Die Jugendweihe in der DDR und in den heutigen neuen Bundesländern


Seminararbeit, 2002

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Intention der Jugendweihe sowie ihre Entwicklung bis 1945

3. Die Jugendweihe in der DDR
3.1. Die Einführungsphase der Jugendweihe
3.2. Organisation und Durchführung der Jugendweihe
3.3. Zusammenfassung zur DDR-Jugendweihe

4. Die Jugendweihe in den neuen Bundesländern
4.1. Veranstalter von Jugendweihen
4.2. Interessenverein für humanistische Jugendarbeit und Jugendweihe e.V.
4.2.1. Entstehung des Vereins
4.2.2. Organisation des Vereins
4.3. Durchführung der Jugendweihe
4.4. Sinn und Zweck der Jugendweihe heute

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Jugendweihe hat in seiner 150 jährigen Geschichte viele Wandlungen und Instrumentalisierungen erlebt. Entstanden als Ersatzveranstaltung für die Konfirmation in freireligiösen Gemeinden wurde sie von vielen Trägern, wie zum Beispiel den Freidenkern oder der Arbeiterbewegung aufgegriffen. Doch nur in der DDR erlangte sie die Stellenwert eines gesellschaftlichen Familienfestes mit über 90% Beteiligung der entsprechenden Altersjahrgänge. Das sie diesen Stellenwert durch staatlichen Druck und Unterstützung erreichte sowie eine hohe ideologische und machtpolitische Bedeutung hatte, diskreditiert sie in den Augen vieler heutiger Beobachter. Doch die Teilnehmerzahlen an den Jugendweihen in den neuen Bundesländern betragen in den letzten Jahren immer konstant hohe Zahlen von ca. 100000 (50%). Wenn dies auch nicht den Teilnehmerzahlen aus den Zeiten vor 1989 entspricht, so sind sie doch weit höher als bei den kirchlichen Übergangsfeiern.[1] Die Jugendweihe ist auch heute noch eine gesellschaftlich akzeptierte Feier in den neuen Bundesländern und somit ein speziell ostdeutsches Phänomen, da die Jugendweihe in den alten Bundesländern nur von einer kleinen Minderheit gefeiert wird. Dies wird vor allem von kirchlicher Seite kritisiert und sorgt bei vielen, mit Hinweis auf die DDR-Vergangenheit, für Unmut. Um einen Einblick in diese Problematik zu bekommen soll es in dieser Arbeit um die Frage gehen, in wie weit hat die heutige Jugendweihe in den neuen Ländern etwas mit der Jugendweihe in der DDR gemeinsam? Dazu wurden bestimmte markante Elemente der Jugendweihe untersucht, wie Organisation, Durchführung sowie Anliegen und Sinn der Jugendweihe. Der Arbeit ist ein kurzer Abriss über die Entstehung und Vorgeschichte der Jugendweihe vorangestellt, der zum besseren Verständnis des Themas und genaueren Beurteilung der Legitimationsargumente der heutigen Jugendweihever- anstalter betragen soll.

2. Entstehung und Intention der Jugendweihe sowie ihre Entwicklung bis 1945

Der Begriff Jugendweihe zur Bezeichnung eine Veranstaltung, in der der Übergang von Jugendlichen in die sogenannte Erwachsenenwelt gefeiert wird, wurde erstmals von Eduard Baltzer 1852 verwendet. Baltzer war Sprecher der „Freien Protestantischen Gemeinde“ in Nordhausen (Südharz), die er 1847 gegründet hatte.[2] Dies war eine Gemeinde von kirchenfreien Bürgern Nordhausens, die ihren christlichen Glauben ohne Kirchenzugehörigkeit leben wollten. Möglich wurde die Gründung von Freien Gemeinden durch ein Toleranzedikt des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. 1847.[3] Solche „freireligiösen Gemeinden“ entstanden auch anderswo in Deutschland, sowohl aus Christen römisch-katholischer als auch protestantischer Konfession. Diese freireligiöse Bewegung, die sich wegen ihres freien Umgangs mit Religion so nannte, entstand aus dem Geist der Aufklärung heraus und sah in den kirchlichen Vorgaben eine Einschränkung ihres Glaubens. Eduard Baltzer als Sprecher der freireligiösen Gemeinde in Nordhausen deutete nun einige kirchliche Feste um. So veranstaltete die Gemeinde eine Kindweihe statt einer Taufe oder machte aus dem Himmelfahrtsfest ein Frühlings-

fest.[4] In diesem Zusammenhang wird er wohl auch am 20. Mai 1852 in einem Mittelungsblatt erstmals das Wort Jugendweihe für eine an die protestantische

Konfirmation angelehnte Veranstaltung seiner Gemeinde verwendet haben. Die Verwendung des Wortes Jugendweihe für die „Übergangsfeier“ von Jugendlichen verbreitete sich in ganz Deutschland in den freireligiösen Gemeinden. Viele Gemeinden behielten allerdings die Bezeichnung Konfirmation oder Firmung bei. Da auch der Ablauf der Feiern dem der kirchlichen Veranstaltungen entsprach, kann von einer Art Ersatzkonfirmation gesprochen werden. Hierin folge ich in meiner Meinung den Ausführungen Meiers[5].

Diese Jugendweihen der freireligiösen Gemeinden waren Anfangs Ausdruck der religiösen Überzeugungen bürgerlicher Kreise, die das „...ächte Christentum und das

Menschenthum für identisch ...“[6] hielten und in erster Linie antikirchlich eingestellt waren. Ansonsten waren die freireligiösen Jugendweihen von Freiwilligkeit der Teilnahme, Bekenntnisfreiheit und relativer inhaltlicher Freiheit gekennzeichnet.

Darin sind auch die Hauptgründe zu sehen für die Inanspruchnahme der Jugendweihe durch andere Organisationen, wie der Freidenker Bewegung oder der Arbeiter-

bewegung. So bot sich die Jugendweihe als eine relativ einfach zu vereinnahmende Veranstaltung an. Die Freidenker, die sich 1881 zum Deutschen Freidenker Bund (DFB) zusammenschlossen, veranstalteten ebenfalls Jugendweihen. Jedoch unter atheistischen und auf wissenschaftlichen Fortschritt gerichteten Überzeugungen. Zum anderen fand eine personelle wie strukturelle Verschmelzung des DFB und des Bundes der freireligiösen Gemeinden im Laufe der Jahre statt. So wurden beide Bünde 1901 von ein und derselben Person geleitet, und 1924 schlossen sie sich zum Volksbund für Geistesfreiheit zusammen.[7] Neben den bürgerlichen Freidenkern und den freireligiösen Gemeinden entdeckte auch die Arbeiterbewegung die Jugendweihe für sich. Zum Einen entwickelte sich ein proletarisches Freidenkertum, dass Jugendweihen nach ihren ideologischen Vorstellungen durchführte. Zum Anderen kamen viele Arbeiter in die freireligiösen Gemeinden und übernahmen dort oftmals sogar die Mehrheit.[8] Dies geschah aus zwei Gründen. Wegen des sogenannten „Sozialistengesetzes“ waren sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Vereine und Versammlungen von 1878 bis 1890 verboten. Deshalb suchten viele Sozialdemokraten Ausweich-

möglichkeiten und fanden sie in den freireligiösen Gemeinden. Außerdem ermöglichte die Mitgliedschaft in solch einer Gemeinde es den atheistisch gesinnten Arbeitern, ihre Kinder vom kirchlichen Religionsunterricht zu befreien. So kam es zu einer Umdeutung der Jugendweihe in freireligiösen Gemeinden. Es entstanden „proletarische“ Jugend-

weihen. Die ersten Jugendweihen dieser Art fanden in freireligiösen Gemeinden in Berlin 1889 und in Hamburg 1890 statt.[9] Die Jugendweihe wurde in der Folge immer

stärker instrumentalisiert und als Mittel zur politischen und weltanschaulichen

Agitation im Sinne des jeweiligen Organisators benutzt.[10] Der aufklärerisch-freireligiöse Charakter von Jugendweihen wurde in den Hintergrund gerückt und von politisch-proletarischen Überzeugungen verdrängt. In den 1920er Jahren nahm die Zahl der Jugendweihlinge stark zu und erreichte bis Anfang der 1930er Jahre eine breite Akzeptanz in der Arbeiterschaft. So nahmen 1929 20 Prozent der Schulabgänger in Hamburg an den Veranstaltungen der „Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft Jugendweihe“ teil.[11] Neben den Jugendweihen von SPD, KPD und Freidenker-

organisationen gab es auch sogenannte bündisch-nationale Jugendweihen. Diese wurden von germanisch-völkisch eingestellten Eltern im Familienkreis durchgeführt und blieben in ihrer Teilnehmerzahl weit hinter der proletarischen oder freigeistigen Jugendweihe zurück. Einziger Bezugspunkt und einendes Merkmal zu den anderen „Jugendweiherichtungen“ war die antikirchliche Einstellung und die in ihrem Sinne freie Religiosität.[12]

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden kommunistische und sozialdemokratische Jugendweihen verboten. Die meisten anderen Anbieter von Jugendweihen konnten weiterhin ihre Veranstaltungen durchführen. Allerdings war der NSDAP die Bezeichnung Jugendweihe, auf Grund der proletarischen Vorgeschichte des Wortes, nicht erstrebenswert. So wurde die Übergangsfeiern in der Hitlerjugend „Verpflichtungsfeier der Jugend“ genannt. Sie war ab 1942 die einzige und dazu staatlich organisierte „Jugendübergangsfeier“.[13]

Die kurze Darstellung der Entstehung und Entwicklung der Jugendweihe zeigt, dass sich aus einer Art Ersatzkonfirmation von freireligiösen Gemeinden eine Jugendfeier entwickelt hat, die durch verschiedenste Organisationen und Träger umgedeutet und in ihrem Sinne gebraucht wurde. Hauptgründe dafür waren, wie schon erwähnt, vor allem die inhaltliche Freiheit, die Bekenntnisfreiheit und die Oppositionsabsicht gegenüber den Kirchen als Träger der bestehenden Herrschaftsverhältnisse.

3. Die Jugendweihe in der DDR

3.1. Die Einführungsphase der Jugendweihe

Trotzdem es in dieser Arbeit nicht um eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Jugendweihe in der DDR geht, soll in diesem Abschnitt auf die Einführungsphase in den 1950er Jahren sowie deren Vorgeschichte eingegangen werden und zwar aus folgenden Gründen. So wurde die Jugendweihe in dieser Zeit entgegen vieler Widerstände als dominierende „Übergangsfeier“ für die 13 bis 14 jährigen Jugendlichen durchgesetzt.[14] Dies hatte weitreichende Folgen für die Stellung der Kirchen und der DDR und ist auch ein Grund für die noch heute relativ hohen Teilnehmerzahlen an Jugendweihen in den neuen Bundesländern.[15] Zum Anderen hat die Art und Weise der Durchsetzung viel dazu beigetragen, dass es heute viele Gegner der Jugendweihe in den neuen Bundesländern, gerade von kirchlicher und theologischer Seite, gibt. Als letzten Grund möchte ich die wiederholte Instrumentalisierung der Jugendweihe nennen, die besonders in dieser Einführungsphase deutlich wird.

[...]


[1] Kirchliche Feiern wie Konfirmation und Kommunion werden von ca. 18% der Jugendlichen eines Jahrgangs gefeiert laut den Zahlen in Döhnert, Albrecht: Jugendweihe zwischen Familie, Politik und Religion Studien zum Fortbestand der Jugendweihe nach 1989 und die Konfirmationspraxis der Kirchen. Leipzig 2000 (Arbeiten zur Praktischen Theologie Band 19), S. 168.

[2] Chowanski, Jochen; Dreier, Rolf: Die Jugendweihe Eine Kulturgeschichte seit 1852. Berlin 2000, S. 13.

[3] Meier, Andreas (Verf.); Konrad Adenauer Stiftung e.V. (Hrsg.): Struktur und Geschichte der Jugendweihe/Jugendfeiern. Arbeitspapier 8/2001, Stankt Augustin 2001, S. 4.

[4] Chowanski ... S. 16.

[5] Meier, Andreas: Jugendweihe – Jugendfeier Ein deutsches nostalgisches Fest vor und nach 1990. München 1998, S. 145.

[6] So Eduard Baltzer 1847 zitiert nach Meier, Andreas: Jugendweihe – Jugendfeier Ein deutsches nostalgisches Fest vor und nach 1990. München 1998, S. 127.

[7] Diederich, Georg; Ohlemacher, Jörg; Schäfer, Bernd (Verf.); Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Jugendweihe in der DDR Geschichte und politische Bedeutung aus christlicher Sicht. Schwerin 1998, S. 12.

[8] Meier, Andreas (Verf.); Konrad Adenauer Stiftung e.V. (Hrsg.): Struktur und Geschichte der Jugendweihen/Jugendfeiern. Arbeitspapier 8/2001, Stankt Augustin 2001, S. 13.

[9] Illing, Susann: Die Jugendweihe im Wandel der Zeit – Ein Fest der Jugend oder ostdeutsche Familientradition?. Stuttgart 2000, S. 11.

[10] Vgl. dazu Meier, Andreas: Jugendweihe – Jugendfeier Ein deutsches nostalgisches Fest vor und nach 1990. München 1998, S. 144-160.

[11] Sturmhoebel, Helmuth: Die Ursprünge der Jugendweihe. In: Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Übergansrituale im Jugendalter. Münster 2000, S. 150.

[12] Vgl. dazu Meier, Andreas: Jugendweihe – Jugendfeier Ein deutsches nostalgisches Fest vor und nach 1990. München 1998, S. 160-168.

[13] Meier, Andreas (Verf.); Konrad Adenauer Stiftung e.V. (Hrsg.): Struktur und Geschichte der Jugendweihe/Jugendfeiern. Arbeitspapier 8/2001, Stankt Augustin 2001, S. 26-27.

[14] Vgl. dazu die offiziellen Teilnehmerzahlen in Chowanski ... S. 271-272 nach denen von 1960 bis 1990 nie weniger als ca. 88% des jeweiligen Jahrgangs an der Jugendweihe teilnahmen

[15] nach offiziellen Angaben der Interessenvereinigung für Humanistische Jugendarbeit und Jugendweihe e.V. nahmen von 1997-1999 jeweils mehr als 90000 Jugendliche allein an ihren Jugendweihever-

anstaltungen teil; siehe http://www.jugendweihe.de/bund/aktuell/statistik.htm, 21.03.2002, e-mail: webmaster@jugendweihe.de

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Details

Titel
Die Jugendweihe in der DDR und in den heutigen neuen Bundesländern
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
Die DDR im Schulunterricht
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V58906
ISBN (eBook)
9783638529761
ISBN (Buch)
9783638666220
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendweihe, Bundesländern, Schulunterricht
Arbeit zitieren
Martin Hewner (Autor), 2002, Die Jugendweihe in der DDR und in den heutigen neuen Bundesländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/58906

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