Höflichkeit ist ein weit gefächerter Begriff, dem in verschiedenen Epochen und verschiedenen Kulturen andere Bedeutungen zugeschrieben wurden. Cicero entwickelte Konzepte für das menschliche Zusammenleben innerhalb einer Gesellschaft, wie unter anderem Regelungen innerhalb des Stadtlebens, Feinheit in Rede und Gesprächsnormen, aber auch Höflichkeit und Umgänglichkeit. Ciceros Konzept wurde später verändert und im höfischen Mittelalter verwendet, um eine obere Schichtzugehörigkeit zu verdeutlichen. Im 15. und 16. Jahrhundert weicht der Begriff der Höflichkeit von den Verhaltensregeln bei Hofe ab und besinnt sich auf den antiken Humanismus, aus welchem sich die bürgerlichen Werte der Erziehung, Bildung, Höflichkeit und Zivilisation entwickeln. Diese Verhaltensregeln der Höflichkeit werden daraufhin erweitert, bis sie im französischen Absolutismus durch ihre Überspitzung verfälscht werden und somit ihren Zweck verfehlen. Mit Hilfe der Aufklärung im 18. Jahrhundert entwickelt sich eine Gegenrichtung zu der übertriebenen Verhaltensordnung im Absolutismus. Es entwickeln sich liberal-demokratische Gesellschaftsformen, welche die verpönten Feudalgesellschaften ablösen. Ein weiterer Wandel des Inhaltes von „Höflichkeit“ vollzieht sich im 19. Jahrhundert. Feinsinnigkeit und bedachtes Handeln im zwischenmenschlichen Umgang rücken hier in den Mittelpunkt. Adolph Freiherr von Knigge verfasste zu dieser Zeit Schriftstücke, welche eine „allgemeine Moral“ und Fragen von Höflichkeit im Umgang mit dem anderen Geschlecht sowie Pflichten und Freiheiten beinhalteten. Der Höflichkeitsbegriff verändert sich grundlegend zur Zeit des Nationalsozialismus. Höflichkeit und Tugend werden hier als Gehorsam und korrektes Verhalten der Staatsmacht gegenüber betrachtet. Nach dem 2. Weltkrieg zerfällt diese Bedeutung von Höflichkeit und alte Sitten und Regeln werden modern. In den 68gern beruft sich die Höflichkeit auf „Natürlichkeit“ und „authentischen Verhalten“, welche die überkommenen Rituale und Konventionen der Höflichkeit abzulösen versucht. Dennoch besinnt sich Höflichkeit in der heutigen Zeit wieder auf Regeln und Verhaltensnormen, welche im Umgang mit Menschen immer wichtiger zu werden scheinen. Höflichkeit dient dabei als Basis zwischen den verschiedenen Interessengruppen und Verhaltensmustern in der Gesellschaft zu kommunizieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Selbstinszenierung im Mittelalter
3. Bildung von Gemeinschaft im 15. und 16. Jahrhundert
4. Bildung von Gesellschaft im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert
4.1 Geschichtlicher Hintergrund
4.2 Der Gebrauch von „Höflichkeit“ im 17. und frühen 18. Jhr.
4.2.1 Die Bedeutung von Höflichkeit
4.2.2 Die Bedeutung von Freiheit
4.3 Shaftesbury
4.3.1 Shaftesbury im geschichtlichen Kontext
5. Entstehung der Feinsinnigkeit im 19. Jahrhundert
6. Die Wahrung des Gesichts im 20. Jahrhundert
7. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Wandel des Begriffs der Höflichkeit von der Antike bis in das 20. Jahrhundert, um dessen Bedeutung und Funktion in verschiedenen gesellschaftlichen Epochen zu beleuchten und für das Verständnis heutiger Umgangsformen nutzbar zu machen.
- Historische Entwicklung des Höflichkeitsbegriffs vom Mittelalter bis zur Moderne.
- Die Rolle von Selbstinszenierung und Habitus als Machtinstrumente.
- Wechselwirkung zwischen gesellschaftlicher Freiheit und höfischem Benehmen.
- Einfluss von Normen und Werten auf die zwischenmenschliche Interaktion.
- Bedeutung der Gesichtswahrung in modernen Kommunikationsprozessen.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Bedeutung von Höflichkeit
Höflichkeit in seiner erweiterten Bedeutung konnte für einen Prozess, aber auch für ein Produkt gelten. Höflichkeit war daher der Prozess zur Formvollendung, aber auch der Zustand formvollendet zu sein. Durch die Sprache der Höflichkeit innerhalb der Gesellschaft konnten nun auch Formen der „höflichen Kunst“ und „höflichen Briefe“ entstehen.
Höflichkeit wurde in die kulturelle Politik mit einbezogen. Man versuchte eine idealisierte Form von menschlichem Umgang zu erzeugen. Es wurde von nun an mit Hilfe der „Höflichkeit“ kommuniziert, welches einen Ausdruck des guten Geschmacks darstellte und welches mit bestimmten Erwartungen und Standards an die „höfliche“ Person einhergingen. Die Definition des Gentlemans wurde neu formuliert. Die traditionellen Kriterien der gesellschaftlichen Stellung des höflichen Gentlemen (Land, Stammbaum, Staatsdienst) wurden durch eine höfliche soziale und kulturelle Ebene ergänzt, welches ihn zur Formvollendung bringen sollte.
Durch die neue Definition des Gentlemen entstand auch eine neue Kulturelite: Als höflicher Gentlemen äußerte man sich, mit Hilfe eines weitreichenden Vokabulars, über Kunst und Lernen. Die Politik wurde dabei mit einbezogen: „Though the language of politeness was manifestly not a political language in the conventional sense but rather a language of social and cultural description and evaltuation, yet it was politicized and then used to support and clarify political predilections.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, indem sie den geschichtlichen Wandel des Höflichkeitsbegriffs skizziert und den theoretischen Rahmen für die Analyse setzt.
2. Selbstinszenierung im Mittelalter: Das Kapitel erläutert, wie Kleidung, Gesten und Habitus genutzt wurden, um den Status und die Vorbildfunktion eines Herrschers gegenüber dem Volk zu festigen.
3. Bildung von Gemeinschaft im 15. und 16. Jahrhundert: Hier wird der Fokus auf den Zusammenhalt von Gemeinschaften durch gemeinsame Sitten und die Abgrenzung von als „barbarisch“ wahrgenommenen Gruppen gelegt.
4. Bildung von Gesellschaft im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert den Wandel von der „Geselligkeit“ hin zu einer generalisierten Kommunikation in einer abstrakten Gesellschaft unter Berücksichtigung politischer und historischer Umbrüche.
4.1 Geschichtlicher Hintergrund: Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über die für das Verständnis der Höflichkeit maßgeblichen englischen Ereignisse, wie den Parlamentarismus und die Industrielle Revolution.
4.2 Der Gebrauch von „Höflichkeit“ im 17. und frühen 18. Jhr.: Das Kapitel untersucht, wie sich der Höflichkeitsbegriff von fürstlichen Höfen auf die breitere Elite und die englische Gesellschaft übertrug.
4.2.1 Die Bedeutung von Höflichkeit: Dieser Teil definiert Höflichkeit als einen Prozess der Formvollendung, der eng mit der neuen Rolle des Gentlemans verknüpft ist.
4.2.2 Die Bedeutung von Freiheit: Hier wird die Verbindung zwischen Höflichkeit und der Wahrung politischer Freiheit durch moralisch einwandfreies Handeln reflektiert.
4.3 Shaftesbury: Dieses Kapitel analysiert die Thesen des dritten Earl von Shaftesbury bezüglich der Assoziation von Freiheit, Kunst und Höflichkeit.
4.3.1 Shaftesbury im geschichtlichen Kontext: Hier wird Shaftesburys Positionierung im politischen Konflikt zwischen Absolutismus und den Errungenschaften der „Glorreichen Revolution“ erläutert.
5. Entstehung der Feinsinnigkeit im 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel behandelt die Entwicklung der Feinsinnigkeit als notwendige gesellschaftliche Voraussetzung und die Veränderung durch die aufkommende Massenproduktion.
6. Die Wahrung des Gesichts im 20. Jahrhundert: Abschließend wird die Höflichkeit als Instrument der Image- und Gesichtswahrung in der zwischenmenschlichen Interaktion nach Brown und Levinson analysiert.
7. Fazit: Das Fazit fasst den Wandel von der präsentativen Höflichkeit des Mittelalters zur detaillierten, auf Interaktion basierenden Höflichkeit der Moderne zusammen.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Geschichtlicher Kontext, Selbstinszenierung, Mittelalter, Humanismus, Gesellschaftsbildung, Freiheit, Shaftesbury, Feinsinnigkeit, Knigge, Gesichtswahrung, Interaktion, Habitus, Kulturpolitik, Umgangsformen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den historischen Wandel des Begriffs der Höflichkeit und analysiert, wie sich dessen Funktion und Bedeutung von der Antike über das Mittelalter bis hin zur Moderne innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Strukturen verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die soziale Selbstinszenierung, die Bildung von Gemeinschaften, die Verknüpfung von Höflichkeit mit politischer Freiheit sowie den Übergang von präsentativer Höflichkeit hin zur modernen Gesichtswahrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die historische Betrachtung ein besseres Verständnis für die heutige Bedeutung und die interaktive Funktion von Höflichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturbasierten historischen Analyse, bei der verschiedene kulturwissenschaftliche und sprachsoziologische Werke, wie etwa von Richard Sennett oder Brown und Levinson, kritisch ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische Abschnitte, die von der mittelalterlichen Selbstdarstellung über die englische Aufklärung und das 19. Jahrhundert bis zur modernen Kommunikationstheorie reichen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Höflichkeit, Freiheit, gesellschaftlicher Status, Feinsinnigkeit, Gesichtswahrung und soziale Interaktion.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Höflichkeit im Mittelalter von der modernen Sichtweise?
Während Höflichkeit im Mittelalter primär der Demonstration von Status und Standeszugehörigkeit sowie der Vorbildfunktion des Herrschers diente, fungiert sie heute vor allem als Mittel der Gesichtswahrung und zur Stabilisierung zwischenmenschlicher Interaktionen.
Welche Rolle spielt die Freiheit in Shaftesburys Höflichkeitstheorie?
Shaftesbury postuliert, dass Höflichkeit nur in einem freien Staat gedeihen kann und dass der interaktive Prozess des höflichen Austauschs selbst eine Voraussetzung für die kulturelle und soziale Freiheit der Bürger darstellt.
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- Anna Patzke Salgado (Author), 2005, Höflichkeit im geschichtlichen Kontext. Von der Antike bis zur Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58587