Angela von Foligno - Eine Vertreterin der mittelalterlichen Mystik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Religion im Mittelalter – ein Überblick
2.1 Frauen und Religion im Mittelalter
2.2 Mystik – Wege zu Gott
2.3 Brautmystik

3. Angela von Foligno
3.1 Angelas Leben
3.2 Angelas Werk
3.2.1 Entstehung
3.3 Franziskanischer Einfluss
3.4 Der Weg der Buße
3.5 Angela als Braut Christi
3.6 Visionäre Fähigkeiten – Segen oder Fluch?
3.7 Wirkung

4. Visionsliteratur

5. Schluss

1. Einleitung

Nach Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur definiert sich der Begriff Mystik als „interkonfessionelle Frömmigkeitsform, die durch Abkehr von der Sinneswelt und Versenkung in das eigene Sein die Trennung zwischen irrationaler Gottheit und eigenbewusster, reiner Seele schon im Diesseits überwindet und durch Kontemplation, Meditation und Askese zu vollkommener Einswerdung von Menschenseele und persönl. Gott […] führt (unio mystica)“.[1]

Mystiker gab und gibt es in allen Kulturkreisen und Religionen. Die christliche Mystik hat ihren Beginn in der Offenbarung Johannis, der Gnosis und dem Manichäismus. Im Mittelalter findet die christliche Mystik ihren Höhepunkt. Mystiker wie Thomas von Aquin, Bonaventura und Dante erklärten die unio mystica verstandesgemäß als „Sehnsuchtswirkung Gottes auf den Menschen“[2] Andere entwickelten Stufenmodelle die über die Meditation über das Göttliche bis zur Gottesschau führen. Bernhard von Clairvaux wirkte als Mystiker durch das ganze Mittelalter. Das Besondere an der mystischen Strömung des Mittelalters war, dass sie nicht hauptsächlich von den großen Gelehrten getragen wurde, sondern von Laien. Sie entstand in den Frauenklöstern des 12. Jahrhunderts, den Bettelorden und Beginenhöfen. Viele Mystikerinnen dieser Zeit sind uns heute noch bekannt, darunter Frauen wie Hildegard von Bingen, Elisabeth von Schönau, Mechthild von Magdeburg, Hadewijch oder Katharina von Siena.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Werk einer italienischen Mystikerin des 13. Jahrhunderts, welches zu ihren Lebzeiten große Wirkung zeigte, heute allerdings etwas in Vergessenheit geraten ist, Angela von Foligno. Um die Umstände des Entstehens ihres Werkes genauer zu erläutern und einen Überblick über die Zeit und das religiöse Weltbild der Angela von Foligno zu geben, befasst sich der 1. Abschnitt mit der Entstehung der sog. „Religiösen Frauenbewegung“ des Mittelalters. Des Weiteren werden die Begriffe der Mystik und der „Religiösen Frauenbewegung“ erörtert und eine kurze Erläuterung des Begriffs der Brautmystik gegeben. Angelas Leben wird in einem kurzen biographischen Abschnitt dargestellt. Ihr Werk wird unter den Aspekten seiner Entstehungsgeschichte, des franziskanischen Einflusses der brautmystischen Elemente und seiner Wirkung bis zur Gegenwart betrachtet. Der letzte Abschnitt gibt einen Überblick über mittelalterliche Visionsliteratur und ihre Rezeption im Allgemeinen.

2. Religion im Mittelalter – ein Überblick

2.1 Frauen und Religion im Mittelalter

Frauen galten im Mittelalter, bis auf wenige Ausnahmen, als minderrangig. Sie waren dem Mann untergeordnet. In der Ehe galt der Mann als Vormund der Frau. Auch im religiösen Sinne fand die Frau wenig Anerkennung. Ihr hing der Sündenfall an und sie galt nicht als voll entwickelter Mensch. Aus der kirchlichen Hierarchie blieben die Frauen über den ganzen Zeitraum des Mittelalters ausgeschlossen.

Dennoch bot die Kirche ihnen den einzigen Weg um eine gewisse Bildung zu erlangen. Die Klosterschulen gaben Frauen die Möglichkeit der geistlichen und literarischen Bildung. Das Kloster war für viele Frauen die einzige Möglichkeit einen eigenen Lebensweg einzuschlagen, da unverheiratete Frauen ansonsten keine Entfaltungsmöglichkeiten hatten.

Schon sehr früh gab es die ersten Frauenklöster in Frankreich und England. Im 8. Jahrhundert waren die angelsächsischen Nonnen an der Christianisierung der Germanen beteiligt. Sie unterstützten die Mönche nicht nur in materieller oder handwerklicher Hinsicht, sondern auch in der Missionierung. Viele Nonnenklöster, die von Adeligen gegründet worden waren, nahmen allerdings den Charakter von Versorgungsanstalten für Witwen und unverheiratete Frauen an, die gegen finanzielle oder materielle Zuwendungen aufgenommen wurden. Ab dem 10. Jahrhundert wurden mehr Mönchsklöster als Nonnenklöster gegründet, in denen es zur Klosterreform durch Cluny kam. Die Reform nahm so gut wie keinen Einfluss auf die Nonnenklöster, jedoch entwickelte sich eine andere Form der Frauengläubigkeit, das Reklusentum. Diese Bewegung trug streng asketische Züge. Die Reklusen erfuhren große Verehrung durch die Bevölkerung und sogar durch hierarchisch höher gestellte Kirchenmänner.

Ab dem 12. Jahrhundert bildeten sich die Mönchsklöster häufig in Doppelklöster um, indem ihnen ein Nonnenkonvent angeschlossen wurde. Diese Erscheinung verschwand im 13. Jahrhundert allerdings wieder vollständig.

Im 12. und 13. Jahrhundert wurde die Entwicklung hauptsächlich von der „Vita-apostolica“-Bewegung bestimmt. Sie bestand aus vielen Gruppen, die teilweise als Ketzer verfolgt wurden, teilweise jedoch der Kirche angehörten. Diese Bewegung war aus der Klosterreform und ihren Forderungen hervorgegangen. Die Mönche verließen nun die Klöster und wurden zu Wanderpredigern, die christliche Armut und ein apostolisches Leben nicht nur innerhalb der Klöster, sondern auch im weltlichen Leben forderten. Sie erfuhren einen großen Zulauf, vor allem von Frauen. Viele Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer „religiösen Frauenbewegung“[3]. Durch diese Bewegung entstanden zahlreiche Ordensneugründungen. Da sich der Zisterzienserorden schließlich gegen seine Frauenklöster richtete, strömten die Frauen in die neuentstehenden Franziskaner- und Dominikanerorden. Clara Sciffi, die hl. Klara, Gefährtin des hl. Franziskus, gründete den Klarissenorden, den weiblichen Zweig der Franziskaner. Diesem Orden konnten sich auch verheiratete Frauen anschließen, unter anderem tat dies auch Angela von Foligno, dazu mehr in Abschnitt 3. Nicht alle Frauen konnten in die Klöster aufgenommen werden. Diese bildeten freie Frauengemeinschaften ohne Anschluss an einen Orden, sie wurden als Beginen bezeichnet.

2.2 Mystik – Wege zu Gott

Dinzelbacher definiert Mystik als „eine Frömmigkeitsform, die im Streben nach unmittelbarem Kontakt mit Gott durch persönliche Erfahrung besteht.“[4] Diese Erfahrungen werden als etwas empfunden, das sich vom normalen Prozess des Denkens und Handelns unterscheidet. Die Erfahrungen des Mystikers sind völlig unmittelbar. Aus diesem Grund sind seine Äußerungen über das Erlebte unzulänglich.

Außer der praktischen Form der Erlebnismystik existiert noch die theoretische Form der interpretierenden oder spekulativen Mystik. Es handelt sich hierbei nicht um persönliches Erleben mystischer Ereignisse, sondern um die Darstellung eben solcher Ereignisse und die Beschreibung des Weges zu mystischem Erleben. Der theoretische Mystiker spricht nicht unbedingt von persönlichen Erfahrungen, wie der Erlebnismystiker. Im Mittelalter entstanden durch theoretische Mystiker, wie Hugo und Richard von St. Victor, Modelle über den Weg, der zum Einssein mit Gott (unio mystica) führt.

Es ist auffällig, dass im Mittelalter besonders Frauen mystische Erfahrungen machten. Natürlich gab es auch männliche Visionäre und praktische Mystiker, doch überwog die Erlebnismystik bei den Frauen. Im Gegensatz zu den männlichen waren die weiblichen Seligen oder Heiligen des 13. bis 15 Jahrhunderts zumeist auch Mystikerinnen.

Viele von ihnen lebten in den neuen Frauenorden oder als Beginen als „die Nachfolge des ‚armen nackten Christus’“[5] in strenger Askese. Ziel dieser Lebensform war die Bekämpfung der menschlichen Begierde und Schwäche durch Fasten und Selbstkasteiung. Doch widmeten sie auch einen großen Teil ihrer Zeit der Pflege von Schwachen, Aussätzigen, Kranken oder Gefangenen. Am Ende ihres Weges standen das Loslassen seiner selbst und die Begegnung Gottes in der eigenen Seele. Doch nicht mystisches Erleben oder Besitzlosigkeit sondern die Armut des Geistes war das Entscheidende bei diesem Weg. Meister Eckhart beschrieb diese innere Armut folgendermaßen:

„Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat. … Denn soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschaffenen Willen so ledig sein, wie er´s war, als er (noch) nicht war. … Solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, so lang seid ihr nicht richtig arm.“ (Predigt 32)[6]

Gemeint ist, dass der Mensch gar keinen Willen mehr haben soll, selbst der Wille Gott zu dienen soll verschwinden. Die Seele soll eine Einheit mit Gott werden. Nach Meister Eckhart wird das Verschmelzen der Seele mit Gott auf einem dreistufigen Weg erreicht. Zuerst steht die via purgativa, der Weg der Reinigung, auf der der Mensch seiner Sünden erinnert wird und durch Buße, Askese und Reue auf die via illuminativa, den Weg der Erleuchtung gelangt. Auf dieser Stufe öffnet sich die Seele immer mehr der göttlichen Gnade und bekämpft ihren Eigenwillen bis sie die via perfecta, den Weg zur Vollendung erreicht. Dieses Stadium beinhaltet Ekstasen und das „Heraustreten des Geistes“[7] bis „die Ruhe der Einigung der Seele mit Gott“[8] eintritt. Ist das Ziel der Vereinigung der Seele mit Gott erreicht, geht es nicht um den Genuss des Verweilens in diesem Zustand sondern vielmehr um den „Weg der Nachfolge Christi im Leiden wie in der Nächstenliebe“.[9]

[...]


[1] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 2001. S. 539

[2] ebd. S. 539

[3] Peter Ketsch: Frauen im Mittelalter. Band 2: Frauenbild und Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft. Hg. von Annette Kuhn, Düsseldorf 1984, S. 270

[4] Peter Dinzelbacher: Vision und Visionsliteratur im Mittelalter. Stuttgart 1981, S. 53

[5] Helga Unger (Hg.): Der Berg der Liebe. Europäische Frauenmystik. Freiburg 1991. S. 21

[6] Eckhart <Meister>: Deutsche Predigten und Traktate - Meister Eckehart. Hrsg. u. übers. von Josef Quint. Zürich 1979. S. 303-309

[7] Unger, S. 22

[8] ebd. S. 22

[9] ebd. S. 23

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Angela von Foligno - Eine Vertreterin der mittelalterlichen Mystik
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Mystik
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V58604
ISBN (eBook)
9783638527514
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angela, Foligno, Eine, Vertreterin, Mystik, Hauptseminar, Mystik
Arbeit zitieren
Katina Tomaschewski (Autor), 2006, Angela von Foligno - Eine Vertreterin der mittelalterlichen Mystik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58604

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Angela von Foligno - Eine Vertreterin der mittelalterlichen Mystik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden