Form und Funktion der Erzählinstanz als Medium der Sympathielenkung in George Eliots Middlemarch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
25 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. George Eliots Wirkungskonzeption

3. Formen und Funktionen der
Erzählinstanz in Middlemarch als
Medium der Sympathielenkung

4. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung

„It is my function as an artist to act (if possible) for good on the emotions and conceptions of my fellow-men"[1]

“If Art does not enlarge men’s sympathies, it does nothing morally“[2]

Aussagen wie diese sowie einer Vielzahl weiterer Reflektionen sich selbst und ihre Arbeit als Autorin betreffend, machen deutlich, auf welche Weise George Eliot die Funktionen und Aufgaben nicht nur des Künstlers im

Allgemeinen sondern auch und gerade ihres eigenen Schaffens begreift.

George Eliots Wirkungskonzeption, die im Rahmen der Arbeit noch näher betrachtet werden soll, ist Grundlage des Themas dieser Arbeit, in der anhand eines ausgesuchten Werkes die Verwirklichung dieser Konzeption in Beschränkung auf die Formen und Funktionen der Erzählinstanz untersucht werden soll. Nach Meinung einiger Kritiker gehört Middlemarch zu den Romanen, in denen George Eliot nicht nur ihr humanistisches Konzept besonders nachdrücklich und ausgefeilt verwirklichen konnte[3] sondern auch die Erzählinstanz im Vergleich zu ihren vorangegangenen Werken weitere Formen und Funktionen hinzugewinnen lässt.[4]

Diese Formen und Funtionen der Erzählinstanz sollen, soweit sie für die Erzeugung von „sympathy“ auf Seiten des Rezipienten als relevant zu betrachten sind, im folgenden beschrieben und anhand prägnanter Textbeispiele aus Middlemarch näher betrachtet werden. Vorausgeschickt sei dabei, dass sich die Erzählerfunktionen in den relevanten Textstellen vielfältig kombinieren und vermischen - die zitierten Passagen beinhalten demzufolge oft weitaus mehr Deutungsmöglichkeiten als in der jeweiligen Analyse erwähnt. Die weiteren Inhalte, soweit sie von mir erschlossen werden konnten, werden dementsprechend in anderen, für die jeweilige Funktion eventuell prägnanter erscheinenden Textstellen behandelt.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Formen der Erzählinstanz, mit Hinblick auf ihre Funktionen als Sympathielenker, in verschiedenen Ausprägungen zu erfassen und einen zumindest oberflächlichen Eindruck von deren Wirkungsmechanismus zu erlangen. Dabei kann jedoch nur ein Blitzlicht auf die Vielfalt und Fülle der in dem untersuchten Werk vorliegenden Funktionen geworfen werden.

2. George Eliots Wirkungskonzeption

George Eliots Wirkungskonzeption, „die darauf abzielt, den Rezipienten zu imaginativem Mitempfinden und zu einfühlender Anteilnahme anzuregen, die sie für […] eine Voraussetzung für die Überwindung einer egozentrischen Sichtweise hielt“[5], stellt den Begriff der „sympathy“ in ihren Mittelpunkt.

Übersetzt bedeutet „sympathy“ Empathie, Mitgefühl, Mitleiden, doch um diesen für George Eliot so zentralen Begiff in all seinen Dimensionen erfassen zu können, muss auch die Begriffskonzeption Ludwig Feuerbachs hinzugezogen werden, des Philosophen, den George Eliot übersetzte und über den sie sagte: „with the ideas of Feuerbach I everywhere agree“[6]. Er selbst bezeichnete seine Philosophie als „an anthropology rather than an epistemology or an ethics because it is a philosophy of the whole person – a person who is simultaneously a rational, affective and volitional being.“[7] Und in dieser seiner Philosophie versteht er “the God-became-man or Christ” oder den “Mediator”, wie er von ihm auch bezeichnet wird, als ein Zeichen für “the truth and necessity of the imagination as a middle term between the abstract and the concrete.”[8] In welcher Form diese Vorstellung auf George Eliots Werke, bzw. im besonderen Middlemarch übertragen werden kann, wird sich anhand der konkreten Textbeispiele noch aufdecken.

Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass Eliot ihr ästhetisches Konzept, dass von ihr auch als „aesthetic teaching“ bezeichnet wird, auf keinen Fall als explizite moralische Didaktik verstanden sehen will.[9] In ihrer Absicht stand es, „durch ihre Literatur positive Wirkungen bei ihrer Leserschaft zu erzielen, doch […] sowohl von Eliots philosophischen Grundgedanken als auch von den Bedingen für ästhetische Wirkung her ist eine Vorstellung von bestimmter Einwirkung auf den Rezipienten, die ihn veranlasst, dieses oder jenes zu tun, grundsätzlich ausgeschlossen“.[10]

Die Frage, ob sie diesem Postulat nachkommt, oder nicht doch hier und da den moralischen Zeigefinger hebt, ist jedoch umstritten. Die folgende Passage aus Middlemarch:

We mortals, men and women, devour many a disappointment between breakfast and dinner-time; keep back the tears and look a little pale about the lips, and in answer to inquiries say, “Oh, nothing!” Pride helps us; and pride is not a bad thing when it only urges us to hide our own hurts – not to hurt others.[11]

kommentiert Isobel Armstrong folgendermaßen:

But one’s reaction to this is not corroboration, but sharp dissent. [...] This is one of the occasions when one is in sympathy with those critics who whish George Eliot had managed the Jamesian conjuring trick of the disappearing author. [This statement] is moralizing and preachy [...], suggesting that we should swallow disappointment, not that we do. It looks too much as if it is drawn from George Eliot’s personal experience and that she is showing the reader how to be wise.[12]

Nimmt man den Kontext des gesamten Kapitels hinzu, dessen Schlussbemerkung die zitierte Textpassage aus Middlemarch ist, drängt sich ein anderer Eindruck auf. James Chettam erfäht von Mrs. Cadwallader von der geplanten Hochzeit Dorotheas mit Casaubon. Mrs. Cadwallader versucht zugleich, Celia Sir James anzupreisen, der sich zum Ende des Kapitels auch mit dem Gedanken anzufreunden beginnt: “[…] there certainly was present in him the sense that Celia would be there, and that he should pay her more attention than he had done before.”[13] Auf diesen Satz folgt dann die oben zitierte Passage. Dies macht überaus deutlich, dass die Erzählinstanz hier um Verständnis wirbt für Sir James Chettams schnelle Selbsttröstung. Es wird ein Handlungsmuster beschrieben, dass zeitgenössischen Lesern aufgrund differierender Handlungsnormen noch stärker vertraut gewesen sein dürfte. Wenn Armstrong schreibt: „We may well endure disappointments, but some of us want to complain, and we may even complain a good deal“[14], setzt sie den zeitgenössischen mit dem heutigen Rezipienten gleich, ähnlich wie sie George Eliot mit der Erzählinstanz gleichsetzt.

Dem fiktiven Leser kommt hier keine Handlungsanweisung zuteil, vielmehr versucht die Erzählinstanz ihm für die Vertrautheit der Situation die Augen zu öffnen, ihm einen Spiegel vorzuhalten. Hierbei ist eine leise Ironie gegenüber der beschriebenen Handlungsweise unverkennbar („…look a little pale about the lips,…“), doch ist dies möglicherweise auch ein Grund dafür, weshalb direkt um Verständnis geworben wird, indem diese Handlungsweise zunächst erklärt („Pride helps us;“) und dann gerechtfertigt wird („…pride is not a bad thing when it only urges us to hide our own hurts – not to hurt others.“).

Armstrong schließt an ihr Kommentar zwar an, dass „On the whole, though, these comments […] are peculiarly satisfying.“, beschreibt aber diese Form von Erzählerkommentaren zusammen mit verschiedenen Figurencharakteristika als Didaktizismen.[15]

George Eliot selbst hingegen sagt, der einzige Effekt, den sie aus vollem Herzen mit ihren Werken intendiere, sei

[...] that those who read them should be better able to imagine and to feel the pains and the joys of those who differ from themselves in everything but the broad fact of being struggling erring human creatures.[16]

[...]


[1] The George Eliot Letters VI: 289

[2] The George Eliot Letters III: 111

[3] Vgl. Armstrong: 117, Harvey: 92, Nazar: 295, Nünning: 296

[4] Vgl. Nünning: 242

[5] Nünning: 128

[6] Nazar: 294

[7] Nazar: 295

[8] Nazar: 301

[9] Vgl. Nünning: 128: “Eliot verstand ihre Funktion daher als „that of the aesthetic, not the doctrinal teacher– the rousing of the nobler emotions [...], not the prescribing of special measures” (GEL VII: 44).”

[10] Nünning: 128

[11] Middlemarch: 62

[12] Armstrong: 119

[13] Middlemarch: 62

[14] Armstrong: 119

[15] Ebd.

[16] The George Eliot Letters III: 111

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Form und Funktion der Erzählinstanz als Medium der Sympathielenkung in George Eliots Middlemarch
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Anglistik)
Veranstaltung
„Ansätze der Literaturtheorie in der Praxis am Beispiel von George Eliots Middlemarch“
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V58764
ISBN (eBook)
9783638528689
ISBN (Buch)
9783638649001
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Form, Funktion, Erzählinstanz, Medium, Sympathielenkung, George, Eliots, Middlemarch, Literaturtheorie, Praxis, Beispiel, Middlemarch“
Arbeit zitieren
Tanja Hain (Autor), 2005, Form und Funktion der Erzählinstanz als Medium der Sympathielenkung in George Eliots Middlemarch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58764

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