Exegese Micha 4, 1-5


Hausarbeit, 2004
22 Seiten

Leseprobe

Inhaltsangabe

Exegese
1. Ersteindruck
2. Übersetzungsvergleich
3. Sprachliche Analyse
4. Form- und Gattungskritik
5. Traditionskritik
6. Literarkritik
7. Überlieferungskritik
8. Redaktionskritik
9. Der historische Ort
10. Gesamtinterpretation
11. Die Bedeutung für unsere Gegenwart

Anhang
Mi 4, 1-5: Übersetzung von Buber / Rosenzweig
Mi 4, 1-5: Einheitsübersetzung
Mi 4, 1-5: Übersetzung Lutherbibel
Jes 2, 1-4: Einheitsübersetzung
Erich Kästner: Das letzte Kapitel?

Literaturverzeichnis

Exegese

1. Ersteindruck

Als ich den Michatext das erste Mal gelesen habe, fiel mir sofort die beschriebene Idylle auf. Es erinnerte mich an den Beginn des Astrid-Lindgren-Buches „Die Brüder Löwenherz“, in welchem die Zeit nach dem Tod erzählt wird.

Für mich war klar, dass es sich um eine Verheißung auf Frieden handelt – das Reich Gottes kommt.

Hier stellten sich mir jedoch folgende Fragen, die mich immer mal wieder beschäftigen und mir daher auch wahrscheinlich sofort präsent waren:

Wann würde es uns erreichen? Treffen wir nach dem Tod auf das Reich Gottes oder wird es es sogar eines Tages auf Erden geben? Wie wird es kommen? Wie wird es sein? Wird es das Friedensreich für alle Menschen geben?

Meiner Vorstellung nach ist das Reich für alle Menschen offen, spätestens nach dem Tod werden wir es erreichen. Inwieweit der Text auf meine Fragen eine Antwort gibt, werde ich in dieser Exegese untersuchen.

Ein weiterer Gedanke, mit dem ich mich relativ schnell beschäftigte, war das Friedensthema, welches den Michatext durchzieht. Gerade in der heutigen Zeit ist die Aktualität dieses Themas nicht zu bestreiten. Viele Menschen sehnen sich in unserer von Terrorismus, Krieg und Armut geprägten Welt nach Frieden und einem menschenwürdigen Leben. Auch dies soll in meiner Arbeit eine Rolle spielen.

2. Übersetzungsvergleich

Für meinen Übersetzungsvergleich greife ich neben der Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig noch auf die Einheitsübersetzung und den Luthertext zurück.

Schon zu Beginn der einzelnen Übersetzungen wird ein markanter Unterschied deutlich.

Luther[1] spricht bei dem Zeitpunkt für das Kommende von den letzten Tagen, in der Einheitsübersetzung[2] wird diese Stelle mit am Ende der Tage und von Buber[3] mit in der Späte der Tage übersetzt.

Der Luthertext und die Einheitsübersetzung erwecken so den Eindruck, als ob der genannte Zeitpunkt nicht mehr im Diesseits liegen würde und mit dem Eintritt in das Jenseits beginnt. Dies kommt meiner Empfindung nach durch die Übersetzung am Ende der Tage noch stärker zum Ausdruck. Gemeinsam ist beiden Stellen jedoch, dass es sich um einen noch weit entfernten Zeitpunkt handelt.

Bubers Übersetzung hingegen impliziert nicht die Bindung an das Jenseits. Die Späte der Tage kann sich auch im Diesseits befinden. Es muss sogar gar nicht unbedingt sein, dass es bis zur Späte der Tage noch sehr lange dauert. Wir Menschen wissen nicht, wo wir uns zur Zeit befinden. Vielleicht ist die Späte der Tage noch in ferner Zukunft, vielleicht ist sie aber schon ganz nah.

Buber unterstützt diese Empfindung noch durch die Verwendung des Präsens – er übersetzt weiter der Berg SEINES Hauses ist festgegründet. Luther hingegen verwendet als Tempus das Futur (der Berg […] [wird] feststehen). Trotz der zu Beginn ausgedrückten Intention des Jenseits stehen die weiteren Verse im Präsens.

Insgesamt kann man jedoch sagen, dass schon der erste Vers auf meine im Ersteindruck gestellte Frage nach dem Wann eine Antwort gibt.

Ein weiterer Übersetzungsunterschied ist in Vers 2 zu finden. Während Luther von Heiden spricht, verwenden Buber bzw. die Einheitsübersetzung Stämme bzw. Nationen. Diese letzten Begriffe sind offener und positiver formuliert. Sie beinhalten nicht, dass es sich bei den ziehenden Menschen ausschließlich um Heiden handelt. Auch unter ihnen könnten sich schon Gläubige befinden. Luther schließt dies jedoch aus.

Die weitere Deutung des Verses ist auf unterschiedliche Art und Weise geschehen.

Buber übersetzt, dass Gott die Kommenden weise in seinen Wagen; In der Einheitsbibel steht zeige und bei Luther lehre. In den beiden ersten Fällen wird so die Freiwilligkeit, das Erfahrene anzunehmen, zum Ausdruck gebracht. Dies erfordert also Eigeninitiative. Mit Luthers Übersetzung verbinde ich jedoch eher eine Art Zwang. Es erinnert an das Lehren in der Schule, wobei dies oftmals mit Druck oder Zwang in Verbindung gebracht wird.

Im Folgenden übersetzt Luther, dass Gott unter großen Völkern richten und Heiden zurechtweisen wird. Buber verwendet das Verb richten ebenfalls, als zweites Verb benutzt er jedoch ausgleichen. In der Einheitsübersetzung werden Recht [sprechen] und zurecht [weisen] verwendet.

Luther unterstützt mit seiner Deutung das typische Vorurteil des richtenden Gottes des Alten Testaments, während dies in den beiden anderen Übersetzungen nicht so stark zum Ausdruck gebracht wird. In beiden Fällen wird durch die Kombination der Verben dem negativen Gerichtscharakter entgegengewirkt.

Ein weiterer wichtiger Übersetzungsunterschied ist am Ende des dritten Verses festzustellen. Während Luther und Buber hier das Verb lernen verwenden, steht in der Einheitsübersetzung üb[…][en]. Hier sehe ich den Unterschied darin, dass „nicht lernen“ eine Beschäftigung mit dem Thema ausschließt, während die bei „nicht üben“ keineswegs der Fall sein muss. Es wird nur nicht vertieft.

Insgesamt geben der dritte und der vierte Vers eine Antwort auf die Frage, wie das Reich Gottes sein wird. Buber verwendet auch hier das Präsens, während Luther auf das zuvor angewandte Futur zurückgreift. Dies unterstützt auch die Frage nach dem Wann.

Ein letzter Aspekt, den ich hier noch anführen möchte, ist das allein von Buber verwendete noch zu Beginn des Vers 5.

Dies impliziert, dass die Völker jetzt noch einen anderen Weg gehen, irgendwann aber zu Gott finden werden. Somit beantwortet Buber hier die Frage, für wen das Gottesreich kommen wird.

Im Luthertext und der Einheitsübersetzung kommt dies durch das fehlende Wort noch an dieser Stelle nicht zum Ausdruck.

3. Sprachliche Analyse

Zunächst möchte ich hier eine Einordnung in den literarischen Zusammenhang vornehmen. Als Bestandteil des Dodekaprophetons steht der zu bearbeitende Text im Alten Testament.

Das Michabuch selbst gliedert sich in einen zweifachen Wechsel von Gerichtsworten (Kap. 1-3, Kap.6-7,7) und Heilsworten (Kap. 4-5, Kap. 7,8-20)[4], wobei Mi 4, 1-5 zu den Heilsworten zu zählen ist.

Der Text an sich stellt eine abgeschlossene Einheit dar. Das vorangegangene dritte Kapitel endet mit der Prophezeiung der vollständigen Zerstörung Jerusalems. Es scheint so, als ob es keine Hoffnung mehr geben würde. Dies wird jedoch im Kapitel 4 widerlegt. Hier wird den Menschen wieder Zuversicht und Hoffnung vermittelt. Daran erkennt man, dass mit Mi 4,1 etwas Neues beginnt.

Vers 5 zeigt eindeutig, dass dieses Neue an dieser Stelle beendet ist. Das Bekenntnis in diesem Vers bildet einen liturgischen Abschluss, was durch für immer und ewig[5] verdeutlicht wird. Man bekommt den Eindruck, als ob hier nur noch das „Amen“ fehlen würde.

Man kann also sagen, dass der Anfang und das Ende mit dem zu bearbeitenden Text übereinstimmen.

Allerdings ist hier anzumerken, dass der fünfte Vers von den Versen 1-4 abgetrennt wird. Diese werden durch die Worte der Mund des Herrn der Heere hat gesprochen [6] abgeschlossen. Auf die Verheißungen (V.1-4) folgt also ein Bekenntnissatz (V.5)[7].

Betrachtet man hierzu die fast wörtliche Parallelstelle in Jes 2, 2-4 fällt auf, dass V. 5 auch hier kein Gegenstück hat. Dies unterstützt die Eigenständigkeit. Nur die Verse 1-3 sind in beiden Büchern vorhanden. Diese Tatsache der Doppelüberlieferung lässt darauf schließen, dass diese Stelle von entscheidender Bedeutung ist.[8]

Hier schließt sich jedoch die Frage an, von dem der Text ursprünglich stammt. Hierfür werden von der Wissenschaft 5 Möglichkeiten diskutiert: Er könnte von Micha, von Jesaja oder einem dritten, älteren Verfasser stammen, von dem dann beide abgeschrieben haben. Auch möglich wäre, dass der Text in einem der Bücher von einem anderen Verfasser untergebracht und später in das zweite Buch übertragen wurde.[9]

[...]


[1] Siehe Seite 20.

[2] Siehe Seite 19.

[3] Siehe Seite 18.

[4] Augustin, Matthias / Kegler, Jürgen, Bibelkunde des Alten Testaments. Ein Arbeitsbuch, Gütersloh 1987, 238.

[5] Siehe Seite 19.

[6] Siehe Seite 19.

[7] Donner, Herbert, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Teil 2: Von der Königszeit bis zu Alexander dem Großen. Mit einem Ausblick auf die Geschichte des Judentums bis Bar Koschba, Göttingen 21995, 85.

[8] Maier, Gerhard Hg., Wuppertaler Studienbibel. Der Prophet Micha erklärt von Daniel Schibler, Reihe: Altes Testament, Wuppertal-Zürich 1991, 71.

[9] Zenger, Erich Hg., Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament. Micha Übersetzt und ausgelegt von Rainer Kessler, Freiburg-Basel-Wien 1999.

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Details

Titel
Exegese Micha 4, 1-5
Hochschule
Universität Siegen
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V58532
ISBN (eBook)
9783638526999
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Micha
Arbeit zitieren
Britta Wüst (Autor), 2004, Exegese Micha 4, 1-5, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58532

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