Die Vorstellung vieler vom Minnesang ist geprägt durch die so genannte‚ hohe Minne’ bzw. die Minnekanzone. In ihr glaubt man die Beschreibung des höfischen Liebesideals zu finden und läuft Gefahr dieses eins zu eins auf die damalige höfische Gesellschaft zu übertragen, ohne zu wissen, ob dem wirklich so war. Beeinflusst ist dieses Empfinden durch Sammlungen von Minneliedern, in denen sich vorherrschend Kanzonen, und kaum andere Gattungstypen, befinden. Außerdem wird das Augenmerk in der Schule hauptsächlich auf die ‚hohe Minne’ gelegt und die Forschungsliteratur beschäftigt sich in der Mehrzahl ebenfalls mit ihr. Da verwundert es, dass die Kanzone bzw. das ‚minneliet’ in einer Spottstrophe Reinmars des Fiedlers nicht genannt wird, obwohl er ansonsten keine andere Gattung unerwähnt zu lassen scheint. Bedeutet dies, dass die Minnekanzone von ihren Zeitgenossen doch nicht als so dominierend wahrgenommen wurde oder war es andernfalls selbstverständlich, dass sie zum Repertoire eines jeden Minnesängers gehörte? Doch gibt es auch andere Gattungstypen. Vom Konzept der ‚hohen Minne’ scheint sich zumindest allein begrifflich das der ‚niederen’ abzugrenzen. Wenn die Dominanz der Kanzone im Minnesang bestätigt werden kann, handelt es sich bei der ‚niederen Minne’ folglich um eine Kategorie, zu der weniger Minnelieder gezählt werden können. Dass solche Lieder in der Aufzählung Reinmars keine Erwähnung finden, ist nicht verwunderlich, da es sich hier um ein Liebeskonzept und nicht um eine Gattung handelt. Da in der vorliegenden Arbeit dem Konzept der ‚niederen Minne’ im Minnesang und dem, was sich dahinter verbirgt, auf den Grund gegangen werden soll, ist es hilfreich, dieses in Abgrenzung zur ‚hohen Minne’ zu definieren. Letztere ist folgendermaßen gekennzeichnet: In den Liedern der Hohen Minne äußert sich […] ein männliches lyrisches Ich. Das Werberitual ist […] eingeengt auf eine bestimmte Konstellation - auf die Werbung um eine Frau, die der Werbende als gleichgültig, hochmütig, unnahbar, abweisend, ja feindselig erfährt. Er stilisiert sie als Minneherrin, erhebt sie in eine dominierende ethische Position, entrückt sie geradezu […]. Diesem Idol unterwirft sich der Mann als demütigerdienstman [sic!]. Er bittet sie, als seine >Herrin<, seinendienstanzunehmen, in der ständigen Hoffnung auf letztlichen Lohn für seine Treue. Aus dieser Unterwerfungsgeste resultieren ethische und gesellschaftliche Werte: Steigerung des Lebensgefühls und Anerkennung in der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II.1 Beschreibung der ‚niederen Minne’ im Minnesang: Walthers „Aller werdekeit ein füegerinne“ (46,32)
II.2 Forschungsdiskussion zum Konzept der ‚niederen Minne’ im Minnesang
II.3 Überprüfung der Forschungsthesen an Hand von Walthers „Nemt, frowe, disen kranz!“ (74,20)
II.4 Diskurs über Liebe statt Konzepte von Liebe im Minnesang?
III. Fazit und Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literaturwissenschaftliche Konzept der ‚niederen Minne‘ im Minnesang, hinterfragt dessen Validität als eigenständige Kategorie und analysiert, ob sich dieses gegenüber der ‚hohen Minne‘ zweifelsfrei abgrenzen lässt.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Begriffsgeschichte von ‚hoher‘ und ‚niederer‘ Minne.
- Analyse zentraler Minnelieder von Walther von der Vogelweide als Belegstellen.
- Diskussion forschungsgeschichtlicher Thesen zur Differenzierung von Liebeskonzepten.
- Untersuchung der Rolle von Ständen und sexueller Erfüllung im höfischen Kontext.
- Interpretation des Minnesangs als Diskursraum statt als starres Regelwerk.
Auszug aus dem Buch
II.2 Forschungsdiskussion zum Konzept der ‚niederen Minne’ im Minnesang
Herbert Herzmann versucht in seinem Aufsatz die Mädchenlieder Walthers, die auch Schweikle der ‚niederen Minne’ zugeordnet hat, nach folgender Definition auf ihre Zugehörigkeit zu diesem Konzept hin zu überprüfen:
In einem rein sozialen Sinn bedeutet nach dieser Auffassung ‚hohe Minne’ die Liebe zu einer gesellschaftlich hochstehenden Dame, ‚niedere Minne’ hingegen die Liebe zu einem Mädchen aus dem einfachen Volk. Vom moralischen Standpunkt aus betrachtet schließt ‚niedere Minne’ die körperliche Hingabe des weiblichen Partners mit ein, wohingegen der von der Idee der ‚hohen Minne’ durchdrungene Liebhaber darauf verzichtet.
Herzmann verschärft den Aspekt der sexuellen Erfüllung noch, indem in seiner Ausgangsthese die ‚niedere Minne’ diese zwangsweise einschließt. Obwohl wir bisher keinen Beweis für den Standesaspekt gefunden haben, taucht er auch hier wieder auf. Allerdings kommt auch Herzmann nach der Analyse von neun Mädchenliedern Walthers zu dem Schluss, dass nur in einem „[…] mit weitgehender Sicherheit von einem ‚einfachen Mädchen’ […]“ die Rede ist. Auch in Walthers „Under der linden“ (39,11) lässt die Verwendung des Begriffs frouwe nicht zu, hier vom Auftreten eines nicht adeligen Mädchens zu sprechen, da sie in der Regel eine ‚höfische’ Dame bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Unterscheidung zwischen ‚hoher‘ und ‚niederer‘ Minne ein und stellt die Relevanz der Forschungsfrage heraus.
II.1 Beschreibung der ‚niederen Minne’ im Minnesang: Walthers „Aller werdekeit ein füegerinne“ (46,32): Das Kapitel analysiert Walthers Lied als erste explizite Nennung des Begriffs ‚niedere Minne‘ und prüft die dort formulierten Kriterien.
II.2 Forschungsdiskussion zum Konzept der ‚niederen Minne’ im Minnesang: Hier werden bestehende Forschungsansätze, insbesondere die Thesen von Herbert Herzmann, kritisch auf ihre Tragfähigkeit hin untersucht.
II.3 Überprüfung der Forschungsthesen an Hand von Walthers „Nemt, frowe, disen kranz!“ (74,20): Eine praktische Anwendung der zuvor diskutierten Forschungsthesen auf ein konkretes Fallbeispiel zur Validitätsprüfung.
II.4 Diskurs über Liebe statt Konzepte von Liebe im Minnesang?: Das Kapitel diskutiert den Ansatz, Minnesang nicht als Abbildung fest definierter Kategorien, sondern als Diskurs über verschiedene Liebesideale zu begreifen.
III. Fazit und Perspektiven: Die Zusammenfassung der Ergebnisse schließt, dass das Konzept der ‚niederen Minne‘ vermutlich keine historische Realität besaß, sondern als literarisches Konstrukt zu werten ist.
Schlüsselwörter
Minnesang, hohe Minne, niedere Minne, Walther von der Vogelweide, höfisches Liebesideal, Mädchenlied, Liebesdiskurs, sexuelle Erfüllung, literarische Analyse, Minnekanzone, Forschungsdiskussion, Mittelalter, Minnebegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch das Konzept der ‚niederen Minne‘ im mittelalterlichen Minnesang und hinterfragt, ob dieses als klar abgrenzbare Kategorie neben der ‚hohen Minne‘ existierte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die literarische Definition von Liebeskonzepten, die soziologische Einordnung der Protagonisten (Ständewesen) sowie die Rolle von Trieb und Moral im höfischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Gültigkeit der ‚niederen Minne‘ als festes Programm anhand von Quellen und aktueller Forschungsliteratur kritisch zu überprüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine methodische Literaturanalyse, bei der primäre Textbeispiele (insbesondere von Walther von der Vogelweide) mit fachwissenschaftlichen Thesen gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse einzelner Lieder Walthers, die Diskussion einschlägiger Forschungsliteratur sowie die philosophische Debatte, ob Minne als starres Konzept oder als Diskurs zu verstehen ist.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Minnekanzone, Diskurs, literarisches Ideal, hohes und niederes Werben sowie historische Semantik geprägt.
Warum ist das Konzept der ‚niederen Minne‘ laut dem Autor schwierig zu definieren?
Der Autor argumentiert, dass die Definitionen in der Forschung oft verschwimmen und dass bei Walther von der Vogelweide die ‚niedere Minne‘ nur einmalig explizit erwähnt wird, was eine allgemeingültige Theorie ausschließt.
Welche Bedeutung kommt der „maget-Rolle“ in der Analyse zu?
Die Rolle der ‚maget‘ wird als literarischer Topos identifiziert, der oft als Alibi für eine sexuelle Vereinigung dient, ohne zwingend einen niedrigen sozialen Stand der Frau zu implizieren.
Was ist das zentrale Fazit der Arbeit?
Das Fazit lautet, dass die strikte Trennung in ein ‚hohes‘ und ‚niederes‘ Minnekonzept methodisch gescheitert ist, da es sich vielmehr um einen Diskurs über verschiedene Liebesideale handelte.
- Quote paper
- Jonas Ole Langner (Author), 2006, Das Konzept der 'niederen Minne' im Minnesang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58556