„Ich habe doch nicht sprechen gelernt, um jetzt den Mund zu halten", tönt das weibliche Fotomodell der Betty-Barclay-Werbung des Jahres 1996 in diversen Frauenzeitschriften. Anscheinend war der Moment zum sprachlichen Durchbruch gekommen.
Dabei haben Frauen zu keiner Zeit sprechen gelernt, um den Mund zu halten. Er wurde und wird ihnen nur bewusst und systematisch von männlicher Seite zugehalten.
Die vorliegende Arbeit soll jedoch keinen Abriss der Geschichte der Sprecherziehung von Frauen geben, sondern sich auf die aufschlussreiche und beispielhafte Inszenierung des weiblichen Sprechens im Nibelungenlied beschränken. Dazu geht sie zunächst auf die den Frauen zugedachten Rollen im Bereich der mittelalterlichen Literatur ein und erläutert den von ihnen zu erfüllenden umfangreichen Tugendkatalog besonders im Hinblick auf ihre Artikulationsfähigkeiten.
Die im Nibelungenlied vorkommenden Gespräche unter Frauen und zwischen Frauen und Männern werden auf die Beziehungen der Gesprächspartner untereinander untersucht, wobei gesellschaftliche und geschlechtliche Hierarchien und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sprechen und Macht im Mittelpunkt stehen. Die Autorin will die Verhaltensweisen und Reaktionen, die entstehen, wenn eine Frau verbal kommuniziert, darstellen und deuten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Literatur des Mittelalters
3. Weibliches Sprechen
4. Gespräche von und mit Frauen im Nibelungenlied
4.1 Die Gespräche zwischen Mutter und Tochter
4.2 Kampfreden und Streitgespräche der Rivalinnen und Feindinnen
4.3 Kriemhild und Hagen
4.4 Gespräche zwischen den Eheleuten
4.5 Bettgespräche zwischen den Eheleuten
4.6 Kriemhild als Untergebene
4.7 Kriemhild als Herrscherin
5. Brünhild
6. Schluß
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Inszenierung weiblichen Sprechens im Nibelungenlied und analysiert dabei den Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischer Kommunikation und Machtstrukturen im mittelalterlichen Kontext.
- Die Rolle der höfischen Frau und der damit verbundene Tugendkatalog.
- Analyse von Mutter-Tochter-Dialogen und deren familiären Rollenvorgaben.
- Untersuchung von Konfliktgesprächen zwischen rivalisierenden Frauenfiguren.
- Der Einfluss des Ehestandes und Bettgespräche als Instrument der Interessenvertretung.
- Die Spannung zwischen dem privaten Raum der Frau und dem öffentlichen Handlungsraum der Männer.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Gespräche zwischen Mutter und Tochter
In diesen hôhen êren tróumte Kriemhíldè, wie si züge einen valken, starc, scóen' und wíldè, den ir zwêne arn erkrummen, daz si daz muoste sehen, ir enkûnde in dirre werlde leider nímmér gescehen.
Den troum si dô sagete ir muoter Úotèn. sine kúndes niht besceiden baz der gúotèn: «der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. in welle got behüeten, du muost in sciere vloren hân. »
«Waz saget ir mir von manne, vil liebiu muoter mîn? âne recken mínne sô wil ich immer sîn. sus scoen' ich wil belîben unz an mînen tôt, daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt.»
«Nu versprích es niht ze sêre, sprach aber ir muoter dô. «soltu ímmer herzenlîche zer werlde werden vrô, daz gescíht von mannes minne. du wirst ein scoene wîp, ob dir noch got gefüeget eins rehte guoten riters lîp.»
«Die rede lât belîben», sprach si, «frouwe mîn. ez ist an manegen wîben vil dicke worden scîn, wie líebé mit leide ze jungest lônen kan. ich sol si mîden beide, sone kán mir nimmer missegân.»
(Nibelungenlied, Strophen 14 - 18)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die These auf, dass weibliches Sprechen im Nibelungenlied durch männliche Machtstrukturen begrenzt und instrumentalisiert wurde.
2. Die Literatur des Mittelalters: Der Abschnitt skizziert die männlich dominierte literarische Landschaft und die eingeschränkten Bildungsmöglichkeiten für adlige Frauen.
3. Weibliches Sprechen: Hier werden die Erwartungen an höfische Damen wie Sanftmut und Zurückhaltung beschrieben, die jede Form weiblicher Sprechfertigkeit unterdrückten.
4. Gespräche von und mit Frauen im Nibelungenlied: Dieses Kapitel untersucht verschiedene Konstellationen weiblicher Kommunikation und deren Abhängigkeit von gesellschaftlichen Machtverhältnissen.
4.1 Die Gespräche zwischen Mutter und Tochter: Analyse der prägenden Wirkung von Müttern bei der Vorbereitung auf die gesellschaftliche Rolle der Tochter durch die Ehe.
4.2 Kampfreden und Streitgespräche der Rivalinnen und Feindinnen: Untersucht die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Kriemhild und Brünhild über sozialen Rang und Ehre.
4.3 Kriemhild und Hagen: Beschreibt die komplexe Spannung zwischen den späteren Erzfeinden und Kriemhilds vergeblichen Versuch, Hagen für Siegfried zu gewinnen.
4.4 Gespräche zwischen den Eheleuten: Betrachtet die vorbildhafte Ehe und den beschränkten politischen Einfluss von Frauen gegenüber ihren Männern.
4.5 Bettgespräche zwischen den Eheleuten: Analysiert das Ehebett als strategischen Ort, an dem Frauen versuchen, politischen Einfluss auf ihre Ehemänner zu nehmen.
4.6 Kriemhild als Untergebene: Beleuchtet Kriemhilds Rolle als wohlerzogene Tochter und Schwester, die sich den Interessen des männlichen Familienoberhaupts unterordnet.
4.7 Kriemhild als Herrscherin: Diskutiert Kriemhilds späteren Machtanspruch und dessen Scheitern an der patriarchalen Gewaltstruktur.
5. Brünhild: Kontrastiert Brünhilds Ausgangssituation als mächtige Königin mit ihrem schrittweisen Verlust an Handlungsspielraum bis zur Unterwerfung.
6. Schluß: Das Fazit fasst zusammen, dass weibliches Sprechen in der Literatur oft instrumentalisiert wurde, um gesellschaftliche Normen zu zementieren und Machtansprüche der Männer zu legitimieren.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, weibliches Sprechen, höfische Literatur, Machtstrukturen, Mittelalter, Geschlechterrollen, Kriemhild, Brünhild, Kommunikation, Tugendkatalog, Patriarchat, Frauendialog, Ehe, Rache, politische Einflußnahme.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Inszenierung des weiblichen Sprechens im Nibelungenlied und analysiert, wie Kommunikation von Frauen durch gesellschaftliche Hierarchien und geschlechtsspezifische Rollenerwartungen beeinflusst wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf den mittelalterlichen Tugendkatalog für Frauen, die Dynamik von Mutter-Tochter-Dialogen, die Konflikte zwischen Rivalinnen sowie die begrenzten Möglichkeiten weiblicher politischer Einflussnahme.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es darzustellen, wie und warum das weibliche Sprechen im Nibelungenlied inszeniert wird und welchen Zusammenhang es mit Machtverhältnissen im Kontext des mittelalterlichen Wertesystems gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, um Dialoge im Nibelungenlied unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu deuten und gesellschaftliche Kontexte des Mittelalters zu reflektieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen von Gesprächskonstellationen (Mutter-Tochter, Eheleute, Rivalinnen), die Untersuchung von Rollenbildern wie die der Untergebenen oder der Herrscherin sowie die spezifische Rolle der Brünhild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Nibelungenlied, weibliches Sprechen, Geschlechterrollen, Machtstrukturen, Patriarchat, höfische Literatur und die Figuren Kriemhild sowie Brünhild.
Wie wird das Bettgespräch im Nibelungenlied bewertet?
Die Arbeit interpretiert das Ehebett als einen der wenigen Orte, an denen Frauen versuchen, ihre privaten Anliegen in politische Handlungen ihrer Ehemänner zu übersetzen.
Warum scheitert Kriemhild letztendlich in ihrer Machtausübung?
Obwohl Kriemhild zeitweise ihre Interessen durchsetzen kann, zeigt die Arbeit auf, dass sie in der patriarchal geprägten Welt des Nibelungenlieds an ritueller Gewalt scheitert, die ihre Unabhängigkeit letztlich sanktioniert.
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- Ute Hennig (Author), 1996, Frauenzank und Weibergeschwätz - Weibliches Sprechen im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5870