Bestimmt der Journalist das Thema oder das Thema den Journalisten?


Seminararbeit, 2005

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Agenda-Setting Theorie
2.1 Das Agenda-Setting und die Frage nach der Themenwahl
2.2 Fazit zum Agenda-Setting

3. Nachrichtenwert-Theorie
3.1 Die Nachrichtenwert-Theorie und die Frage nach der Themenwahl
3.2 Fazit zur Nachrichtenwert-Theorie

4. Gatekeeper-Forschung
4.1 Die Gatekeeper-Forschung und die Frage nach der Themenwahl
4.2 Fazit zur Gatekeeper-Forschung

5. Weitere wichtige Aspekte bei der Frage nach der Themenwahl
5.1 Medienökonomische Aspekte
5.2 Redaktionspolitische Aspekte
5.3 Public Relations
5.4 Technologische Aspekte

6. Fazit – Wer bestimmt nun also wen?

7. Quellenverzeichnis

8.Endnotenverzeichnis

1. Einleitung

„Die besondere Leistung und die besonderen Wirkungen des Journalismus, durch die sich sein Handeln von anderen, an der Öffentlichkeit orientierten Sozialsystemen unterscheidet, bestehen in der Ausrichtung auf die Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation.“1 So lautet ein Teil der Definition von Journalismus bei Manfred Rühl. Wenn man sie liest, bekommt man eine leise Ahnung warum die Journalistenstudiengänge gerappelt voll sind, und Journalist unter jungen Leuten einer der beliebtesten Berufe ist.

„Themen herstellen“ hört sich zunächst einmal ziemlich wichtig an, und wenn sich die Öffentlichkeit dann schließlich noch mit diesen eigens hergestellten Themen beschäftigt, lässt sich wohl nicht bestreiten, dass der Journalist eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielt.

Der Journalismus als Institution tut dieses auch sicherlich. Schließlich gehört er zu den Massenmedien, und denen werden wichtige Funktionen in sozialen, politischen und ökonomischen Bereichen zugeschrieben2.

Doch welche Rolle spielt hier der einzelne Journalist tatsächlich? Liegt die Allmacht der Themenwahl oder wie oben genannt der Themenherstellung tatsächlich in seiner Hand, oder sind ihm eher die Hände gebunden? Und wenn nicht er die Themen bestimmt, wer tut es dann, und nach welchen Kriterien wird dabei vorgegangen?

Diese Fragen sollen hier geklärt werden. Dazu werden verschiedene empirische Forschungsansätze (Agenda-Setting, Gatekeeping, und Nachrichtenwert-Theorie)3 sowie redaktionspolitische Vorgehensweisen herangezogen und in Bezug zu oben gestellter Frage verglichen.

Letztenendes soll geklärt werden:

Bestimmt der Journalist das Thema oder das Thema den Journalisten?

Vorab soll noch festgehalten werden, dass sich einige der empirischen Forschungsansätze mit Nachrichten- anstatt Themenwahl beschäftigen. Da aber Nachrichten sich oftmals zu Themen der Öffentlichkeit entwickeln, soll dieser begrifflichen Unterscheidung hier keine Beachtung geschenkt werden.

2. Agenda-Setting Theorie

Die Agenda-Setting Theorie, auch „Tagesordnungs-“ oder „Thematisierungsfunktion“ der Medien genannt, beruht auf dem Gedanken, dass Massenmedien nicht so sehr beeinflussen was, sondern worüber wir nachdenken sollen4: Themen, die die Massenmedien auf ihre Agenda setzen, werden vom Publikum auf dessen Tagesordnung übernommen und somit als soziale Wirklichkeit empfunden5..

Erstmals untersucht wurde diese These 1968 von Maxwell McCombs und Donald Shaw. Dabei wurden Wähler der amerikanischen Kleinstadt Chapel Hill zu ihren Themenprioritäten bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl befragt. Gleichzeitig wurden die Themenprioritäten der genutzten Medien durch Inhaltsanalysen evaluiert. Beim Vergleich der beiden Werte wurden große Übereinstimmungen sichtbar, sowohl zwischen Themenprioritäten der Leser und Themenprioritäten der Medien, als auch zwischen den Themenprioritäten einzelner Medien. Somit sahen McCombs und Shaw ihre These bestätigt. In weiteren Forschungen entwickelten sie drei Modellvarianten6 der Agenda-Setting These:

Awareness-Modell: Das Publikum wird auf bestimmte Themen aufmerksam, weil Medien darüber berichten

Salience-Modell: Die unterschiedliche Hervorhebung bestimmter Themen in den Medien ist die Ursache dafür, dass Rezipienten die Themen auch als unterschiedlich wichtig erachten.

Prioritäten-Modell: Themenrangfolge der Medienagenda wird exakt von Publikumsagenda wiedergespiegelt.

In der weiteren Forschung wurde die Agenda-Setting-These zum Teil relativiert. Insbesondere das Prioritäten-Modell gilt heute eher als zweifelhaft7. Dennoch ist es unübersehbar, dass Themenwahl und –Strukturierung einzelner Themen der Medien mit Themenprioritäten der Rezipienten zusammenhängen. Inwieweit wer wen beeinflusst soll im folgenden erläutert werden.

2.1 Das Agenda-Setting und die Frage nach der Themenwahl

Blickt man auf die Ursprungsuntersuchung McCombs und Shaws scheint zunächst klar zu sein, dass bei der Themenwahl der Journalist die mächtigere Position hat. Scheinbar liegt es in seiner Hand welche Themen er dem Rezipienten vorsetzt und in welchem Rahmen diese als wichtig empfunden werden sollen. Und doch gibt es Einschränkungen für die Wirkung des Agenda-Setting:

Thema

Bestimmte Themen eignen sich besonders gut zum Hervorrufen eines Agenda-Setting Effekt, andere weniger. Eine wichtige Rolle bei diesem Punkt spielt die sogenannte Aufdringlichkeit. Als „aufdringlich“ gelten solche Themen, die leicht persönlich erfahrbar sind, also solche die nicht der Vermittlung der Medien bedürfen. Diese Art Thema eignet sich nicht um von den Medien auf die Publikumsagenda gesetzt zu werden, da jeder sich ein eigenes Bild von ihnen machen kann, und die Medien dieses Bild nur schwer manipulieren können. Andererseits gibt es natürlich auch Themen die weit außerhalb des persönlichen Erfahrungsbereichs liegen. Außenpolitische Vorgänge z.B. sind vom Rezipienten nur schwer zu überprüfen, da die Medien hier eine Monopolstellung als Informations-quelle haben. Diese führt dazu, dass es in der Hand der Medien liegt, zu entscheiden, was in welchem Umfang thematisiert wird8.

Medium

Für das Agenda-Setting spielt auch das Medium eine entscheidende Rolle: Nicht alle Medien sind in der Lage den gleichen Effekt hervorzurufen. Der Presse wird ein hohe Agenda-Setting Wirkung bescheinigt, was damit zusammenhängt, dass Zeitungen in der Lage sind Themen längerfristig zu strukturieren. Außerdem können verschiedene Hervorhebungen (Lead-Stories, Überschriften, Fotostrecken) starke Wirkungen auf den Leser haben9.

Dem Fernsehen hingegen wird ein „Scheinwerfereffekt“10 attestiert: Themen können kurzzeitig beleuchtet werden. Unter Umständen werden dadurch auch starke Reaktionen hervorgerufen, doch längerfristig bleiben die Themen nicht in den Köpfen der Rezipienten. Generell gilt jedoch für jedes Medium: Umso öfter ein bestimmtes Thema wiederholt wird, desto größer ist die Chance einen Agenda-Setting-Effekt hervorzurufen11. McCombs fasst die medialen Bedingungen des Agenda-Settings wie folgt zusammen: „The basic nature of the agenda seems often to be set by the newspapers, while television primarily reorders or rearranges the top items of the agenda.“12

Rezipient

Auch für den Rezipienten gilt, dass nicht jeder sich gleich gut zum Hervorrufen eines Agenda-Setting-Effekts eignet. So gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass z.B. Intensität und Umfang der Mediennutzung Einfluss auf das Agenda-Setting haben. Wer Medien im größeren Umfang nutzt, ist anfälliger dafür deren Themen zu übernehmen. Wer eine bestimmte Berichterstattung aufmerksam verfolgt, läuft eher Gefahr sich ihrer Grundgedanken anzunehmen. Der Agenda-Setting-Effekt wird auch verstärkt, wenn der Rezipient keine Informationen aus anderen Quellen bezieht, also keine sogenannte „framework“ geleistet wird13, oder ihm ein Vorwissen zu dem Thema fehlt, da das Thema wie oben genannt außerhalb seines Erfahrungsbereiches liegt14.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Bezug auf den Rezipienten ist sein Nutzungsmotiv. Hat er ein hohes Orientierungsbedürfnis, wird er verstärkt Medien nutzen, und ist somit wiederum anfälliger für den Agenda Setting Effekt. Nicht zu vernachlässigen, ist hier aber auch die Orientierung an Meinungen von Mitmenschen. Interpersonelle Kommunikation spielt dabei eine wichtige Rolle. So kann der Agenda-Setting-Effekt oftmals auch einfach aus Gesprächen mit Mitmenschen hervorgehen, indem man die Meinung seines Gesprächpartners übernimmt15.

[...]


1 Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH, 1992. Seite 40.

2 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Wien: Böhlau Verlag, 2002. Seite 378ff.

3 Die Ansätze werden (z.T. unvollständig) nur im Bezug auf die Frage sinnvollen Rahmen vorgestellt.

4 McCombs, Maxwell E./Shaw, Donald L.: The Agenda Setting Function of Mass Media. In: Public Opinion Quarterly, 36. Jg. (1972). Seite 177.

5 Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung. In: Jarren, Ottfried/ Bonfadelli, Heinz:

Einführung in die Publizistikwissenschaft. Bern: Haupt, 2001. Seite 361.

6 Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002. Seite

442 f.

7 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Wien: Böhlau Verlag, 2002. Seite 251.

8 Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002. Seite 443.

9 ebd. Seite 444.

10 ebd. Seite 446.

11 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft. Wien: Böhlau Verlag, 2002. Seite 251.

12 Schenk, Michael: Medienwirkungsforschung. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002. Seite 445.

13 ebd. Seite 447.

14 ebd. Seite 452f.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Bestimmt der Journalist das Thema oder das Thema den Journalisten?
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V58558
ISBN (eBook)
9783638527149
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bestimmt, Journalist, Thema, Journalisten
Arbeit zitieren
Vanessa Lengert (Autor), 2005, Bestimmt der Journalist das Thema oder das Thema den Journalisten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58558

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