Ist eine abnehmende praktische Relevanz der Accounting-Forschung zu beobachten? Überlegungen zum Impact von Accounting-Konzepten am Beispiel der Balanced Scorecard


Masterarbeit, 2020

74 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsdesign

3. Accounting-Forschung
3.1 Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Accounting-Forschung
3.2 Entfremdung durch Paradigmenwechsel
3.2.1 Anreizsysteme
3.2.2 Veränderungen des Umfeldes
3.3 Der Wandel als Fortschritt?

4. Die persönlichen Anreizsysteme der Forscherinnen und Forscher
4.1 Ursprung der Forschungsfrage
4.2 Gesellschaftliche Relevanz
4.3 Innovation
4.4 Gap-Spotting-Research
4.5 Kostenkontrolle

5. Impact
5.1 Was ist der Impact der Accounting-Forschung und wie sieht dessen Diffusion aus?
5.1.1 Der direkte und indirekte Impact als Diffusionsweg
5.1.2 Journals
5.2 Qualität von Forschung
5.3 Sprache

6. Balanced Scorecard
6.1 Wie kam es zur Idee der BSC?
6.2 Wie wurde die BSC erforscht?
6.3 Impact der BSC
6.4 Ist so etwas wie die Balanced Scorecard heute noch einmal möglich?

7. Conclusion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, ob eine abnehmende praktische Relevanz in der Accounting-Forschung zu beobachten ist. Dazu orientiert sie sich an bestehenden Accounting-Konzepten, wobei genauer darauf eingegangen wird, ob in den letzten 30 Jahren eine Entfremdung zwischen Praxis und Forschung stattgefunden hat. Der bestehende Impact dieser Konzepte soll darüber Aufschluss geben, ob sich die heutige Accounting-Forschung von einem praktischen Problemlösungsansatz entfernt hat. Ebenso werden die Gründe für eine eventuelle Differenzierung dieser beiden Disziplinen dargelegt. Das hierzu verwendete Beispiel zum Impact von Accounting-Konzepten ist die Balanced Scorecard, die von Kaplan und Norton im Jahre 1992 das erste Mal in der Zeitschrift „Harvard Business Review“ veröffentlicht wurde.1

Ausschlaggebend für diese Fragestellungen ist der Artikel von Christopher Humphrey and Yves Gendron „What is going on? The sustainability of accounting academia“.2 Die Autoren behaupten, dass Karriere und institutionell geprägte Forschung mehr in den Vordergrund gerückt sei. Dabei legen die Forscher mehr Wert auf ihren beruflichen Werdegang als auf die Relevanz der Forschung.3 Es gilt zu prüfen, ob die Faktoren der Relevanz der Forschung nicht auch mit persönlichen Karrierezielen vereinbar sind.

Zur Klärung dieser Frage müssen die Beweggründe der Forschung klargestellt werden. Woran wird der Erfolg der Forschung gemessen? Als Ansatz können viele verschiedene Möglichkeiten überprüft werden, wie man die unterschiedlichen Herangehensweisen und den Erfolg von Forschung bewerten kann.

Es gilt zu überprüfen, ob eine Diffusion von Wissen aus der Wissenschaft in die Praxis überhaupt als ein relevantes und beabsichtigtes Ziel in Betracht gezogen wird. Hierzu stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, den Erfolg von Forschungsarbeiten darzulegen.

Einschlägige Methoden dazu wären beispielsweise Journal-Rankings. Wie will man allerdings den Erfolg einzelner Forschungsergebnisse miteinander vergleichen, wenn das ganze Forschungsgebiet infrage gestellt wird? Da hilft es nicht, indem man Forschungsergebnisse über Journal-Rankings miteinander vergleicht.

Ein anderer Ansatz wäre zu versuchen, Forschungsergebnisse interdisziplinär zu vergleichen, um Parallelen aus anderen Forschungsrichtungen mit einzubringen. Allerdings sollte jedem klar sein, dass Forschungen auf naturwissenschaftlicher Basis nicht mit Accounting-Forschung zu vergleichen sind.

Grundsätzlich ist die Accounting-Forschung in das Forschungsgebiet der Soziologie einzuordnen. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass sämtliche erzielten Ergebnisse nur insoweit wieder zu replizieren sind, solange alle Umwelteinflüsse nahezu konstant gehalten werden. In der Sozialforschung kommt es eben nun einmal stark auf das Handeln der Akteure an. Demgegenüber sind in der Naturwissenschaft beispielsweise externe Faktoren wie physikalische Gesetze gleichbleibend. Daher bilden diese beiden Disziplinen eine unpassende Basis, um sie zu vergleichen. Dies zur Erklärung, weshalb es auch bei anderen Wissenschaften nur begrenzt Sinn macht, die Forschungswege und -erfolge miteinander zu vergleichen.

Daher wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, eine Möglichkeit zu finden, wie man die heutige Accounting-Forschung greifbar bewerten kann, ohne auf andere Wissenschaftsdisziplinen zurückgreifen zu müssen. Ein möglicher Weg zur Bewertung einer Wissenschaft oder besser gesagt, der ihrer Forschungsergebnisse, könnte anhand der Praxisrelevanz gemessen werden.

Wie sieht ein „Research-Findungsprozess“ überhaupt aus? Dabei stellt sich die Frage, welches Ereignis den Research überhaupt auslöst.

Dazu wird in Kapitel 3 dieser Arbeit geklärt, welche Anreizsysteme es für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gibt und was der Begriff des Impacts überhaupt bedeutet, wie dessen Diffusion stattfindet und in welchem Verhältnis die Sprache der Forschung und deren Qualität eine Rolle spielen. Die Qualität und die Innovation der Forschung wird als eine Dimension des Impacts dabei genauer beleuchtet.

Zur genaueren Einordnung dieses Stärkegrades des Impacts wird in dieser Arbeit eine Benchmark im Bereich der Accounting-Forschung verwendet, die sich aufgrund ihres Durchdringungsgrades in der Praxis hervorragend als Beispiel für „High Impact“ eignet, nämlich die Balanced Scorecard (BSC). Die BSC, die im Jahre 1992 zur Messung von Unternehmensleistung eingeführt wurde, dient dabei als Konzept für Managementsysteme, um die Umsetzung der Strategien zu steuern.4 Nicht nur, dass dieses Framework bahnbrechenden Erfolg in der Praxis hatte, die BSC diente auch als Grundlage für ein überaus großes Sammelsurium an neuen Forschungsansätzen und Forschungsfortführungen. Dies beweist alleine schon die nur auf der BSC aufbauende Forschung der beiden Erfinder Robert S. Kaplan und David P. Norton.

Das in dieser Arbeit zu bearbeitende grundlegende Problem ist, inwieweit die praktische Relevanz der Accounting-Forschung sich in den letzten Jahren geändert hat. Dafür ist die Implementierung der BSC ein Beispiel dafür, wie es der Forschung seit 1992 ergangen ist und ob noch immer Forschungspotenzial besteht oder ob der Forschungsbereich des Accountings keine großartigen Neuerungen mehr zu lässt. Es werden verschiedene Bereiche beleuchtet, die eine mögliche Grundlage dafür geschaffen haben, die Kaplan und Norton dazu bewogen haben, ein System zu entwickeln, welches eine leistungsorientierte Messung von Unternehmen aus der strategischen Perspektive zugelassen hat.

Aufgrund großer Relevanz hierbei gilt es zudem zu prüfen, welchem Ursprung die BSC zuzuordnen ist. Geht man von der Tatsache aus, dass die BSC eine wissenschaftliche Forschungsarbeit auf Grundlage dessen war, dass ein Harvard-Professor mitbeteiligt war? Oder ist ihr Ursprung doch der praktischen Forschung zuzuordnen, womit die BSC das Resultat einer Beratungsleistung darstellt?

Methoden der Forschungsfragenfindung wären beispielsweise die sogenannte „Gap-Spotting-Research“. Dabei begeben sich Wissenschaftler auf die Suche nach Problemstellungen, um diese dann auch zu lösen. Dazu werden sämtliche, noch so kleine Lücken im Forschungsbereich ausgenutzt. Welche Motivation dafür dahintersteht, kann vielseitig sein und wird im Folgenden genauer diskutiert werden. Allerdings sind die Antworten auf Fragestellungen, die in der Praxis entstanden sind, sehr vielseitig. Welches ist der Weg, der dabei beschritten wird? Geht ein Interesse von der Praxis aus, das in der universitären Forschung hinterfragt wird und nach Forschungsresultaten gesucht wird? Oder nutzt die Praxis eigene Forschungseinrichtungen für die Lösung bestimmter Problemstellungen? Die entscheidende Fragestellung, die sich hieraus ergibt, ist darüber hinaus auch, ob die universitäre Forschung überhaupt noch zur Lösung von praktischen Problemen beiträgt und wie sich die Antwort auf die Zukunft der Accounting-Forschung auswirkt.

Nimmt man diese beiden großen Punkte zusammen, ob und wie sich der Impact der Accounting-Forschung geändert hat und wie die Forschungsfrage durchdrungen werden kann, sollte sich daraus die Schlussfolgerung ableiten lassen, wie die Zukunft der Accounting-Forschung aussehen könnte. Dabei sind die unterschiedlichen Aspekte zwischen damals und heute aufgrund verschiedenster Faktoren genauestens zu durchleuchten. Ebenso sind Abweichungen in bestimmten Forschungsparadigmen aufzuzeigen und zu diskutieren.

Abschließend wird anhand dieser Punkte überprüft, inwieweit sich die Accounting-Forschung geändert hat und ob dadurch eine Distanzierung zur Lösung praktischer Probleme miteinhergeht.

2. Forschungsdesign

Zur genaueren Betrachtung der in dieser Arbeit aufgeführten Problemstellung, nämlich ob eine abnehmende praktische Relevanz in der Accounting-Forschung zu beobachten ist, müssen bestimmte Verfahren angewandt werden, um auf aussagekräftige Ergebnisse zu kommen. Dazu werden unter anderem Interviews mit aktiven Forschern der Universität Innsbruck geführt.

Da es in dieser Arbeit um die Accounting-Forschung im Allgemeinen geht, wäre es somit zielführend herauszufinden, inwieweit sich die Nachfrage zu spezifischen Accounting-Themen in den letzten Jahren geändert hat. Hierfür stehen mehrere Herangehensweisen zur Verfügung.

Um sich dem Thema zu nähern, wird das namhafte Accounting-Konzept der Balanced Scorecard herangezogen. Mit Hilfe dieses Accounting-Konzeptes soll überprüft werden, ob es einen Impact gegeben hat und ob solch ein Impact noch immer vorhanden ist.

Im Folgenden werden zwei Herangehensweisen dargestellt. Der erste Lösungsansatz ist ein Accounting-Konzept, das sehr stark in der Forschungscommunity diskutiert wurde und einen hohen praktischen Impact aufweist. Dies soll nicht implizieren, dass Diskussion und Impact unweigerlich zusammenhängen. Allerdings ist es von Vorteil, wenn in diesem Fall beides vorliegt. Dazu bietet sich die Entstehungsgeschichte der Balanced Scorecard an. Mit ihrer Reichweite und ihrem einschlägigen Erfolg, den sie in der akademischen wie auch in der praktischen Accounting-Welt hatte, ist sie ein guter Indikator für die Forschung und vor allem dafür, wie erfolgreiche Beratung aus der Wissenschaft entstehen kann.5

Da dieses Ereignis 1992 stattfand, ist es möglich, dass dieser Forschungsweg als veraltet bezeichnet wird. Zusätzlich wäre es zielführend zu erfahren, was aktuell praktizierende Forscherinnen und Forscher über den Weg von einer Forschungsfrage bis hin zu einer Lösung denken. Wie im Folgenden dargestellt wird, gestaltet sich die Skizzierung dieses Prozesses als nicht einfach, da von unterschiedlichen Ursachen auszugehen ist.

Die unterschiedlichen Ursachen beziehen sich dabei auf verschiedene Ansätze, wie es zu einem Problem gekommen ist oder kommen wird. Dabei macht es einen Unterschied, ob das Problem in der Praxis entstanden ist oder aufgrund einer wissenschaftlich ausgelösten Forschung wie am Beispiel der „Gap-Spotting-Research“. Entscheidend ist dabei die Bedeutung, die der Forscher oder die Forscherin dem jeweiligen Thema zuordnet, und ob er oder sie überhaupt einen Unterschied aufgrund der ursprünglichen Fragestellung macht.

Unabhängig von der Ausgangslage werden Fragebögen von mir erstellt, die bei semistrukturierten Interviews beantwortet werden. Hierbei wird speziell auf aktive Forscherinnen und Forscher der Fachbereichsrichtung Accounting von der Universität Innsbruck und auf deren Sichtweise auf einen Forschungsprozess eingegangen. Diese Fragen zielen darauf ab herauszufinden, wie sich der Weg der Forschungsfrage bildet und welche Motivation zur Bearbeitung eines Themas benötigt wird.

Die Fragen lauten wie folgt:

1. Nach welchen Kriterien wählen Sie ihre Forschungsthemen im Bereich Accounting aus?
2. Was ist für Sie der Impact der Accounting-Forschung?
3. Lässt sich hohe Qualität mit hohem Impact gleichsetzen?
4. Was sind für Sie die wesentlichen Elemente für Qualität in der Accounting-Forschung?
5. Spielt die Herkunft der Forschungsfrage im Accounting für Sie in der Qualität eine Rolle?
6. Spielt die Sprache der Veröffentlichung eine Rolle in der Accounting-Forschung, da somit der Durchdringungsgrad (Diffusion) in bestimmten Ländern früher erreicht wird?
7. Sehen Sie eine Bedeutungsminderung der Research-Gaps in der Accounting-Forschung, wenn angesichts des gesellschaftlichen Drucks auf Kostenkontrolle die finanziellen Mittel für Forschung vermehrt unter den Gesichtspunkten des gesellschaftlichen Nutzens (Research-Impact) ausgegeben werden? Nimmt Ihrer Ansicht nach die Anzahl der forschungsrelevanten Themen im Bereich der Accounting-Forschung ab oder nimmt sie zu und ggf. warum?
8. Angenommen man würde die Balanced Scorecard als ein Beispiel für high Impact ansehen. Wäre so etwas wie eine BSC noch mal möglich?

Der Artikel „What is going on? The sustainability of accounting academia“6 von Humphrey and Gendron bietet den Input, auf Basis dessen sich diese Fragen ergeben haben.

3. Accounting-Forschung

Im folgenden Abschnitt wird speziell auf die Accounting-Forschung eingegangen. Dabei werden relevante Gebiete aufgegriffen. Um sich mit der Zukunft des Accountings zu beschäftigen, ist es unabdingbar, die bisherigen Geschehnisse in einem kurzen Abriss darzustellen. In dem folgenden Kapitel wird kurz dargestellt, wie sich die Accounting-Forschung entwickelt hat und welche Meilensteine sie gesetzt hat. Ebenfalls von Relevanz ist dabei der Paradigmenwechsel, der in der Forschung stattgefunden hat. Somit können neue Methoden hinzugezogen werden. Der Paradigmenwechsel in der Accounting-Forschung kann allerdings nicht nur die Auswahl der Forschungsmethode verändert haben, sondern eventuell auch den Fokus. Mit der Verschiebung des Fokus der Accounting Forschung kann durchaus auch eine Abkehr von der praxisnahen Forschung impliziert werden, bis hin zu einer sehr theoretischen Forschung.

Genau das zielt auch auf die Hauptfragestellung dieser Thesis hin, nämlich ob es einen „Drift“ zwischen der normativ geprägten, praktischen Forschung zu der heutigen eher sehr theoretisch empirischen Forschung gibt. Nur wenn man einen Forschungszweig historisch betrachtet, wird auch die Möglichkeit bestehen, eine Aussage über die bisherige Entwicklung zu machen und zu schauen, wie es in Zukunft mit der Accounting-Forschung weitergeht. Das bedeutet, dass auf Grundlage der bisherigen Vorgänge Prognosen darüber getroffen werden können, ob eine Forschung voranschreitet, ins Stocken geraten ist oder gar komplett stagniert und inwieweit sich das mit der Praxis vereinen lässt.

Der weitere beschriebene Paradigmenwechsel, der sich in den letzten Jahrzehnten zugetragen hat, wird mit Sicherheit einiges an Aufschluss darüber geben, was mit der Accounting-Forschung passiert ist. Ein Wechsel in der Art und Weise, wie geforscht wird, ist natürlich ein Indiz dafür, dass sich etwas im Wandel befindet.

3.1 Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Accounting-Forschung

In diesem Unterkapitel wird erläutert, wie die Entwicklung der Accounting-Forschung bisher ablief. Es werden die Anfänge dargestellt, die sich bis hin zur modernen Accounting-Forschung hin weiterentwickelt haben. Von besonderer Relevanz ist auch die Einordnung der jeweiligen Forschungsbereiche, die hier relevant sind. Dabei lassen die Darstellung der Vergangenheit und die sich damit ergebende Entwicklung einen gewissen Spielraum für eventuelle Prognosen zu. Noch aussagekräftiger für diese Arbeit ist jedoch der Unterschied in der Entwicklung in den letzten 60 Jahren im Vergleich zu der Entwicklung, die seit Anbeginn stattgefunden hat.

Hierbei wird auf den Artikel von Ernstberger und Werner „Die empirische Revolution in der akademischen Forschung – Folgen für das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Praxis in der Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung“7 eingegangen. Der resultierende Paradigmenwechsel im Rahmen der dort beschriebenen empirischen Revolution weist in gewisser Weise auch schon Änderungen auf. Dabei ist jedoch nicht einfach nur von einer Praxisentfremdung auszugehen, sondern auch von einer Veränderung der Forschungsmittel und -methoden.

Darüber hinaus gehen Ernstberger und Werner auf bestimmte Bewertungsgrundlagen der Forschung ein. Speziell geht ihnen dabei um die Rechnungslegungs- und Wirtschaftsprüfungsforschung, allerdings lassen sich die Ergebnisse der Forscher auch leicht auf die Accounting-Forschung übertragen.

Der Auslöser und die zugleich notwendige Bedingung dieser „empirischen Revolution“8 waren die wachsenden Möglichkeiten im IT-Bereich. Dabei fiel die Diskussion über angewandte Forschungsmethoden in den sogenannten Positivismus-Streit. Forscherinnen und Forscher, die bewusst mit alten normativen Forschungsmethoden brachen, orientierten sich neu. Es standen nicht mehr die Lösungen von spezifischen Bilanzierungsproblemen im Vordergrund. Es ging viel mehr um ökonomische Auswirkungen. Dabei war zu beobachten, wie sich beispielsweise die Wirkung von Rechnungslegung auf den Kapitalmarkt auswirkte oder wie sich Vertragsgestaltung auf Managemententlohnungssysteme auswirkte.9

Um auf die Veränderung der Forschungsmethoden eingehen zu können, betrachtet man die gängigen Methoden, die in den 1960er-Jahren angewandt wurden. Dabei fällt auf, dass 75 Prozent aller Forschungsergebnisse in den sechs bekanntesten Wissenschaftsmagazinen einem normativen Forschungsparadigma zugrunde lagen.10 Circa 40 Jahre später, also in den 2000er-Jahren, sah es völlig anders aus. Während die Anzahl an Publikationen um ein Vielfaches angestiegen war, sind die darin enthaltenen Artikel mit einer praxisbezogenen normativen Forschung auf etwa 2 Prozent zurückgegangen.11

In der deutschen Forschungsszene passierte das alles etwas später. Ihre Orientierung war noch bis in die späten 1990er-Jahre auf das praktisch- normative Forschungsparadigma ausgerichtet. Die deutsche Forschung gab der Praxis noch deutlich länger direkte Handlungsempfehlungen. Erst Anfang 2000 begann der Umschwung zu einer empirischen Forschung.12

Die Zeitschrift „The Accounting Review“ sprach ebenfalls davon, dass normative Forschungsarbeiten sowie Feld- und Fallstudien so gut wie keine Rolle mehr spielten, wodurch den Behauptungen von Humphrey und Gendron13 Nachdruck verliehen wurde. Denn auch dieser Artikel stellt das Problem dar, dass sich die Accounting-Forschung der Kritik ausgesetzt sieht, Forschungsergebnisse zu erzeugen, die für die Praxis uninteressant sind.14

Generell kann man sagen, dass die normative Forschung einer praktischen Forschung sehr nahekommt. Definiert wird diese Wissenschaftsauffassung als ein Forschungsparadigma, das entweder Gestaltungsempfehlungen oder Werturteile in betriebswirtschaftlichen Aussagesystemen gibt. Dazu sollen Normen aus ethischen Prinzipien abgeleitet und für wirtschaftliches Handeln vorgegeben werden, was im praktischen Normativismus bedeutet, dass die Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre ist, der Praxis Handlungsempfehlungen zu geben.15

Somit würde ein Verfall dieses Forschungsparadigmas einen Verfall der praxisbezogenen Forschung implizieren. Dies würde von dieser Perspektive aus gesehen die Forschungsfrage dieser Arbeit unterstützen und den Schluss nahelegen, dass auf dieser Grundlage eine Abnahme der praktischen Relevanz der Accounting-Forschung zu beobachten ist. Allerdings würde diese Annahme implizieren, dass die empirische Forschung rein theoretisch ist und keinerlei Bezug und Einfluss bzw. Impact auf die Praxis hat.

Grundsätzlich ist unter dem Begriff „empirisch“ eine Bezugnahme von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf Erfahrungen oder Beobachtungen in der Realität zu verstehen. Dabei geht es darum, theoretische Aussagen mit ihrer Übereinstimmung mit der Realität im Hinblick auf ihr Ausmaß zu vergleichen. Somit ist die empirische Forschung ein Weg der Theorieüberprüfung, indem versucht wird herauszufinden, ob sich theoretische Aussagen in der Praxis bewähren oder nicht.16

Zu schlussfolgern ist, dass die empirische Forschung somit nicht direkt auf die Praxis eingeht, sondern diese nur zur Überprüfung heranzieht. Sehr abstrakt ausgedrückt können die Fragestellungen einer komplett theoretischen Überlegung entstammen und müssen dafür keine praktische Herkunft aufweisen.

Bezugnehmend auf die Fragestellung dieser Arbeit erscheint es eindeutig, dass nach diesen Beobachtungen die praktische Accounting-Forschung weniger wird. Aber hat das auch mit der praktischen Relevanz der Forschung zu tun?

Dass es in den letzten Jahrzehnten einen skizzierbaren Trend gegeben hat, der sich von der sogenannten Fall- und Feldforschung abgewandt hat, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass die heutige Forschung keine praktische Relevanz mehr aufweist. Auch wenn die normative Forschung nicht völlig ausgestorben ist, konzentriert sich die Wissenschaftswelt verstärkt auf die empirische Forschung, wobei diese durchaus auch einen gewissen Praxisimpact aufweisen kann.

3.2 Entfremdung durch Paradigmenwechsel

Ob eine Entfremdung zwischen der Forschung und der Praxis zu beobachten ist, hängt laut Ernstberger und Werner zusätzlich von zwei weiteren Faktoren ab: dem akademischen Anreizsystem und dem regulatorisch/wirtschaftlichen Umfeld.17

3.2.1 Anreizsysteme

Um sich als Wissenschaftler, als Wissenschaftlerin zu behaupten, bedarf es einer gewissen Zuhörerschaft. Damit es zu dieser kommt, muss ein gewisser Einfluss oder Impact vorhanden sein. Nun stellt sich für jeden Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin die Frage, wie er oder sie dies erreichen kann. In den Naturwissenschaften oder gar der Medizin kann es überspitzt formuliert eine bahnbrechende Entdeckung zur Rettung der Menschheit sein. Solch ein Erkenntnisgewinn ist in den Sozialwissenschaften erfahrungsgemäß nicht zu erwarten.

In den Sozialwissenschaften und speziell in der Accounting-Forschung erreicht man eine Zuhörerschaft durch das Publizieren in anerkannten Wissenschaftszeitschriften. Dies kann bei gegebenem Erfolg einer positiven Beeinflussung der wissenschaftlichen Kariere dienen. Mit inkludiert sind die hierarchischen Aufstiegschancen und eine finanzielle Besserstellung. In Fachkreisen ist es mittlerweile durchaus bekannt, dass dadurch ein Publikationsdruck entsteht, der als „Publish or Perish“ bekannt ist.18

Im Kontext bedeutet das für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sie im Kanon der Wissenschaftswelt untergehen, wenn sie nicht ständig publizieren, – ein weiterer wichtiger Sachverhalt, der in der Ausgangsproblematik von Humphrey und Gendron dargestellt wurde. Zu kritisieren ist dabei, dass häufig nicht mehr darauf geachtet wird, was publiziert wird, sondern es einfach nur noch um die reine Tätigkeit des Publizierens geht. Dies zieht natürlich eine massiven Werteverlust und vor allem Qualitätsverlust nach sich.19

Mit einem Qualitätsverlust kann somit auch der Impact der Forschungsarbeiten verloren gehen. Auf die Qualität von Forschungsergebnissen wird später in Kapitel 5 genauer eingegangen. Dort wird auch der Zusammenhang zwischen Impact und der Qualität als einer Dimension von Impact genauer dargestellt.

Als Hypothese könnte man dann annehmen, dass durch den Anstieg an Publikationen und dem daraus resultierenden Qualitätsabfall die Accounting-Forschung vor dem Problem steht, nur noch für sich selbst zu forschen, da außerhalb der Forschercommunity niemand mehr etwas mit den Ergebnissen anfangen kann. Um solchen Problemen auf den Grund zu gehen, werden im Folgenden Interviews mit Forscherinnen und Forschern aus dem Fachkreis Accounting zu diesen Problemstellungen durchgeführt.

Die geschaffenen Anreizsysteme dienen auch einem wichtigen Zweck, wenn man bedenkt, dass man an amerikanischen Hochschulen im Vergleich zu europäischen sehr viel Geld für die universitäre Bildung bezahlt. An den teuersten Hochschulen in den USA zahlt man beispielsweise bis zu 40.000 Dollar pro Jahr.20 Daher legen die dortigen Universitäten auch einen hohen Wert auf die Reputation ihres Lehr- und Forschungspersonals. Als Folge dessen stehen die Universitäten dort in einem regen Wetteifern um Geld, Studierende und die daraus resultierende Reputation.21

Der aufgezeigte Publikationsdruck und der Wettbewerb zwischen den jeweiligen Hochschulen zieht jedoch nicht zwangsläufig eine mangelnde Praxisrelevanz mit sich. Der durch den Publikationsdruck möglicherweise ausgelöste Qualitätsverfall kann auch nur auf die Accounting-Forschung im Allgemeinen übertragen werden und bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Distanzierung zwischen Wissenschaft und Praxis vorliegt.

Erwähnenswert ist allerdings der Punkt, wie solche Publikationen entstehen. Es wird ein gewisser Verfall zur praktischen Relevanz auffällig. Wenn man bedenkt, dass Publikationspunkte für wissenschaftliche Veröffentlichungen eine nur untergeordnete oder gar keine Rolle spielen, wenn sie in einem Zusammenhang zu praktischen Problemstellungen oder Problemlösungen stehen.22 Somit ist es zum einen schwierig, für den Forscher oder die Forscherin eine praktische Relevanz anhand der Publikationspunkte darzustellen, weil die Punkte ihren Praxisbezug nicht widerspiegeln. Zum anderen muss er oder sie bei seiner oder ihrer Forschungsfrage auch keine praktische Relevanz aufweisen, da es sein Anreizsystem nicht benötigt. Das heißt, dass Forschende in ihren Ausarbeitungen keine praktische Relevanz nachweisen müssen, um ihren beruflichen Werdegang voranzutreiben.

In Australien oder Großbritannien beispielsweise müssen Forschende ihren direkten Impact nachweisen. Das heißt, dass der Diffusionsweg der Erkenntnis in die Praxis nachgewiesen werden muss.23 Es gestaltet sich jedoch auch nicht sonderlich leicht, diesen Weg des Impacts darzustellen. In den übrigen Ländern ist es deshalb schwieriger nachzuvollziehen, inwieweit ein direkter Praxisimpact stattgefunden hat. Dies spricht nicht unbedingt dafür, dass ein großer Wert darauf gelegt wird, mit der Wissenschaft einen Praxisimpact zu erreichen.

Möglicherweise wird bei der ganzen Thematik und den aufgeworfenen Behauptungen auch vergessen, dass es gar nicht der Anspruch der Wissenschaft ist, einen Praxisimpact zu erzeugen. Im Folgenden wird auf die Veränderung im wirtschaftlichen und regulatorischen Umfeld eingegangen, die eventuell Aufschluss darüber geben, warum es zu einer Abnahme der praktischen Relevanz in der Accounting-Forschung kommt.

3.2.2 Veränderungen des Umfeldes

Die Änderung des Forschungsparadigmas und die Anreizsysteme der Forschenden lassen schlussfolgern, dass es zudem zu einer Änderung im wirtschaftlichen Umfeld gekommen ist. Ob der Wechsel des Paradigmas nun Grund für die Änderung im Forschungsumfeld war oder anders herum, gilt es zu prüfen. Erwähnenswert ist, dass es sich als sehr schwer gestalten wird, den eigentlichen Initiator darzustellen.

Zu beachten ist jedoch, dass bei einer Änderung im wirtschaftlichen Umfeld bezüglich der praktischen Fragestellungen eine Anpassung der Relevanz zwischen den beiden Disziplinen zu beobachten ist.24 Natürlich werfen neue Wirtschaftssysteme auch neue Forschungsfragen auf, diese wiederum mit anderen bzw. angepassten Forschungsmethoden zu behandeln sind. Ernstberger und Werner gehen speziell auf die hier behandelte Forschungsfrage ein, die eine Veränderung in der praxisrelevanten Problemlösung dargestellt. Nach diesem System rückt der normative Forschungsansatz der akademischen Forschung mehr und mehr in den Hintergrund. Dabei haben es sich große Unternehmen, insbesondere Prüfungsfirmen, zur Aufgabe gemacht, eigene Forschungsabteilungen für die Problemlösung in ihre Unternehmen zu integrieren, sodass Hilfe von der Wissenschaft irrelevant wird.25 Auch Humphrey und Gendron gehen darauf ein, dass die Forschung vermehrt durch private Förderungen unterstützt wird und die akademische Forschung nach und nach für die Praxis irrelevant wird.26 Was in den 1960er-Jahren extern über normative Forschung aus der Wissenschaft bewältigt wurde, ist nun in internen Abteilungen der jeweiligen Unternehmen umsetzbar. Somit sind sie in der Lage, Probleme weitaus effizienter und zeitgerechter lösen zu können, ohne auf ein allgemeingültiges Forschungsergebnis aus der Wissenschaft warten zu müssen. Dadurch können sie auch ihre Probleme maßgeschneidert lösen.

Problematisch ist das Ganze aus der Perspektive zu betrachten, dass dadurch viel Arbeit doppelt erledigt wird, da keine allgemeingültigen Problemlösungen produziert werden. Stattdessen werden Probleme eher als Einzelfall gelöst. Natürlich unterstreicht der Wettbewerbsdruck solch ein Vorgehen, da eine Weitergabe von Know-how von einem Unternehmen an ein anderes keinen Vorteil schaffen würde – zumindest nicht für das Unternehmen, welches das Problem gelöst hat.

3.3 Der Wandel als Fortschritt?

Im vorangegangenen Kapitel wurde unter Berücksichtigung der Arbeit von Humphrey und Gendron27 aufgezeigt, wie sich die Forschung im Generellen gewandelt hat. Zusätzlich wurde diese Entwicklung anhand der Forschung von Ernstberger und Werner28 dargestellt.

Es wurde besonders auf den Paradigmenwechsel in der akademischen Forschung eingegangen, der einen Verfall der praktischen Relevanz nahelegt. Der Rückgang der normativen Forschung wurde als Grundproblematik dargestellt, weshalb die wissenschaftliche Forschung und ihre Ziele nicht mehr so stark auf eine praktische Problemlösung fokussieren. Die empirisch-positivistische Forschung befasst sich mehr mit allgemeinen Theorieüberprüfungen, was bedeutet, dass sich ein Großteil der modernen Forschung mit theoretisch erzeugten Phänomenen beschäftigt und diese anhand von praktischen Beispielen zu beweisen versucht. Dadurch kommt die Behauptung auf, dass der Praxisgehalt der Forschung abnimmt und Forscherinnen und Forscher nur noch für sich selbst forschen.29

Die Entfremdung zwischen Wissenschaft und Praxis wird zusätzlich durch die Anreizsysteme der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und den Wandel im wissenschaftlichen Umfeld forciert. Die Anreizsysteme für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler legen nahe, dass eine Motivation entsteht, die wenig Bezug bzw. Relevanz zur Praxis aufweist. Dies geschieht unter anderem durch Journal-Rankings, die für den monetären und beruflichen Aufstieg relevant sind. Diese Rankings weisen einen nur geringen Zusammenhang mit der praktischen Relevanz der Forschung auf. Das bedeutet, dass in der Themenauswahl keine Priorität auf praktische Relevanz gelegt wird, sondern darauf, viel zu publizieren, um den persönlichen Berufserfolg weiter nach vorne zu bringen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich in einem ständigen Konflikt, Impact in ihrer Forschung oder Publikationspunkte zu produzieren. Publikationspunkte jedoch bringen sie beruflich weiter, da auf sie verständlicherweise der Fokus gelegt wird. Wie bereits erwähnt, werden Publikationspunkte eben nicht aufgrund eines besonders großen Praxisimpacts vergeben bzw. ist der Zusammenhang nicht gegeben, da auch häufig der Diffusionsweg des Impacts schwierig nachzuweisen ist.

Ein weiterer relevanter Punkt dieser Masterarbeit ist der Wandel im wirtschaftlichen Umfeld. Viele private Großunternehmen legen einen großen Wert auf eine schnelle Problemlösung, wodurch es meist nicht lange auf wissenschaftliche Forschungsergebnisse gewartet wird. Diese sind dann aufgrund der wissenschaftlichen Bearbeitungsweise auch noch sehr allgemein formuliert und nicht direkt auf die jeweiligen Problemfälle anwendbar. Das führt zu einer Implementierung von internen Beratungsabteilungen, die sich speziell mit den anfallenden Problemstellungen im Unternehmen befassen. Speziell große Prüfungsgesellschaften legen großen Wert auf eine schnelle und effiziente Problemlösung. Somit ist eine Hilfestellung aus dem akademischen Bereich auch nicht mehr so notwendig, da sich die Unternehmen selbst um Problemlösung kümmern.

Grundsätzlich muss man allerdings einem Paradigmenwechsel auch die Tatsache zusprechen, dass dadurch neue Interpretationen von Beobachtungen möglich werden. Diese führen wiederum zu neuen Theorien. Als plakatives Beispiel hierfür kann man den Wandel der Weltanschauung über die Jahrhunderte hernehmen: Zuerst wurde die Erde als Mittelpunkt des Universums angesehen, später wandelte sich diese Ansicht zum kopernikanischen Weltbild. Dieser Wandel in der Weltanschauung (Paradigmenwechsel) führte zu völlig neuen Erkenntnissen über die Umlaufbahnen von Planeten.30 Übertragen auf die Accounting-Forschung kann dieser Erkenntniszuwachs jedoch auch durchaus als Gewinn für die Forschung verstanden werden.

Eine Frage, die sich nun für den weiteren Verlauf dieser Arbeit ergibt, lautet, ob eine praktische Relevanz der Accounting-Forschung überhaupt notwendig ist und ob die neuen Forschungsparadigmen nicht auch trotzdem eine praktische Relevanz aufweisen. Um diese Fragestellung genauer zu beleuchten, werden Interviews mit aktiven Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durchgeführt. Es wird beobachtet, wie ihr Weg hin zu einer Forschungsfrage aussieht und welche Punkte dafür als relevant erachtet werden. Diese Kriterien erstrecken sich von der Herkunft des Forschungsinteresses bis hin zu regulatorischen Maßnahmen, die von den Stakeholdern der Forschung ausgehen. Dabei wird geklärt, inwieweit eine Unterscheidung zwischen Impact und Publikation getroffen wird, das heißt, worauf der Fokus gesetzt wird. Es wird zudem auf verschiedene Dimensionen des Impacts eingegangen. Einer der entscheidensten Faktoren, der die Bestimmung des Impacts beeinflusst, wird in dieser Arbeit die Balanced Scorecard sein. Dabei wird die Balanced Scorecard als ein Accounting-Konzept gesehen, das einen sehr hohen Impact auf die Praxis hat. Umstritten ist, ob die Balanced Scorecard ihren Ursprung in der wissenschaftlichen oder der praktischen Forschung hat. Unabhängig davon diente die BSC als Grundlage vieler wissenschaftlicher Untersuchungen, wodurch sie auch einen Impact auf die Wissenschaftswelt hatte. Entstanden ist sie bzw. erste Veröffentlichungen zur BSC gab es Anfang der 1990er-Jahre. Nun gilt es zu überprüfen, ob solche Konzepte heute immer noch veröffentlicht werden und wenn ja, ob sie auch allgemein anwendbar sind oder eher sehr spezifisch sind.

4. Die persönlichen Anreizsysteme der Forscherinnen und Forscher

In den vorangegangenen Kapiteln wurde ein Paradigmenwechsel in der akademischen Forschung dargestellt, der Grund dafür sein könnte, dass es zu einer abnehmenden praktischen Relevanz in der Accounting-Forschung kommt.

Dazu wurden verschiedene Annahmen und Behauptungen betrachtet, die einen Einfluss auf die Differenzierung zwischen Wissenschaft und Praxis haben. Eine besondere Einflussnahme auf diese Behauptung hatten zwei Faktoren: einerseits die Anreizsysteme in der Wissenschaftslandschaft und andererseits der Wandel im wirtschaftlichen Umfeld. Die bereits angesprochene Thematik, dass die Anreizsysteme der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler so ausgelegt sind, dass eine praktische Relevanz ihrer Forschung nicht notwendiger Weise zu erbringen ist, wird im Folgenden genauer dargestellt. Dazu werden Forscherinnen und Forscher in Interviews zu ihren persönlichen Anreizsystemen befragt und untersucht, inwieweit diese mit den Anreizsystemen aus der Forschung von Humphrey und Gendron31 und von Ernstberger und Werner32 zusammenhängen.

Dabei wird, wie bereits angesprochen, auf die Herkunft der Forschungsfrage eingegangen und geklärt, nach welchen Kriterien diese ausgewählt wird. Der Punkt, ob die Forschungsfrage eine gesellschaftliche Relevanz oder einen gewissen Nutzen für die Gesellschaft aufweist, ist dabei von großer Bedeutung. Zudem wird der Anreiz der Forscherinnen und Forscher, etwas Innovatives zu untersuchen, überprüft.

Forscher begeben sich auf die Suche nach neuen Themen, die für sie publikationswürdig erscheinen. Dabei wird speziell auf die sogenannte Gap-Spotting-Research eingegangen und analysiert, ob bei dieser Art der Forschungsideenfindung eine Bedeutungsminderung vorliegt. Diese könnte aufgrund, in der Themenstellung gegebener Vorwürfe von Humphrey und Gendron33 vorliegen, wenn man bedenkt, dass eine praktische Relevanz nicht notwendigerweise gegeben sein muss, damit ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin in hochgerankten Journals publizieren kann. Somit haben die Forschenden die Möglichkeit, einen Impact in der Wissenschaftswelt zu generieren, ohne dabei Themen mit praktischer Relevanz behandelt zu haben. Der Vorwurf, der daraus resultiert, ist ein Werteverfall der Forschung.34 Es gilt zu klären, ob dieser überhaupt vorliegt.

Des Weiteren werden Forschende dazu befragt, inwieweit sie abhängig vom bildungspolitischen System sind. Das bedeutet, ob ihnen durch Budgets eine Forschungsrichtung vorgeschrieben wird und ob dadurch ein gesellschaftlicher Druck in Bezug auf die Kostenkontrolle existiert. Diese Fragestellung zielt darauf ab, ob für bestimmte Forschungen, die einen sehr großen Impact aufweisen, mehr Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden oder nicht.

[...]


1 Preißner, 2011, S. 12

2 Humphrey & Gendron, 2015

3 Humphrey & Gendron, 2015, S. 47

4 Kaplan, Norton & Hilgner, 2009, S. 9

5 Goretzki, 2019, Z. 366–370

6 Humphrey & Gendron, 2015

7 Ernstberger & Werner, 2015

8 Ernstberger & Werner, 2015

9 Ernstberger & Werner, 2015, S. 386

10 Ernstberger & Werner, 2015, S. 383

11 Ernstberger & Werner, 2015, S. 384

12 Ernstberger & Werner, 2015, S. 386–387

13 Humphrey & Gendron, 2015

14 Ernstberger & Werner, 2015, S. 384

15 Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2019, S. 2518, normative Betriebswirtschaftslehre

16 Eisend & Kuß, 2017, S. 12–13

17 Ernstberger & Werner, 2015, S. 388

18 Ernstberger & Werner, 2015, S. 388, 3.1 Anreizsysteme für Wissenschaftler

19 Humphrey & Gendron, 2015, S. 47

20 Education USA, o. J.

21 Ernstberger & Werner, 2015, S. 388, 3.1 Anreizsysteme für Wissenschaftler

22 Ernstberger & Werner, 2015, S. 388, letzter Absatz

23 Messner, 2019, Z. 75–84

24 Ernstberger & Werner, 2015, S. 389, 3.2 Veränderungen im wirtschaftliche bzw. regulatorischen Umfeld

25 Ernstberger & Werner, 2015, S. 389, Fachabteilungen von Prüfungsgesellschaften

26 Humphrey & Gendron, 2015, S. 47

27 Humphrey & Gendron, 2015

28 Ernstberger & Werner, 2015

29 Humphrey & Gendron, 2015

30 Eisend & Kuß, 2017, S. 73, Paradigmenwechsel

31 Humphrey & Gendron, 2015

32 Ernstberger & Werner, 2015

33 Humphrey & Gendron, 2015

34 Humphrey & Gendron, 2015

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Ist eine abnehmende praktische Relevanz der Accounting-Forschung zu beobachten? Überlegungen zum Impact von Accounting-Konzepten am Beispiel der Balanced Scorecard
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Organisation und Lernen – Bereich Controlling)
Note
3
Autor
Jahr
2020
Seiten
74
Katalognummer
V588074
ISBN (eBook)
9783346165299
ISBN (Buch)
9783346165305
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paradigmenwechsel, gesellschaftliche relevanz, Gap-Spotting Research, Kostenkontrolle, Forschungsfrage, Entfremdung, Impact, Accounting- Forschung, Diffusionsweg, Qualität von Forschung, Journals, Balanced Scorecard, Impact der BSC, Beyond Budgeting, EVA, ERM
Arbeit zitieren
Justin Deisenroth (Autor), 2020, Ist eine abnehmende praktische Relevanz der Accounting-Forschung zu beobachten? Überlegungen zum Impact von Accounting-Konzepten am Beispiel der Balanced Scorecard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/588074

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