Siegfried. Der Inbegriff eines Helden?


Hausarbeit, 2006

21 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Idealbild des Helden
1. Wesenszüge
2. Märchenhafte Züge
3. Heldenhafte Siege

III. Brüche in der Heldenkonzeption
1. Siegfrieds Tod – der Tod eines Helden?
2. Siegfrieds Schuld

IV. Schlussfolgerung

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Siegfried ist ein Held, wie die Sonne keinen zweiten gesehen hat, voll kühnsten Mutes und übermenschlicher Kraft. Sein Erscheinen ist wie das Strahlen der Sonne an einem heiteren Frühlingsmorgen, sein Tod wie das Sterben einer Blume voll sonnigen Glanzes und liebliche Duftes.“[1] Dieses idealisierte und klischeehafte Bild der frühen Siegfriedforschung, das im wesentlichen durch die überlieferte Sagenvorstellung des Helden gekennzeichnet ist, hat sich bis heute in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Selbst die Filmindustrie greift die beliebte Überlieferung vom Drachentöter dankbar auf und bestätigt die weit verbreitete Auffassung vom Inbegriff des Heldentums: Siegfried als der strahlende Held, der durch eine hinterhältige Intrige zugrunde gerichtet wird. Lässt sich diese Meinung jedoch nach einer sorgfältigen Analyse des Epos aufrechterhalten? Wird der Xantener im Text tatsächlich als der Inbegriff des Helden dargestellt?

Auf den folgenden Seiten möchte ich mich daher der Darstellung der Siegfriedfigur im Nibelungenlied widmen. Im Vordergrund der Arbeit steht hierbei das Bild vom Helden und seine Schilderung im Epos. Anhand von Textbeispielen wird versucht die traditionelle Meinung von Siegfried aufzugreifen und im Lied zu überprüfen. Positive sowie negative Seiten der Heldengestalt sollen kritisch am Text untersucht werden, um schließlich die Figur im Gesamten erfassen zu können. Dabei werde ich zunächst auf das Idealbild des Helden eingehen, um später Widersprüche und Ungereimtheiten dieses Konzepts aufzudecken.

Allgemein kann man feststellen, dass Siegfried im Vergleich zu den restlichen Figuren im Nibelungenlied trotz seiner Stellung keine Königstitel, sondern fast ausschließlich Heldentitel trägt: der „starke Sîfrit“[2], der „küene Sîfrit“[3], der helt von Niderlant“[4], „Sîfrit der degen“[5]. Seine Person wird somit nicht durch den Status als König oder Landesherr bestimmt, sondern vielmehr wird der Held aufgrund seiner besonderen Eigenschaften und herausragenden Merkmale hervorgehoben. Was versteht man jedoch unter einem Helden? Was macht einen Helden aus? In der mittelhochdeutschen Literatur des 12. Jahrhunderts bezeichnet „helt“ einen hervorragenden und bewundernswürdigen Kämpfer, der durch seine Taten Bewunderung und Aufmerksamkeit hervorruft. Seine kämpferischen Leistungen und seine Tugenden stellt er in außerordentlichen Situationen unter Beweis. Somit sind Helden allgemein Figuren der Erinnerung, die durch ihren Nachruhm im kollektiven Gedächtnis weitergetragen werden. Sie dienen als Vorbild und vertreten Außerordentliches, wodurch sie Sympathie und Bewunderung beim Hörer des Epos hervorrufen.[6]

Wie bereits angedeutet, wurde in der frühen Forschung zur Siegfriedfigur vielfach die positive Seite überzeichnet und negative Elemente ausgeblendet. Später neigte man dazu, dieses Bild zu revidieren und besonders die negativen Züge des Helden zu betonen. Die heutige Forschung hat ein überwiegend ausgeglichenes Bild von der Heldengestalt, jedoch gibt es durchaus auch gegensätzliche Meinungen und Stimmungen über den Xantener.[7] Unersetzlich für die Erarbeitung dieses Themas ist der Aufsatz „Siegfried-ein Heldenleben?“[8] von Ursula Schulze, die einen sehr guten Überblick über die verschiedenen Facetten der Siegfriedfigur bietet. Auch der Aufsatz „Über die Einheit und Einzigartigkeit der Siegfried-Gestalt“[9] von Elfriede Stutz beleuchtet den Xantener Helden und entwirft ein Gesamtbild, das sowohl positive als auch negative Merkmale des Kämpfers berücksichtigt. Neben diesen wichtigsten Werken sei hier noch der Aufsatz „Siegfrieds Schuld“[10] von Jens Haustein genannt, der sich vornehmlich mit der Schuld des Helden an seinem eigenen Tod beschäftigt und die Arbeiten von Werner Hoffmann[11], die einen sehr ausführlichen Überblick über die ältere und neuere Forschungsliteratur zu Siegfried bieten.

II. Das Idealbild des Helden

Was macht Siegfried zum Helden? Wodurch zeichnet er sich aus und wie kann er seine überragende Stellung behaupten? Im Folgenden sollen zunächst die Merkmale aufgezeigt werden, die Siegfried, den „helt von Niderlant“[12], zum strahlenden Helden machen. Seine Person, seine Eigenschaften und seine Taten sollen das positive Bild verdeutlichen, das ihn in der frühen Forschung vielfach zum klischeehaften und idealisierten Nationalhelden werden ließ.

1. Wesenszüge

Welche inneren Merkmale, welche Wesenszüge, lassen sich in der Heldenfigur Siegfrieds erkennen? Elfriede Stutz entwickelt in ihrem Aufsatz „Über die Einheit und die Einzigartigkeit der Siegfried-Gestalt“[13] einen Wesenskatalog der Gestalt Siegfrieds, der überwiegend mit den klassischen Vorstellungen eines Helden übereinstimmt. Diese Merkmale der Person Siegfrieds sollen nun anhand von Textbeispielen erläutert werden.

Siegfried ist ein charismatischer Held. Er hat Ausstrahlung, durch die er Bewunderung und Anerkennung hervorruft. Seine Begabungen, die er spätestens bei der Tötung des Drachens unter Beweis stellt, zeigen sich bereits als Jüngling: „von sîn selbes muote waz túgende er án sich nam!“ (Aber was entwickelte er auch selbst für glänzende Eigenschaften!)[14] Seine besondere Fähigkeiten und Talente bringen ihm Ruhm und Glanz und seine Erfolge meistert er ohne große Mühe und Schwierigkeiten. Der Held aus Xanten ist furchtlos. Seine Siegessicherheit und sein Vertrauen auf die eigene körperliche Kraft lassen ihn nicht an sich selbst zweifeln. Seine Erfolge und seine Siege erlangt er nicht allein durch die körperliche Stärke, sondern auch sein starker Wille und sein Selbstvertrauen runden das Bild des Helden ab. Siegfried ist hilfsbereit. Er schenkt Beistand und Freundschaft und setzt sich mit aller Gewalt für seine Verbündeten ein. Besonders deutlich wird dies im Krieg gegen die Sachsen und Dänen, in dem der Königssohn den Burgunden freiwillig seine Hilfe anbietet: „welt ir vriwent suochen, der sol ích éiner sîn, unt trouw ez wol volbringen mit êren an daz ende mîn.“(Wenn ihr Freunde suchen wollt, dann lasst mich einer von ihnen sein, und ich traue mir zu, diese Freundschaft bis an meinen Tod in Ehren zu halten.)[15] Treue bis in den Tod – der Held wird bis zum bitteren Ende bei seinem Wort bleiben. Seine scheinbaren Kameraden und Freunde missbrauchen jedoch sein Vertrauen und bestätigen so seine gesonderte Stellung im Burgunderreich. Er ist ein Einzelner. Er kämpft allein, siegt allein und stirbt allein. Er hat keine Kameraden, „nicht im Leben und nicht im Sterben“.[16]

Die Eigenschaften und Fähigkeiten des Helden Siegfried machen ihn zu einem überragenden Kämpfer und zu einem Menschen, der nach Treue, Tugend und Tapferkeit strebt. Seine Qualitäten liegen sowohl im Inneren (muot) als auch im Äußerlichen (lîp) begründet: Tapferkeit und Lebensmut als innere Kraft, Schönheit und Stärke als körperliche Merkmale. Siegfrieds „tiefwurzelnde“ Bescheidenheit und seine Dienstbereitschaft zeichnen ihn als einen besonderen Menschen aus. Gerade diese Gesinnung wird dem Helden jedoch zum Verhängnis werden.[17]

[...]


[1] Stuhrmann, Johannes: Die Idee und die Hauptcharaktere der Nibelungen, Paderborn 1910, S. 70.

[2] Das Nibelungenlied. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 2002 (RUB 644) 858, 1.

[3] Ebd. 52, 1.

[4] Ebd. 118,1.

[5] Ebd. 179,1.

[6] Vgl. Schulze, Ursula: Siegfried-ein Heldenleben?. Zur Figurenkonstitution im Nibelungenlied, in: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Fs. Volker Mertens, hrsg. von Matthias Meyer, Tübingen 2002, S. 670-672.

[7] Vgl. Hoffmann, Werner: Das Siegfriedbild in der Forschung, Darmstadt 1979, S. 43f.

[8] Schulze: Siegfried-ein Heldenleben?, S. 669-689.

[9] Stutz, Elfriede: Über die Einheit und Einzigartigkeit der Siegfried-Gestalt, in: Helden und Heldensage. Otto Gschwantler zum 60. Geburtstag, hrsg. v. Hermann Reichert und Günter Zimmermann. (Philologica Germanica 11) Wien 1990, S. 411-430.

[10] Haustein, Jens: Siegfrieds Schuld, in: ZfdA 122 (1993), S. 380-383

[11] Hoffmann, Werner: Das Siegfriedbild in der Forschung, Darmstadt 1979 und ebd Siegfried 1993. Bemerkungen und Überlegungen zur Forschungsliteratur zu Siegfried im Nibelungenlied aus den Jahren 1978 bis 1992, in: Mediaevistik 6 (1993), S. 121-151.

[12] Nibelungenlied 118, 1.

[13] Stutz, Elfriede: Über die Einheit und Einzigartigkeit der Siegfried-Gestalt, S. 411-430.

[14] Nibelungenlied 23, 2.

[15] Ebd. 156, 3f.

[16] Vgl. Stutz, S. 423f.

[17] Vgl. Schulze, S. 674 und Stutz, S. 420.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Siegfried. Der Inbegriff eines Helden?
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar I)
Veranstaltung
Das Nibelungenlied
Note
1,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V58760
ISBN (eBook)
9783638528641
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Der helt von Niderlant". Siegfried, der Drachentöter - der Inbegriff eines Helden?
Schlagworte
Siegfried, Inbegriff, Helden, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Jochen Engelhorn (Autor), 2006, Siegfried. Der Inbegriff eines Helden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58760

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