Als 1949 in kurzer zeitlicher Abfolge zwei deutsche Staaten gegründet worden waren, ahnte man im Ausland kaum, dass der zweite - die DDR - immerhin vierzig Jahre lang existieren würde. So stellte sich auch für Frankreich die Frage, wie man dem neuen Staat, der im Einflussbereich der UdSSR geschaffen worden war, begegnen sollte. Erst allmählich entstanden Kontakte, die dann zu wirklichen Beziehungen zwischen beiden Staaten führten. Die vorliegende Arbeit untersucht die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR zwischen 1949 und 1989. Besonderer Fokus liegt dabei stets auf der Frage, welches Bild Politik und Öffentlichkeit in der jeweiligen Zeit von den Beziehungen hatten und inwieweit diese Sicht aus historischer Perpektive gerechtfertigt war. Wie wurde das Verhältnis zwischen Frankreich und der DDR bewertet, und klafft eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit? Diese Frage soll mit Hilfe einer Darstellung der wichtigsten Ereignisse der politischen Geschichte beantwortet werden. Im ersten Teil der Arbeit werden dazu die bilateralen Beziehungen aus der Perspektive der DDR untersucht. Zunächst sollen wichtige Schlüsselereignisse herausgearbeitet werden, die aus DDR-Sicht die Beziehungen zu Frankreich beeinflussten. Im Anschluss werden die besonderen Bemühungen der DDR um die offizielle Anerkennung durch Frankreich beleuchtet: wo lagen die Motive und welchen Effekt zog die Frankreichpolitik nach sich? Danach werden die Absichten der beiden Staaten für die gemeinsamen Beziehungen hinterfragt: waren eher wirtschaftliche oder politische Gründe der Antrieb, die Kontakte ausbauen zu wollen? Im folgenden Abschnitt wird untersucht, wie die DDR auf politischer Bühne mit Frankreich umging: welche Ereignisse haben das Verhältnis positiv oder negativ beeinflusst, und welchen Eindruck hatte man in Ostberlin vom Stand der Beziehungen zu Paris? Darauf folgt eine kurze Darstellung des Frankreichbildes in der DDR-Presse. Das Kapitel schließt mit der Beantwortung der Frage, wie viel persönlichen Austausch zwischen beiden Staaten man von Seiten der DDR aus wirklich akzeptieren wollte. Der zweite (und kürzere) Teil der Arbeit beschreibt die Ambitionen Frankreichs, eine enge Bindung an die DDR zu suchen. Zunächst werden wieder wichtige Stationen charakterisiert, verbunden mit der Frage, wie bestimmte Ereignisse in Frankreich wahrgenommen wurden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die DDR sucht nach Nähe zu Frankreich
2.1 Frankreichpolitik der DDR – ein Abriss
2.2 Bemühungen um die offizielle Anerkennung
2.3 Wirtschaft oder politischer Konsens? Erwartungen an die Beziehungen
2.4 Sympathien für den Klassenfeind? Umgang der DDR mit Frankreich
2.5 Das Bild Frankreichs in der DDR-Presse
2.6 Wie viel Austausch sollte es geben?
3. Frankreichs Interesse am „anderen“ Deutschland
3.1 Der wechselvolle Charakter der Beziehungen zur DDR
3.2 Anziehungskraft der Antifaschismus-Ideologie
3.3 Die öffentliche Meinung in Frankreich über die DDR
3.4 Einfluss der BRD
4. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR im Zeitraum von 1949 bis 1989. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie Politik und Öffentlichkeit in beiden Staaten das jeweilige Gegenüber wahrnahmen, inwieweit diese Sichtweisen historisch begründet waren und welche Diskrepanzen zwischen Wahrnehmung und politischer Wirklichkeit bestanden.
- Analyse der DDR-Außenpolitik und deren Streben nach internationaler Legitimation durch Frankreich.
- Untersuchung der französischen Interessen an der DDR im Kontext des Bündnissystems mit der Bundesrepublik.
- Evaluation des Einflusses der Antifaschismus-Ideologie auf die diplomatischen Beziehungen.
- Betrachtung der Rolle der DDR-Presse und des Korrespondentenwesens bei der Vermittlung eines DDR-Bildes in Frankreich.
- Reflektion über die sozialen Austauschmöglichkeiten und die Rezeption des „anderen“ Deutschlands in der französischen Öffentlichkeit.
Auszug aus dem Buch
2.4 Sympathien für den Klassenfeind? Umgang der DDR mit Frankreich
So unterschiedlich wie die politischen Systeme in der DDR und in Frankreich waren, so unterschiedlich begegneten sich die beiden Staaten auch auf internationaler Ebene. Zu Beginn der 50er Jahre warnten führende DDR-Politiker oft in sehr aggressiven Reden die französische Regierung davor, sich zu sehr an den Westen zu binden und die Wiederaufrüstung der BRD zu unterstützen. 1953 und 1954 wandte sich Walter Ulbricht an die französische Nationalversammlung und warnte davor, dass die BRD auf dem Wege sei, sich wiederzubewaffnen und damit eine neue kriegerische Auseinandersetzung anstrebe. Auch Wilhelm Pieck zeichnete gegenüber Frankreich das Bild einer sich remilitarisierenden Bundesrepublik, die als Bedrohung gelten müsse. Frankreich ging jedoch auf keine dieser Tiraden gegen den Westen ein, die Bindung an und das Vertrauen in die Bundesrepublik konnten durch die DDR nicht erschüttert werden.
Ebenso unterstrich die DDR gegenüber Frankreich sehr deutlich, dass sie sich als ein neues Deutschland verstehe, das nicht als Nachfolger des Dritten Reiches gelten könne. Westdeutschland sei ihrer Meinung der rechtliche und ideologische Nachfolger des NS-Staates und damit quasi „Erbfeind“ Frankreichs. Dieser historische Feind sei nun auf dem Wege, sich wiederzubewaffnen und stelle damit eine potentielle Gefahr für Frankreich dar. Die DDR legte Frankreich gleichzeitig die Folgerung nahe, die sich daraus ergeben musste: Der zweite deutsche Staat war der einzige für Frankreich akzeptable Partner, wollte die Pariser Regierung langfristig Frieden zwischen Deutschen und Franzosen sichern. Dieser Argumentation konnte in offiziellen politischen Kreisen in Paris jedoch niemand folgen; spätestens seit Ende der 50er Jahre war man sich sicher, in der BRD einen verlässlichen Partner gefunden zu haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur Wahrnehmung der deutsch-französischen Beziehungen zwischen 1949 und 1989 vor und erläutert den methodischen Fokus auf der DDR-Perspektive sowie den Ambitionen Frankreichs.
2. Die DDR sucht nach Nähe zu Frankreich: Dieses Kapitel analysiert die Bemühungen der DDR um diplomatische Anerkennung, die Rolle von Wirtschaftsinteressen gegenüber ideologischem Dialog und den Umgang mit dem westlichen Partner Frankreich.
2.1 Frankreichpolitik der DDR – ein Abriss: Ein historischer Abriss zeigt die Abhängigkeit der DDR-Außenpolitik von der UdSSR und die schrittweise Entwicklung diplomatischer Kontakte zu Frankreich.
2.2 Bemühungen um die offizielle Anerkennung: Hier wird der Fokus der DDR-Außenpolitik auf die formale Anerkennung als Mittel zur Souveränitätssicherung beschrieben, die 1973 ihr Ziel erreichte.
2.3 Wirtschaft oder politischer Konsens? Erwartungen an die Beziehungen: Das Kapitel kontrastiert das französische Interesse an Handelsbeziehungen mit dem ostberliner Fokus auf politischer Anerkennung und ideologischem Dialog.
2.4 Sympathien für den Klassenfeind? Umgang der DDR mit Frankreich: Diese Analyse beleuchtet die ideologische Gratwanderung der DDR im Umgang mit einem kapitalistischen Partnerstaat.
2.5 Das Bild Frankreichs in der DDR-Presse: Hier wird die einseitige, von Ideologie geprägte Berichterstattung durch den Korrespondenten Gerhard Leo und deren Wirkung in der DDR untersucht.
2.6 Wie viel Austausch sollte es geben?: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen offiziellen Bekundungen zum Austausch und der tatsächlichen Abschottung durch die DDR-Führung.
3. Frankreichs Interesse am „anderen“ Deutschland: Dieses Kapitel beschreibt die französische Haltung zur DDR im Kontext der Bindungen an die Bundesrepublik.
3.1 Der wechselvolle Charakter der Beziehungen zur DDR: Hier wird die französische Skepsis gegenüber der DDR und die Priorisierung des Verhältnisses zur BRD dargelegt.
3.2 Anziehungskraft der Antifaschismus-Ideologie: Dieses Kapitel zeigt auf, wie das antifaschistische Selbstverständnis der DDR als Instrument zur Identitätsstiftung und Annäherung an französische Linke diente.
3.3 Die öffentliche Meinung in Frankreich über die DDR: Eine Analyse der französischen Wahrnehmung, die von Desinteresse und Vorurteilen bis hin zur ideologischen Färbung durch Intellektuelle reichte.
3.4 Einfluss der BRD: Dieses Kapitel erörtert, wie Frankreich die DDR-Beziehungen instrumentalisierte, um Vorteile gegenüber der Bundesrepublik zu wahren.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Asymmetrie und die zweckorientierte Natur der Beziehungen zwischen beiden Staaten.
Schlüsselwörter
DDR, Frankreich, Außenpolitik, Diplomatie, Anerkennungspolitik, Antifaschismus, deutsch-französische Beziehungen, SED, Bundesrepublik Deutschland, Ost-West-Integration, ideologische Konfrontation, bilaterale Beziehungen, Zeitgeschichte, Presseberichterstattung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR in den Jahren 1949 bis 1989 unter besonderer Berücksichtigung der Wahrnehmung der Akteure.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Anerkennungspolitik der DDR, die französische Haltung gegenüber dem „anderen Deutschland“ und die ideologische Instrumentalisierung der bilateralen Kontakte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, wie das Verhältnis bewertet wurde und ob eine Diskrepanz zwischen der gegenseitigen Wahrnehmung und der historischen Wirklichkeit bestand.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-politologische Untersuchung, die auf der Analyse von Sekundärliteratur und zeitgenössischen Dokumenten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die bilateralen Beziehungen aus DDR-Sicht (Einführung, Anerkennung, Wirtschaft) sowie Frankreichs Perspektive (Interessen, antifaschistisches Selbstverständnis, Rolle der BRD).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind DDR, Frankreich, Diplomatie, Anerkennungspolitik, Antifaschismus und bilaterale Beziehungen.
Warum lehnte Frankreich die Anerkennung der DDR über einen langen Zeitraum ab?
Frankreich betrachtete die DDR lange als künstliches Gebilde und priorisierte die Stabilität seiner Bündnisbeziehungen zur Bundesrepublik Deutschland.
Welche Rolle spielte der Korrespondent Gerhard Leo für das Frankreichbild der DDR?
Gerhard Leo prägte als offizieller Korrespondent des Neuen Deutschland das Bild Frankreichs in der DDR, wobei er stark ideologisch geprägte Ansichten vertrat und wenig realistische Einblicke lieferte.
- Quote paper
- Christian Schulze (Author), 2005, Die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR. Wahrnehmung und Wirklichkeit auf beiden Seiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58500