Lebensstilanalysen im Vergleich: Bourdieus feine Unterschiede und Schulzes Erlebnisgesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Pierre Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“
2.1.1 Werdegang
2.1.2 methodische Vorgehensweise
2.1.3 theoretischer Hintergrund
2.1.4 Die Lebensstile
2.1.4.1 Der „Sinn für Distinktion“
2.1.4.2 „Bildungsbeflissenheit“
2.1.4.3 Der „Geschmack des Notwendigen“
2.2 Gerhard Schulze: „Die Erlebnisgesellschaft“
2.2.2 Werdegang
2.2.2 methodische Vorgehensweise
2.2.3 theoretischer Hintergrund
2.2.4 Der Lebensstilansatz
2.2.4.1 alltagsästhetische Schemata
2.2.4.2 Milieus
2.3 Vergleich der Ansätze
2.3.1 Vergleich der theoretischen Gerüste
2.3.2 Vergleich der Lebensstile
2.3.3 Vergleich der Erhebungsfelder

3 Resümee

Anhang

A. Literaturverzeichnis

B. Tabellen
B.1 tabellarische Übersicht der Klassen nach P. Bourdieu


1 Einleitung

Die Lebensstilforschung[1] scheint in letzter Zeit zu einer der bekanntesten und rege diskutiertesten Forschungsrichtungen der Soziologie geworden zu sein. Neben der Marktforschung, welche die Lebensweise der Einzelnen relativ genau erforscht um ihre Produkte „an den Mann“ zu bringen, gibt es seit den 1980er Jahren eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien, die sich im Rahmen von Lebensstilanalysen mit dem sozialen und kulturellen Wandel der Gesellschaft beschäftigen. Dabei fallen die Diagnosen und Beschreibungen der Gesellschaft im Lauf der Zeit höchst unterschiedlich aus: Bis in die 1970er Jahre wurden die Lebensstile fast ausschließlich in einem Zusammenhang von sozioökonomischen Lagebedingungen und subjektiven Lebensweisen betrachtet. Seit den 1980er Jahren änderte sich dies: „Zur Bestimmung der sozialen Differenzierungen wurden nun vermehrt soziokulturelle Bedingungen in Betracht gezogen.“ (Risel: 5) Es wird argumentiert, dass aufgrund von veränderten Lebensbedingungen die individuellen Lebensweisen von sozioökonomischen Lagebedingungen entkoppelt worden sind. Zwei Schlagwörter, die dabei immer wieder Verwendung finden heißen „Individualisierung“ und „Entstrukturierung“. Damit soll, wie der Name es schon sagt, etwas zugespitzt formuliert, der angebliche Wandel der heutigen Gesellschaft hin zu einem Mix aus jeweils individuellen, voneinander unabhängigen Personen beschrieben werden, in der jeder „sein eigenes Süppchen kocht“. Manche Autoren zeichnen ein Bild der Gesellschaft, in der, so scheint es, sich gemeinsame Lebensstile sich völlig aufgelöst haben, das also ganz im Gegensatz zu den früheren Werken steht. (Risel 2005: 5-23, Wahl 1997: 15-31)

Doch trifft dies alles zu? Um dies zu untersuchen möchte ich eine aktuellere Studie, in diesem Fall Gerhard Schulzes „Erlebnisgesellschaft“, mit einem etwas älteren Werk, einem „fast schon“ Klassiker der Lebensstilanalyse, nämlich Pierre Bourdieu’s „feine Unterschieden“, vergleichen. Dabei stellt sich die Frage, wie die Beschreibungen der Lebensstile differieren, ob sich die Lebensweise überhaupt geändert hat, inwieweit Unterschiede festzustellen sind, welche Gemeinsamkeiten es gibt.

Um diese Fragen beantworten zu können erscheint es sinnvoll zuerst die beiden Autoren vorstellen und zum besseren Verständnis ihre den Studien zugrunde liegenden Theorien kurz anzureißen. Damit sind die Grundlagen für eine anschließende Betrachtung der Lebensstilanalysen gegeben. Nach dieser Betrachtung sollen die Studien miteinander verglichen werden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, um die eigentlichen Forschungsfragen, wie sie bereits aufgezeigt wurden, zu beantworten. Diesem Teil soll sich noch ein abschließendes Resümee anschließen um die Arbeit abzurunden

2 Hauptteil

2.1 Pierre Bourdieu: „Die feinen Unterschiede“

2.1.1 Werdegang

Pierre Bourdieu erblickte am 1. August 1930 im kleinen französischen Ort Denguin (Department Pyrénées-Atlantique) das Licht der Welt. Aus einfachen Verhältnissen stammend (Vater Landwirt bzw. später Postangestellter, Mutter Hausfrau) absolvierte er dennoch das Studium in Paris, dass er mit der Agrégation 1954 abschloss. Mit Studien zu der sich wandelnden Gesellschaft Algeriens trat er erstmals in den späten fünfziger Jahren wissenschaftlich in Erscheinung. In den Sechzigerjahren widmete er sich wieder Frankreich zu und untersucht die Rolle des französischen Bildungssystem bei der Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse (bspw. „Homo academicus“). Nicht ohne Erwähnung bleiben sollen auch seine Studien zur Kunst und Kunstrezeption. Seit den 70ern stehen „kultursoziologische und klassentheoretische Fragestellungen“ (Schwingel 2000: 13), im Mittelpunkt seiner Untersuchungen (bspw. „Die Illusion der Chancengleichheit“, „Die Intellektuellen und die Macht“, „Die verborgenen Mechanismen der Macht“, „Das Elend der Welt“) . 1979 erscheint sein bekanntes Werk „La distinction. Critique sociale du judgement“ (dt.: „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“), welches dieser Arbeit mit als Grundlage dienen soll. Vor allem sein sozialpolitisches Engagement, zu dem er sich in der Rolle des Intellektuellen verpflichtet sah, machte ihn über die Grenzen der wissenschaftlichen Kreise hinaus bekannt; man denke nur an die Solidarisierung mit streikenden Bahnarbeitern 1995. Bourdieu verstarb im Januar 2002 in Paris. (Schwingel 2000: 12-21, http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bourdieu)

2.1.2 methodische Vorgehensweise

Obwohl Bourdieus Monographie im Jahre 1979 erstmals veröffentlicht wurde fanden die Erhebungen bereits in den Jahren 1963 bzw. eine Nacherhebung 1967/68 statt. Insgesamt 1217 Personen aus Paris, Lille und einer französischen Kleinstadt wurden befragt, über die Hälfte davon allein aus Paris. Zur Auswertung der Daten wurden Klassen bzw. Klassenfraktionen gebildet. Die Fragebögen wurden durch einen Beobachtungsplan ergänzt, auch Beobachtungen und Befragungen im Feld wie auch Sekundärstatistiken flossen in die Studie mit ein. Die meisten Daten wurden mit Hilfe des Verfahrens der Korrespondenzanalyse ausgewertet. (Bourdieu 1987: 784 ff.)

2.1.3 theoretischer Hintergrund

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ setzt sich Bourdieu mit den in „Abhängigkeit von sozioökonomischen Lagebedingungen strukturierten soziokulturellen Verhältnissen auseinander“ (Wahl 1997: 37). Es soll also veranschaulicht werden, wie aus klassenspezifischen Unterschieden differenzierte Lebensstile hervorgehen, wie sich strukturelle Unterschiede in die Praxis übertragen. Um diese Vorgänge besser verstehen zu können erscheint es sinnvoll die wichtigsten Teile der Theorie Bourdieus, insbesondere seine Kapital- und Klassentheorie sowie die Funktion des „Habitus“ in gebotener Kürze näher zu erläutern.

Ziel der Bourdieuschen Theorie ist es zunächst, die „Konstitution und Reproduktion sozialen Lebens“ (Müller: 163) zu verstehen. Dabei geht er grundlegend von der Formel Struktur-Habitus-Praxis aus. Eine Struktur (eine Klasse) prägt, vereinfacht gesagt, bei den Individuen bestimmte Dispositionen, bestimmte Sichtweisen auf die Dinge der Welt, aus, die zu bestimmten „praktischen Handlungen und einer strategischen Praxis“ (Müller: 163), einer bestimmten Lebensweise, führen. (Müller: 163 ff.)

Die Gesellschaft strukturiert sich für Bourdieu im wesentlichem nach Art und Umfang des Kapitalbesitzes. Unter Kapital versteht er, ähnlich wie Marx, akkumulierte Arbeit (Bourdieu 1987: 183). Doch Bourdieu geht von einem erweiterten Kapitalbegriff aus. Neben dem bekannten Begriff des ökonomischen Kapitals[2] wird dieser im wesentlichem um das soziale[3] und kulturelle[4] Kapital ergänzt. Entsprechend dem ökonomischen Kapital stellen auch die anderen Kapitalarten gesellschaftliche Ressourcen dar, die es erlauben, begehrte Güter und Symboliken anzueignen. Dies geschieht im Rahmen des Tausches. Den institutionellen Rahmen dieser Tauschbeziehungen bilden die sozialen Felder. „Auf diesen sozialen Feldern, die Bereiche des sozialen Lebens wie zum Beispiel Bildung, Wissenschaft, Sport, Kunst, Nahrungsmittelkonsum abgrenzen, ringen die Individuen als Konkurrenten unter Einsatz der für dieses Feld relevanten Kapitalsorte um die Aneignung begehrter Ressourcen und Güter.“ (Wahl 1997: 38) Die Individuen treten auf einer Vielzahl verschiedenster, nebeneinander existierender Felder als Akteure auf. In diesen Feldern kämpfen die Akteure, unter Einhaltung bestimmter Regeln, um knappe, begehrte Ressourcen. Das jeweilige Kapital dient dabei als Einsatz. (Bourdieu 1987: 355 ff.) Dazu kurz ein Beispiel: Greifen wir kurz das Feld des Nahrungsmittelkonsums auf: Unter Einsatz von, in diesem Fall ökonomischen Kapital in Form von Geld, kann der Akteur ein bestimmtes Gut, sagen wir 1 kg Äpfel, erwerben. Dabei steht er in Konkurrenz zu anderen Akteuren, die ebenfalls Äpfel kaufen wollen. Denn die Anzahl der Äpfel ist begrenzt und somit bestimmt sich der Kapitaleinsatz danach. Mit dem anschließenden Verzehr der Äpfel hat er für sich eine „Gewinn“ erreicht, in diesem Fall die Befriedigung des lebensnotwendigen Bedürfnisses nach Ernährung oder den geschmacklichen Genuss. Nur wenn der Händler dagegen sein soziales Kapital, sein Ansehen erhöhen möchte verschenkt er vielleicht diesen Apfel. Gerade das letztgenannte Beispiel soll zeigen das es neben materiellen Gewinn auch um symbolischen Gewinn gehen kann, doch sind alle Handlungen auf die Maximierung eines Gewinns ausgerichtet.

Ein weiterer Schritt wird mit dem Modell des sozialen Raumes und der sozialen Klassen vollzogen. Dies kann man als Versuch werten, „die Pluralität der relativ autonomen Felder in ein analytisch umfassenderes Modell zu integrieren.“ (Schwingel 2000: 101) Das Modell „bietet einen umfassenden Blick auf die soziale Welt einer modernen Klassengesellschaft, gleichsam eine Zusammenschau der mit der Feldtheorie analysierten verschieden Felder“ (Schwingel 2000: 101). Auch hier sind die oben erwähnten Kapitalsorten grundlegend, entscheidet doch das Volumen und die Zusammensetzung der Kapitalarten sowie die Laufbahn über die Lage und Stellung[5] im sozialen Raum. Anhand der drei genannten Merkmale bestimmt sich die Position der einzelnen Individuen im sozialen Raum. Um dies empirisch fassbar zu machen kann man sich eine Graphik vorstellen. (Schwingel 2000: 106 f.) In einem Diagramm kann der soziale Raum, leider unter Verlust der dritten Dimension, veranschaulicht werden, auf der y-Achse ist das Kapitalvolumen abgebildet, auf der x-Achse die Kapitalsorte. (vgl. Bourdieu 1987: 212) Anhand der jeweiligen Ausprägungen bestimmt sich die jeweilige, individuelle Position. Aufgrund ähnlicher Positionen mehrerer Individuen können Gruppen und letztlich Klassen herausgebildet werden. Bourdieu teilt die Gesellschaft dabei in insgesamt drei Klassen, eine Ober-, Mittel- und Unterklasse auf. Diese Klassen werden, mit Ausnahme der unteren Klasse, weiter in Untergruppierungen abgestuft. Allen Klassen ist ein bestimmter Lebensstil gemeinsam. So befinden sich im Diagramm beispielsweise oben links die Hochschullehrer, welche typischerweise über viel kulturelles Kapital verfügen, in der Praxis beispielsweise gerne klassische Musik hören oder oft Theaterstücke besuchen, oben rechts dagegen das Besitzbürgertum, das reichlich ökonomisches Kapital besitzt und dies in der Praxis auch zur Schau stelle. Beide Gruppen gehören zur herrschenden Klasse, die sich durch den „Sinn für Distinktion“, die Abgrenzung zu anderen Klassen, auszeichnet. Für die Klasse des Kleinbürgertums dagegen ist das Streben nach Bildungsbeflissenheit typisch ist und die untere Klasse wird durch den „Geschmack des Notwendigen“, durch den Mangel, bestimmt. (Bourdieu 1987: 405 ff.)

Die Vermittlungsfunktion zwischen den gegebenen sozialen Strukturen und der Praxis übernimmt der Habitus. Unter Habitus versteht Bourdieu ein „System von Dispositionen, die als Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata im Alltagsleben fungieren und deren Prinzipien sozialer Klassifikation als Klassenethos zum Ausdruck kommen“ (Müller: 163).[6] Die Schemata sind eine Art sozialer Sinn, man weiß was „sich schickt“ und was nicht. Sie werden durch Erfahrungen erworben und sind daher – dies wird betont – gesellschaftlich prädeterminiert, sie sind kollektiv geprägt und unterscheiden sich gruppenspezifisch. Daher wirken sie klassifizierend. In ihnen sind die äußeren gesellschaftlichen Bedingungen verinnerlicht. Es ist also eine bestimmte Sicht auf die Welt oder ein bestimmter Geschmack, was einen unbewusst zu bestimmten Handlungen leitet. Dabei hat jede Klasse ihren eigenen, für sie typischen Lebensstil, der sich von anderen differenziert. Die Sozialstruktur spiegelt sich also in dem Muster des Habitus und letztendlich in der alltäglichen Handlungsweise wieder, im alltäglichen Leben wird die Stellung in der sozialen Hierarchie durch das klassenspezifische Handeln für jeden erkennbar.[7] (Bourdieu 1987: 277 ff.) Dazu abschließend ein Beispiel: Ein Akademiker wird klassische Musik anders interpretieren als ein Arbeiter. Der Akademiker ist wahrscheinlich schon seit seiner Kindheit mit dieser Musik konfrontiert worden, hörte sie mit seinen Eltern oder nahm vielleicht selbst Musikunterricht. Sein Bildungsweg macht ihm das stille Genießen leicht, den in den Bildungseinrichtungen lernt man sich ruhig zu verhalten genauso wie Dinge eigenständig zu interpretieren. Daher kann er das Musikstück „kompetent“ genießen, das hören von klassischer Musik empfindet er als Freude. Dagegen wurde ein Arbeiter wahrscheinlich weniger mit dieser Musik konfrontiert, er kann mit dem Musikstück wahrscheinlich wenig anfangen. Er mag lieber Volksmusik, bei der es auf Unterhaltung ankommt, bei der man auch mitschunkeln darf. Der Akademiker dagegen wird diese Musik als „Kitsch“ empfinden.

[...]


[1] Zunächst soll in diesem Kontext eine kurze Definition des Begriffs Lebensstil vorangestellt werden. Schäfers definiert Lebensstil zunächst als den „Gesamtzusammenhang des Verhaltens, das ein einzelner regelmäßig praktiziert.“ (Schäfers: 181) Die Lebensstiltheorien suchen also nach gemeinsamen, gruppenspezifischen Merkmalen in der Lebensweise der Individuen.

[2] Unter ökonomischen Kapital versteht Bourdieu Formen materiellen Rechtums wie Besitz, Einkommen oder Vermögen. Es ist in eigentumsrechten instutionalisiert. Es ist leicht in Geld konvertierbar und nur von einem geringen Schwundrisiko (z. B. Inflation, Krieg)bedroht. Es ist somit die grundlegendste Kapitalsorte, es bietet die Basis für den Zugang zur den anderen Kapitalarten (Bourdieu 1983: 185, Wahl 1997: 38)

[3] Unter sozialem Kapital werden zwischenmenschliche Beziehungen verstanden. Um irgendwann eine Gegenleistung erwarten zu können müsse diese in langwieriger Arbeit ständig gepflegt werden. Selbst dann ist es relativ unsicher, ob eine Gegenleistung erwartet werden kann. (Bourdieu 1983: 190 ff.)

[4] Das kulturelle Kapital tritt in mehreren Formen auf. Es kann zunächst inkorporiert und damit verinnerlicht sein. Dieses inkorporierte Kulturkapital wird im Prozess der Sozialisation erworben und wird zu einem festen Bestandteil der Persönlichkeit. Es drückt sich beispielsweise in dem Geschmack aus. In objektivierter Form ist es in Gütern wie Gemälden, Musik oder Büchern enthalten. In institutionalisierter Form ist es in Bildung inbegriffen. Gerade die letzte Form unterliegt dabei starken Verfallserscheinungen. Durch die Bildungsexpansion sind die Bildungsabschlüsse im allgemeinen „weniger Wert“, da sie mehrere Personen haben und damit ihre Exklusivität verfällt. (Bourdieu 1983: 185ff.)

[5] Unter dem Lageaspekt wird die Stellung auf dem Güter- und Arbeitsmarkt wiedergegeben. Der Stellungsaspekt dagegen „ist sozialer natur und nimmt Bezug aus ‚inkorporierte Möglichkeitsräume’, durch die die Stellung in der sozialen Hierarchie von Ehre und Prestige bestimmt wird.“ (Risel 2005: 30) Somit wird die sozioökonomische und die soziokulturelle Position berücksichtigt.

[6] In der modernen Gesellschaft lassen sich viele Muster der Wahrnehmung- und Interpretationsweisen aufzeigen, es entstehen auch mehrdeutige Wahrnehmungs- und Interpretationswesien. Bourdieu unterscheidet hierbei Doxa, Heterodoxie und Orthodoxie. Als Doxa werden alltägliche Denk-, Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata des Habitus bezeichnet. Die soziale Lebenswelt mit ihren sozialen Konventionen wird als naturwüchsig, als eine selbstverständliche, unhinterfragte „zweite Natur“ wahrgenommen. „Die Welt ist wie sie ist“ – Alternativen werden gar nicht erst in Betracht gezogen. Die Doxa werden zur Heterodoxie und Orthodoxie ausdifferenziert. Die Orthodoxie gibt die offizielle Meinung, die definitive Welt und die herrschende Kultur wieder. Dagegen stellt sich die Heterodoxie der Orthodoxie als bewusste Gegenkultur entgegen, da sie gegenteilige bzw. alternative Sichtweisen aufzeigt. (Risel 2005: 34 f., Müller 1997: 305 ff.)

[7] Ein wichtiger Aspekt der Ausdifferenzierung der Lebensstile soll hier nicht unerwähnt bleiben: „Der Klassencharakter (kommt) erst dann sichtbar zum Vorschein ..., wenn ökonomische Unterschiede symbolisch übersetzt werden in soziale Klassifikationen und prestige-differenzierte Lebensstile“ (Müller 1997: 286). Also tragen ökonomische Unterschiede mit dazu bei, differenzierte Lebensstile herauszubilden. Dabei soll einerseits die soziale Stellung möglichst deutlich zum Ausdruck kommen, andererseits der bloße ökonomische Charakter vertuscht werden. Die Übersetzung von dem ökonomischen Kapital in symbolische Unterscheidungen erfolgt mittels nach Art und Verwendung der Güter, nach der Art des Konsums, insbesondere des symbolischen (oder ostentativen Konsums). Dabei tritt die Form einer Handlung, die Manier, in den Vordergrund. Dies erweckt den Anschein, als sei diese Verhaltensform schon „von Natur aus“ gegeben und verdeckt den ökonomischen Hintergrund. Gute Manieren werden zu einem Symbol der Abgrenzung. Aber auch diese Symbole der Vornehmheit sind knapp und daher umkämpft, gerade in den relativ wohlhabenden Gesellschaften, in denen viel ökonomisches Kapital zur Verfügung steht. Zum materiellen Klassenkampf tritt also noch ein symbolischer Klassenkampf. (Wahl 1997: 43)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Lebensstilanalysen im Vergleich: Bourdieus feine Unterschiede und Schulzes Erlebnisgesellschaft
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
31
Katalognummer
V58901
ISBN (eBook)
9783638529723
ISBN (Buch)
9783638724654
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensstilanalysen, Vergleich, Bourdieus, Unterschiede, Schulzes, Erlebnisgesellschaft
Arbeit zitieren
Markus Häberle (Autor), 2006, Lebensstilanalysen im Vergleich: Bourdieus feine Unterschiede und Schulzes Erlebnisgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58901

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