Filmerleben dystopischer Fiktion am Beispiel von "Black Mirror"

Eine Werkanalyse der Anthologie-Serie


Bachelorarbeit, 2019

76 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Rahmung
2.1. Filmerleben
2.2. Dystopische Fiktion
2.3. Black Mirror

3. Methodisches Vorgehen
3.1. Modellwahl
3.2. Leitfaden zur Analyse
3.2.1. Erstrezeption
3.2.2. Genres als Wahrnehmungshorizont
3.2.3. Transkription
3.2.4. Handlungsanalyse
3.2.5. Figurenanalyse
3.2.6. Analyse der Bauformen
3.2.7. Analyse der Normen und Werte

4. Vergleichende Analyse ausgewählter Episoden
4.1. Genrebetrachtung
4.2. Handlungen
4.3. Figuren
4.4. Bauformen
4.5. Normen und Werte

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Wer die Netflix-Serie Black Mirror kennt, weiß, dass nach dem Schauen der Episoden ein Gefühl des Unwohlseins zurückbleibt. Diese Arbeit setzt sich mit den gestalterischen Besonderheiten der Serie auseinander, welche zu den vermuteten, negativen postrezeptiven Emotionen führen könnten. Unter Zuhilfenahme der angehängten Erstrezeptions- und Sequenzprotokolle werden die dramaturgischen und ästhetischen Gestaltungsmittel der Episoden Striking Vipers und Smithereens aus der 5. Staffel von Black Mirror anhand des 4 Stufenmodells von Werner Faulstich herausgearbeitet und analysiert. Dabei erfolgten eine Handlungs- und Figurenanalyse, eine Analyse der Bauformen des Films sowie eine Analyse der Normen und Werte. Mit den aus der Analyse resultierenden Ergebnissen wurden erste Annahmen über die Machart der Serie formuliert.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Faulstichs Grundmodell der Filmanalyse

Abbildung 2: 5-Akt-Struktur in pyramidaler Form

Abbildung 3: Einstellungsgrößen

Abbildung 4: Figurenkonstellation in Striking Vipers

Abbildung 5: Figurenkonstellation in Smithereens

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Die acht Einstellungsgrößen im Überblick

Tabelle 2: Handlungsphasen von Striking Vipers

Tabelle 3: Handlungsphasen von Smithereens

Tabelle 4: Häufigkeitsverteilung der Einstellungsgrößen von Striking Vipers

Tabelle 5: Häufigkeitsverteilung der Einstellungsgrößen von Smithereens

1. Einleitung

“If technology is a drug – and it does feel like a drug – then what, precisely, are the side-effects?” (Brooker, 2011)

Mit dieser Frage beschäftigt sich der britische Autor Charlie Brooker in der dystopischen Serie Black Mirror. Prinzipiell erfreuten sich Serien in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Man spricht sogar von einem regelrechten Serien-Boom, dessen Ende vorerst auch nicht zu erwarten ist (vgl. Lüke, 2019). Zu den aktuellen Serien-Trendthemen zählen unter anderem dystopische Zukunftsszenarien, wie sich auf der diesjährigen Series Mania, Europas größtem Serienfestival, abzeichnete (vgl. Zarges, 2019). Die Netflix-Serie Black Mirror rückt unter den derzeitig am Markt vorhandenen dystopischen Serienangebot besonders ins Blickfeld des medienpädagogischen Interesses. Sie setzt sich mit den verschiedenartigen Auswirkungen moderner Technologien und Medien auseinander. In jeder Episode wird eine Komponente der gegenwärtigen durchdigitalisierten Welt aufgegriffen, um ein paar Gedanken weitergesponnen und in eine zumeist düstere Zukunft projiziert. Wer die Serie kennt, wird vermutlich mit folgender Feststellung konform gehen:

„Ein latentes Unwohlsein stellt sich bei Black Mirror ständig ein, selbst in den Episoden, die einen eher surrealen und sarkastischen Grundton haben. Mehr als eine Folge am Stück ist schwer zu ertragen“ (Ströbele, 2016).

Doch was verursacht das Unbehagen, welches man nach dem Schauen einer Episode der Serie empfindet, sodass eine zweite Folge im direkten Anschluss daran nur schwer aushaltbar erscheint? Welche Kommunikationsangebote auf ästhetischer und dramaturgischer Ebene macht die Serie, die zu den negativen postrezeptiven Emotionen führen könnten?

Ziel dieser Arbeit ist es die gestalterischen Besonderheiten der Serie Black Mirror zu identifizieren, um herauszufinden, ob sie nach einer konkreten Formel funktioniert, welche die Rezipienten emotionalisieren. Es ist zu erwarten, dass sich tieferliegende Strukturen und Intentionen durch eine vergleichende Analyse von zwei Episoden erschließen lassen. Ein tieferes Verständnis einzelner Episoden verhilft möglicherweise zu einem besseren Verständnis über die Machart von Black Mirror selbst und erlaubt Einsichten in die Wirkungsweisen und das Rezeptionserlebnis.

Methodisch stützt sich die Untersuchung im Grundzug auf das Filmanalysemodell von Werner Faulstich aus seinem Werk Grundkurs Filmanalyse. Er unterscheidet vier verschiedene Zugriffe auf ein Filmwerk und berücksichtigt dabei die wesentlichen künstlerischen Facetten. Zur Ausarbeitung der Unterpunkte kommt stellenweise weitere Fachliteratur der jeweiligen Thematik zum Einsatz.

Vor Beginn der Untersuchung wird die theoretische Grundlage geschaffen indem die Begrifflichkeiten „Filmerleben“ und „dystopische Fiktion“ erläutert werden. Zudem wird der Gegenstand des Untersuchungsinteresses vorgestellt – die Anthologie-Serie Black Mirror. Im nächsten Kapitel erfolgt die Konstituierung des methodischen Vorgehens für die Analyse, innerhalb dessen die Modellwahl begründet wird und ein an das Forschungsinteresse angepasster Leitfaden entwickelt wird. Im Anschluss daran wird die Analyse in Kapitel 4 durchgeführt. Die Auswahl der beiden Episoden „Striking Vipers“ und „Smithereens“ wird begründet und die analysevorbereitenden Tätigkeiten beschrieben. Danach werden die Episoden gemäß dem festgelegten Modell erforscht. So werden adäquate Aussagen über deren Genre getroffen, die Handlung der Folgen untersucht, die zentralen Figuren betrachtet und die markanten Bauformen des Erzählens näher beleuchtet. In der abschließenden Untersuchung der Normen und Werte wird die Serie, unter Bezugnahme der bis dahin gewonnenen Erkenntnisse, interpretiert. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse reflektiert und der Fragestellung entsprechend beurteilt.

Vor dem weiteren Studieren dieser Arbeit, ist es ratsam, die zu analysierenden Episoden „Striking Vipers“ und „Smithereens“ aus der 5. Staffel von Black Mirror anzusehen, um sich unvoreingenommene Eindrücke zu verschaffen und der Analyse besser folgen zu können.

2. Theoretische Rahmung

In den nachstehenden Abschnitten erfolgt die theoretische Rahmung dieser Arbeit, welche sich zwischen drei Themenbereichen aufspannen lässt. Zunächst werden die die Begriffe „Filmerleben“ und „dystopische Fiktion“ erläutert, um das Verständnis der Thematik zu fördern. Anschließend wird der Untersuchungsgegenstand selbst vorgestellt, die Serie Black Mirror.

2.1. Filmerleben

Für die Definition von „Filmerleben“ gibt es keinen allgemeingültigen Standard. Betrachtet man den Begriff „Erleben“ zunächst isoliert, wird er definiert als „jegliches Innewerden von etwas, jedes Haben mehr oder weniger bewusster subjektiver, seelischer Inhalte, jeder Vorgang im Bewusstsein“ (Wirtz, 2019). Erleben setzt die menschliche Wahrnehmung und die Informationsverarbeitung eingehender Reize voraus. Informationen werden durch die Sinnesorange zum Gehirn befördert, dort zu sinngebenden Objektrepräsentationen verarbeitet und identifiziert, mit bereits bestehenden Erfahrungen abgeglichen und mit Emotionen verknüpft. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Erleben, wie ein Mensch etwas persönlich wahrnimmt und intern repräsentiert. Ebenso verhält es sich bei der aktiven Zuwendung zu audiovisuellen Medien. Filme bieten ZuschauerInnen ein vielfältiges Erlebnispotenzial. Beim Erleben eines Films verbinden sie das Bedeutungsangebot (bzw. Kommunikationsangebot) des Films mit ihren eigenen Sinnhorizonten. Der Prozess kann seelische Tiefenschichten eigener Erfahrungen, des Wünschens oder der Moral aktivieren. Als Betrachter ist man bewegt, gerührt, traurig, angespannt, freudig etc. – mal muss man lachen oder auch weinen. Filmerleben ist daher ein Prozess, bei dem die Bedeutungsproduktionen des Films subjektiv übersetzt werden und dabei Affekte1 und Emotionen beim Publikum auslösen (vgl. Mikos, 2015, S. 31–32).

2.2. Dystopische Fiktion

Unter einer dystopischen Fiktion bzw. Dystopie versteht man allgemein eine „fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung o. Ä. mit negativem Ausgang“ (Dudenredaktion, o. J.). Sie ist das Pendant zur Utopie, welche durchwegs positive Zukunftsszenarien formuliert. Daher wird die Dystopie auch häufig mit dem Begriff Anti-Utopie gleichgesetzt. Dystopien entwerfen Versionen einer hypothetischen zukünftigen Welt, in welcher sich die gegenwärtigen soziopolitischen Trends auf beängstigende Weise weiterentwickelt haben und verheerende Konsequenzen nach sich ziehen. Ihre Grundstimmung ist von Pessimismus geprägt. Filmemacher und Autoren greifen bei der Ausgestaltung dystopischer Fiktion auf unterschiedliche Genres zurück (vgl. Kaczmarek, 2012). Häufig werden filmische Dystopien wegen ihrer Ausrichtung auf die Zukunft dem Science-Fiction-Genre zugerechnet. Es gibt jedoch zahlreiche Filme, die als Dystopie bezeichnet werden, aber den Genrekonventionen nach nicht zur Science-Fiction zählen. Ein Extremfall der Dystopie ist die Endzeitvision, welche die Welt ins Szenario eines apokalyptischen Untergangs setzt (vgl. Brunner & Kaczmarek, 2012).

2.3. Black Mirror

Black Mirror ist eine dystopische Serie des US-amerikanischen Streaming-Anbieters Netflix. Von 2011 bis heute wurden 5 Staffeln mit insgesamt 22 Episoden sowie ein zugehöriger interaktiver Film namens „Bandersnatch“ produziert. Ursprünglich wurde sie von der Produktionsfirma Zeppotron für den britischen Sender Channel 4 entwickelt, auf dem sie auch 2011 ihre Premiere feierte. Schöpfer und Showrunner der Serie ist der Autor Charlie Brooker gemeinsam mit Annabel Jones, der Geschäftsführerin von Zeppotron (vgl. Channel 4, 2012). 2015 erwarb Netflix die Exklusivrechte, so wurde Black Mirror ab der 3. Staffel für den Streamingdienst produziert. Jones und Brooker blieben allerdings weiterhin die ausführenden Produzenten (vgl. Birnbaum, 2015).

Black Mirror ist keine Serie nach dem klassischen Verständnis, sondern zählt zu den sogenannten Anthologie-Serien. Als Anthologie-Serie oder auch Episodenserie werden Serien bezeichnet, bei der entweder in jeder Staffel oder jeder Folge eine abgeschlossene Geschichte erzählt wird. Die eingesetzten Darsteller, die Handlungen, die fiktiven Welten sogar die Genres können jeweils divergieren (vgl. Hüningen, 2014). Ein Zusammenhang ist lediglich durch ein gleiches übergeordnetes Rahmenkonzept zu erkennen (vgl. Czichon, Wünsch & Dohle, 2016). Bei Black Mirror handelt es sich um die Variante der Serien-Anthologie, bei der jede Episode eine eigenständige Geschichte erzählt.

Die Serie entwirft verschiedene Zukunftsversionen, in denen sich der Alltag der Menschen durch den technischen Fortschritt stark verändert hat und porträtiert implizit die wachsende Abhängigkeit von der Technologie. Jede Episode thematisiert anhand verschiedener Charaktere in jeweils neuem Setting ein mögliches Szenario mit innovativer Technologie – teilweise mit verheerenden Folgen. Dabei liegt das Augenmerk auf dem Umgang der Menschen mit diesen Entwicklungen und deren spezifische Auswirkungen. Nicht alle Szenarien sind fernab des Möglichen, so erscheinen viele durchaus realistisch und könnten Versionen näherer Zukunft sein. In diesem Zusammenhang steht auch der erklärungsbedürftige Titel der Serie.

„The ‚black mirror‘ of the title is the one you'll find on every wall, on every desk, in the palm of every hand: the cold, shiny screen of a TV, a monitor, a smartphone.”

(Brooker, 2011)

Black Mirror, zu Deutsch „schwarzer Spiegel“, steht allerdings für viel mehr als einen ausgeschalteten Bildschirm. Es ist auch eine Metapher für den dystopischen Blick auf die Auswirkungen des vorherrschenden Technisierungs-Trends, deren theoretisch nahe Zukünfte die Serie zu vermitteln versucht. Zeitgenössische, technische Geräte wie Fernseher, Flachbildschirme und Smartphones stehen daher sinnbildlich ausgedrückt für die „schwarze[n] Spiegel, die uns unser Dasein im 21. Jahrhundert vorhalten“ (Netflix Medien-Center, o. J.)

3. Methodisches Vorgehen

Innerhalb dieses Kapitels wird die methodische Vorgehensweise für die Analyse dargelegt. Hierzu wird zunächst die Wahl des anzuwendenden Modells begründet und anschließend ein entsprechender Analyseleitfaden entwickelt.

3.1. Modellwahl

Zur Festlegung einer Untersuchungsmethode wurde nach einem Modell gesucht, welches eine Betrachtung der angewandten filmischen Gestaltungselemente ermöglicht. Hierfür bieten sich insbesondere Filmanalysemodelle an. Nun handelt es sich bei Black Mirror nicht um einen Film, sondern um eine Anthologie-Serie. Da deren Episoden jedoch jeweils abgeschlossene Geschichten mit unterschiedlichen Handlungen und Darstellern erzählen, können sie als einzelne Filmwerke betrachtet werden. Folglich wurde der Entschluss gefasst, ein Filmanalysemodell für die Untersuchung heranzuziehen. Um adäquate Aussagen machen zu können, müssen mindestens zwei Episoden analysiert und miteinander verglichen werden. In Anbetracht des zeit­­lichen Rahmens dieser Arbeit wird diese Anzahl nicht überschritten.

Zu Beginn dieser Arbeit wurde das Filmanalysemodell von Peter Wuss in Erwägung gezogen. In seinem Werk Filmanalyse und Psychologie legt er ein Werkmodell zur Bestimmung der Wirkung filmischer Gestaltungsmerkmale auf narrativer Ebene vor. Er benennt drei Strukturtypen der filmischen Erzählung, die den Wahrnehmungsprozess der Rezipienten vorskizzieren. Wuss unterscheidet dabei zwischen perzeptions-, konzept- und stereotypengeleiteten Strukturen im Film, weshalb sein Modell auch PKS-Modell genannt wird (vgl. Wuss, 1993, S. 97). Nach genauerer Auseinandersetzung mit diesem Verfahren stellte sich heraus, dass es wenig handlungsleitend und daher schwer operationalisierbar ist. Als Nächstes wurde das Analyse­modell von Werner Faulstich aus seinem Grundkurs Filmanalyse betrachtet. Er führt relevante Kategorien und Methoden der Filmanalyse auf und versucht dem Analysten durch vier verschiedene Zugangsweisen einen Rundumblick auf ein Filmwerk zu verschaffen. Veranschaulicht werden diese durch diverse Anwendungsbeispiele. Aufgrund der didaktischen Aufbereitung eignet sich das Werk gut für einen ersten analytischen Zugriff auf das Medium Film. Zwar ist Faulstichs Modell aus produktanalytischer Sicht rein an Kinospielfilmen ausgerichtet (vgl. Faulstich, 2013, S. 13), jedoch werden keine hinreichenden Gründe genannt, die gegen die Anwendung seines Analyseinstrumentariums bei fiktionalen Filmen anderer Ausspielwege sprechen. Demzufolge wird dieser Arbeit Werner Faulstichs Modell zur Filmanalyse zugrunde gelegt. Auf seiner Theorie aufbauend wird im nächsten Abschnitt ein – an das Untersuchungsinteresse angepasster – Analyseleitfaden entwickelt.

[...]


1 vorrübergehende Gemütserregung

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Filmerleben dystopischer Fiktion am Beispiel von "Black Mirror"
Untertitel
Eine Werkanalyse der Anthologie-Serie
Hochschule
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
76
Katalognummer
V585165
ISBN (eBook)
9783346209603
ISBN (Buch)
9783346209610
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmrezeption, Filmerleben, Dystopie, Black Mirror, Anthologie-Serie, Filmanalyse, Anthologie, Film, dystopisch, Analyse, Rezeption, Charlie Brooker, Fiktion
Arbeit zitieren
Corinna Lehmeier (Autor), 2019, Filmerleben dystopischer Fiktion am Beispiel von "Black Mirror", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585165

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