Lebenskunst. Existenzwerdung durch die Erfahrung von Grenzsituationen bei Karl Jaspers

Ars Vivendi. Zur Lebenskunst in Religion und Philosophie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Persönlicher Lebensverdruss

II. Existenzverwirklichung durch Grenzsituationen bei Jaspers
2.1. Situationen allgemein
2.2. Grenzsituation und Gehäuse
2.3. Existenzwerdung aus der Erfahrung der Grenzsituation
2.5. Doppeltheit desWeltseins
2.6. Systematik der Grenzsituation

III. Erfahrung der Grenzsituation im Film Ikiru - Einmal wirklich Leben

IV. Resümee, Kritik und Ausblick
4.1. Resümee und Kritik
4.2. Ausblick und Lebensaufruf

Literaturverzeichnis

I. Persönlicher Lebensverdruss

“Oft ist das Leben ein Tod (…) und der Tod ein besseres Leben.“

(Lenz, Werke und Briefe in drei Bänden, S.293)

Plausible Gründe um dem Leben vorzeitig ein Ende zu setzen gibt es viele.

Es gibt Grenzsituationen, die Momente der Verzweiflung darstellen, in denen man keine große Lust und Kraft verspürt weiterzuleben. Situationen geprägt von Angst, Schuld, Krankheit und Tod brechen meist plötzlich über den Alltag herein. Hier stößt der Mensch an eine unveränderbare Grenze und verspürt oft keinen Sinn mehr im Weiterleben.

Doch die vorliegende Arbeit soll zum Weiterleben trotz der Erfahrungen mit Grenzsituation aufrufen. Die Argumentation dafür orientiert sich an den zweiten Band der Philosophie Karl Jaspers (1883-1969) mit dem Titel Existenzerhellung. Der deutsche Existenzphilosoph geht im dritten Hauptteil, Existenz als Unbedingtheit in Situation, Bewußtsein und Handlung, explizit auf das Phänomen der Grenzsituation ein. Denn nach Jaspers hat durch sie der Mensch die Möglichkeit sein Seinsbewusstsein zu erfahren und sich als existent wahrzunehmen.1 Jaspers beschreibt dies wie folgt: “Nur aus der Verzweiflung wird die Seinsgewißheit geschenkt. Unser Seinsbewußtsein hat den Charakter, daß nur ist, wer dem Tod ins Angesicht sah.“ [Ph II, S.227]

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden zuerst die Begriffe Situation und Grenzsituation nach Jaspers erläutert. Der Fokus ist anschließend auf das positive Potenzial der Grenzsituation gerichtet, wobei die einzelnen Schritte des Existenzwerdungsprozesses durch die Grenzsituation vorgestellt werden. In einem weiteren Punkt sind die Auswirkungen der Grenzsituation im Weltdasein beschrieben und Jaspers Systematik der verschiedenen Situationen im Leben erklärt. Abschließend wird Jaspers Philosophie der Grenzsituation anhand des Filmbeispiels Ikiru - Einmal wirklich leben (1952) des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa veranschaulicht. Das Beispiel unterstreicht das Resümee der vorliegenden Arbeit und appelliert an die Chance, welche die Grenzsituation mit sich bringt.

II. Existenzverwirklichung durch Grenzsituationen bei Jaspers

“Auf Grenzsituationen reagieren wir daher sinnvoll nicht durch Plan und Berechnung, um sie zu überwinden,

sondern durch eine ganz andere Aktivität, das Werden der in uns möglichen Existenz; wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituationen offenen Auges eintreten.“

(Jaspers, Philosophie II / Existenzerhellung, S.204)

2.1. Situationen allgemein

Jaspers geht wie viele andere Existenzphilosophen davon aus, dass das Ich nicht nur in der Welt lebt, sondern zugleich auch als Dasein 2 in einer jeweilig bestimmten Situation ist, in der es handeln kann. (vgl. Salamun, 1982) Das Leben ist somit eine Aufeinanderfolge von Situationen. Er spezifiziert die Situation als „[…] Lage der Dinge zueinander in raumtopographischer Anordnung“. [Ph II, S.201] Somit hat die Situation für ihn einen „räumlich-perspektivischen“ [Ph II, S. 201] Charakter. Dies meint meiner Interpretation zur Folge, dass sich dem Individuum in der Situation ein Möglichkeitsraum öffnet. Durch die Freiheit der Auswahl innerhalb seiner Möglichkeiten kann der Mensch schließlich seinen selbst gesetzten Lebensentwurf verwirklichen. Somit verspürt das Subjekt die Abfolge von Situationen als „konkrete Wirklichkeit“ [Ph II, S.202], die entweder vor- oder nachteilig sein kann. [vgl. Ph II]

Generell findet der Begriff der Situation seine Anwendung in unterschiedlichen Wissenschaften, wie beispielsweise der Biologie zur Erforschung von Tierverhalten hinsichtlich ihrer Anpassung in der Natur. Oder auch in der Volkswirtschaftslehre zur Ermittlung gewisser Gesetzmäßigkeiten bezüglich der Angebots - und Nachfrage Situation. [vgl. Ph II] Doch der Begriff der Situation gewinnt bei Jaspers an existenziell philosophischer Bedeutung. Er teilt sie in typische und absolut einmalige Situationen auf. Erstere beschreiben allgemeine, typische Situationen aus der besonderen Bestimmtheit3 des Daseins. Zweitere stellen Gegebenheiten im Leben dar, die erst im Nachhinein als einmalig empfunden werden, wenn sich das Individuum reflektierend bewusst wird, dass diese Situation nicht wieder kehren wird. Jaspers betont die Möglichkeit der „Verwandlung“ [Ph II, S.202] des Individuums durch die Situation. Denn zum Einen ändern sich Situationen, da sie vorüber gehen und zum Anderen kann das Subjekt neue Situationen künstlich herbeiführen. [vgl. Ph II]

2.2. Grenzsituation und Gehäuse

Grenzsituationen sind gemäß Jaspers weder vorhersehbar noch beeinflussbar. Es sind Situationen, wie Kampf, Leid, Schuld und Tod, die über das unreflektierte Dasein hineinbrechen und „die Ruhe eines positivistisch geschlossenen Weltbildes“ (Schüßler, 1995, S.59) zerstören. Hier gerät das Bewusstseinsverständnis des Menschen an seine Grenze und die Antinomie des Daseins macht sich bemerkbar. Jaspers beschreibt den widersprüchlichen und zerrissenen Zustand in der Grenzsituation wie folgt:

„Situationen wie die, daß ich immer in Situationen bin, daß ich nicht ohne Kampf und ohne Leid leben kann, daß ich unvermeidlich Schuld auf mich nehme, daß ich sterben muss […]. Sie wandeln sich nicht, sondern nur in ihrer Erscheinung; sie sind, auf unser Dasein bezogen, endgültig. Sie sind nicht überschaubar; in unserem Dasein sehen wir hinter ihnen nichts anderes mehr. Sie sind wie eine Wand, an die wir stoßen, an der wir scheitern. Sie sind durch uns nicht zu verändern, sondern nur zur Klarheit zu bringen, ohne sie aus einem anderen erklären und ableiten zu können. Sie sind mit dem Dasein selbst.“ [Ph II, S.203]

Folglich bleibt der Möglichkeitsraum der Entscheidungsfindung der Grenzsituation verschlossen. Das bloße Daseinsleben erfährt hier seine Grenze. Denn das Bewusstsein ist nur fähig die Grenzsituation als objektive Tatsache zu erfassen, nämlich dass das Dasein grundsätzlich geprägt ist von Grenzsituationen. Zwangsläufig müssen wir Leiden, Schuld auf uns nehmen und sterben. Da aber das Bewusstsein über diese Zustände die Lebensfreude im Dasein einschränkt, verdrängt das Individuum die Grenzsituation im Alltag. [vgl. Ph II]

Doch nach Jaspers muss die Grenzsituation als Chance interpretiert werden. Denn Grenze bedeutet auch, dass es noch etwas anderes gibt, das für den Verstand des Bewusstseins nicht begreifbar ist. (vgl. Latzel, 1957) Die „eigentliche Wirklichkeit“ (Latzel, 1957, S.174) erfährt das Individuum erst, wenn es das bloße Dasein und das Bewusstsein hinter sich lässt, die die Grenzsituationen nur als Wand wahrnehmen. Jaspers interpretiert „Grenzsituationen erfahren und Existieren [als] dasselbe.“ [Ph II, S.204] Denn die „Existenz4 als das Selbstsein […]“ (Burkhard, 1985, S.87) des Individuums ist nicht schon durch die biologische Tatsächlichkeit des Menschen gegeben, sondern es besteht lediglich die Möglichkeit sich seinem Sein bewusst zu werden durch die Überwindung des bloßen Daseinslebens. Die Chance muss das Individuum selbst wollen und fördern. Denn „[d]iese Wahl ist der Entschluß, im Dasein ich selbst zu sein.“ [Ph II, S.181] Jaspers meint damit wohl, dass das Individuum sich nicht zwischen zwei verschiedenen Zuständen - bloßes Dasein oder Existenz, entscheiden kann. Vielmehr stellt die Existenz einen ‚Werdenden‘ Prozess dar, der stets im Kampf mit dem Dasein steht. (vgl. Burkhard, 1985) Denn nach Jaspers hat der Mensch die Gabe, sich sowohl in seinem empirischen Dasein wahrzunehmen, als auch sich seines Ursprungs bewusst zu werden. [vgl. Ph II]

Demzufolge kann die Grenzsituation nicht als eine Unterkategorie der Situation gesehen werden, da sie jenseits des Bewusstseinsverständnisses liegt. Auch ist die Existenzwerdung weder empirisch beweisbar, da sie einen transzendenten5 Vorgang beschreibt, noch kann sie unter einem „Verstandesbegriff“ (Latzel, 1957, S.175) subsumiert werden. Vielmehr soll die Grenzsituation verdeutlichen, dass es Situationen gibt, die eine solche Tiefgründigkeit aufweisen, dass sie mittels Begriffe nicht vollständig zu erklären sind. „Die Tiefe, die in den Grenzsituationen schlummert, wird fühlbar wieder nur der Tiefe, die in mir selbst angelegt ist als die Möglichkeit, eigentlich ich selbst zu sein […].“ (Latzel, 1957, S.175)

Den Pol zur Grenzsituation bildet der Zustand des in seinem „ Gehäuse“ (Jaspers, 1971, S.305) lebenden Individuums. Unter Gehäuse versteht Jaspers Lebensstrukturen, denen man sich angepasst hat, wie „Grundsätze […], Dogmen, Beweisbarkeiten, [und] traditionellen Einrichtungen […] (Jaspers, 1971, S.304 f.) Hier lebt der Mensch im sicheren und gewohnten Sosein seines Daseins. Im Sosein glaubt der Mensch seine Existenz in seiner gewählten und gewohnten Lebensweise bereits gefunden zu haben. Doch auch die geordnete und gesicherte Welt des Gehäuses kann erstarren, sobald der Raum der Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt wird. Der Auslöser hierfür kann die Stagnation oder Verstrickung im gewohnten Sosein des Daseins sein. Das Individuum lebt hier meiner Meinung nach unreflektiert und unbewusst in seinem Alltag. (siehe Punkt III, Beschreibung der Lebensstagnation von Kanji Watanabe) Die Einengung des selbstgewählten Gehäuses kann aber durch die positive Wirkung einer Grenzsituation aufgehoben werden. Denn durch die Konfrontation mit dieser wird dem in seinem Gehäuse lebenden Individuum deutlich, dass es durch den beschränkten Handlungsraum der Grenzsituation wieder mit seinem bloßen Dasein konfrontiert ist, frei von gewohnten Daseinsstrukturen. [vgl. Ph II]

Nach Jaspers bleiben dem Menschen in der Grenzsituation drei verschiedene Möglichkeiten, um auf den Verlust des eigenen Gehäuses zu reagieren. Entweder stürzt sich das Individuum in Krankheit, zerstört sich selbst (darunter fällt meines Erachtens auch der Suizid), oder konstituiert sich einen neuen Lebensentwurf für sein Dasein. [vgl. Ph II]

Neben all den negativen und bedrückenden Auswirkungen, die eine Grenzsituation mit sich bringen kann, birgt sie nach Jaspers dennoch eine große Chance. Er beschreibt dies folgendermaßen: „Wer ohne Angst, ohne das Gewahrwerden einfach maschinenmäßig, sicher lebt und handelt, als ob es garnichts wäre, der ist zwar gesund, aber er entbehrt jener Reflektiertheit, die erst Augenblick und Zeitmoment als Gegensatz erlebt, die erst Voraussetzung des Geistes und der Lebendigkeit ist.“ (Jaspers, 1971, S.271) Im weiteren Verlauf der Arbeit ist der Fokus auf die Chance der Grenzsituation gerichtet – nämlich der Prozess von der Konfrontation mit der Grenzsituation, über die Selbstfindung, hin zur Konstitution eines neuen Lebensentwurfes. Anschließend wird der theoretische Prozess Jaspers am Filmbeispiel Ikiru-Einmal wirklich Leben (1952) veranschaulicht.

2.3. Existenzwerdung aus der Erfahrung der Grenzsituation

Die Existenzwerdung erfolgt in drei Stufen, die aneinander gebunden sind, allerdings nicht als „aufsteigende Reihe“ [Ph II, S.207], sondern insofern dass sie sich notwendigerweise gegenseitig bedingen. [vgl. Ph II]

Wenn eine Grenzsituation das Dasein konfrontiert, so darf diese nicht mit dem Verstand analysiert werden. Denn für den Verstand bleibt die wahre Wirklichkeit des Seins, die durch die Existenzwerdung ersichtlich wird, unzugänglich. Ziel sollte es sein, sich der Positivität der Grenzsituation bewusst zu werden. Jaspers beschreibt den ersten Schritt zur Existenzerhellung als das Lösen von weltlichen Gegebenheiten, damit das Individuum fähig ist sich seinem eigenen Dasein „gegenüberzustellen“. [Ph II, S.204] In der Rolle eines „unbeteiligte[n] Betrachter[s]“ (Latzel, 1957, S.177) soll der Mensch den Lebenssituationen unvoreingenommen und unparteiisch entgegentreten. Durch den Versuch, die Welt und sein Dasein von „außen“ zu verstehen wird „situationslose[s] Wissen[…] [Ph II, S.205] generiert. Dieses Wissen verspricht „Halt“ [Ph II, S.205]. Jaspers beschreibt dies folgendermaßen: „Nichts geht mich eigentlich an, aber alles erblicke ich in dem Bewußtsein meines Wissens, das der sichere Halt ist. […] Unerschütterlich blicke ich auf das Positive, das ich gültig erkenne, in diesem Wissen meines Seins gewiß.“ [Ph II, S.204 f.] Die Erlangung des Wissens erfolgt aber nur in „absolute[r] Einsamkeit“ [Ph II, S.204]. Salamun setzt die Jaspersche Einsamkeit mit den psychologischen Termini „totale[…] Hilflosigkeit und Ohnmacht“ (Salamun, 1985, S.67) gleich. Doch die individuelle Einsamkeit ist nicht endgültig. Sie bringt die Möglichkeit eines Neueintritts in die Welt als „mögliche Existenz“ [Ph II, S.205] mit sich. Ferner befähigt sie, sich im Dasein der Grenzsituation zu öffnen. [vgl. Ph II]

Zusammengefasst bewirkt der erste Sprung meiner Meinung nach die Bewusstseinswerdung des Individuums. Durch die Grenzsituation wird sich der Mensch bewusst, dass er mehr ist als sein bloßes Dasein, tritt dadurch in Distanz zu diesem und erfasst die Situation neutral und wertfrei von außerhalb. Durch diese distanzierte Sichtweise wird Wissen über die Welt und des eigenen Daseins generiert, die Sicherheit verspricht. Jedoch ist der erste Schritt mit „schöpferischer Einsamkeit“ (Burkhard, 1985, S.78) verbunden, die dieses Wissen ermöglicht. [vgl. Ph II]

Der zweite Sprung dient der „Erhellung“ [Ph II, S.206] - nämlich von der bloßen Betrachtung hin zum Erkennen „mögliche[r] Existenz“ [Ph II, S.206] in der Grenzsituation. In dieser Ebene wird dem Individuum philosophierend bewusst, dass es die Welt nicht nur als Objekt des individuellen Wissens betrachten kann. Denn die Erschütterung und das Scheitern in der Grenzsituation kann nicht allein durch das generierte Wissen bewältigt werden. Schließlich wird hier das Individuum mit seinem eigenen Ursprung konfrontiert. „Jetzt scheidet sich mir das Weltsein, das ich wissend verlassen kann als eine nur spezifische Dimension des Seins, von Existenz, aus der ich nicht, sie betrachtend, hinaus, sondern die ich nur sein oder nicht sein kann.“ [Ph II, S.205 f.] Das Subjekt hat an dieser Stelle die Wahl, sich seiner Existenz bewusst zu werden oder nicht. Zusammengefasst stellt der zweite Schritt die philosophierende Vorbereitung auf die eigene Existenz dar. Nach Jaspers kann der Schock durch die Grenzsituation nicht mit Weltwissen abgefangen, sondern allein durch die Existenzwerdung bezwungen werden. [vgl. Ph II]

Der dritte und letzte Sprung ist der bedeutendste, denn hier findet der Übergang von der möglichen zur „ wirklichen Existenz“ [Ph II, S.207] statt, insofern das Individuum sich dafür entschieden hat. Die Verwirklichung vollzieht sich aber nicht durch die eigene Wesensveränderung oder das ‚Wachsen‘ mit der Grenzerfahrung, sondern allein durch eine Neudefinition seines Selbst. „E[s] ist das bewusste innere Tun, durch das ich aus einem Vorher in ein Nachher trete, so daß der Ursprung zwar ich selbst als mein Anfang bin, aber dergestalt, daß ich im Anfang schon mich als gewesen weiß.“ [Ph II, S.207] Hierin liegt meines Erachtens eine grundlegende Feststellung. Durch die Existenzwerdung in der Grenzsituation definiert sich das Selbst nicht als ein anderes Sein in der Welt, sondern es wird sich seines eigenen Ursprungsseins bewusst, das es von Anfang an gewesen ist. Dieses Bewusstsein blieb wohl bis zur Grenzsituation durch den Schein des Daseins verdeckt.

Festzuhalten ist, dass das Individuum erst mit dem Eintritt in die Grenzsituation existent werden kann und dazu fähig ist, ein „philosophische[s] Leben der Existenz“ [Ph II, S.207] zu führen. Das eigene Selbstsein wird dann zu einer für sich bewusst gewählten Wirklichkeit. Denn verwirklichte Existenz „philosophiert nicht mehr“. (Latzel, 1957, S.178)

Zusammenfassend stellt Jaspers Philosophie der Grenzsituation die Erfahrung mit der eigenen Wirklichkeit in den Mittelpunkt. Durch ein bewusstes inneres Handeln in der Grenzsituation bekennt sich das Individuum zu sich selbst. Daraus entsteht eine eigens gewählte Wirklichkeit, die als individuelle Existenz bezeichnet wird (vgl. Burkhard, 1985). Wie das Individuum sich zu dieser Wirklichkeit verhalten kann, wird im folgenden Punkt erläutert.

2.5. Doppeltheit desWeltseins

Der Begriff der „Doppeltheit des Weltseins“ [Ph II, S.208] bezieht sich auf die beiden ineinander übergehenden Zustände – bloßes Dasein in Situationen und Existenzwerdung im Dasein durch die Konfrontation mit Grenzsituationen. Wenn sich das Individuum für diesen Schritt (vgl. Existenzwerdung in drei Stufen) entschieden hat, ist es fähig in dieser doppelten Konstellation zu leben, was das eigentliche Ziel Jaspers ist.

[...]


1 Jaspers, K. (1994). Philosophie II -Existenzerhellung . München: R. Piper Verlag GmbH & Co KG. Im Folgenden abgekürzt: [Ph II].

2 Definition Dasein bei Jaspers: Ist das „Sein in Situationen“ [Ph II, S.203]. Das „In-Situation-Sein“ [Ph II, S.203] bedeutet, dass man zwingend von einer Situation in die Nächste übergeht. [vgl. Ph II]

3 Definition Bestimmtheit bei Jaspers: Aufgrund bestimmter Situationen leitet der Mensch sein allgemeines Weltbild ab. Im Dasein in einer bestimmten Situation ist man somit eingeschränkt durch die Vorstellung eines Allgemeinen. Denn solange „[…] ich das Bestimmte durch Einschränkung als Fall vom Allgemeinen denke, führt [dies] nicht zum Sein.“ [Ph II, S.211] Diese Enge im Denken, ausgelöst durch die Bestimmtheit führt dazu, dass das Individuum die Existenzwerdung nicht wahrnehmen kann, da der Verstand nur Allgemeines begreift. [vgl. Ph II]

4 Definition von Existenz in der Existenzphilosophie: Existenz betrifft immer die individuelle Seinsweise des Menschen. Somit steht dieser im Mittelpunkt dieser subjektiven Philosophie. Weiterhin ist die persönliche Existenz nicht ableitbar. Die Existenz kann nicht mit Begriffen beschrieben werden, sondern sie ist zu erhellen. (vgl. Störig, 1993)

5 Definition Transzendenz in Zusammenhang mit Grenzsituationen: Die Bedingung für die menschliche Existenzwerdung ist die Transzendenz, da sie nicht aus Daseinsbedingungen abgeleitet werden kann. Nach Jaspers kann das Individuum die transzendente Wahrheit und Freiheit durch die Konfrontation mit einer Grenzsituation erfahren. [vgl. Ph II] Jaspers definiert Transzendenz als „[d]as, worin und wodurch wir wir selbst und frei sind […]“. (Jaspers, 1958, S.107) Demzufolge sind Begriffe wie „eigentliches Sein“, „eigentliche Wirklichkeit“ (Salamun, 1982, S.37) in Jaspers Werken Synonyme für Transzendenz. Interessanterweise benutzt Jaspers in seinen späteren Werken auch „Gott“ (Salamun, 1982, S.37) als Synonym für Transzendenz. (vgl. Salamun, 1982)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Lebenskunst. Existenzwerdung durch die Erfahrung von Grenzsituationen bei Karl Jaspers
Untertitel
Ars Vivendi. Zur Lebenskunst in Religion und Philosophie
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Ars Vivendi: Zur Lebenskunst in Religion und Philosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V585103
ISBN (eBook)
9783346182715
ISBN (Buch)
9783346182722
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Existenzwerdung durch Grenzsituationen, Situationen allgemein, Doppeltheit de Weltseins, Systematik der Grenzsituation
Arbeit zitieren
Nicole Kaczmar (Autor), 2014, Lebenskunst. Existenzwerdung durch die Erfahrung von Grenzsituationen bei Karl Jaspers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585103

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