Viele Menschen neigen dazu, Entscheidungen zum Abschluss einer Altersvorsorgemaßnahme aufzuschieben, obwohl sie wissen, dass hier Handlungsbedarf besteht. Darüber hinaus nutzen sie, wenn sie sparen, häufig Anlageformen, die wenig rentabel und kaum geeignet sind, die inflationsbedingten Einbußen auszugleichen. Die im Langzeitvergleich deutlich lukrativeren Aktien meiden hingegen viele Anleger und Anlegerinnen und nehmen sich damit eine renditeträchtige Möglichkeit zum Aufbau von Vermögen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, herauszufinden, warum Menschen mit Anlageentscheidungen, die ihnen langfristig zugutekommen, Schwierigkeiten haben. Dazu sollen die Hemmnisse, in Aktien zu investieren, ergründet werden. Es wurde die folgende Forschungsfrage gestellt: Welche psychologischen Hemmnisse und irrationalen Überzeugungen halten Anleger und Anlegerinnen, aus der Sicht von Anlageberatern und -beraterinnen, davon ab, gute und zukunftsfähige Anlageentscheidungen im Hinblick auf ihre Altersvorsorge zu treffen?
Um die Forschungsfrage zu beantworten, wurden Experteninterviews mit erfahrenen Anlageberatern und -beraterinnen der Deutschen Bank durchgeführt, mit dem Ziel, die Hemmnisse ihrer Kunden in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich heraus, dass viele Anleger mit Finanzthemen überfordert sind und ihre Kenntnisse nicht ausreichen, um gute Entscheidungen zu treffen. Auch schätzen sie ihren Bedarf und die im Alter verfügbaren Mittel falsch ein und neigen hier zu übertriebenem Optimismus.
Unter Nutzung des Expertenwissens und der Literatur zum Thema zeigt die Arbeit auf, wie durch reflektierte Anlageberatung Hemmnisse (wie z. B. Neigung zur Prokrastination und zum Optimistic Bias) aufgedeckt und abgebaut werden können. Dies soll dazu führen, Anlegern und Anlegerinnen ein zeitnahes und zielführendes Entscheiden zu ermöglichen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 PROBLEMSTELLUNG
1.2 ZIELSETZUNG UND FORSCHUNGSFRAGE
1.3 AUFBAU DER ARBEIT
1.4 METHODIK
2 DER ENTSCHEIDUNGSPROZESS
2.1 DAS PARADOXON DER WAHLMÖGLICHKEITEN
2.2 ENTSCHEIDUNGEN UNTER SICHERHEIT UND UNTER UNSICHERHEIT
2.3 GUTE ENTSCHEIDUNGEN
3 DIE VERHALTENSÖKONOMIK
3.1 DER HOMO OECONOMICUS - RATIONALITÄT UND DEREN GRENZEN
3.2 DER HOMO PSYCHOLOGICUS - WIR IRREN SYSTEMATISCH
3.3 DISKUSSION ÜBER DEN NUTZEN INTUITIVER ENTSCHEIDUNGEN
4 BEHAVIORAL FINANCE
4.1 DER EINFLUSS VON EMOTIONEN BEI GELDANLAGEENTSCHEIDUNGEN
4.2 PROKRASTINATION IN DER ALTERSVORSORGE
4.3 NEUROBIOLOGISCHE ASPEKTE BEI DER PROKRASTINATION
4.4 HEURISTIKEN UND BIAS IN FINANZENTSCHEIDUNGSPROZESSEN
5 DER EINFLUSS DER FINANZIELLEN ALLGEMEINBILDUNG
6 UNTERSUCHUNGSDESIGN UND METHODIK
7 GENERALISIERENDE ANALYSE DER INTERVIEWINHALTE
7.1 KUNDENREAKTIONEN AUF DAS THEMA ALTERSVORSORGE
7.1.1 INTUITIVES ODER RATIONALES ENTSCHEIDEN
7.1.2 NEIGUNG ZUR PROKRASTINATION
7.1.3 KAPITALANLAGEN, DIE ALS ALTERSVORSORGE ANGESEHEN WERDEN
7.2 GRÜNDE FÜR DIE ABWEHRHALTUNG GEGENÜBER EINER ALTERSVORSORGE
7.3 GRÜNDE FÜR DIE ABWEHRHALTUNG GEGENÜBER AKTIEN
7.4 EINFLUSSFAKTOREN AUF DAS ANLEGERVERHALTEN
7.5 UNTERSTÜTZUNG IM ENTSCHEIDUNGSPROZESS DURCH REFLEKTIERTE BERATUNG
7.5.1 ZIELFÜHRENDE KUNDENANSPRACHE ZUM AUFBAU EINER ALTERSVORSORGE
7.5.2 SONSTIGE UNTERSTÜTZENDE MASSNAHMEN
8 ERGEBNIS UND BEANTWORTUNG DER FORSCHUNGSFRAGE
9 INTERPRETATION UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
10 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die psychologischen Barrieren und irrationalen Überzeugungen, die Anleger davon abhalten, fundierte Entscheidungen für ihre private Altersvorsorge zu treffen. Ziel ist es, aus der Perspektive von Anlageberatern herauszufinden, warum Prokrastination und kognitive Verzerrungen den Vermögensaufbau hemmen und wie Beratungsprozesse gestaltet sein müssen, um diesen Blockaden effektiv entgegenzuwirken.
- Psychologische Hemmnisse in Anlageentscheidungsprozessen
- Die Rolle der Verhaltensökonomie und Behavioral Finance
- Einfluss von finanzieller Allgemeinbildung auf die Vorsorgeentscheidung
- Analyse von Kundenreaktionen mittels Experteninterviews
- Ansätze für eine reflektierte und zielführende Anlageberatung
Auszug aus dem Buch
4.2 Prokrastination in der Altersvorsorge
Der Begriff Prokrastination entstammt dem lateinischen Begriff procrastinatio und bedeutet Verschiebung oder Aufschieben von anstehenden Aufgaben oder Tätigkeiten. Häufig werden Entscheidungen aufgeschoben, die Unlust oder Angst auslösen.
Durch das Aufschieben soll eine befürchtete Fremd- oder Selbstverurteilung verhindert werden, die dem Selbstwertgefühl schaden könnte. Besonders gefährdet sind zu Perfektionismus neigende Menschen aufgrund ihres Anspruches vollkommene Ergebnisse zu produzieren (vgl. Rückert, 2011, S. 43). Eine große Rolle bei der Prokrastination spielen die persönlichen Interessen und Werte sowie die Beurteilung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten (Skills). Menschen neigen eher zum Aufschieben, wenn sie sich überfordert fühlen (vgl. Rückert, 2011, S. 66 ff.).
Agiotherorie nach Böhm-Bawerk Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts postulierte Böhm-Bawerk in seiner Agiotheorie des Zinses, dass Konsumenten und Konsumentinnen dazu neigen, den Nutzen aktuellen Konsums größer zu bewerten als den Nutzen zukünftigen Konsums. Sie neigen demnach dazu, ihre zukünftigen Bedürfnisse zu unterschätzen (da sie sich diese nicht vorstellen können) und seien nicht bereit, dafür auf den gegenwärtigen Konsum zu verzichten. Auch Fisher vertrat in seiner Time-Preference-Theorie die Ansicht, dass gegenwärtige Güter höher bewertet werden als zukünftige, was zu einer „Abneigung gegen Abstinenz“ führe (Kruse, 1997, S. 16 ff.). Konsumieren ist also freudvoller als Sparen. Außerdem beinhaltet das Thema Altersvorsorge, sich mit negativ belegten Themen, wie Krankheit, Altern und Pflege, zu beschäftigen. Themen, die gerne verdrängt werden, häufig bis zu spät für sinnvolle Prävention ist.
Optimistic Bias bei der Altersvorsorge Weinstein bestätigte in seinen Studien, dass Menschen tendenziell zu unrealistischem Optimismus (Optimistic Bias) bezüglich ihrer eigenen Zukunft neigen. Demnach geht das Individuum eher von unglücklichen Umständen bei anderen Personen aus als bei sich selbst (vgl. Weinstein, 1980, S. 806-820). So werden Risiken, wie z. B. persönlich von Altersarmut betroffen zu sein, unterschätzt, was sich dann negativ auf die Altersvorsorge-Motivation auswirken kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Definiert die Problemstellung der Altersvorsorge im Niedrigzinsumfeld und leitet die Forschungsfrage sowie die methodische Herangehensweise der Arbeit her.
2 DER ENTSCHEIDUNGSPROZESS: Beleuchtet die theoretischen Grundlagen menschlicher Entscheidungsfindung, einschließlich des Wahlparadoxons und der Differenzierung zwischen Entscheidungen unter Sicherheit und Unsicherheit.
3 DIE VERHALTENSÖKONOMIK: Kontrastiert das klassische Modell des Homo oeconomicus mit dem realen, systematisch irrenden Homo psychologicus und diskutiert den Nutzen intuitiven Handelns.
4 BEHAVIORAL FINANCE: Analysiert spezifische psychologische Phänomene wie Prokrastination, Emotionen und kognitive Verzerrungen im Kontext von Finanzentscheidungen.
5 DER EINFLUSS DER FINANZIELLEN ALLGEMEINBILDUNG: Untersucht die Relevanz finanziellen Wissens für nachhaltige Anlageentscheidungen und die Faktoren, die diese Bildung beeinflussen.
6 UNTERSUCHUNGSDESIGN UND METHODIK: Beschreibt den empirischen Forschungsansatz unter Verwendung leitfadengestützter Experteninterviews mit Beratern.
7 GENERALISIERENDE ANALYSE DER INTERVIEWINHALTE: Fasst die Ergebnisse der Interviews zusammen, kategorisiert Kundenreaktionen und identifiziert Hemmnisse sowie Beratungsansätze.
8 ERGEBNIS UND BEANTWORTUNG DER FORSCHUNGSFRAGE: Synthetisiert die Erkenntnisse der Experteninterviews zur Beantwortung der zentralen Forschungsfrage.
9 INTERPRETATION UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN: Leitet aus den Ergebnissen konkrete Strategien für eine reflektierte Anlageberatung ab, um Vorsorgeblockaden zu minimieren.
10 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Resümiert die Kernergebnisse und zeigt Potenziale für weiterführende Untersuchungen auf.
Schlüsselwörter
Entscheidungen, Prokrastination, Verhaltensökonomie, Behavioral Finance, Heuristiken, Bias, Altersvorsorge, Anlageberatung, Finanzielle Allgemeinbildung, Aktien, Risikobereitschaft, Finanzpsychologie, Beratungspraxis, Kapitalanlage, Rentenlücke.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum Menschen dazu neigen, notwendige Entscheidungen zur privaten Altersvorsorge aufzuschieben, und welche Rolle psychologische Faktoren dabei spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Verhaltensökonomie, kognitive Verzerrungen (Bias), die Bedeutung von finanzieller Allgemeinbildung sowie die Herausforderungen in der professionellen Anlageberatung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: Welche psychologischen Hemmnisse und irrationalen Überzeugungen halten Anleger aus der Sicht von Anlageberatern davon ab, gute und zukunftsfähige Anlageentscheidungen für ihre Altersvorsorge zu treffen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirische Arbeit mit einem qualitativen Forschungsansatz, basierend auf leitfadengestützten Experteninterviews mit Anlageberatern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Entscheidungsprozess, die psychologischen Grundlagen der Behavioral Finance, den Einfluss von Finanzbildung sowie konkrete Ergebnisse aus der Interviewanalyse und abgeleitete Handlungsempfehlungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere Prokrastination, Behavioral Finance, Altersvorsorge, Heuristiken, Bias und Anlageberatung.
Wie beeinflusst das "Paradoxon der Wahlmöglichkeiten" die Altersvorsorge laut Arbeit?
Das Paradoxon beschreibt, dass zu viele Wahlalternativen die Kunden überfordern können, was häufig zu einer Entscheidungslähmung führt, anstatt die Motivation zur Handlung zu steigern.
Welche Rolle spielt die "Verlustaversion" bei der Anlageberatung?
Die Arbeit zeigt auf, dass Anleger Verluste emotional stärker gewichten als Gewinne, was dazu führt, dass sie Aktienanlagen oft meiden, obwohl diese langfristig rentabler wären.
- Arbeit zitieren
- Sandra Mandera (Autor:in), 2019, Prokrastination bei der finanziellen Altersvorsorge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/585257