Theoretische Grundlagen des Konstruktivismus mit Fokus auf die systemische Organisationsberatung


Seminararbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Ursprünge des Konstruktivismus
2.1 Systemtheoretische Grundlagen
2.2 Konsequenzen für die systemische Praxis

3. Der Radikale Konstruktivismus
3.1 Konzept der Autopoiesis
3.2 Operationale Geschlossenheit
3.3 Strukturdeterminiertheit
3.4 Perturbation
3.5 Strukturelle Kopplung
3.6 Konsequenzen für die systemische Praxis

4. Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Einzeller

Abbildung 2: Zellkreislauf

Abbildung 3: Regelflüsse vor und nach Perturbation

1. Einleitung

Die Wirklichkeit, in der wir leben, deckt sich nicht mit der Realität. Das, was wir wahrnehmen, ist alles konstruiert.

Das sagen die Konstruktivisten.

Konstruktivistische Theorieansätze haben ihren Ursprung bei den griechischen Philosophen. Von Widerstreit zwischen Realismus und Idealismus bis zu neuzeitlichen Denkansätzen sind die Ursprünge des Konstruktivismus sehr vielfältig. Ebenso die Einflüsse. Grundlegende Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Richtungen besteht in der Ansicht, dass Wissen, Erkenntnisse, Ideen und Zusammenhänge sowie andere Inhalte vom Menschen erzeugt oder konstruiert werden. Insbesondere der radikale Konstruktivismus ist stark durch biologische Einflussfaktoren geprägt und vergleicht daher die konstruktivistischen Ansätze mit Forschungsergebnissen aus der Biologie. Der Ansatz ist reizvoll, da zwei Wissenschaftsdisziplinen miteinander verknüpft werden.

Daher liegt in dieser Arbeit der Fokus auf dem Ansatz des radikalen Konstruktivismus von Humberto Maturana1. Anschließend an die Erläuterung der systemtheoretischen Grundlagen, wird der radikale Konstruktivismus mit Hinblick auf die systemische Organisationsberatung dargestellt. Wichtige Begrifflichkeiten der Autopoiesis-Theorie sowie die Konsequenzen für die systemische Praxis werden skizziert. Resümierend wird ein Über- und Ausblick der konstruktivistischen Grundlagen für die Beratungspraxis gegeben.

2. Die Ursprünge des Konstruktivismus

Die Grundlinien einer geistesgeschichtlichen Einordnung des Konstruktivismus liegen in einer einheitlichen erkenntnistheoretischen Grundhaltung. Die Haltung hat grundlegende Konsequenzen, da sie besagt, dass Wirklichkeit des Menschen nicht als objektives Abbild der Realität gesehen werden kann. Die Wirklichkeit wird hingegen als eigene menschliche Konstruktion verstanden. Die Frage nach der (Un-) Möglichkeit objektiver Erkenntnis ist bereits seit der abendländischen Philosophie ein Diskussionspunkt.2 Für das Verständnis des radikalen Konstruktivismus werden im nächsten Abschnitt grundlegende systemtheoretische Begrifflichkeiten skizziert.

2.1 Systemtheoretische Grundlagen

Die Bedeutung der Systemtheorie3 sowie der Kybernetik4 für die Entwicklung des Konstruktivismus ist weit reichend. Wichtige Grundannahmen und Begriffe prägen die zahlreichen konstruktivistischen Theorien5 heute noch.

Der Systembegriff ist einer der wichtigsten Elemente der Theorie. Ein System6 ist ein Ganzes, was aus einer Menge von Einzelelementen sowie den Relationen zwischen den einzelnen Elementen besteht, welche die individuelle Systemstruktur ausmachen. Beispielsweise sind bei Menschen einzelne Zellen oder in Unternehmen einzelne Abteilungen Systemelemente. Ein Element ist dabei das, was die nicht aufzulösende Einheit ist. Ein einzelnes System ist Teil eines übergeordnetem System, wobei es gleichzeitig Subsysteme ausbilden kann. Hieraus kann eine ineinander verschachtelte Struktur der Systeme untereinander entstehen. Systeme sind wie Zellen an sich gegenüber ihrer Umwelt offen. Der qualitative Unterschied der Relationen bedeutet für einige Wissenschaftler, dass es sich um geschlossene Systeme handelt.

Die Struktur unterscheidet in den einzelnen Relationen der Elemente innerhalb eines Systems. Systemstrukturen sind laut Niklas Luhmann7 so fest etabliert, dass sie sowohl bei Austausch als auch Wegfall einzelner Systemelemente bestehen bleiben.8 Dies spiegelt die Offenheit hinsichtlich Verbindungen der Elemente wider.

Weiterhin sind Prozesse für die systemtheoretischen Ansätze von Bedeutung. Hierbei ist primär der temporäre Aspekt zu beachten. Die Beeinflussung von Folgeereignissen durch Prozesse ist ein weiterer zu erwähnender Punkt. Prozesse sind irreversible Ereignisse – im Gegensatz zu der Änderungsfähigkeit von Systemen.

2.2 Konsequenzen für die systemische Praxis

Der systemtheoretische Ansatz ist die essentielle Basis für das theoretische Konstrukt systemischer Verfahren. Das Denken in Systemen ist auch im Praxisalltag evident. Der systemische Ansatz lässt sich bei vielen Organisationsformen (Familien, Schulen, Unternehmen) anwenden. Hierbei werden insbesondere das Verhältnis zur Umwelt, die einzelnen Beziehungen sowie der grundsätzliche Umgang mit Komplexität analysiert. Das Denken in Zusammenhängen mit einem ganzheitlichen Ansatz ist das Ziel der systemischen Beratung. Hierbei ist zu beachten, dass die Steuerung der Systeme oder Systemelemente nicht ohne Komplikationen realisierbar ist.

3. Der Radikale Konstruktivismus

Die Grundgedanken des radikalen Konstruktivismus wurden von Humberto Maturana im Jahr 1974 aufgezeichnet. In den folgenden Jahren wurde dieser Beitrag konkretisiert und somit zu einem wichtigen Baustein des konstruktivistischem Denkgebäudes. Die Denkweise der Konstruktivisten baut auf diesen Grundpfeilern auf.9 Im Folgenden werden essentielle Begrifflichkeiten skizziert.

3.1 Konzept der Autopoiesis

Die grundlegende Ausgangsfrage von Maturana war: Was ist der Unterschied zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem? Weiterhin stellt er die Definition eines Systems über seinen Zweck in Frage. Eben diese Definition folgt einer Beobachtung, durch die dieser Zweck unterstellt wird. Dies kann jedoch weder eine objektive Gültigkeit beanspruchen, noch den Ablauf des Funktionierens umfassend darstellen.10 Grundlage des Konzepts der Autopoiesis11 ist bei der Definition der generative Mechanismus: Ausschließlich lebende Systeme sind durch ihre kontinuierliche Selbsterzeugung gekennzeichnet.12 Autopoietische Systeme sind „eine Klasse von Systemen, bei der jedes Element als eine zusammengesetzte Einheit (System), als ein Netzwerk der Produktionen von Bestandteilen definiert ist, die (a) durch ihre Interaktionen rekursiv das Netzwerk der Produktionen bilden und verwirklichen, das sie selbst produziert hat; (b) die Grenzen des Netzwerks als Bestandteile konstituieren, die an seiner Konstitution und Realisierung teilnehmen; und (c) das Netzwerk als eine zusammengesetzte Einheit in dem Raum konstituieren und realisieren, in dem es existiert.“13

Ein selbsterklärendes Beispiel stellen Einzeller14 dar: die Produkte des Zellstoffwechsels werden wieder in genau diesen integriert. Mit Hilfe aller Bestandteile des Einzellers findet die Reproduktion der jeweiligen einzelnen Elemente statt.15 Folgende Abbildung veranschaulicht den Zellkreislauf eines Einzellers:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einzeller

Diese Zelle ist ein hochkomplexer Elementarorganismus, welcher die kleinste autark lebensfähige Grundeinheit aller Lebewesen ist. Sie ist ein in sich geschlossenes und sich selbst reproduzierendes System mit einem eigenen Energie- sowie Stoffwechsel.

Ursprünglich hat sich die Theorie lediglich mit einfachen autopietischen Systemen I. Ordnung beschäftigt. Jedoch wurde die Theorie der Autopoiesis auf Systeme höherer Ordnung16 ausgeweitet.

3.2 Operationale Geschlossenheit

Die Operationale Geschlossenheit autopietischer Systeme ist eine zentrale Eigenschaft, welche von Maturana in Versuchen abgeleitet worden ist. Bei seinen Experimenten17 hat er Korrelationen zwischen Zuständen verschiedener Zellen innerhalb des Nervensystems festgestellt.18 Für Maturana ist die logische Konsequenz daraus, dass das Nervensystem lediglich mit seinen eigenen Zuständen interagiert. Das bedeutet gleichzeitig, dass keine Interaktion mit der Außenwelt stattfindet. Somit beziehen sich alle Aktivitäten des Systems auf sich selbst, ohne dabei einen Unterschied zwischen interner oder externer Erzeugung der Zustände zu machen.19

Festzuhalten bleibt, dass sowohl die Validität als auch die Interpretation der Experimente und ihrer Ergebnisse umstritten ist. Gleichzeitig findet Maturana hiermit den Anschluss an die erkenntnistheoretische Argumentation des Konstruktivismus:

„Unsere Wirklichkeit ist kein objektives Abbild der Realität, sondern ein Produkt unseres Erkenntnisapparates und damit unsere Konstruktion.“20

Bei Nicht-Infragestellen des empirischen Fundaments bedeuten die Erkenntnisse, dass keine Informationen zwischen dem System und der Außenwelt ausgetauscht werden. Diese informationelle Geschlossenheit schließt ein Zurückgreifen des Systems auf die Außenwelt kategorisch aus. Das bedeutet, dass Systemverhalten sich nur auf eigene Zustände des Systems an sich beziehen kann.

[...]


1 Humberto Maturana, geboren am 14. September 1928 in Santiago de Chile ist ein chilenischer Biologe. Besonderen Fokus hat er auf die Neurobiologie gelegt und sich gleichzeitig auch mit Philosophie beschäftigt. Zusammen mit Francisco J. Varela gilt Maturana als einer der Begründer des radikalen Konstruktivismus und als Erfinder des Konzepts der Autopoiesis.

2 Vgl. von Ameln (2004): 9

3 Systemtheorie ist ein interdisziplinäres Erkenntnismodell. Hierbei werden Subsysteme zur Beschreibung und Erklärung von verschiedenen komplexen Phänomenen herangezogen. Struktur- sowie Funktionsanalyse soll Aussagen über das Systemverhalten ermöglichen.

4 Kybernetik ist die Wissenschaft von der Funktion komplexer Systeme, insbesondere der Kommunikation und Steuerung einer Rückkopplung bzw. eines Regelkreises (Vgl. hier auch: Selbststeuerung).

5 In dieser Seminararbeit liegt der Fokus auf dem radikalen Konstruktivismus, daher bleiben andere Ansätze außen vor.

6 System: Systema (altgriechisch) bedeutet zusammengesetztes und auf bestimmte Weise geordnetes Konstrukt (wie z.B. Staatenbund). (Vgl. von Ameln (2004): 21)

7 Luhmann ist am 8. Dezember 1927 geboren und am 6. November 1998 verstorben. Er war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker. Als einer der Begründer der soziologischen Systemtheorie gilt Luhmann als transdisziplinärer Sozialwissenschaftler.

8 Vgl. von Ameln (2004): 22

9 Vgl.: von Ameln (2004): 62

10 Vgl.: ebd.: 63

11 Selbsterzeugung; aus dem griechischen: autos=selbst und poiein=erschaffen

12 Vgl.: von Ameln (2004): 63

13 Maturana 1987 in von Ameln (2004): 63

14 Einzeller: Sie bestehen nur aus einer einzigen Zelle, können jedoch Zellkolonien bilden ohne dabei voneinander abhängig zu sein. Sie sind sterbliche Wesen, welche sich lediglich teilen. Die Einteilung in Ein- und Mehrzeller ist beschreibend und lässt keine Rückschlüsse auf Lebensweise, Aufbau oder Stoffwechselvorgänge zu. (Z.B. Nieren- oder Pantoffeltierchen).

15 Hierbei wird begrifflich unterschieden: autopoietische System meint den abstrakten Systemtypus; real existierende autopoietische Systeme hingegen werden als lebende Systeme bezeichnet.

16 Beispielsweise Metazeller, Menschen, Organisationen etc.

17 Bei den Experimenten wurden Versuchstieren Farbkarten sowie Lichtreize präsentiert und sodann mit Hilfe von Elektroden die Aktivität an einzelnen Punkten der Sehbahn gemessen.

18 Z.B. zwischen verschiedenen Ganglienzellen.

19 Hierzu ergänzend: „Es ließe sich folglich sagen, dass die verschiedenen so erzeugten Aktivitätszustände lediglich die an den sensorischen Oberflächen aufgrund der Interaktion des Organismus gegebenen Relationen repräsentieren, und keineswegs eine unabhängige Umwelt (...).“ (Maturana 1982 in von Ameln (2004): 64

20 von Ameln (2004): 65

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Theoretische Grundlagen des Konstruktivismus mit Fokus auf die systemische Organisationsberatung
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V588045
ISBN (eBook)
9783346172006
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organisationspsychologie, Organisationsberatung, Konstruktivismus, Theoretische Grundlagen, Autopoiesis, radikaler Konstruktivismus
Arbeit zitieren
Kathrin Grebe (Autor), 2008, Theoretische Grundlagen des Konstruktivismus mit Fokus auf die systemische Organisationsberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/588045

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