Diese Hausarbeit beschäftigt sich besonders mit Goffmans Werken „Wir alle spielen Theater“ und „ Interaktion“. In dem Buch „Wir alle spielen Theater“ schildert Goffman die Selbstdarstellung im Alltag in Analogie zum Bühnenschauspiel. Das Buch „Interaktion“ ist in zwei Abschnitte unterteilt; der erste Abschnitt beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Rollendistanz. Da Goffmans Ausführungen zu diesen Themen sehr umfangreich sind, soll im Rahmen dieser Hausarbeit versucht werden, das Wesentliche seiner Forschungen knapp und übersichtlich herauszustellen und mit nahe liegenden, übertragbaren Beispielen zu konkretisieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffe
3. Goffmans Rollenbegriff
4. Das „dramaturgische“ Modell
4.1 Die Fassade
4.2 Dramatische Gestaltung
4.3 Idealisierung
4.4 Die Ausdruckskontrolle
5. Das Ensemble
6. Ort und ortsbestimmtes Verhalten
7. Kommunikation außerhalb der Rolle
8. Rollendistanz
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die zentralen soziologischen Konzepte von Erving Goffman, insbesondere aus dessen Werken „Wir alle spielen Theater“ und „Interaktion“, prägnant zusammenzufassen und anhand lebensnaher Beispiele zu erläutern. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei, inwiefern die Analogie zwischen alltäglicher Selbstdarstellung und einem Bühnenschauspiel dazu dient, soziale Interaktionen, Rollenverhalten und das Phänomen der Rollendistanz wissenschaftlich zu begreifen.
- Grundbegriffe der sozialen Interaktion nach Goffman
- Die Darstellung des Individuums durch das „dramaturgische“ Modell
- Die Bedeutung von Fassade, Ensemble und Ort für das soziale Handeln
- Die Analyse von Kommunikation außerhalb definierter Rollen
- Die theoretische Einordnung und Anwendung des Rollendistanz-Konzepts
Auszug aus dem Buch
8. Rollendistanz
Nach Goffman kann es Rollendistanz nur in Bezug auf die Rollen geben, die man aktuell spielt und aktuell wahrnimmt. Goffmans Beispiel für Rollendistanz waren Kinder unterschiedlichen Alters, die Karussell fahren. Bei den Kindern von drei bis vier Jahren stellte die Aufgabe auf einem Karussellpferd zu fahren noch eine Herausforderung dar, die allerdings von den Kindern gut bewältigt werden konnte. Die Eltern mussten nun nicht mehr neben dem Karussell herlaufen oder Angst um ihre Kinder haben. Die Kinder warfen sich mit vollem Einsatz in ihre Rolle als Reiter unter Einsatz all ihrer Fähigkeiten. So lassen manche vorsichtig eine Hand los um den Eltern zu winken oder gucken sie an um ihnen zuzulächeln.
Goffman meint, dass es hierbei um drei Dinge gehe: „zugegebene zum Ausdruck kommende Bindung an die Rolle; Demonstration von Qualifikationen und Fähigkeiten zur Durchführung; aktiver Einsatz oder spontanes Einbezogensein in das Rollenhandeln“ (Goffman 1973: 120). Alle Gegebenheiten, bei denen diese Merkmale vorhanden sind, bezeichnet Goffman als „Erfassung“ (der Rolle). So bedeutet eine Rolle erfassen, von ihr erfasst zu werden. Doch auch dies kann sich wandeln. Betrachtet man nun Jungen im Alter von fünf Jahren, ist festzustellen, dass sie es ablehnen die Sicherheitskette anzulegen, sie treten gegen die Karussellpferde oder schlagen mit einer Hand den Takt zur Musik mit. Es scheint also, als wäre Karussellfahrer zu sein nicht mehr genug. Die Kinder zeigen, dass sie der Herr der Lage sind und nicht mehr der Rolle eines kleinen Kindes entsprechen, das sich nur mühsam im Sattel halten kann. „ Das Bild seiner selbst, das für ihn durch die Routine als Folge seiner bloßen Teilnahme erzeugt wird, […] ist ein Bild, von dem er sich offensichtlich zurückzieht, indem er die Situation aktiv beeinflusst“ (Goffman 1973: 121).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in Erving Goffmans soziologisches Werk ein und skizziert den methodischen Ansatz, die Selbstdarstellung im Alltag mit dem Theaterschauspiel zu vergleichen.
2. Begriffe: Dieses Kapitel definiert die soziologischen Grundbegriffe Interaktion und Rolle und leitet zur begrifflichen Herkunft aus der Philosophie und Soziologie über.
3. Goffmans Rollenbegriff: Es wird erläutert, wie Goffman Rolle als sozialen Determinismus definiert, durch den Individuen spezifische Verhaltenserwartungen und Aufgaben zugewiesen werden.
4. Das „dramaturgische“ Modell: Dieses Kapitel erläutert den Vergleich der sozialen Welt mit dem Theater, wobei Konzepte wie Fassade, dramatische Gestaltung, Idealisierung und Ausdruckskontrolle detailliert beschrieben werden.
5. Das Ensemble: Es wird dargestellt, wie Gruppen von Individuen gemeinsam eine Rolle aufbauen und sich als „Mitwisser“ in einer abhängigen Interaktionsgemeinschaft definieren.
6. Ort und ortsbestimmtes Verhalten: Hier wird die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hinterbühne eingeführt, um zu verdeutlichen, wie Orte das öffentliche und inoffizielle Verhalten von Individuen beeinflussen.
7. Kommunikation außerhalb der Rolle: Das Kapitel befasst sich mit Situationen, in denen die Fassade bröckelt oder die Kommunikation von den vorgegebenen Rollenerwartungen abweicht.
8. Rollendistanz: Es wird erklärt, wie Individuen durch Distanzierung von ihrer Rolle verdeutlichen können, dass sie nicht vollständig mit der ihnen zugewiesenen sozialen Funktion identifiziert sind.
9. Fazit: Das Fazit bewertet die Übertragbarkeit von Goffmans Modellen auf den Alltag und diskutiert kritische Einwände zur Mikrosoziologie.
Schlüsselwörter
Erving Goffman, Soziologie, Interaktion, Rollenbegriff, dramaturigisches Modell, Selbstdarstellung, Fassade, Ensemble, Rollendistanz, Vorderbühne, Hinterbühne, Sozialisation, Ausdruckskontrolle, Mikrosoziologie, soziales Verhalten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziologischen Konzepte von Erving Goffman, insbesondere seine These, dass das alltägliche soziale Handeln analog zu einer Theateraufführung verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse von Rollenverhalten, der Selbstdarstellung von Individuen in sozialen Situationen und der Art und Weise, wie soziale Ordnung durch Interaktionsrituale aufrechterhalten wird.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die prägnante und übersichtliche Darstellung von Goffmans komplexen Theorien unter Verwendung von leicht nachvollziehbaren Beispielen aus der Lebenswelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Textanalyse und der Aufarbeitung soziologischer Fachliteratur, um Goffmans Konzepte systematischer zu strukturieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erläuterung von Goffmans Rollenverständnis, das dramaturgische Modell, die Dynamik von Ensembles, die Bedeutung räumlicher Gegebenheiten sowie das Phänomen der Rollendistanz.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Zu den prägenden Begriffen gehören „dramaturgisches Modell“, „Fassade“, „Rollendistanz“, „Vorderbühne/Hinterbühne“ und „Interaktion“.
Wie unterscheidet Goffman zwischen dem „Aufrichtigen“ und dem „Zyniker“?
Während der Aufrichtige die Darstellung als Wirklichkeit erlebt, agiert der Zyniker bewusst, indem er eine Maske trägt, um entweder sich selbst oder sein Publikum zu schützen.
Was versteht man in der Arbeit unter „Selbsttäuschung“ in Bezug auf das Ensemble?
Selbsttäuschung tritt auf, wenn ein Darsteller sich so stark mit seiner Rolle identifiziert, dass er sie auch dann nicht ablegt, wenn kein Publikum anwesend ist, und die Rolle somit zur persönlichen Realität wird.
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- Anne Nickel (Author), 2006, "Wir alle spielen Theater" - Wie die menschliche Tragödie gespielt wird, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58676