Der Sinnbegriff in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangspunkt in der philosophischen Diskussion der damaligen Zeit
2.1. Hauptprobleme der sprachphilosophischen Diskussion zur Zeit des Tractatus
2.2. Das Erbe von Frege und Russell im Tractatus

3. Aspekte des Sinnbegriffs
3.1. Der Unterschied zwischen Namen und Sätzen
3.2. Der Satz als Bild. Das Prinzip der Bipolarität
3.3. Die Forderung nach der Bestimmtheit des Sinns

4. Sinnvoll, sinnlos, unsinnig

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die meisten Sätze und Fragen, welche

über philosophische Dinge geschrieben

worden sind, sind nicht falsch, sondern

unsinnig“ (4.003)[1]

Wegen seiner beständigen Überzeugung, die in dem oben angeführten Zitat zum Ausdruck kommt, dass philosophische Probleme in der Sprache wurzeln, nimmt der Sinnbegriff in Wittgensteins Werk eine zentrale Stellung ein. In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, den Sinnbegriff im „Tractatus logico-philosophicus“ in seinen zentralen Aspekten darzustellen.

Wittgensteins Auseinandersetzung mit der philosophischen Diskussion zur Zeit der Entstehung des Tractatus auf den Gebieten der Logik und der Sprache, vor allem mit Arbeiten von Frege und Russel, spielte für die Entstehung der Gedanken des Tractatus eine bedeutende Rolle. Das bringt Wittgenstein auch selbst im Vorwort des Tractatus zum Ausdruck: „Nur das will ich erwähnen, dass ich den großartigen Werken Freges und den Arbeiten meines Freundes Herrn Bertrand Russell einen großen Teil der Anregung zu meinen Gedanken schulde“. Deswegen werde ich als ersten Schritt im nächsten – zweiten - Kapitel kurz einige Gedankengänge aus Freges und Russels Arbeiten darstellen, vor deren Hintergrund Wittgensteins Sinnbegriff besser zu verstehen sein wird.

Im Kapitel drei werde ich dann in drei Unterkapiteln die eigentliche Auffassung des Sinnbegriffs im Tractatus darstellen. Nach der Schilderung einiger eher allgemeiner Aspekte dieses Begriffs im Kapitel 3.1 werde ich mich in den Kapiteln 3.2 und 3.3 zwei zentralen Aspekten zuwenden, und zwar dem Prinzip der Bipolarität (Kapitel 3.2) und der Forderung nach der Bestimmtheit des Sinns (Kapitel 3.3). Ich werde dabei, soweit es mir gelingt, versuchen, die im Tractatus implizit enthaltene Argumentation für diese Aspekte des Sinnbegriffs aufzufinden.

Im Kapitel 4 werde ich kurz die Folgen dieser Aspekte für den Status von einigen Klassen von Sätzen darstellen. Und im abschließenden fünften Kapitel, werde ich einen kurzen Blick werfen auf die Änderungen von Wittgensteins Meinungen in Bezug auf die hier erörterten Aspekten des Sinnbegriffs in seiner Spätphilosophie.

2. Ausgangspunkt in der philosophischen Diskussion der damaligen Zeit

2.1. Hauptprobleme der sprachphilosophischen Diskussion zur Zeit des Tractatus

Die Bemühungen der Philosophen in den Bereichen der Sprache und der Logik kreisten zu jener Zeit vor allem um die Lösung der zwei folgenden Probleme. Das erste besteht in der Erklärung der so genannten „Kreativität der Sprache“: Obwohl die Anzahl der Wörter einer Sprache begrenzt ist, ist die Anzahl der Sätze, die man mit diesen Wörtern bilden kann, unbegrenzt. Wittgenstein bringt das im Tractatus so zum Ausdruck: „Es liegt im Wesen des Satzes, dass er uns einen neuen Sinn mitteilen kann“ (4.027). „Ein Satz muss mit alten Ausdrücken einen neuen Sinn mitteilen können.“ (4.03). Das zweite Problem ist „das ehrwürdige Rätsel der Intentionalität, insbesondere der Erklärung der Falschheit“[2] - ein Satz kann von etwas handeln, was es in der Wirklichkeit nicht gibt. Wittgensteins Überlegungen zur symbolischen Darstellung im Tractatus versuchen unter anderem auch auf diese Probleme eine Antwort zu geben.

2.2. Das Erbe von Frege und Russell im Tractatus

Die Diskussion des Sinnbegriffs im Tractatus hat einen Ursprung in einer technischen Dichotomie zwischen den Begriffen Sinn und Bedeutung, die auf G. Frege zurückgeht[3].

Durch die Einführung des mathematischen Gleichheitszeichens „=“ in die Logik im Sinne von „ist identisch mit“ stieß Frege auf ein philosophisches Problem, das aus dem folgenden Beispiel deutlich wird. Wenn der Satz (A) „Der Morgenstern ist identisch mit dem Abendstern“ wahr ist, dann scheint die Bedeutung von „Morgenstern“ dieselbe zu sein wie „Abendstern“. Dann aber scheint es, dass man in jedem beliebigen Satz den einen Ausdruck durch den anderen ersetzen könnte, ohne die Bedeutung des ganzen zu ändern. So z.B. im Satz (B) „Der Morgenstern ist identisch mit dem Morgenstern“. Doch während (B) eine Tautologie ausspricht, ist (A) eine astronomische Entdeckung. Die Beschäftigung mit dem unterschiedlichen „Erkenntniswert“ solcher Ausdrücke führte Frege dazu, zwischen der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, die nach ihm in seiner Referenz – in dem bezeichneten Gegenstand - besteht, und seinem Sinn – seiner „Art des Gegebensein“, zu unterscheiden. Für Frege hatten sowohl Namen als auch Sätze, die er ebenfalls als Namen betrachtet hatte, beides – sowohl Sinn als auch Bedeutung.

Die Bedeutung eines Namens sollte in dem von ihm bezeichneten Gegenstand und sein Sinn in seiner „Gegebenheitsweise“ bestehen. Der Sinn eines (Aussage)Satzes sollte seinerseits der in ihm ausgedrückte Gedanke sein, und seine Bedeutung in seinem Wahrheitswert bestehen – einem zweier logischen Gegenstände. „Jeder Behauptungssatz, in dem es auf die Bedeutung der Wörter ankommt, ist also als Eigenname aufzufassen, und zwar ist seine Bedeutung, falls sie vorhanden ist, entweder das Wahre oder das Falsche“[4].

Eine weitere wichtige Anregung für die Entwicklung von Wittgensteins Gedanken war sicherlich Russells duale Beziehungstheorie des Urteils, an der Wittgenstein auch aktiv Kritik geübt hat.

Ich möchte zur Darstellung einiger für die Entstehung der Bildtheorie relevanter Aspekte dieser Urteilstheorie und Wittgensteins Kritik daran eine kurze Schilderung von H.-J. Glock heranziehen. Die Urteilstheorie hat unter anderem versucht, für das oben geschilderte Problem der Intentionalität eine Erklärung zu geben. Wittgensteins Kritik machte jedoch deutlich, dass dieser Versuch nicht erfolgreich war:

„A´s Glauben, dass aRb, kann nicht eine zweistellige Relation zwischen einem Subjekt und einem Objekt sein, weil wenn er falsch ist, nichts in der Wirklichkeit ihm entspricht, was den Glauben der Bedeutung berauben würde[5]. Seine [Russells] vielfache Beziehungstheorie vermeidet das Problem durch die Auffassung, A sei bezogen auf, „bekannt mit“ den Bestandteilen des Satzes, a, R und b, und nicht mit dem Satz als ganzem. Wittgenstein wies darauf hin, dass dies A erlauben würde, Unsinn zu urteilen, weil nicht länger garantiert ist, dass die Bestandteile auf sinnvolle Weise zusammengesetzt sind. Russel wollte dem Rechnung tragen durch die Auffassung, A sei nicht nur mit den Bestandteilen, sondern auch mit einer logischen Form x Φ y bekannt, einer völlig allgemeinen Tatsache. Wittgenstein zeigte, dass die Konzeption logischer Formen inkonsistent ist; auf der einen Seite sind sie Tatsachen, d.h. komplex, auf der anderen Seite Gegenstände der Bekanntschaft, d.h. einfach[6]. Die erste Alternative erzeugt den Platonischen Regress des dritten Menschen: sie erklärt, warum a, R, und b zu bestimmten Tatsachen zusammengesetzt werden können (aRb, bRa), aber nicht zu anderen (RRb, abR) durch Berufung auf eine weitere Tatsache. Die zweite fügt den Bestandteilen des Satzes einen weiteren hinzu, ohne sicherzustellen, dass seine Bestandteile, einschließlich des hinzugefügten, in zulässiger Weise zusammengesetzt sind.“[7]

Eine vielleicht noch größere Bedeutung als die Urteilstheorie hatte für Wittgenstein Russells Theorie der bestimmten Beschreibung, die er in „Principia Mathematica“[8] entwickelt hat. Ich werde auf sie bei der Betrachtung der Forderung nach der Bestimmtheit des Sinns im Kapitel 3.3 eingehen.

[...]


[1] Die Sätze aus dem Tractatus zitiere ich nur unter Angabe ihrer Nummern.

[2] Glock, Hans-Johann: Wittgenstein Lexikon. Darmstadt 2000. S. 85.

[3] Vgl. Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung. In: ders.: Funktion – Begriff – Bedeutung. Göttingen 2002

[1892]. S. 23 – 46.

[4] Ebd. S. 30.

[5] Vgl. Russell, B.: Probleme der Philosophie. Frankfurt 1967 [Engl. 1.Aufl 1912]. S. 86-87, Wittgenstein, L.: Aufzeichnungen über Logik. [1913], in: Werkausgabe Bd. 1, S. 188-208. Hier S. 191.

[6] Vgl. Wittgenstein 1913: S. 198f.

[7] Glock: S. 85.

[8] Russell, Bertrand/ Whitehead, A.N.: Principia Mathematica. Cambridge 1927 [1910].

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Sinnbegriff in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philisophisches Seminar)
Veranstaltung
Seminar (Interpretationskurs) : Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus und Philosophische Untesuchungen.
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V58768
ISBN (eBook)
9783638528719
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt den Sinnbegriff in Wittgensteins Tractatus. Als erstes wird der Ausgang von Wittgensteins Gedanken in der damaligen Diskussion geschildert durch die Darstellung der Hauptprobleme der Sprachphilosophie jener Zeit und der Rolle des Einflusses von Frege und Russell auf die Entwicklung des Sinnbegriffs im Tractatus. Im Anschluss darauf werden die zentralen Aspekte des Sinnbegriffs behandelt und die daraus folgende Typisierung von Sätzen in "sinnvoll", "sinnlos" und "unsinnig".
Schlagworte
Sinnbegriff, Wittgensteins, Tractatus, Seminar, Wittgenstein, Tractatus, Philosophische, Untesuchungen
Arbeit zitieren
Waldemar Kunz (Autor), 2005, Der Sinnbegriff in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58768

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