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Freundschaft bei Thomas Bernhard

Title: Freundschaft bei Thomas Bernhard

Term Paper (Advanced seminar) , 2006 , 19 Pages , Grade: 2,0

Autor:in: André Weikard (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Kaum eine Biographie Thomas Bernhards, die ganz darauf verzichtet, die eine oder andere der zahlreichen Anekdoten anzubringen, die um kleinliche Skandale, um versteckte oder offene Beleidigungen, um Bezichtigung und Brüskierung durch Thomas Bernhard kreisen; kaum eine, die nicht davon berichtet, wie der verschrobene Dichter sich vor Besuch in einem seiner Häuser verschanzt oder ihn zuweilen ganz flieht. Und zweifellos tragen solche Darstellungen heute nicht unwesentlich zur Fixierung des Mythos Thomas Bernhard bei. Im Gestus des totalen Vorwurfs ist eine Bosheit aus Notwehr, eine Abwehr aus einer tiefen Verletzung heraus gerechtfertigt, so will man uns glauben machen. Dieses bernhardsche Verhältnis oder Missverhältnis zu seinen Mitmenschen soll in dieser Arbeit genauer betrachtet, überprüft, gegebenenfalls erweitert oder korrigiert werden. Das soll am Beispiel einer besonderen Form zwischenmenschlichen Miteinanders geschehen, am Beispiel von Freundschaft. Bestimmte ihrer Eigenschaften, so die These, sind eine Konstante im Werk Thomas Bernhards. Und so oft er sich verschlossen, abweisend, unfreundlich, ja schroff gibt, so zahlreich sind die Bezüge in seinen Schriften zum Thema Freundschaft, so bedeutend sind ihm die Freunde, dass er sie und seine Beziehung zu ihnen, immer wieder behandelt. Aus einem Zwang zur Beschränkung wird sich diese Arbeit auf zwei autobiographische Texte, „Wittgensteins Neffe“ und „Ja“ konzentrieren, beide Innenansichten von Freundschaft, wobei erstere Erzählung den Untertitel „Eine Freundschaft“ trägt, letztere, „Ja“, die bernhardsche Beziehung zum langjährigen Freund Karl Hennetmair zum Gegenstand hat. Nicht nur im Zusammenhang mit ihr, wird der Bericht eben jenes Karl Hennetmair, „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“, interessant, als er sowohl Äußerungen Bernhards, als auch Einschätzungen Hennetmairs zum Themenkomplex enthält. Darüber hinaus ermöglicht das „versiegelte Tagebuch“ Hennetmairs, der keinen literarischen Effekt beabsichtigt, wenn auch erzielt hat, den Abgleich von Fiktion und Realität. Dabei werden Probleme des Lesens autobiographischer Literatur bedeutsam, wie sie in der Vermengung von Autor, Erzähler und Figur auftreten. Die Arbeit hält aber an der gemeinsamen Besprechung fest, in der Hoffnung, dass die Möglichkeit widerseitiger Ergänzung und Entsprechung, beruhend auf einem Konzept von Freundschaft bei Thomas Bernhard, das sich in Leben und Werk äußert, die Risiken der Verwechslung rechtfertigt. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freundschaft als lebenserhaltende Maßnahme

3. Die nützliche Freundschaft

4. Die einseitige Freundschaft

5. Freundschaft als Bedrohung von Freiheit

5.1 Analogisierung

5.2 Kontrastierung

6. Thomas Bernhard, Scheusal

7. Isolation

8. Schuldig werden an der Freundschaft und ihrem Zerbrechen

9. Das Scheitern von Freundschaft

10. Schluss

11. Literatur

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Diese Arbeit untersucht das ambivalente Konzept der Freundschaft im Werk von Thomas Bernhard, wobei der Schwerpunkt auf den autobiographischen Texten „Wittgensteins Neffe“ und „Ja“ liegt. Ziel ist es, die spezifische Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen bei Bernhard zu analysieren, die sich in einem Spannungsfeld zwischen existenziellem Bedürfnis nach Kontakt und einem rigorosen Wunsch nach Autonomie und Isolation bewegt.

  • Die Funktion von Freundschaft als lebenserhaltende Maßnahme.
  • Die Nützlichkeit und Verwertbarkeit zwischenmenschlicher Kontakte.
  • Freundschaft als wahrgenommene Bedrohung der individuellen Freiheit.
  • Das Scheitern von Beziehungen durch Eigensinn und Selbstschutz.
  • Die literarische Konstruktion von Nähe durch Analogisierung und Kontrastierung.

Auszug aus dem Buch

4. Die einseitige Freundschaft

Schon aus der bereits erläuterten Funktion von Freundschaft, als deren Zweck der entlastende Austausch und letztlich die Selbsterhaltung gelten darf, ergibt sich, dass eine so geartete Beziehung eine eigensinnige bis selbstsüchtige Komponente aufweist. Die Behauptung Bernhards, „der Mittelpunkt dieser Notizen ist mein [...] Freund Paul, den ich mit diesen Notizen noch einmal deutlich machen will [...].“ stimmt nur zum Teil. Denn im Zentrum der vorgeblichen Freundesbeschreibung steht ein anderer, Thomas Bernhard selbst. Unentwegt ist in „Wittgensteins Neffe“ von „mein Paul“ oder „mein Freund Paul“ die Rede. Und der possessive Zusatz bewirkt damit das gleiche wie der Titel, der ebenfalls Paul auf Grund seiner Eigenschaft als ein Angehöriger der Familie Wittgenstein, als ein Neffe des Philosophen Ludwig Wittgenstein präsentiert und nicht seiner selbst wegen.

Kurz: Paul Wittgenstein ist und soll dem Leser nur bedeutsam sein, als der Freund Thomas Bernhards, wie er vermutlich sein Leben lang in erster Linie als der Neffe Ludwig Wittgensteins wahrgenommen wurde. So ist es nur folgerichtig, dass auch in der Freundschaft die Sorge immer nur Thomas Bernhard gilt und nie dem Freund. Als beide 1967 in zwei nahe gelegenen Trakten des gleichen Krankenhauses liegen, der eine wegen seiner psychischen Erkrankung, der andere wegen seines Lungenleidens, kommt die Überlegung Bernhards, den Freund zu besuchen zu dem Schluss: "[...] wer weiß in was für einem Zustand der Paul sich befindet, möglicherweise in einem, der mir nur schädlich sein kann und es daher besser ist, ich melde mich vorläufig gar nicht [...]." Der Befindlichkeit Pauls gilt erst ein zweiter, nachgeschobener Gedanke, der als Argument für oder wider den Besuch gar nichts mehr ins Gewicht fällt. Kein Gedanke daran, dass ein Besuch dem anderen seinen Aufenthalt in der „Irrenanstalt“ erleichtern könnte, keine Bereitschaft einen solchen auch gegen den eigenen Unwillen zu unternehmen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Freundschaft bei Thomas Bernhard und Erläuterung der Auswahl der autobiographischen Texte „Wittgensteins Neffe“ und „Ja“.

2. Freundschaft als lebenserhaltende Maßnahme: Analyse der Bedeutung von Freunden für das Überleben und die psychische Existenz des Erzählers.

3. Die nützliche Freundschaft: Untersuchung der Bewertung zwischenmenschlicher Beziehungen unter dem Aspekt des Nutzens und der persönlichen Bedürfnisse.

4. Die einseitige Freundschaft: Erörterung der selbstsüchtigen Tendenzen in Bernhards Freundschaftskonzept, bei der der Freund nur eine Funktion für das eigene Ich einnimmt.

5. Freundschaft als Bedrohung von Freiheit: Beleuchtung der Angst vor zu viel Nähe und der resultierenden Rückzugstendenzen.

5.1 Analogisierung: Beschreibung der Methode, Nähe durch die Gleichsetzung der eigenen Leiden mit denen der Freunde zu konstruieren.

5.2 Kontrastierung: Analyse der Abgrenzung gegenüber dem Freund durch bewusste Betonung von Unterschieden.

6. Thomas Bernhard, Scheusal: Reflexion über das bewusste In-Kauf-Nehmen der Rolle des Rücksichtslosen im Umgang mit Mitmenschen.

7. Isolation: Analyse der Kontaktlosigkeit und der Vereinsamung als notwendiges Gegenstück zur Freundschaft.

8. Schuldig werden an der Freundschaft und ihrem Zerbrechen: Untersuchung der Verantwortung des Autors für das Scheitern seiner persönlichen Beziehungen.

9. Das Scheitern von Freundschaft: Betrachtung der Unvermeidbarkeit des Scheiterns und der Resignation in Bernhards Texten.

10. Schluss: Zusammenfassendes Fazit über das Spannungsfeld von Selbstbestimmung und zwischenmenschlicher Nähe im Werk Bernhards.

11. Literatur: Verzeichnis der in der Arbeit herangezogenen Quellen und Primärliteratur.

Schlüsselwörter

Thomas Bernhard, Freundschaft, Autobiographie, Wittgensteins Neffe, Ja, Karl Hennetmair, Paul Wittgenstein, Selbsterhaltung, Isolation, Kontaktlosigkeit, Nützlichkeit, Freiheit, Selbstbestimmung, Scheitern, Ambivalenz.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das komplexe und widersprüchliche Verhältnis von Thomas Bernhard zu seinen Freunden und Mitmenschen, wie es in seinen autobiographischen Texten literarisch verarbeitet wird.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Mittelpunkt stehen die Begriffe der Nützlichkeit, der Selbstbehauptung, der Angst vor Nähe und die strukturelle Ambivalenz, die Bernhard in seinen Schriften zwischenmenschlichen Bindungen zuschreibt.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, ein konsistentes Konzept von Freundschaft in Bernhards Leben und Werk freizulegen, ohne dabei die Person des Autors mit dem literarischen Entwurf zu verwechseln.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Textanalyse der Erzählungen „Wittgensteins Neffe“ und „Ja“ unter Einbeziehung von biographischen Dokumenten und Tagebuchaufzeichnungen von Karl Hennetmair.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte der Freundschaft, darunter die Funktion als „lebenserhaltende Maßnahme“, die Nützlichkeitserwägungen, die Rolle der Isolation und die psychologische Dynamik des „Schuldigwerdens“ am Freund.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den prägenden Begriffen gehören Isolation, Selbsterhaltung, Autonomie, Ambivalenz, Verwertbarkeit und die bewusste, fast theatralische Distanzierung von anderen Menschen.

Wie unterscheidet sich die „Analogisierung“ von der „Kontrastierung“ bei Bernhard?

Während Bernhard bei der Analogisierung durch Gleichsetzung (z.B. der Krankheit) versucht, eine Nähe zum Freund aufzubauen, dient die Kontrastierung dazu, den Abstand zu wahren und die eigene Einzigartigkeit gegen die „bedrohliche“ Nähe des Anderen abzugrenzen.

Welche Rolle spielt Paul Wittgenstein für den Autor?

Paul Wittgenstein fungiert in „Wittgensteins Neffe“ als ein Spiegel, an dem Bernhard seine eigene Existenz, seine Ängste und sein Bedürfnis nach Abgrenzung abarbeitet, wobei die Beziehung letztlich durch Bernhards Rückzug scheitert.

Warum bezeichnet der Autor seine eigene Haltung oft als „Scheusal“?

Bernhard ist sich seiner Rücksichtslosigkeit bewusst; er stilisierte sich selbst als „Scheusal“, um sich vor emotionaler Vereinnahmung zu schützen und die nötige Freiheit für sein Schreiben und seine Existenz zu bewahren.

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Details

Title
Freundschaft bei Thomas Bernhard
College
University of Marburg  (Germanistik)
Course
Th.Bernhard. Die autobiographischen Texte
Grade
2,0
Author
André Weikard (Author)
Publication Year
2006
Pages
19
Catalog Number
V58821
ISBN (eBook)
9783638529167
ISBN (Book)
9783656790402
Language
German
Tags
Freundschaft Thomas Bernhard Texte
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
André Weikard (Author), 2006, Freundschaft bei Thomas Bernhard, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58821
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