‘ werdenden Gegenwart. Die Funktion des Waldes in Der blonde Eckbert sorgte somit für einen Waldeinsamkeits-Topos, der prägend für die Romantik war. Aus dieser Begebenheit erhielt das „unerhörte“ Wort „Waldeinsamkeit“ immer größere Bedeutung und war schon bald fest als normaler Ausdruck in der deutschen Sprache verankert.

Diese Entwicklung nutzt Tieck schließlich im Jahr 1840 und verwendet den Begriff in seiner Novelle Waldeinsamkeit, um auf diese Weise über romantische Werte in einer neuen Zeit nachzudenken, sich selber in der Literaturgeschichte zu verorten und seine Meinung über den aktuellen Zeitgeist zu äußern.

3. Der Wald in Der blonde Eckbert

3.1 Der Wald als Ort der Flucht und als Gegenwelt

Wie bereits festgestellt stammt der Begriff, sowie der romantische Topos der „Waldeinsamkeit“, aus Der blonde Eckbert. Ausgehend von dieser Beobachtung zeigt sich, dass der Wald in diesem Kunstmärchen mehrere Funktionen erfüllt. Im ersten Satz wird die Geschichte im Harz lokalisiert. Dies bedeutet, dass der Wald in diesem Text eng mit der Topographie eines Gebirges verknüpft ist.23 Dies eröffnet eine Parallele zu einem weiteren berühmten Kunstmärchen von Tieck. In Der Runenberg ist ebenfalls ein Wald vorhanden, welcher mit Elementen des Gebirges verknüpft wird. Analog dazu zeigt sich sowohl in Der blonde Eckbert, als auch in Der Runenberg, dass Figuren durch, beziehungsweise in, einen Wald flüchten und dabei große Angst verspüren. Tieck verknüpft in beiden Kunstmärchen den Wald mit dem Motiv der Flucht. Von dieser berichtet Bertha in Der blonde Eckbert innerhalb ihrer Binnenerzählung, welche einen großen Teil des Textes einnimmt. Sie beschreibt dabei den Grund für ihre Flucht als „Verzweiflung“24, da sie ein „ungeschicktes“ Mädchen ist, „weil [ihr] der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte“ (K S. 5, V. 20f), weshalb sie von ihrem Vater „auf die grausamste Art“ (K S. 5, V. 31f) gezüchtigt wurde. Deshalb beschließt sie zu fliehen und ist nachdem sie aus der Tür tritt „bald darauf […] in einem Walde“ (K S. 6, V. 11). Während der ersten Etappe ihrer Flucht, wird sie von der Furcht vor weiteren Züchtigungen angetrieben. Diese schlägt jedoch bald in Angst um, als sie aus dem Wald heraustritt und die Vermutung sie überkommt, dass sie in einem „benachbarten Gebirge“ (K S. 6, V. 22) zu sein scheint. Sie setzt ihren Weg jedoch, weiterhin von ihrer Angst getrieben, fort. Dass der Wald für sie eine Gegenwelt zu ihrem Leben bei den Eltern und in der Gesellschaft allgemein darstellt, zeigt sich in der Folge sehr deutlich. Bertha „kam durch mehrere Dörfer und bettelte“ (K S. 7, V. 1), allerdings entschließt sie sich nicht dort zu verweilen, noch nicht einmal dort zu übernachten. Sie entscheidet sich dafür „des Nachts immer im Walde“ zu schlafen „oder in abgelegenen Schäferhütten“ (K S.7, V. 10f). Auch wenn sie diese Entscheidung am Anfang ihrer Reise noch bewusst trifft, gerät sie danach in eine Situation, in der sie nicht mehr die Wahl hat, da erst „die Felsen immer […] furchtbarer“ (K. S. 7, V. 15) wurden und dann der Weg sogar komplett endet. An dieser Stelle befindet sich Bertha in einer „Wildnis“ (K S. 7, V. 14), in der sie keinen Menschen mehr antrifft und in der sie „trostlos“ (K S. 7, V. 18) ist und so viel Angst hat, dass sie nicht schlafen kann.

Bertha fühlt sich in ihrer gewählten Gegenwelt nicht mehr wohl, sie klettert einen Felsen hinauf und ist voller Hoffnung endlich einen „Ausgang aus der Wildnis zu entdecken“ (K S. 7, V. 28). An dieser Stelle zeigt sich, dass die Darstellung des Waldes mit Berthas emotionalem Innenleben korreliert. Sie versucht vom oberen Punkt des Felsens etwas zu erblicken, dies ist ihr allerdings nicht möglich, da ein dichter Nebel die Sicht versperrt. Durch ihr eingeengtes Sichtfeld fühlt sie sich sehr einsam und durch ihre negativen Emotionen wird sie so stark beeinflusst, dass sie „beschloss zu sterben“ (K S. 8, V. 6). Unter Tränen setzt sie ihren Weg jedoch fort und als die „Gegend umher etwas freundlicher“ (K S. 8, V. 13) wird, verändern sich auch ihre Emotionen schlagartig. Nur durch die Veränderung der Umgebung um sie herum, wandeln sich ihre Gefühle zum Positiven und sie erhält ihre Lust am Leben zurück. Diese Verknüpfung zwischen Umgebung und Gefühlswelt wird kurz darauf noch weiter gesteigert: Bertha sieht „Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen“ (K S. 8, V. 19f), was sie dazu bewegt ihre vorherige Situation mit der „Hölle“ zu vergleichen und den Anblick des Waldes mit dem „Paradies“ (K S. 8 Z. 21).

In dieser positiven Stimmung trifft Bertha am Rand des Waldes auf die alte Frau. Nachdem die Frau ihr etwas zu essen gibt, folgt Bertha ihr durch „einen ziemlich langen Wald“ (K S. 9, Z. 11). Als sie mit der alten Frau aus dem Wald heraustritt, wird dessen Umdeutung vom Negativen zum Positiven am deutlichsten:

Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies […]. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. (K S. 9, Z. 11-22)

In dieser typisch romantischen Naturbeschreibung werden der Wald und seine Umgebung erneut mit dem Paradies verglichen. Durch diese Beschreibung wird der Wald an dieser Stelle als locus amoenus charakterisiert. Überdies wird ihm auch noch eine metaphysische Komponente zugeschrieben, da die junge Bertha, nur durch die Beobachtung des Waldes, in der Lage ist, etwas über die Welt zu erfahren. Nach dieser besonderen Erfahrung folgt Bertha der Alten zu ihrer Hütte und hört dort auch zum ersten Mal das Lied des Vogels, welches den einflussreichen Neologismus beinhaltet: „Waldeinsamkeit / Die mich erfreut, / So morgen wie heut / In ew’ger Zeit / O wie mich freut / Waldeinsamkeit“ (K S. 10, Z. 1-6).

[...]


1 Zur Entstehung des Topos vgl. Garber, Klaus: Der locus amoenus und der locus terribilis. Bild und Funktion der Natur in der deutschen Schäfer- und Landlebendichtung des 17. Jahrhunderts, Böhlau Verlag, Wien 1974, S. 214-217.

2 Der locus terriblis zeichnet sich durch eine gefährliche, stille und unheimlich-dunkle Atmosphäre aus. Vgl. Garber: Der locus amoenus und der locus terribilis, S. 240-264.

3 Vgl. Schmid-Cadalbert, Christian: Der wilde Wald. Zur Darstellung und Funktion eines Raumes in der mittelhochdeutschen Literatur, in: Gotes und der werlde hulde. Literatur in Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Heinz Rupp zum 70. Geburtstag. Hrsg: Rüdiger Schnell, Francke Verlag, Bern 1989, S. 24-27.

4 Ebd. S. 31.

5 Vgl. Rothmann, Kurt: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, Reclam, Stuttgart 1981, S. 135.

6 Vgl. Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, S. 143.

7 Vgl. Klimek, Sonja: Waldeinsamkeit – Literarische Landschaft als transitorischer Ort bei Tieck, Stifter, Storm und Raabe, in: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Hrsg: Andreas Blödorn, Madleen Podewski, Band 53, Heft 1, De Gruyter, Berlin 2012, S. 99.

8 Vgl. Nünnig, Ansgar: Welten – Weltbilder – Weisen der Welterzeugung. Zum Wissen der Literatur und zur Aufgabe der Literaturwissenschaft, in: Germanisch-Romanische Monatsschrift. Hrsg: Renate Stauf, Cord-Friedrich Berghahn, Bernhard Huss, Ansgar Nünnig, Peter Strohschneider, Band 59, Winter Verlag, Heidelberg 2009, S. 65-80.

9 Vgl. Klimek, Sonja: Waldeinsamkeit, S. 99.

10 Vgl. Nünnig, Ansgar: Formen und Funktionen literarischer Raumdarstellung. Grundlagen, Ansätze, narratologische Kategorien und neue Perspektiven, in: Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaft und der Spatial Turn. Hrsg: Wolfgang Hallet, Birgit Neumann, Transcript, Bielefeld 2009, S. 33-52.

11 Ebd. S. 46.

12 Klimek: Waldeinsamkeit, S. 100.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 102.

15 Ebd. S. 99.

16 Hillenbrand, Rainer: Realistische Romantik in Tiecks letzter Novelle Waldeinsamkeit, in: Realism and Romanticism in German Literature. Hrsg: Dirk Göttsche, Nicholas Saul, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013, S. 34.

17 Vgl. Rothmann: Kleine Geschichte der deutschen Literatur, S. 176.

18 Vgl. Hillenbrand: Realistische Romantik in Tiecks letzter Novelle Waldeinsamkeit, S. 33.

19 Vgl. Ebd.

20 Tieck, Ludwig: Schriften 1836-1852, in: Ludwig Tieck Schriften in zwölf Bänden. Hrsg: Uwe Schweikert, Band 12, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main 1986, S. 858. Zitate aus der Novelle werden im Folgenden mit der Sigle >N< und mit Seitenangaben im Fließtext versehen.

21 Vgl. Hillenbrand: Realistische Romantik in Tiecks letzter Novelle Waldeinsamkeit, S. 34.

22 Hillenbrand: Realistische Romantik in Tiecks letzter Novelle Waldeinsamkeit, S. 34.

23 Vgl. Klimek: Waldeinsamkeit, S. 102.

24 Tieck, Ludwig: Der blonde Eckbert, Reclam, Stuttgart 2017, S. 6. Zitate aus dem Kunstmärchen werden im Folgenden mit der Sigle >K< und mit Seiten- und Versangaben im Fließtext versehen.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Waldeinsamkeit". Die Funktion des Waldes bei Ludwig Tieck
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Lehrstuhl Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar "Der Wald als literarisches Motiv"
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V584904
ISBN (eBook)
9783346163004
ISBN (Buch)
9783346163011
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wald, Waldeinsamkeit, Ludwig Tieck, Tieck, Funktion des Waldes, Wald als literarisches Motiv, Der blonde Eckbert, Der Runenberg
Arbeit zitieren
Karsten Klein (Autor), 2020, "Waldeinsamkeit". Die Funktion des Waldes bei Ludwig Tieck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/584904

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