Die Welthandelsrunden der WTO/GATT unter dem Gesichtspunkt der strategischen Handelspolitik


Bachelorarbeit, 2006
43 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 GRUNDLAGEN DER STRATEGISCHEN HANDELSPOLITIK

3 PROBLEME DER STRATEGISCHEN HANDELSPOLITIK
3.1 FREIHANDEL ALS REFERENZMODELL
3.2 DAS GEFANGENENDILEMMA
3.3 DAS ZOLLSPIEL AM BEISPIEL EINER NICHT-KOOPERATION
3.4 DER MEHRLÄNDERFALL AM BEISPIEL DER ZOLLUNION

4 EIN ÜBERBLICK ÜBER DIE GATT/WTO

5 DIE WELTHANDELSRUNDEN DER GATT/WTO
5.1 THEORETISCHE BETRACHTUNG
5.2 WELTHANDELSRUNDEN ALS TWO-LEVEL-GAMES
5.3 STRATEGIEN IN ZOLLSENKUNGSVERHANDLUNGEN
5.4 ERFOLGE DER NEUN WELTHANDELSRUNDEN

6 SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Effekte eines Handelskrieges

Abbildung 2: Zollgleichgewicht

Abbildung 3: Totalanalyse einer Zollunion mit Wohlfahrtssteigerung

Abbildung 4: Totalanalyse einer Zollunion mit Wohlfahrtsverlust

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auszahlungsmatrix im Gefangenendilemma 9

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das General Agreement on Tariffs and Trade, kurz GATT, und dessen Nachfolger, die World Trade Organization, im Folgenden WTO, spielen in der Weltwirtschaft eine wichtige Rolle.1 Seit dem Bestehen des GATT 1947 und der nachfolgenden WTO, wurde in bisher neun Welthandelsrunden mit nunmehr 150 teilnehmenden Ländern versucht, Protektionismus zu reduzieren und eine globale Liberalisierung herbeizuführen. Die dabei erzielten Erfolge sind sichtbar. So sank beispielsweise der Zoll auf Industriegüter in den vergangenen 60 Jahren von über 40 Prozent auf unter 4 Prozent. Weiterhin wurden zwischen 1992 und 2003 nach empirischem Beleg 2,5 Millionen Arbeitsplätze im Binnenmarkt der Europäischen Union geschaffen. Dank des grenzfreien Binnenmarktes ist das Bruttoinlandsprodukt der Europäer 2002 um 164,5 Milliarden €, also etwa 1,8%, höher ausgefallen, die Wohlfahrt eines EU- Haushaltes hat sich im selben Zeitraum um durchschnittlich 5.700€ erhöht.2 Diese empirischen Ergebnisse bestätigen die theoretischen Resultate einer Handelsliberalisierung: Die Öffnung der Märkte, also die implizite Abschaffung jeglicher Handelshemmnisse, ermöglicht eine Wohlfahrtssteigerung3 und fördert das nationale Wachstum.4

Das Ziel des Freihandels gilt in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie als wohlfahrtsoptimale Lösung (vgl. Abschnitt 3.1). Trotzdem liegt ein multilaterales Handelssystem mit dem Ziel der Marktöffnung nicht im Interesse eines jeden Landes. So wurde der Freihandel nach 60 Jahren GATT/WTO bis heute nie vollständig erreicht. Auch die Gründung von Zollunionen, die häufig als Richtungsweiser zum weltweiten Freihandel angesehen werden, bedeutet kein Ende des Protektionismus.5

Es drängt sich die Frage auf, warum der Abbau der Handelshemmnisse tarifärer und nichttarifärer Art bis heute nicht vollständig gelungen ist, und warum die Länder trotz empirischer Belege über die Optimalität des Freihandels an diesen protektionistischen Maßnahmen festhalten. Auf den Ansatz der strategischen Handelspolitik, der den Einsatz protektionistischer Instrumente zu erklären versucht, soll in dieser Arbeit eingegangen werden. Nach dieser Theorie handeln Regierungen strategisch, durch Auferlegung von Handelsbarrieren, um ihre eigenen Industrien zu schützen und einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen. Diese Strategien stärken zwar die eigene Wohlfahrt, beeinflussen jedoch die anderer Handelspartner negativ. Üben die betroffenen Länder Vergeltungsmaßnahmen in ebenfalls handelshemmender Form aus, führt das Verhalten die Länder unabwendbar in das Gefangenendilemma.6 Dieses kann nur durch eine Kooperation der verhandelnden Länder gelöst werden. Genau hier greifen die Welthandelsrunden der GATT/WTO. Sie bieten aufgrund der von den Ländern akzeptierten Rahmensetzung eine gewisse Sicherheit über die Reaktionen des Partnerlandes und ermöglichen so eine weltweit orientierte Reduktion der Handelshemmnisse und folglich die Möglichkeit, die global optimale Wohlfahrt ohne Einbußen bei einzelnen Länder zu erreichen.

Im Sinne der Fragestellung dieser Arbeit- die Welthandelsrunden der WTO/GATT unter dem Aspekt strategischer Handelspolitik- soll im Folgenden zunächst eine Grundlage zur strategischen Handelspolitik vermittelt werden. Es folgt die Darstellung der sich aus der strategischen Interaktion der Regierungen ergebenden Probleme. Die Qualität einer Lösung wird zumeist an der Wohlfahrt gemessen. Da der Freihandel die global optimale Lösung darstellt, wird hierzu zunächst das Modell des Freihandels als Referenzmodell beschrieben, bevor die einzelnen möglichen Strategien der Länder vorgestellt und anhand des spieltheoretischen Gefangenendilemmas erläutert werden. Das sich für die Länder ergebende und in Abschnitt 3.2 erläuterte Dilemma wird weiterhin in Abschnitt 3.3 an einem Zollspiel erläutert. Die Darstellung soll verdeutlichen, dass sich die Problematik des Gefangenendilemmas implizit bei Nicht-Kooperation der Länder ergibt, sich bei Kooperation hingegen eine wohlfahrtsverbessernde Situation ergeben kann. Es folgt in Abschnitt 3.4 die Darstellung des immer häufiger vorfindbaren Falles ökonomischer Integration verschiedener Länder in einer Zollunion. Es wird betrachtet, ob hier der Effekt der Wohlfahrtseinbußen von Drittländern vermieden werden kann, oder ob eine Annäherung an den Optimalfall „Freihandel“ stattfindet.

Aus diesen Grundlagen ergibt sich zum einen die Frage, welche Möglichkeiten es gibt, eine Kooperation zwischen den Ländern zu ermöglichen, und zum anderen, ob die Zollunion eine Möglichkeit zur Umsetzung der Freihandelsidee bietet, oder eine solche Union mit Regelsetzungen, die eine Kooperation ermöglichen, nicht konform ist. Hierzu wird die GATT/WTO als Informationsbasis und Möglichkeit multilateraler Verhandlungen vorgestellt. Nachdem die GATT als Vertragsrahmen und die WTO als Organisation in den wesentlichen Grundzügen in Kapitel 4 vorgestellt werden, soll der Fokus in Kapitel 5 auf die Welthandelsrunden gelegt werden, in denen an der GATT/WTO partizipierende und interessierte Länder die Möglichkeit haben, unter den vorgegebenen Regelsetzungen zu verhandeln. Nach einer theoretischen Interpretation dieser Handelsrunden in Abschnitt 5.1 soll in Abschnitt 5.2 unter dem Aspekt der Welthandelsrunden als Two-Level-Games untersucht werden, wie groß die Verhandlungsbasis der partizipierenden Länder ist und folglich die Möglichkeit, sich auf eine gemeinsame handelspolitische Lösung zu einigen. In Abschnitt 5.3 folgt die Darstellung der verschiedenen Möglichkeiten einer Zollsenkung, bevor in Abschnitt 5.4 die bisher erzielten Erfolge in den neun Welthandelsrunden aufgezeigt werden. Im abschließenden Kapitel erfolgen eine Schlussbetrachtung sowie ein Ausblick auf noch bestehende Probleme.

2 Grundlagen der strategischen Handelspolitik

„ Unvollkommene Konkurrenz f ü hrt zu strategischen Situationen, in denen der einzelne Akteur sich seiner rationalen Umwelt gegen ü ber sieht und die Interdependenz der individuellen Entscheidungen in sein Kalk ü l einbeziehen muss. “ 7

Im Mittelpunkt der sogenannten Neuen Handelspolitik steht die strategische Handelspolitik. Sie basiert auf der Grundlage, dass sich Verhalten oligopolistischer Unternehmen an internationalen Märkten durch eine Subventionierung oder Besteuerung durch die Regierung beeinflussen lässt8, so dass eine Steigerung inländischer Renten erzielt werden kann.9 WELZEL definiert strategische Handelspolitik als staatliches Eingreifen auf der Mikroebene mit den Zielen der Korrektur und Nutzung von Marktversagen, der Realisierung gesellschaftlicher Vorgaben und der willentlichen Beeinflussung von Handelsströmen. Das strategische Eingreifen erfolgt insbesondere in Situationen, in denen Freihandel für die einzelnen Länder nicht mehr das optimale handelspolitische Ziel darstellt.

Als Instrumente der Handelspolitik gelten neben tarifären Handelshemmnissen, wie Zölle, auch mengenmäßige Beschränkungen (Kontingentierungen, Selbstbeschränkungen) und nichttarifäre Maßnahmen (technische Standards, öffentliche Auftragsvergabe, Zollformalitäten etc.).10

Im Vergleich zur traditionellen Auffassung der Handelspolitik entspricht die Grundannahme in strategischer Betrachtungsweise nicht zwangsläufig konstanter, sondern der realistischeren Annahme steigender Skalenerträge.11 Als Folge gilt nicht die Annahme eines vollkommenen Marktes, der ein passives Verhalten eines Preisnehmers impliziert, sondern eine oligopolistische Marktstruktur mit einigen wenigen Anbietern.12 Die Behauptung eines unvollkommenen Marktes impliziert aus den „strategischen Situationen für Unternehmen auch strategische Situationen für die Regierungen“; es wird ein Anreiz geschaffen, sich durch handelspolitische Maßnahmen aktiv am Markt zu beteiligen.13 Im Kern des oligopolistischen Ansatzes stehen also strategische Situationen zwischen den Regierungen. In den strategischen Situationen werden Aktionen ergriffen, die bestimmte Reaktionen der Gegenspieler auslösen sollen.14

In der strategischen Handelspolitik sind die Regierungen im Bewusstsein, sich in einem strategischen Umfeld zu bewegen und „die Interdependenz mit anderen Entscheidungen anderer Akteure in ihr Kalkül aufzunehmen“.15 Die Regierungen können demgemäß im Grundlagen der strategischen Handelspolitik Rahmen ihrer Handelspolitik als Spieler auf den Märkten interagieren, um so ihren nationalen Marktteilnehmern eine strategisch günstigere Position zu ermöglichen. Die strategische Handelspolitik dient nach WELZEL folglich allein nationalem Eigennutz. 16 Aufgrund der für die nationale Wohlfahrt positiven Effekte ermöglichen die Annahmen dieses Ansatzes ein Handeln der Politiker, welche sich vom wohlfahrtsoptimalen Freihandel entfernen und protektionistische Maßnahmen, wie beispielsweise Importzölle, zulassen. Die bekanntesten Arbeiten im Rahmen der strategischen Handelspolitik lieferten BRANDER und SPENCER. In ihren Modellen wird angenommen, dass das Ausland trotz protektionistischer Strategie des Inlands am Postulat des Freihandels festhält und sich eine Rentenumlenkung des Inlands, jedoch auf Kosten des Auslands, ergibt.17 Eine realistischere Formulierung ergibt sich, wenn kooperatives Verhalten bei Nicht-Kooperation des Handelspartners aufgegeben wird.18 Kommt es aufgrund der Einführung von Handelshemmnissen des Partnerlandes zu einer Verschlechterung eigener terms-of-trade 19 ist ein passives Verhalten des Auslandes nicht wahrscheinlich. Als Reaktion hat das betroffene Land die Möglichkeit, einen Gegenzoll, genannt Retorsionszoll, zu erheben.20 Erzeugt die Reaktion des Auslandes wiederum eine Gegenreaktion in Form erneuter Zollerhebungen, kann es zu einem Handelskrieg zwischen den beteiligten Ländern kommen, in dem keines der beiden Länder eine Steigerung der Wohlfahrt verzeichnen kann. Diese Form der gegenseitigen Disziplinierung schränkt den Spielraum für eine aktive strategische Handelpolitik stark ein.21 Um einem Handelskrieg zu entkommen, ist kooperatives Verhalten der Länder bei der Zollsetzung erforderlich. Nur durch gemeinsames Agieren der Länder ist es möglich, weltwirtschaftlich wünschenswerte Ergebnisse zu erzielen. Das Problem eines sich durch strategische Interaktion ergebenden Handelskrieges soll im Folgenden graphisch verdeutlicht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Effekte eines Handelskrieges22

In der Abbildung bezeichnet TK die Tauschkurve und p den Preis des Gutes 1, gemessen in Einheiten des Gutes 2. Die ausländischen Größen sind mit (*) gekennzeichnet. E bezeichnet die Überschussnachfrage und -E das Überschussangebot. Die Tauschkurve gibt ein sich bei Maximierung der nationalen Wohlfahrt ergebendes Mengenverhältnis zwischen Import- und Exportgütern bei alternativen Weltmarktpreisen an.23 Im Schnittpunkt der beiden Tauschkurven herrscht das Weltmarktgleichgewicht. Die Weltproduktion beider Güter ist äquivalent dem Weltkonsum, in beiden Ländern wird hier ein wohlfahrtstheoretisches Optimum erreicht. Auch das Weltmarktpreisverhältnis wird durch den Schnittpunkt der Tauschkurven festgelegt.24 Ferner handelt es sich im Schnittpunkt um das Freihandelsgleichgewicht, da von Handelshemmnissen in der Ausgangssituation abgesehen werden soll.25 Wird nun der Import durch einen Zoll belastet, so sinkt das Angebot an Exportgütern der Inländer pro Einheit Importgut. Die Tauschkurve des Inlands dreht sich nach links zu TK1. Für jedes gegebene Weltmarktpreisverhältnis drängt ein Importzoll die Importgüternachfrage und damit auch das entsprechende Exportgüterangebot in Land 1 zurück, zu jeder Einheit Importmenge ergibt sich ein geringeres Angebot an Einheiten der Exportmenge.26 Das Weltmarktpreisverhältnis verbessert sich aus Sicht des Zoll erhebenden Landes 127, so dass sich auch bei einem sinkenden Handelsvolumen die inländischen terms- of-trade verbessern. Antwortet das Ausland nun ebenfalls mit protektionistischen Maßnahmen, also einem Retorsionszoll, so verschiebt sich die ausländische Tauschkurve nach rechts zu TK1*. Die terms-of-trade verbessern sich nun zu Gunsten des Auslands. In der Graphik kommt es zum Sonderfall, dass die terms-of-trade der Ausgangssituation - Freihandel- wieder erreicht werden. Trotz des Wiedererreichens der terms-of-trade sinkt das

Handelsvolumen weiter. Bei einem wie in diesem Fall dargestellten Handelskrieg, ist die Strategie des Inlandes nun eine weitere protektionistische Maßnahme, so dass sich erneut die Tauschkurve nach innen drehen würde, bis zu TK2. Wieder kommt es zu einer Neutralisierung der terms-of-trade durch Gegenmaßnahmen des Auslandes. Es kommt zu Effekten der Despezialisierung: Das Land produziert weniger von dem Gut, bei dem es einen relativen Preisvorteil besitzt und mehr von demjenigen Gut mit relativem Preisnachteil. Die Wohlfahrt beider partizipierender Länder sinkt.28

Auch im gegenläufigen Fall einer Strategie der Zollsenkung gibt es keinen Anreiz, sich einseitig vom protektionistischen Importzoll zu lösen. Würde das Inland den Zoll abbauen, würde sich die Tauschkurve wieder zurück zu TK1 verschieben. Die terms-of-trade verschlechtern sich, verbessern sich jedoch zugunsten des Auslands. Nur ein beidseitiger Abbau verbessert auch das Handelsvolumen. Das sich ergebende Verhalten wird auch als „ Rent-seeking-Dilemma “ bezeichnet und kann durch die von Interessengruppen ausgeübte Einflussnahme auf die Regierung zu einer global ineffizienten Implementierung von protektionistischen Maßnahmen führen. Da das Handeln zwischen internationalem und nationalem Kalkül demnach nicht immer rational erfolgt, laufen die Länder Gefahr, sich in die Situation des Gefangenendilemmas zu begeben.29

Erheben beide Länder gegeneinander jedwede Form von Handelshemmnissen, so hat kein Land einen Anreiz, von dieser Situation abzuweichen, denn dies würde Wohlfahrtsgewinne des anderen zu Lasten des eigenen Landes implizieren. Es wird mit diesem Ansatz eine potenzielle argumentative Legitimierung von protektionistischen Maßnahmen im politischen Entscheidungsprozess möglich, was insbesondere von Interessen- und Lobbygruppen genutzt werden kann, die an einer Protektion ihrer jeweiligen Exportmärkte interessiert sind.

Es soll zum Verständnis des weiteren Verlaufs noch einmal verdeutlicht werden, dass das Setzen oder das Abbauen von Handelshemmnissen Strategien sind, die Regierungen einsetzen, um die eigene Wohlfahrt zu verbessern.

Die Optimalität der Strategien sowie die auftretende Problematik lassen sich im Rahmen der Spieltheorie untersuchen. Die Darstellung zum Anreiz einseitiger und beidseitiger Zollsenkungsstrategien und die durch die Interaktion der Regierungen auftretenden Probleme erfolgen im Weiteren zunächst anhand der Auszahlungsmatrix eines Gefangenendilemmas und anschließend anhand graphischer und analytischer Betrachtung am Beispiel des nicht- kooperativen Zollspiels.

3 Probleme der strategischen Handelspolitik

Nachdem nun in Kapitel 2 die grundlegenden Theorien der strategischen Handelspolitik vorgestellt wurden, soll der Fokus auf die durch das strategische Interagieren der Regierungen entstehenden Probleme geführt werden. Um die für die einzelnen Länder möglichen Strategien der Zollsetzung beurteilen zu können, wird zunächst das Modell des Freihandels dargestellt, da, wie bereits in der Einleitung erwähnt, dieses als wohlfahrtstheoretisches Optimum gilt. Es folgt in Abschnitt 3.2 und 3.3 die Betrachtung des Gefangenendilemmas, zum einen in Darstellung der Auszahlungsmatrix, zum anderen in analytisch fundierter Beweisführung. Die sich aus den Resultaten ergebende Notwendigkeit von Kooperationen zwischen den Ländern wird in Abschnitt 3.4 unter dem Mehrländerfall erweitert. Hier wird untersucht, ob die Zollunion eine angemessene Integration ist, die den Weg für den Freihandel ebnet.

3.1 Freihandel als Referenzmodell

Zunächst wird hier das Modell des Freihandels betrachtet, da es im Vergleich zu den verschiedenen, in den nachfolgend betrachteten Abschnitten, häufig als weltweit optimale Lösung angesehen wird, und andere Strategien an der bei Freihandel erzielbaren Wohlfahrt gemessen werden.

Erfolgt internationaler Waren- und Dienstleistungsverkehr ohne Beschränkungen in Form von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen, so spricht man von Freihandel. Die Theorie des Freihandels geht auf SMITH und RICARDO zurück. Es gilt die Vorstellung, dass Unternehmen ein gewinnmaximierendes Eigeninteresse verfolgen und so automatisch die Produkte mit dem für sie geltenden relativen Kostenvorteil produzieren. Nach dem Prinzip der komparativen Kostenvorteile, auf das sich auch die noch in Kapitel 4 vorzustellende GATT/WTO bezieht30, kann eine Produktionsspezialisierung der Staaten auf die für sie effektivsten Herstellungen und Austausch der so erzeugten Güter im Rahmen weltwirtschaftlicher Integration eine globale Wohlfahrtssteigerung zur Folge haben.31 Jedes Land spezialisiert sich auf die Herstellung derjenigen Güter, für die sich ein komparativer Vorteil ergibt, und exportiert diese. Partizipierende Länder profitieren vom Handel.32 Um eine Wohlfahrtssteigerung zu erreichen, besteht der Anspruch an den Staat, künstliche Handelsschranken abzubauen, um so das sich selbst regelnde Prinzip der Marktwirtschaft nicht zu verzerren.33

Die von der GATT/WTO verfolgte Liberalisierung des Welthandels soll sich in Form von vergrößerten Märkten und zunehmendem Wettbewerb der beteiligten Länder auswirken. Die Wohlfahrtssteigerung ergibt sich folglich aus einer implizierten höheren Effizienz, da eine ländertypische Produktdifferenzierung eine ökonomischere Nutzung der eigenen Ressourcen zulässt. Es ergeben sich eine Outputsteigerung durch effektivere Nutzung von Skalenerträgen aufgrund des erweiterten Absatzmarktes,34 Kostensenkungen sowie erhöhte Innovationsgeschwindigkeit aufgrund des verstärkten Konkurrenzdruckes. Langfristig sollen so ein stärkeres Wachstum, steigendes Realeinkommen und erhöhter Lebensstandard erreicht werden35, so dass aus globaler Perspektive die Wohlfahrt aller Länder durch freien Welthandel maximiert wird.36 Weiterhin führt Freihandel zum Ausgleich der Handelsbilanzen der Länder, internationale Konflikte können so vermieden werden.

Sogar Ökonomen, die der Freihandelstheorie kritisch gegenüber stehen, sind zumeist der Ansicht, dass das Ziel des Freihandels anderen Modellen vorzuziehen ist.37 Aus dieser Auffassung ergibt sich, dass der Freihandel zwischen den Nationen in der volkswirtschaftlichen Theorie häufig als first-best Lösung bezeichnet wird.38

Nachdem das Modell des Freihandels vorgestellt wurde, werden nun verschiedene Möglichkeiten der Regierungen betrachtet, Handelsbarrieren auf- bzw. abzubauen. Die durch den Einsatz der Strategien grundsätzlich erreichbaren Wohlfahrtsniveaus werden mit denen des Freihandels verglichen.

3.2 Das Gefangenendilemma

Die Aufgabe besteht im Folgenden in der Betrachtung strategischer Interventionsmöglichkeiten der Regierungen. Das pay-off eines jeden Spielers, hier der Regierungen, ist sowohl von den eigenen Handlungen als auch von den Handlungen seines Gegners abhängig. Aus einer übergeordneten Perspektive ergeben sich drei mögliche Ergebnisse aus der Politiksetzung der Länder:

Eine erste Möglichkeit ergibt sich bei Protektion des eigenen Marktes und gleichzeitig liberalen Märkten anderer Länder. Für das protektionistisch verhaltende Land ergeben sich, im internationalen Vergleich, Vorteile für die eigenen Unternehmen und so die eigene Wohlfahrt.

Verhalten sich die partizipierenden Länder protektionistisch bezüglich der eigenen Märkte erzeugt dies ein zweites Ergebnis. Die Folge ist hierbei, dass sich kein Unternehmen im Exportmarkt festigen kann, da keine Größenvorteile zu realisieren sind. In diesem Fall ist die Konkurrenz gering und die Kosten liegen sehr hoch.

Die dritte Möglichkeit liegt in der Vereinbarung aller Länder, vom Protektionismus abzusehen. Alle Beteiligten stellen sich so besser als im reinen Protektionismusregime, jedes Land muss jedoch auch der Versuchung widerstehen, Vorteile durch unilaterale Zollsetzung zu erzielen.39

Grundsätzlich versucht eine Regierung den heimischen Markt zu schützen und in einer strategisch starken Position zu platzieren. Im Folgenden sollen die erläuterten Strategien mit ihren möglichen Ausprägungen aus spieltheoretischer Sicht betrachtet werden. Grundannahme sei hierfür ein klassischer Zwei-Länder-, Zwei-Güter-Fall. Die Regierung eines großen Landes hat die Möglichkeit, die terms-of-trade zu beeinflussen. Entscheidet sich das Land für einen positiven Importzoll, so erhöht sich das Überschussangebot auf dem Weltmarkt, und der Weltmarktpreis dieses Gutes sinkt. Das Land kann nun eine Einheit ihres Exportgutes gegen mehr Einheiten des Importgutes eintauschen - das große Land hat einen positiven terms-of-trade -Effekt zu verzeichnen, das andere Land einen negativen Effekt. Da das Land, welches den positiven Effekt erfährt, die durch seinen Importzoll entstandenen terms-of-trade -Externalität nicht internalisieren wird, ist der optimale unilaterale Zoll für ein das Volkseinkommen maximierendes Land positiv.40 Allerdings wird kein Land eine Verschlechterung seiner terms-of-trade durch protektionistisches Verhalten der Handelspartner akzeptieren, sondern unter Umständen selbst Zölle erheben.41 Die wohlfahrtsmindernden Effekte dieser Vergeltungsmaßnahmen wurden bereits in dem in Kapitel 2 erläuterten Handelskrieg verdeutlicht. Verhalten sich nun beide Länder in dieser Art und setzen beide Länder positive Importzölle, befinden sich die Regierungen im Gefangenendilemma. Ein Nash-Gleichgewicht stellt das optimale Verhalten aller Spieler bei gegebenen Aktionen der anderen Spieler dar.42 Im Nash-Gleichgewicht dieses Dilemmas sind die Zölle zu hoch und das Handelsvolumen zu gering, die partizipierenden Länder stellen sich beide schlechter. Ein Handelsabkommen würde die reziproke Zollreduzierung hierbei vereinfachen.43 Die Situation kann in der folgenden Auszahlungstabelle verdeutlicht werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Auszahlungsmatrix im Gefangenendilemma44

Probleme der strategischen Handelspolitik

Betrachtet werden hier zwei Länder mit den jeweiligen Alternativen Freihandel oder Protektionismus. U sei der Nutzen eines Landes bei freiem Marktzugang zum anderen Land und c die Kosten der eigenen Marktöffnung. Weiter gilt, dass U-c > 0, so dass die beidseitige Öffnung des Marktes vorteilhaft ist.

Die Nash-Lösung der Länder liegt in diesem Fall im beidseitigen Protektionismus. Hier hat keines der Länder einen Anreiz, vom Protektionismus abzuweichen, da es sich in jeder anderen Situation schlechter stellen würde. Entscheidet sich das Inland unilateral für Protektionsmaßnahmen, so kann, da 0 > -c, das Ausland seine Auszahlung maximieren, indem es ebenfalls eine protektionistische Maßnahme erhebt und so vermeidet, die Kosten einer Marktöffnung zu tragen und umgekehrt. Entscheidet sich hingegen ein Land für den Freihandel, ist es für das andere Land rational, trotzdem bei der Strategie des Protektionismus zu bleiben,45 da sich so die Auszahlung von U-c auf U steigern lässt.

Die pareto-optimale Lösung beschreibt eine Situation, in der sich kein Spieler weiter besser stellen kann, ohne einen anderen Spieler zu benachteiligen.46 In diesem Beispiel liegt das Pareto-Optimum in einer beidseitigen Handelsliberalisierung, da so die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt maximiert werden kann und sich beide Länder im Vergleich zur protektionistischen Lösung besser stellen.

Es lässt sich aufgrund obiger Darstellung also folgende Entscheidungshilfe in Bezug auf die Wohlfahrt des einzelnen Landes festlegen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Theorie der strategischen Handelspolitik kann demnach nicht die globale Optimalität des Liberalismus bestreiten, bietet allerdings Erklärungsansätze für einen Einsatz handelshemmender Instrumente.48

Der hier erläuterte Ansatz stellt ein statisches Spiel dar. Im Fall des Handels zwischen zwei Ländern ist die Annahme eines unendlich oft wiederholten Spiels allerdings realistischer. Die beiden Länder haben hierbei einen unendlichen Planungshorizont und wägen die kurzfristigen Erträge gegen die langfristig realisierbaren Erträge ab, um infolgedessen die Strategie zu wählen, die die höchstmögliche Auszahlung verspricht. Durch Diskontierung der einzelnen Auszahlungsströme lassen sich die Auszahlungen der einzelnen Strategien miteinander vergleichen. Die einzelnen Länder können so gegebenenfalls lernen, dass die Freihandelslösung eine wohlfahrtstheoretisch bessere Lösung bietet als die reine Protektionsentscheidung. Wie lange die Länder für den Lernprozess benötigen, die Vorteilhaftigkeit gegenseitiger Kooperation festzustellen, hängt unter anderem von der Höhe des Diskontierungsfaktors ab. Je niedriger dieser ist, desto eher ist mit einer Kooperation

[...]


1 Vgl. Bagwell/Staiger (2000), S.1.

2 Vgl. Broll (1993), S.12.

3 Vgl. Zweifel/Heller (1997), S. 249.

4 Vgl. Wagner (1993), S.53.

5 Vgl. Juli (1993), S.1.

6 Vgl. Bagwell/Staiger (2000), S.2.

7 Welzel (1991), S.1.

8 Vgl. Rübel (2004), S.133.

9 Vgl. Morasch (2000), S.38.

10 Vgl. Welzel (1991), S.13.

11 Vgl. Rübel (2004), S. 123.

12 Vgl. Kösters (1995), S.27.

13 Vgl. Welzel (1991), S.2.

14 Vgl. Grossman (1986), S. 49.

15 Welzel (1991), S.61.

16 Vgl. Welzel (1991), S.1f.

17 Vgl. Berg/Schmidt (1998), S. 859.

18 Vgl. Kösters (1992), S.50f.

19 In den terms-of- trade wird die Frage beantwortet, ob sich der Handelsvorteil einer Peiode im Vergleich zu einer früheren vergrößert oder verringert hat. Es gilt als reales Austauschverhältnis T = p p. Vorteilhaft X M sind steigende terms-of-trade, da bei einer ausgeglichenen Handelsbilanz eine Zunahme der term-of-trade auch eine Zunahme der Importe pro Einheit der Exporte bedeutet, Handel also vorteilhafter ist. (Vgl. Gabisch (2005), S.31f.).

20 Vgl. Rübel (2004), S. 227 sowie Bender (1994), S.37f.

21 Vgl. Kösters (1992), S.52f.

22 Rübel (2004), S.228.

23 Vgl. Rübel (2004), S.81.

24 Vgl. ebd., S.84.

25 Vgl. ebd., S.85.

26 Vgl. ebd., S.201.

27 Vgl. ebd., S.202.

28 Vgl. Rübel (2004), S.227ff.

29 Vgl. Vanberg (2000), S.223.

30 Vgl. Low (1993), S.146.

31 Vgl. Jawad (2004), S.3.

32 Vgl. Gabisch (2005), S.9ff.

33 Vgl. Moon (1999), S.41f.

34 Vgl. Ströbele/Wacker (2000), S.62.

35 Vgl. Krugman/Obstfeld (2004), S.172ff.

36 Vgl. Beckmann et al. (2000), S.8.

37 Vgl.Krugmann/Obstfeld (2004), S.290.

38 Vgl. Blank et al. (1998), S.2.

39 Vgl. Brander (1987), S.37.

40 Vgl. Bagwell/Staiger (2003), S. 2f.

41 Vgl. Rübel (2004), S.227.

42 Vgl. Varian (2004), S.513.

43 Vgl. Bagwell/Staiger (2003), S. 2f.

44 Vgl. Hoekman/Kostecki (2001), S. 110.

45 Vgl. Bender (1994), S.39.

46 Vgl. Varian (2004), S.14f.

47 mit Fh= Freihandel, Prot= Protektionismus, wobei der erste Ausdruck jeweils für das Inland, der zweite für das Ausland steht. Die optimale Lösung für das Inland ist also eine inländische Protektion bei weltweitem Freihandel.

48 Vgl. Rübel (2004), S.134 sowie Bender (1994), S.42.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Welthandelsrunden der WTO/GATT unter dem Gesichtspunkt der strategischen Handelspolitik
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Volkswirtschaftslehre, insbes. monetäre Ökonomik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
43
Katalognummer
V58691
ISBN (eBook)
9783638528207
Dateigröße
687 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welthandelsrunden, WTO/GATT, Gesichtspunkt, Handelspolitik
Arbeit zitieren
Jana Semken (Autor), 2006, Die Welthandelsrunden der WTO/GATT unter dem Gesichtspunkt der strategischen Handelspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58691

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