Clarín (Leopoldo Alas) La Regenta: Die Karfreitagsprozession als Zuspitzung und Wendepunkt des Kampfes der beiden Verehrer um Ana Ozores


Referat (Ausarbeitung), 2005

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt:

1. Geschichtlicher Hintergrund der
Karfreitagsprozession/ Einleitung

2. Anas Beweggründe für die
Prozessionsteilnahme

3. Charakteristika der Gefühle der beiden
Rivalen und Anas Reaktion darauf

4. Bedeutung von Anas Teilnahme an der
Prozession für die beiden Verehrer und
deren Auswirkungen auf den vorläufigen
Ausgang des Kampfes um Ana

5. Das wahre Gesicht der Gesellschaft
von Vetusta

6. Resümee

Bibliographie

1. Geschichtlicher Hintergrund der Karfreitagsprozession/ Einleitung

Den biblischen Hintergrund des Karfreitags als hohem kirchlichem Feiertag bilden die Gefangennahme Jesu, seine anschließende Verhörung vor dem Hohen Rat, die Überstellung an den römischen Statthalter Pilatus, seine Verbringung nach Golgata sowie schließlich sein Tod durch Kreuzigung.

Erst ab dem 4. Jahrhundert finden sich Hinweise auf gottesdienstliche Feiern in der Karwoche und am Karfreitag, hierbei diente die Jerusalemer Gemeinde als Vorbild für die Ausgestaltung des Karfreitags. Prunkvolle Karfreitagsprozessionen, in denen verschiedene Szenen aus den Leidensevangelien dargestellt wurden, entwickelten sich erst vom ausgehenden Mittelalter an.

Unter dem Einfluss der Jesuiten erhielten die Prozessionen einen Bußcharakter, es nahmen Kreuzzieher, Flagellanten und mit ausgestreckten Armen Betende, aber auch Reiter, Soldaten und Edelknaben an der Prozession teil. Dabei wurden Kleidung, Haltung, Darstellungen und Darbietungen der Teilnehmer bis ins kleinste Detail durch Erlasse geregelt.

In der Zeit der Gegenreformation war die Karfreitagsprozession charakteristische Äußerung der kirchlichen Restauration. Es entstand ein starker Bußeifer durch den die Geißler besonders stark hervor traten. Der Überschwang dieser Geißler entsprach der Frömmigkeit des wiedererstarkten Katholizismus mit seinem Streben nach kräftigen äußeren Eindrücken, emotional ergreifenden Darstellungen und pathetisch-theatralischer Anschaulichkeit.[1] Diese Form der Darstellungsweise lässt sich auch in der Karfreitagsprozession, die in Claríns Regenta (zur Zeit der Gegenreformation angesiedelt) geschildert wird, beobachten. Dort bietet sie – in Kontrast zu den Gedanken und Motiven der handelnden Personen gesetzt – vor allem einen Blick auf das wahre Gesicht der Gesellschaft Vetustas, der Stadt, in der sich der überwiegende Teil der Romanhandlung abspielt. Dieser Aspekt wird im fünften Kapitel dieser Arbeit näher betrachtet und untersucht werden.

Zunächst sollen jedoch die Motive der Protagonistin für ihre Prozessionsteilnahme deutlich gemacht sowie die Reaktionen der beiden um ihre Liebesgunst konkurrierenden Rivalen darauf untersucht werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit die Karfreitagsprozession als Zuspitzung und vor allem als Wendepunkt des Kampfes der beiden Verehrer von Ana Ozores betrachtet werden kann.

2. Anas Beweggründe für die Prozessionsteilnahme

Der Ballabend am Rosenmontag im Kasino von Vetusta kann als Stein des Anstoßes betrachtet werden, der letztendlich hin zu einer Entscheidung Anas für eine Prozessionsteilnahme führte. Nachdem Ana Ozores bei diesem Ball mit Don Álvaro getanzt hatte und in seinen Armen ohnmächtig geworden war, sucht sie am darauffolgenden Tage das Gespräch mit ihrem Beichtvater Don Fermín de Pas.

Die hartnäckigen, aufgeregten Fragen des Beichtvaters nach den Ballereignissen, seine unverhohlene Begierde, bis aufs Genauste zu erfahren, was an dem Abend geschah, lassen Ana zurückschrecken, machen ihr Angst. Die Situation eskaliert als er die genauen Umstände ihrer Ohnmacht hinterfragt, sie sich jedoch nicht mehr zu erinnern (ver-)mag. Er beschimpft sie daraufhin: „¡Infame...!“(389)[2] und klagt sie unter dem Deckmantel des Glaubens der Untreue an, setzt diese gleich mit fehlendem Glauben:

¿qué puedo? yo ¿quién soy? yo... ¿qué mando? Mi poder es espiritual... Y usted esta noche no creía en Dios...

[…] Yo sin Dios … no soy nada… Sin Dios puede usted ir a donde quiera, Ana… esto se acabó… Estoy en ridículo, Vetusta entera se ríe de mí a carcajada... Mesía me desprecia, me escupirá en cuanto me vea... El padre espiritural… es un pobre diablo. ¡Oh, pero por quien soy…! ¡Miserabile...! ¡Me insulta porque estoy preso…! (389-391)

Dabei offenbart er seine Eitelkeit, seine Angst, der Lächerlichkeit ausgesetzt zu sein und somit genau die Gründe, die hauptsächlich seine Aufregung und seinen Unmut hervorrufen. Ana wird bei diesem Besuch bewusst, dass Fermín de Pas nicht nur auf religiöser Basis ihre Nähe sucht, sondern seine wahren Gefühle offenbart hat: „¡Aquel señor canónigo estaba enamorado de ella!“(391), eine Erkenntnis, die bei ihr Ekel und Bitterkeit hervorruft: „Ana se estremeció como al contacto de un cuerpo viscoso y frío. Aquel sarcasmo de amor la hizo sonreír a ella misma con armagura que llegó hasta la boca desde las estrañas.” (391-392).

Beschämt über des Vikars Offenbarung aber auch über ihre eigenen Gefühle am Ballabend Don Álvaro gegenüber, beschließt sie, beide Verehrer zu meiden und fühlt sich so in den folgenden Tagen und Wochen zunehmend einsamer. Ihr fehlt der Beistand Fermíns, der Glaube, in den sie sich vorher über die Person des Generalvikars gestürzt hatte, beginnt ohne seine Zusprache zu wanken. So beschließt sie vor einer Aussprache mit ihm einen Besuch in der Kirche (400-401).

Ihre eigenen Gedanken sowie die äußeren Einflüsse während dieses Kirchgangs führen letztendlich zu ihrem Entschluss. Die vergangenen einsamen Wochen ohne emotionale Eindrücke und die verregnete, graue Stadt lassen Ana nach Sinneseindrücken hungern, die ihr beim Gottesdienst geboten werden: „[...]: el lujo fue majestuoso, triste, fúnebre. Todo era negra y oro.“(403). Eine Kapelle aus der Kathedrale ist aufgebaut und dekoriert, ein “orador de lujo” (404) hält die Predigt und die schönsten Damen aus den besten Familien bitten die Kirchgänger um Spenden. Durch die Orgelmusik fühlt sich Ana an das Stabat mater von Rossini erinnert, das sie mit achtzehn Jahren in dieser Kirche gehört hatte. Kurz darauf wird es gespielt:

La música sublime de Rossini exaltó más y más la fantasía de Ana; una resolución de los nervios irritados brotó en aquel cerebro con fuerza de manía: como una alucinación de la voluntad. Vio, como si allí mismo estuviese, la imagen de su resolución, “sí…ella…ella, Ana a los pies del Magistral, como María a los pies de la Cruz. (406)

Die demonstrativ dargestellten Glaubensbekundungen und deren Eindruck auf Anas romantische und einsame Seele bewirken, dass sie sich schuldig und sündig fühlt. Die religiösen Empfindungen beherrschen ihre Gedanken und lassen alle weltlichen Gefühle verschwinden oder sündig erscheinen (405). Sie beschließt, durch ihre Teilnahme an der Prozession de Pas zu huldigen, ihm ein Opfer zu bringen und ihm zu helfen, seine Ehre wieder herzustellen.

Unter religiösem Prunk und Wahn verherrlichte Schuldgefühle sowie das Bedürfnis, diese gleichsam zur Schau zu stellen, lassen Ana ihren Entschluss fassen. Es ist ein Beschluss im Affekt, den sie später bereuen wird: „Buscaba Ana el fuego del entusiasmo, el frenesí de la abnegación que hacía ocho días, en la iglesia, oyendo música, le habían sugerido aquel proyecto; pero el entusiasmo, el frenesí, no volvían; ni la fe siquiera la acompañaba.“ (427).

[...]


[1] Vgl. Bieritz: 123-125

[2] Diese und alle folgenden Seitenangaben beziehen sich auf: Alas, Leopoldo „Clarín“. La Regenta II. Juan Oleza (Ed.), 1984, 2002. Madrid: Ediciones Cátedra.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Clarín (Leopoldo Alas) La Regenta: Die Karfreitagsprozession als Zuspitzung und Wendepunkt des Kampfes der beiden Verehrer um Ana Ozores
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Romanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V58766
ISBN (eBook)
9783638528702
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clarín, Alas), Regenta, Karfreitagsprozession, Zuspitzung, Wendepunkt, Kampfes, Verehrer, Ozores
Arbeit zitieren
Tanja Hain (Autor), 2005, Clarín (Leopoldo Alas) La Regenta: Die Karfreitagsprozession als Zuspitzung und Wendepunkt des Kampfes der beiden Verehrer um Ana Ozores, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58766

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